Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Tellerwäscher ohne Obdach

Die Immobilienkrise machte Millionen Familien obdachlos. Jetzt wird mit Notdarlehen das grosse Geschäft gemacht. Die Zinsen sind enorm. Die Verschuldungsspirale dreht sich immer schneller.

Von Lotta Suter, Boston

Das geborgte Leben ist in den USA die normalste Sache der Welt. AmerikanerInnen erstehen alles auf Kredit: das Haus, das Auto, das Studium, die Hochzeit und die Scheidung, Essen und Kleidung, ja sogar die Arztrechnung und die Bestattungskosten werden so bezahlt. Das Realeinkommen ist bloss ein Budgetfaktor unter anderen. Daneben belehnen die meisten mit unverwüstlichem Optimismus das Potenzial der Zukunft.

Frühere Generationen haben wenn möglich einen Sparbatzen für kommende schlechtere Zeiten oder das Alter beiseite gelegt. Die AmerikanerInnen von heute beziehen einen immer grösseren Vorschuss auf kommende bessere Zeiten. Da aber jeder mal krank oder alt wird - jedenfalls fast jeder -, während nur die wenigsten Tellerwäscher den Aufstieg zum Millionär oder auch nur in die Mittelklasse schaffen, ist es eine buchhalterische Tatsache, dass diese Leihrechnung auf Dauer nicht aufgeht. Wenn die erste Schuld fällig wird, braucht es einen nächsten Kredit, dann den übernächsten ...

Die Schuldenuhr kann nicht mehr

Seit ein paar Jahren ist die Sparquote in den USA negativ. Das heisst: Die Leute geben auf Dauer mehr aus, als sie einnehmen - das letzte Mal haben die BürgerInnen der USA vor der Grossen Depression, der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre, dermassen von ihren finanziellen Reserven gezehrt oder viel mehr Schulden gemacht.

In Amerika sind pro Person - ob Mann, Frau oder Kind - durchschnittlich 5000 Dollar an festem und 3000 Dollar an laufendem Kredit ausstehend. In einer vierköpfigen Familie addiert sich das zu 32 000 Dollar, und landesweit erreichen die Konsumkredite einen Wert von 2,5 Billionen. In dieser Riesensumme ist der grösste Brocken - die Hypothekenlast - noch nicht eingerechnet: Die US-HausbesitzerInnen stehen bei den Banken mit neun Billionen Dollar in der Kreide. Insgesamt sind die privaten Immobilien heute doppelt so hoch mit Hypotheken belastet wie zu Beginn der Regierungszeit von Präsident Bush vor sieben Jahren. Die Schuldenlast aller Individuen, Haushalte, Wirtschaftsunternehmen und Regierungsstellen der USA zusammengenommen beläuft sich heute auf knapp fünfzig Billionen Dollar; drei Viertel dieses Betrages sind nach 1990 entstanden. Der Verschuldungsgrad in den USA war noch nie so hoch. Und jeden Tag kommen Kredite in Milliardenhöhe neu dazu.

Am Times Square in New York hängt eine riesige Schuldenuhr, welche diese Entwicklung laufend anzeigt. Ihr Sponsor, der Bauunternehmer Douglas Durst, der die Uhr von seinem Vater erbte, hat nur ein Problem: Die Schuldenuhr ist maximal für vierzehnstellige Zahlen konzipiert; ihre Erfinder haben nicht damit gerechnet, dass die Summe so bald die Zehnbillionengrenze überschreiten würde. «Wir dachten, das dauert noch eine Weile», sagte Durst zur Presse, «doch jetzt wissen wir, dass es sicher noch in der Regierungszeit von George Bush passieren wird.»

Das Geschäft mit dem Konkurs

In den USA verdient die ärmere Hälfte der Bevölkerung zusammengenommen gerade noch halb so viel wie das oberste Prozent von superreichen Amerikanerinnen und Amerikanern. Sehr viele können also gar nicht anders als auf Pump leben, weil die Lebenshaltungskosten - etwa die Studiengebühren und die Krankenkassenbeiträge - höher sind als ihre Einkommen. In den USA sind schnelle Darlehen seit dem Siegeszug des Neoliberalismus gewissermassen zum Ersatz für anständige Löhne und existenzsichernde Renten geworden. Die gefallenen Kreditmillionäre, die von ihrem Palast geradewegs in eine Hütte beziehungsweise in einen Wohnwagen umziehen mussten, kenne ich bloss aus Medienberichten. Hingegen weiss ich, dass etliche meiner erwerbstätigen Freunde und Bekannten aus der Mittelklasse Darlehen aufnehmen und abstottern müssen, um auch nur die nötigsten Grundbedürfnisse decken zu können.

