Nr. 50/2007 vom 13.12.2007

Saucheiben, elende

Letzte Woche brachte die WOZ die von der SVP seit langem angedrohte Zeitung heraus. Die Reaktion war überwältigend - auch im Bundeshaus. Hier eine kleine Auswahl.

LeserInnenbriefe

Darf ich Sie um zehn weitere Exemplare Ihrer hervorragenden neuen Zeitung «Der Schweizer» bitten - zwecks kritischer Medienarbeit am Gymnasium.
Adrian Stucki, Hinterkappelen

Ihr habt mich reingelegt! Fassungslos halte ich den «Schweizer» in der Hand. Mit meiner Adresse drauf. Saucheiben, ist meine erste Reaktion. Saucheiben, elende. Sofort will ich an den Computer. Ein Hassbrief solls werden (...) Ich lese die AKW-Geschichte (schliesslich bin ich im Vorstand der GAK) und fange an zu schmunzeln, höre mit dem Lesen nicht mehr auf bis zum letzten Punkt auf der letzten Seite. ANUS. Weiss Gott.
Christa Dettwiler, Rünenberg

Wenn nun die WOZ versucht, ein «tiefgründiges SVP-Blatt» herauszugeben, dann steckt schon ein ziemlich grosser Mutanfall dahinter! Wahrscheinlich geben Sie damit jenen SVP-Kräften wieder Auftrieb, die nach all den jahrelangen Ankündigungen einer eigenen Zeitung dies nun unnachgiebig einfordern werden. Die Idee ihrerseits finde ich jedenfalls genial, nur bleibt irgendwie die Erkenntnis zurück, dass man wahrscheinlich sehr gut ohne eine Zeitung von «rechts aussen» wie von «links aussen» leben kann. Oder?
Othmar Wüest, Geschäftsführer FDP des Kantons Luzern

Vielen Dank für den Gang durchs journalistische Gruselkabinett!
Fritz Nigg, Zürich

«Der Schweizer» ist unwahrscheinlich gut gemacht! Gratulation! Das ist echt währschaft gekalbt …
Robert Stadler

Bin voll reingefallen in den «Schweizer». Brauchte glatt ein Glas Rotwein, um den Schreck zu verdauen! Ein feiner Primitivo aus Apulien (Ausland).
Sybille Kunz, Biel

Ich kann diesem «Humor» nichts Gutes abgewinnen. Die Lektüre hat mir selber überhaupt nicht gut getan. Ich bin naiv darauf hereingefallen und kann dem auch in der Retrospektive wenig Positives abgewinnen. Ich lebe in einer Umgebung, wo ein rechter Prozentsatz der Leute SVP-nahe denkt und fühlt. Es geht nicht darum, diese Leute einfach zur Sau zu machen und gar ihre Vorurteile zu fördern. Die langweilige alltägliche Arbeit ist es, mit diesen Leuten vielleicht kleine Schritte weiterzukommen. Mir scheint, ihr überseht diese politische Realität in einem erschreckenden Grad.
Hansruedi Epprecht, Wald ZH

Mein Kompliment. Oder mit Dario Fo gesprochen: «Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott. Sie sind Anzeichen für kritischen Sinn, Fantasie, Intelligenz und das Gegenteil von Fanatismus.»
Tobias Wipf

Ich kaufte «Die Weltwoche» und wollte auch die WOZ. (Ich lese eben wirklich jeden Scheiss.)
Kioskfrau: «Die WOZ heisst jetzt anders. Dort hinten. ‹Der Schweizer›.»
Ich: «Ja. Nehme ich. Aber ich hätte auch gerne die WOZ.»
Kioskfrau: «Die musste ich wieder zurückschicken. Weil die WOZ heisst jetzt ‹Der Schweizer›.»
Kein Scherz. Und ich bezahlte für alles Fr. 6.70.
Thomas Hitz, Bonstetten

Die BerufskollegInnen

Gestern war ein guter Tag. Ich habe gelacht und meine Kollegen um mich herum auch. Einige sind immer noch am Lesen, im Auslandressort staunen sie immer noch, dass so viel Ausland um uns herum ist. Es war richtig lustig. Den Fredi-Heer-Airbag habe ich gekauft, und die Meldung von den geborenen Kälbern hängt an meinem Kühlschrank.
Mathias Ninck, «NZZ am Sonntag»

Ich bin ja sonst nicht der unkritischsten Leser einer. Aber was ihr mit dem «Schweizer» angestellt habt, ist ja nun wieder mal höchst erfreulich. Gratulation und Chapeau!
Matthias Preisser, «work»

DIE Neuerscheinung des heutigen Tages, «Der Schweizer», hat mich heute früh vorübergehend arbeitsunfähig gemacht (Zwerchfellüberdehnung wegen Dauerlachens). Trotzdem vielen Dank. Jede Zeile war zartbitterer Genuss.
Marc Lettau, «Der Bund»

Blogs und Foren

Die WOZ ganz gross. Totgeglaubte leben länger, für mich der Mediencoup der letzten Jahre.
www.fcbforum.ch

