Nr. 36/2008 vom 04.09.2008

Kredit, nicht ganz perfekt

Das überreizte Hypothekengeschäft ist vor einem Jahr geplatzt. Nun ist der Rest der gigantischen Schuldenblase an der Reihe. Zweitklassig sind in den USA nicht mehr bloss einzelne Finanzmarktsegmente, sondern die ganze Volkswirtschaft.

Von Lotta Suter, Boston

«Lebe reich!» («Live richly!») wählte der grösste Bankkonzern der Welt, die Citigroup Inc. in New York, 1999 als Hauptslogan für das neue Jahrtausend. Mit einem Werbebudget von rund einer Milliarde Dollar überredeten die Finanzleute Hunderttausende von KundInnen dazu, die ganze Geldfrage doch etwas lockerer zu nehmen. Insbesondere wurde der Mittelstand dazu ermuntert, Zusatzkredite aufs Eigenheim aufzunehmen, um so «das frei verfügbare Einkommen zu optimieren». Rund ein Viertel aller amerikanischen HausbesitzerInnen belasten ihr Heim heute zusätzlich zur ersten Hypothek mit einem solchen Huckepackkredit. Bis anhin hatten zweite Hypotheken in den USA einen schlechten Ruf gehabt, sie waren Notlösungen. Aber nun wurden die Wohneigentumsverpfändungen in Home Equity Loan umbenannt. Und die Belehnung des Eigenheims wurde nicht mehr als Rettungsanker des armen Mannes verachtet, sondern als smarter finanzieller Schachzug für AufsteigerInnen verkauft: «Bleib nicht auf deinem Eigenkapital sitzen. Mach Bargeld daraus», lockten Finanzinstitute im ganzen Land, denn solche Zusatzhypotheken waren für die Banken doppelt so rentabel wie die übrigen Konsumkredite.

Innerhalb einer einzigen Generation vertausendfachte sich der Wert der ausstehenden Zusatzhypotheken in den USA von einer Milliarde (1980) auf eine Billion Dollar - eine fantastische Spekulationsspielwiese für die Finanzwelt. Doch die breite Bankkundschaft lebt heute kaum reicher. Einige wenige mögen sich mit dem Home Equity Loan eine exotische Safari, einen überdimensionierten Swimmingpool oder schlicht zu viele Trips ins Shoppingcenter geleistet haben. Die meisten US-KreditnehmerInnen verwendeten das Geld für steigende Lebenskosten, etwa Arztrechnungen und Studiengebühren, oder sie glichen mit dem Hauskredit sinkende Löhne und Erwerbsausfälle aus. Fast ein Drittel aller US-AmerikanerInnen gab letztes Jahr an, ihr Auto mit solchen Zusatzhypotheken finanziert zu haben, auch das hierzulande eine meist unverzichtbare Investition.

Flirt mit der Katastrophe

Als Nouriel Roubini, Ökonomieprofessor an der Stern School of Business in New York, im Herbst 2006 vor einer tiefen Wirtschaftskrise in den USA warnte, lachte sein Publikum bloss. Roubini war den ExpertInnen des Internationalen Währungsfonds als unverbesserlicher Pessimist bekannt. Ausserdem hatte er seine düsteren ökonomischen Prophezeiungen nicht wie in diesen Kreisen üblich mit mathematischen Modellen unterlegt. Trotzdem brach kurz darauf in den USA das Subprime-Geschäft ein, Hedgefunds gingen Konkurs, die Börsenkurse sanken, die Arbeitslosigkeit stieg. Als Professor Roubini ein Jahr später voraussagte, dass die wachsende Liquiditätskrise alle Sektoren des Wirtschaftssystems bedrohen werde, lachte niemand mehr. Spätestens jetzt galt er in internationalen Finanzkreisen als Prophet.

Im eigenen Land allerdings - oder genauer: in der zweckoptimistischen US-Regierung - hört man Roubinis Katastrophenszenarien nach wie vor nicht gern. Jim Nussle, Budgetchef im Weissen Haus, verkündete noch diesen Sommer angesichts des Sturzflugs der Hypothekenbanken Freddie Mac und Fannie Mae sowie anderer Finanzdesaster frohgemut: «Ich glaube, wir haben eine Rezession vermieden.» Demgegenüber prophezeit Mr. Doom, wie die KollegInnen Nouriel Roubini oft nennen: Die Hypothekenkrise wird nicht 300 Milliarden Dollar kosten, wie das die ParlamentarierInnen beider Parteien annehmen, sondern Billionen. Ungefähr ein Drittel der US-Regionalbanken wird untergehen, darunter auch grössere Institute, und ihre Schuld auf den Staat überwälzen. Auch beschränkt sich die gegenwärtige Krise nicht auf Subprime-Hypotheken. Zunehmend problematisch sind auch die Konsumkredite, die Studiendarlehen, Auto-gegen-Geld-Kredite, zweite Hypotheken, die wachsende Unternehmensverschuldung und all die Darlehen, welche fremdfinanzierte Firmenkäufe (sogenannte «leveraged buyouts») ermöglicht haben. «Wir haben nicht bloss einen Subprime-Hypothekenmarkt», sagte Nouriel Roubini kürzlich in einem Interview, «wir haben ein Subprime-Finanzsystem.»