Da ist zum Beispiel das Lehrerehepaar mit den zwei Kleinkindern aus Massachussetts: Einen Winter lang fror und kränkelte die Familie, um ihre Heizölkosten zu senken. Oder die Organistin und Musiklehrerin, die trotz langer Arbeitswege mit einem abbruchreifen Auto auskommen muss und auch schon im Schneegestöber stecken blieb. Die alleinstehende Nachbarin, die nach dem Tod ihres Mannes in eine Wohnwagensiedlung zog, weil sie mit Witwenrente und Teilzeitjob den Unterhalt für das kleine Einfamilienhäuschen nicht bezahlen konnte.

Bis vor kurzem warf das Geschäft mit der Not und mit den Hoffnungen der breiten Bevölkerung in den USA hohe Profite ab. Der Traum vom Eigenheim wurde von risikofreudigen Gläubigern - die sich lieber Investoren nennen - hemmungslos vermarktet. «American Dream Builder», Bauherrin des amerikanischen Traums, nannte sich die grösste US-Hypothekenbank Countrywide und versprach ihren KundInnen, alle finanziellen Hürden zum Hausbesitz aus dem Weg zu räumen. «Haben Sie eine nicht ganz perfekte Bonitätsgeschichte», fragte Countrywide in ihrer Werbung, «Verfügen Sie über kein festes Einkommen? Sind bereits andere Hypotheken überfällig? Gibt es unbezahlte Rechnungen? Können Sie bloss eine kleine oder gar keine Anzahlung leisten? Wurden Sie von andern Kreditgebern abgelehnt? Rufen Sie noch heute an. Wir finden eine Lösung für jedes Problem.»

Es sind die Schlagzeilen der letzten Monate: Millionen von Leuten ohne Einkommen, ohne festen Beruf und ohne Eigenkapital waren grosse Darlehen, sogenannte Subprime-Mortgages oder zweitrangige Hypotheken, für ihre Eigenheime gewährt worden - ein hohes Risiko, auf das die AnlegerInnen aber wegen der exorbitant hohen Zinsen - sprich wegen maximaler Profite - scharf waren. Bis in die neunziger Jahre spielte diese Art Kredit im Immobilienmarkt kaum eine Rolle. Heute wird bereits jedes vierte Eigenheim in den USA so finanziert: ohne Grundanzahlung und mit zu hoher und obendrein flexibler Verzinsung. Ähnlich wie im Drogengeschäft gibt es ein verlockendes Einstiegsangebot; hat der Kunde einmal angebissen, steigen die Kosten exponentiell an. Die beliehenen Häuser selbst, spekulierten die Finanzleute, seien Rückstellung genug. In den letzten Jahren bündelten die Banken die Risiken auf neue und kreative Art mit andern Geldgeschäften und verkauften sie an investitionswillige KundInnen weiter. Alteingesessene Financiers warnten seit Jahren vor einer Implosion dieser neuen Marktinstrumente. Warren Buffet, einer der reichsten Männer der Welt, nannte solche Finanzkontrakte Massenvernichtungswaffen. Trotz solcher Unkenrufe wurden im ersten Halbjahr 2007 in den USA zwei Fünftel aller neuen Eigenheime mit Risikohypotheken belastet. Jedes fünfte dieser amerikanischen Traumhäuser wird in der Zwangsversteigerung enden. Allein in meinem eigenen, eher ländlichen Bezirk in Neuengland gibt es dieses Jahr etwa fünfhundert solcher Eigenheimpfändungen, fünfmal mehr als vor zwei Jahren.

Sogar jetzt, während der überreizte amerikanische Hypothekenmarkt Millionen von Familien ihr Dach über dem Kopf kostet und internationalen Grossbanken Milliardenverluste bringt, gibt es Wirtschaftszweige, die von der Situation profitieren. Gewinnbringend arbeiten gegenwärtig die auf Schuldeneintreibung spezialisierten Dienstleistungsinstitute: Sie verstehen es, dank Verzugs- und Bearbeitungsgebühren aller Art, auch noch aus den vielen Konkursverfahren und Zwangsversteigerungen etwa herauszuholen. Diese Branche rechnet mit einer Profitmarge von zwanzig Prozent. Die Abgangsentschädigungen der für das Debakel verantwortlichen Bankdirektoren sind so üppig, dass sie international Schlagzeilen machen: Mehrere Hundert Millionen Dollar kassierten allein zwei der prominentesten «Opfer» der Hypothekenkrise, Stan O’Neal, Chef der Investmentbank Merill Lynch, und Charles Prince vom grössten US-Finanzkonzern Citigroup.