Mit viel Liebe zum Detail wurde ein Pamphlet geschaffen, wie es die SVP und ihr journalistisches Sprachrohr wohl nicht schlimmer zustande brächten.
www.sauglattismus.blogspot.com

Die WOZ (...) hat, ganz im Geiste der SVP, eine Erstausgabe «Der Schweizer» vorgelegt, die an journalistischem Können die «Schweizerzeit» bei weitem schlägt. Es fällt ohnehin auf, dass unsere Verleger Hunderttausende ausgeben für ein neues Layout; dies scheint der WOZ intelligent zu einem Bruchteil dieser Honorare zu gelingen …
www.stoehlker.ch/weblog

Im Bundeshaus

Vergangenen Mittwoch im Vorzimmer des Nationalrats, rechte Seite, da, wo sich SVP und FDP ihr Lesefutter holen, stösst «Der Schweizer» auf Interesse. «Das sieht aus wie von uns», sagt SVP-Nationalrat Hans Fehr. Sein Fazit: «Gut gemacht, aber vom Feind.»
Yves Perrin, der SVP-Vize, nimmt ein paar Ausgaben mit an die Nationalratspräsidentenfeier. SVP-Nationalrat Oskar Freysinger, noch ganz verzückt von seinem ersten Treffen mit dem serbischen Schriftstellerverband in Belgrad («Die Serben sind SVP-Fans»), meint: «Genau so müsste die SVP-Zeitung aussehen. Und die Themen sind auch gut gewählt.»
Ein Augenzeuge

Aus den Zeitungen

Heute erschien die «WOZ» mit der Satire-Beilage «Der Schweizer» samt Beiträgen über «den typischen Rumänen» oder «alleinerziehende Frauen, die den Staat belasten». Fortsetzung? Das wollte die Redaktionsleiterin Susan Boos nicht verraten.
«heute», 5. Dezember

Ein bitterböser, mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen verfasster Sonderbund, der die SVP mit den eigenen Mitteln schlagen will.
«Basler Zeitung», 6. Dezember

Gut kommt das neue Blatt jedenfalls bei der SVP selber an: «Was die WOZ schreibt, ist immer wählerschaftfördernd», sagte SVP-Parteisprecher Roman Jäggi auf Anfrage. Dank solcher Satirebeiträge würde die Linke an der Urne weiterverlieren. Jäggis Fazit: «Wir gewinnen, und sie finden es lustig.»
sda/mul, «Der Bund», 6. Dezember

Die satirische «neue Tageszeitung für den Mittelstand» sorgte im Bundeshaus für Verwirrung. SVP-Präsident Ueli Maurer schaute zuerst erstaunt, grinste dann und sagte: «Das ist witzig.» (...) Wenig lustig fand die Zeitung Mario Fehr (SP, ZH): «Ich hätte lieber etwas Relevantes gelesen.»
jw, «News», 6. Dezember

Die Frage, ob die SVP ein eigenes Blatt herausgeben soll, hat die «Wochenzeitung» vorerst selber beantwortet. Im Stile des Satireblatts «Titanic» publizierte sie am Mittwoch, begleitet von einer eher mysteriösen Inserateaktion, den «Schweizer. Die neue Tageszeitung für den Mittelstand». Das SVP-grün gefärbte Blatt frotzelt satirisch über Kernkraftwerke, Steuerpolitik, rumänische Diebesbanden, linke Lügen und ähnlich brennende Gegenwartsfragen. Eine Volksinitiative wirbt für die Abschaffung des Auslands.
ras, NZZ, 6. Dezember

Die Lektüre der SVP-Persiflage ist wunderbar amüsant. Doch die Erheiterung der Leser war nicht das Hauptziel der WOZ-Autoren. Sie wollen mit dem «Schweizer» dem Parlament die Angst nehmen, Blocher abzuwählen. Sicher ist: Der «Schweizer» kann von der SVP kaum getoppt werden.
Stefan Schmid, «St. Galler Tagblatt», 6. Dezember

Es ist der älteste Traum der SVP: die eigene Zeitung (...). Die linke WOZ scherzte noch im Jahr 2000, wie wohl eine «konservative Wochenzeitung» abgekürzt sein könnte - und schlug KOZ vor (...). Nun - nach über 20 Jahren Versagen der SVP - machte sie die Sache lieber selbst. (...) «Rechts schreiben ist so einfach!», sagte «Schweizer»-Chefredaktor Damian Läubli begeistert: «Wenig Recherche und einfach behaupten! So macht Journalismus wirklich Spass.» Und Formeln wie «der Rumäne ...» könne man sogar als Kurzbefehl speichern. «Ich kann mir nun die Konversion von WOZ zu SVP vorstellen!» Linke wären bessere Rechte.
Constantin Seibt, «Tages-Anzeiger», 6. Dezember

Der rumänische Nachrichtensender Realitatea TV (RTV) berichtete ausgiebig über den Rumänen-Artikel, der auf der dritten Seite von «Der Schweizer» zu lesen war. Der Nachrichtensprecher eröffnete den Beitrag mit «Schweizer»-Zitaten, anschliessend entlarvte die Schweiz-Korrespondentin die Zeitung als Satire.
Rumänisches Fernsehen, 6. Dezember

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