Wem sagt er das? Man muss schon zu dem einen Prozent der Superreichen gehören, die unter der Regierung Bush hübsch eingebettet in ihre abgeschotteten Wohnoasen drei Viertel aller Einkommensgewinne eingesackt haben, wenn man die Wirtschaftskrise nicht schon lange am eigenen Leib gespürt oder in der nächsten Umgebung ausgemacht hat. Ich kenne etliche betagte Menschen, die im letzten Jahr einen schönen Teil ihrer in Aktien angelegten Altersvorsorge verloren haben und nun fürchten, auf ihre letzten Tage armengenössig zu werden. Ich habe mehrere beruflich qualifizierte Freunde, die sich wegen unvorhersehbarer Betriebsschliessungen mit sechzig Jahren noch als Hilfsarbeiter verdingen müssen. Einige Kollegen meiner Teenagekinder treten in die Armee ein, weil sie das als einzige Chance sehen, um zu einer guten Ausbildung zu kommen. Andere brechen ihr Studium vorzeitig ab, weil sie den Schuldendruck nicht mehr ertragen. Gutbürgerliche NachbarInnen verzichten auf den Arztbesuch, weil das Co-Payment, die von PatientInnen zu leistende Zuzahlung, zu hoch ist. Oder: Unser Dorf veranstaltet eine Wohltätigkeitsveranstaltung, um einem Mitbewohner die teuren Krebsmedikamente zahlen zu können. Zwanzig Prozent mehr US-AmerikanerInnen nahmen letztes Jahr die Foodbanks (Gratisnahrungsmittelhilfe) in Anspruch, gleichzeitig nahmen die Beiträge der Regierung an diese Einrichtungen um neun Prozent ab. Die Unterbeschäftigung in den USA, definiert als Erwerbslosigkeit plus unfreiwillige Teilzeitarbeit, nähert sich zurzeit der Zehnprozentgrenze, Tendenz steigend.

Ernst und Spiel

Vor diesem Hintergrund betrachtet, ist mit der Finanzkrise nicht bloss das Schlaraffenland der Kapitalisten gründlich abgebrannt (siehe Gian Trepp, WOZ Nr. 32/08). Wo schnelle Darlehen anständige Löhne und existenzsichernde Renten so weitgehend verdrängt haben, wie das in der US-Volkswirtschaft bereits der Fall ist, da platzt mit der Kreditblase auch gleich die Lebensgrundlage einer breiten Bevölkerung, die nicht von einem Tag auf den andern das Leben auf Pump aufgeben will und kann.

Seit die Kredite rarer werden und auch das Eigenheim nicht mehr so ohne weiteres belastet werden kann, weichen die Leute unter anderem auf ihre Altersguthaben aus, die sogenannten 401(k). Viele belehnen trotz horrenden Gebühren und Verzugszinsen ihre eigene Zukunft, und die Finanzinstitute steigen flugs in den neuen kurzfristig lukrativen Markt ein: Bereits gibt es eine praktische 401(k)-Debitcard, mit der wie bei jeder anderen Zahlungsverkehrskarte die Geldbezüge direkt und unkompliziert dem eigenen Konto - in diesem Fall ist es das bereits angesparte Pensionsguthaben - belastet werden.

In die Ecke gedrängt, reagiert die hoch verschuldete Bevölkerung auf zwei extrem verschiedene Arten. Vor kurzem berichtete die Wirtschaftsjournalistin Barbara Ehrenreich über eine Hausbesitzerin, die angesichts der drohenden Zwangsausweisung keinen andern Ausweg mehr wusste als Selbstmord. In der gleichen Woche hörte ich am Radio eine andere Wohnungsinhaberin, die ihre Situation - hohe Hypothekenschuld bei sinkendem Grundstückwert - kühl analysierte und darauf der ganzen Chose ganz einfach den Rücken kehrte. «Nun habe ich einen dunklen Fleck auf meiner Kreditweste», meinte sie, «aber der finanzielle Verlust ist kleiner, als wenn ich im Haus geblieben wäre. So kann ich neu anfangen.»

Die erste Frau reagierte so elementar und realitätsnah wie die vielen SubsistenzbäuerInnen in Indien, welche ihr Leben beendeten, als das Agrobusiness ihre wirtschaftlichen Grundlagen zerstörte - denn ihre Arbeit, ihr Land, ihr Heim, das war ihr Leben. Die zweite Frau hingegen verhielt sich als gewiefte Playerin. Sie verstand - wie ihre KreditgeberInnen es schon längst taten - das Leben unter anderem als abstraktes Spiel mit dem Risiko, aus dem man aussteigt, bevor die Verluste zu gross werden.

Seit dem neoliberalen Deregulierungsschub der achtziger Jahre, als in den USA unter anderem das Wucherzinsverbot für GläubigerInnen und die Bonitätsprüfungen von SchuldnerInnen unter die Räder gerieten, hat das amerikanische Finanzsystem die «SpielerInnen» den «RealistInnen» klar vorgezogen. Auch in der jetzigen Krise stützt die US-Regierung vorab die grossen risikofreudigen Kredithaie mit Finanzspritzen, statt mit entschlossener Re-Regulierung des Finanzsystems die kleinen Kreditopfer zu schützen. Wall Street versucht mit historisch einmaligen Wahlspenden an beide Präsidentschaftskandidaten sicherzustellen, dass die Prioritäten auch in Zukunft so bleiben. Dass nicht nur John McCain, sondern auch Barack Obama sich mit WirtschaftsberaterInnen umgibt - etwa solchen aus dem Hause Goldman Sachs -, die zu den Architekten des herrschenden Desasters gehören, stimmt bezüglich einer selbstbestimmten ökonomischen Neuorientierung des Landes eher pessimistisch. Oder wie es unser Mr. Doom formulieren würde: Die USA werden sich zwar irgendwie durch diese Krise hindurchmischeln, trotzdem werden sie daraus als veränderte Nation wieder auftauchen, mit einem deutlich andern Platz in der Welt.

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