Wachstumsbranche: Pfandhäuser

Weniger bekannt ist, dass sich im Schatten des spektakulären Subprime-Marktes eine ganze Fringe Economy entwickeln konnte - eine Randständigenwirtschaft, die mit den zunehmend prekären Arbeits- und Finanzverhältnissen der Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Geschäfte macht. Es ist ein zweiter Finanzmarkt, der seine als zweitklassig eingestuften KundInnen auf alles andere denn erstklassige Art bedient.

Pfandhäuser etwa sind in den USA eine robuste, konzernartig organisierte Wachstumsbranche; der Umsatz der drei grössten Pfandleihketten beträgt mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr. Dazu kommt eine expandierende Leihkaufindustrie (Rent-to-Own), die finanzschwachen Kunden Gebrauchtwagen, Mobiltelefone, Möbel und anderes mehr zu speziellen, auf den ersten Blick günstigen, aber am Ende ruinösen Bedingungen anbietet. Leute ohne reguläre Bankverbindung schliesslich - in den USA sind das rund zwölf Millionen - sind auf die Parallelinstitutionen angewiesen, die man im Volksmund McBanks nennt. Über 30 000 solcher Quasibanken gewähren in den USA Sofortkredite und Notdarlehen - allerdings zu gewaltigen Wucherzinsen - es sind Jahreszinse bis zu 520 Prozent. Der Bankensektor der Randwirtschaft hat mehr Filialen als McDonald’s, Burger King und Wal-Mart zusammen. Gegen 300 Millionen Transaktionen werden hier jährlich abgeschlossen. Im Durchschnitt macht das mindestens ein massiv überteuerter Kredit für jede einzelne Bewohnerin und jeden einzelnen Bewohner der USA.

Die Deutsche Bank kassiert

«Die Wall-Street-Strategien, die diesen Teufelskreis von Risikodarlehen ermöglichten, haben meiner Stadt das Leben ausgesaugt», sagt Jim Rokakis, Finanzdirektor von Cleveland, Ohio. Diese einstige Industriestadt ist zur Hauptstadt der Subprime-Hypotheken geworden. Jedes zehnte Haus steht heute leer, ganze Nachbarschaften sind durch versteigerte, zugenagelte und mutwillig zerstörte Immobilien gekennzeichnet. Pikantes Detail: Die meisten Pfändungsverfahren in Cleveland werden von der Deutschen Bank veranlasst, die hier das Subprime-Geschäft offenbar dominiert.

Wenn man auf einer Karte nachschaut, in welchen Quartieren der Stadt die meisten Risikohypotheken aufgenommen werden, wo die meisten Zwangsversteigerungen stattfinden, wo die schwarze Bevölkerung mehrheitlich wohnt und wo die Deutsche Bank am meisten Grundstücke belehnt, stellt sich heraus, dass diese Gebiete sozusagen deckungsgleich sind. In einigen Strassenzügen von Cleveland werden die Widersprüche der Schuldenwirtschaft voll ausgelebt: Eines der weltweit grössten und reichsten Anlageinstitute versucht, die Verluste für sich selbst möglichst gering zu halten, und stellt am Ende Menschen auf die Strasse, bei denen nun wirklich nichts mehr zu holen ist. Die Deutsche Bank treibt ihre Schulden in Cleveland in erster Linie bei AfroamerikanerInnen ein, die in den USA aufgrund ihrer Hautfarbe bereits bei der Kreditvergabe nachweislich diskriminiert werden. Etwa die Hälfte aller schwarzen HausbesitzerInnen im ganzen Land haben Subprime-Hypotheken; im besten Fall wird jede fünfte, im schlimmsten Fall jede dritte dieser Familien ihr Heim und ihre Hoffnung auf eine Mittelklasseexistenz verlieren.

Die ArbeiterInnen, welche die Zwangsausweisungen durchführen, die Männer und Frauen, welche eines Tages an die Tür klopfen, die schuldigen HausbesitzerInnen zum Weggehen auffordern und ihre Möbel auf den Gehsteig stellen, verhalten sich im Allgemeinen sehr respektvoll, lese ich; dieser Job ist oft das Einzige, was sie selber vor der Schuldenfalle schützt. Die US-Regierung hingegen bezeichnet die Zwangsversteigerungen von Eigenheimen aus sicherer Entfernung als «natürlichen Bestandteil der Ökonomie», weigert sich zu intervenieren, ja fordert sogar eine erneute Finanzreform, sprich Deregulierung der Märkte. «So funktioniert unsere Wirtschaft nun mal», sagte kürzlich US-Finanzstaatssekretär Robert Steel. «Es kann nicht alles und jeder Erfolg haben.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch