Nr. 49/2007 vom 06.12.2007

Darfs ein bisschen mehr sein?

Die Zürcher Kantonalbank bietet ein Derivat zum Schutz gegen sinkende Liegenschaftspreise an. Wer braucht so etwas?

Von Gian Trepp

EigenheimbesitzerInnen leben gefährlich. Wenn die Ehe zur Hölle wird und die Kinder nicht recht tun, dann explodiert die Familie. Und wenn die Immobilienpreise crashen, geht die bis unter das Dach belehnte Heimstatt flöten, weil plötzlich eigenes Geld eingeschossen werden muss.

Beim letztgenannten Risiko will die Zürcher Kantonalbank (ZKB) jetzt Abhilfe schaffen. Der Bankrat der ZKB gab Cheffinanzingenieur Professor Paolo Vanini grünes Licht für sein neues Immobilienderivat, nämlich eine Hypothek mit eingebauter Absicherung gegen sinkende Liegenschaftspreise. Wie das genau funktioniert, erklärt der Erfinder Vanini im nebenstehenden Interview. Dazu vorab ein kleiner Trost: Wer Vaninis technische Ausführungen nicht versteht, befindet sich in bester Gesellschaft. Auch viele DerivatkäuferInnen verstehen diese Finanzkontrakte nicht. Die Finanzmathematik hinter dem Vanini-Konzept ist für NichtmathematikerInnen undurchschaubar.

Wichtigster Geschäftszweig

Der grundpfandgesicherte Kredit, die Hypothek, ist das volkswirtschaftlich bedeutendste Bankgeschäft. Wird der Schuldner zahlungsunfähig, übernimmt die Bank die Liegenschaft und deckt aus dem Verkauf die ihr entstandenen Verluste. Veränderungen in diesem Bereich sind nicht bloss für die HausbesitzerInnen relevant. Rein zahlenmässig sind nämlich Hypotheken mit Abstand die grösste Klasse von Wertpapieren vor den Aktien und den Obligationen.

Die konkrete Ausgestaltung des Immobiliengeschäftes ist von Land zu Land verschieden, von den Bedingungen der Hypothekarkredite für die HauseigentümerInnen bis zu den Refinanzierungsmethoden der Banken.

Bei der Refinanzierung der Hypotheken steht den Schweizer Banken und Versicherungen dank hohen Sparaufkommens in der Bevölkerung und dank der Pfandbriefe genügend zinsgünstiges langfristiges Kapital zur Vergabe von Hypotheken zur Verfügung. Pfandbriefe der zwei Schweizer Pfandbriefinstitute sind spezielle Wertpapiere zur Finanzierung von Hypotheken mit einer grossen Sicherheit.

Neben einer ausreichenden Kapitalversorgung hat auch die verhältnismässig tiefe Schweizer Hauseigentumsquote verhindert, dass ein sogenannter Subprime-Markt nach US-amerikanischem Muster entstehen konnte: ein Hypothekargeschäft mit einer Kundschaft, die eigentlich nicht genügend Eigenkapital besitzt und deren Hypotheken die Banken deshalb zu hypothekenunterlegten Wertschriften zusammenpacken und weiterverkaufen, um ihr Risiko zu begrenzen.

Die gegenwärtige US-Hypothekenkrise gründet in einer verhängnisvollen Verkettung dreier Ursachen: 1. Schlechte HypothekarschuldnerInnen, also zahlungsunfähige HausbesitzerInnen. 2. Massenweise Verbriefung von Einzelhypotheken zu hypothekargesicherten Wertschriften mit zweifelhafter Bonität. 3. Konstruktion von Derivaten auf diesen hypothekengesicherten Wertschriften. Da sich dieser fatale Zusammenhang hierzulande nicht entwickelte, gibt es auch keine hausgemachte Kreditkrise.

Unwahrscheinliches Szenario

Die hiesigen Finanzdienstleister bieten die verschiedensten Typen von Hypotheken an, mit festem und variablem Zinsfuss und verschiedenen Laufzeiten. Diese breite Palette wird jetzt durch die ZKB-Indexhypothek noch verbreitert. Damit diese Indexhypothek funktioniert, braucht es drei Akteure: den Absicherer, den Spekulanten und den Derivathändler. Da stellt sich die Frage, welche Partei am meisten von diesem Geschäft profitiert. Beim Absicherer scheint der Bedarf nicht sehr gross. In der Schweiz ist ein Zerfall der Eigenheimpreise wenig wahrscheinlich, da die Preise im laufenden Jahrzehnt viel weniger gestiegen sind als in den USA, England, Irland oder Spanien - ausser vielleicht in einigen Boomregionen wie der Zürcher Goldküste oder dem Kanton Schwyz. Käme es in diesem Sektor zu einem grösseren Preissturz, könnten unerwünschte Massenzwangsverkäufe auch mit anderen Massnahmen, zum Beispiel staatlichen Eingriffen, verhindert werden.

Und für die Spekulanten, also jene, die bereit sind, dem Hypothekarschuldner das Risiko des fallenden Hauspreises gegen Bezahlung einer Prämie abzunehmen, gibt es bereits Abertausende Derivatkontrakte. Sie brauchen keine neuen Spekulationsmöglichkeiten.

Hingegen leuchtet das Interesse der Derivathändler, in diesem Fall also der ZKB, sofort ein. Für eine Indexhypothek sind komplexe Dienstleistungen notwendig, die der Bank höhere Einkünfte einbringen als eine gewöhnliche Hypothek. Wie bei zahlreichen anderen neuen Finanzprodukten auch, profitiert die ausgebende Bank bei der neuen Indexhypothek am meisten. Wenn die ZKB mit diesem Derivatehandel in die eigene Tasche wirtschaftet, so ist dies nicht verboten. Umso mehr, als der ZKB-Gewinn an die Gemeinden des Kantons Zürich verteilt wird. Doch die Derivatisierung des Hypothekargeschäftes hat wie alle Derivate auch negative Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Sie isoliert und bewertet Gewinn- und Verlustpotenziale der Grundgeschäfte in der Realwirtschaft, macht sie handelbar und führt damit zu einer Entkoppelung des Finanzwesens von der realen Produktion, Verteilung und Konsumation. Diese bereits weit fortgeschrittene Entkoppelung ist eines der grossen strukturellen volkswirtschaftlichen Probleme der heutigen Zeit. Deshalb ist es besser, wenn die einzelnen EigenheimbesitzerInnen das Risiko der Hauspreissenkung weiterhin selbst tragen.

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