Nr. 03/2008 vom 17.01.2008

Am besten am Boden

Von Roman Schürmann

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, ist die Fliegertruppe gerade dabei, mit beträchtlichem finanziellem Aufwand ihre veraltete Flotte aufzumöbeln. In den Luftkämpfen gegen deutsche Flieger ab dem 10. Mai 1940 kommen schweizerseits vor allem die Jagdeinsitzer Messerschmitt Me-109 zum Einsatz (vgl. Artikel "Geheimer Jäger"). Die letzten der insgesamt neunzig Me-109 haben die Deutschen weniger als zwei Wochen vor dem ersten Abschuss eines deutschen Bombers geliefert.

Daneben fliegen die Schweizer Piloten noch die in Lizenz gebaute französische Morane D-3800, von der ab 1941 eine verbesserte Version D-3801 zur Verfügung steht. Doch die Duelle zwischen französischen Morane und deutschen Me-109 während des Westfeldzugs gehen eindeutig zugunsten der Messerschmitt aus.

Während des Kriegs werden im Ausland in rascher Folge immer bessere Kampfflugzeuge konstruiert. Die Schweizer Flotte ist 1941 inklusive der Me-109 E technisch überholt. Auch die in Emmen produzierte Eigenentwicklung C-3603 ist längst nicht mehr zeitgemäss - statt wie ursprünglich geplant 1937 kommt das Modell erst ab 1942 zur Truppe. So ist die Flugwaffe während des Kriegs ständig auf der Suche nach modernem Material.

• Ende 1940 prüfen die eben gegründeten Flugzeugwerke Pilatus AG in Stans die Möglichkeit eines Lizenzbaus von Messerschmitt Me-108 sowie Me-109 E/F für die deutsche Luftwaffe. Die Verhandlungen führt Emil Georg Bührle, Besitzer der Maschinenfabrik Oerlikon und mit fünfzig Prozent Teilhaber der Pilatus AG. Das Militärdepartement hat grundsätzlich nichts gegen einen Lizenzbau für den Eigenbedarf, stellt sich aber aus politischen Gründen gegen eine Lieferung an Deutschland. Die Bundesanwaltschaft lässt Telefongespräche abhören, ein Geschäft kommt nicht zustande.

• Im April 1941 wird versucht, in den USA moderne Kampfflugzeuge zu kaufen. Mit dem Kriegseintritt der USA gegen Italien im Dezember 1941 ist das nicht mehr möglich, da die Lieferung via Genua vorgesehen war.

• Mitte 1942 bietet Italien dreissig Macchi C 202 zu je 400000 Franken an - Bern ist interessiert, findet aber den Preis zu hoch. Im Mai 1943 werden dann zwei Testexemplare à 370000 Franken geordert. Als Italien aber im Gegenzug 8500 Liter Flugbenzin fordert, winkt die Schweiz ab. Erstens stammt das Benzin aus Rohstoffen, die sie von den Alliierten bezog; zweitens benötigt man den knappen Treibstoff selber.

• Im März 1943 scheitert der Versuch erneut, Jagdeinsitzer Me-109 und Jagdzweisitzer Me-110 zu kaufen oder in Lizenz zu bauen. Der Chef der deutschen Luftwaffe Hermann Göring winkt ab. Damit schwächt er die Stellung des Schweizer Fliegerchefs Hans Bandi, der Ende 1943 prompt von General Henri Guisan abgesetzt wird. Die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen erhalten mit Fritz Rihner erstmals einen Chef aus den eigenen Reihen.

• Im Frühling 1944 sondiert man, ob in Britannien ein Kauf möglich ist. Vergeblich.

Zwar hat die Flugwaffe bei Kriegsende immerhin 530 Kampfflugzeuge, davon 328 Jagdeinsitzer. 471 Flugzeuge - vorwiegend in der Schweiz gebaut - sind erst im Verlauf des Kriegs neu dazugekommen. Doch es ist nicht gelungen, wirklich kriegstaugliche Maschinen zu beschaffen. Gleichzeitig haben die politische und die militärische Führung aber erkannt, dass die Fliegertruppe dann den besten Dienst leistet, wenn sie passiv am Boden bleibt (vgl. Artikel nebenan). Sie hat sich nur um ganz wenige der 6501 während des Kriegs beobachteten Verletzungen des Luftraums gekümmert.

Emser Wasser

Nicht nur an tauglichen Fliegern mangelt es, bei Kriegsbeginn haben die Fliegertruppen auch kein verlässliches Funknetz. Nur drei der Me-109 sind mit Funk ausgerüstet. Die Schweizer Industrie entwickelt ein eigenes Funkgerät nach deutschem Vorbild, aber auch bei Kriegsende haben längst nicht alle Kampfflieger Funk. Ende 1941 wird der Bambini-Code erfunden, von Piloten gerne als - doch eher primitive - fünfte Landessprache oder Esperanto der Schweiz bezeichnet. Er besteht vorwiegend aus italienischen Wörtern und soll allfällige Gegner verwirren. Erst in den neunziger Jahren wird er durch den Nato-Brevity-Code ersetzt.

Auslöser für die Erfindung sind die oft miesen Funkverbindungen, bisher waren etwa die Wörter «eins», «zwei», «drei» kaum voneinander zu unterscheiden. Besser gehts mit «uno», «due», «tre». Und «Mekka» steht für Osten, «Bibi» heisst Jagdflugzeug, «Campari» Brennstoff, «Angeli» sind die eigenen, «Diaboli» die feindlichen Flugzeuge.

Ab Herbst 1942 bis Sommer 1946 kommen bei der Flugwaffe Ersatzkraftstoffe aus den Lonza-Werken und der Holzverzuckerungs AG Ems (Hovag, heute Ems-Chemie AG) zum Einsatz. Das Kriegsbenzin heisst offiziell K-Kraftstoff, die Soldaten nennen es Emser Wasser. Die Flugzeuge verbrauchen damit allerdings bis zu 25 Prozent mehr Treibstoff, gleichzeitig leisten die Motoren weniger - und nach einem halben Jahr gibts erste Korrosionsschäden. Dennoch werden die Me-109 zeitweise damit betankt. Anfang 1944 ist die Benzinversorgung besonders prekär: Für die Kampfflugzeuge hats nur noch 4000 Tonnen, was im Kriegsfall zwanzig Tage lang reicht.

Schweizer- und Hakenkreuze

Ab Oktober 1943 sind wieder Schweizer Abfangjäger unterwegs, nachdem General Guisan die seit dem 20. Juni 1940 bestehende Flugsperre aufgehoben hat (vgl. Artikel nebenan). Da sie im Dunkeln und bei schlechtem Wetter nicht kämpfen können, bleiben sie dennoch am Boden, als am 1. April 1944 kurz vor Mittag rund dreissig Flugzeuge der US Air Force irrtümlich Schaffhausen bombardieren. Es gibt vierzig Tote und 35 Millionen Franken Sachschaden. Wiederholt verwechseln alliierte Bomber Schweizer Ortschaften mit ihren deutschen Zielen, insgesamt 85 Städte und Dörfer werden bombardiert, 15 mit Bordkanonen beschossen. Am 4. März 1945 etwa fallen Bomben auf Basel und Zürich.

Die insgesamt rund 1200 abgeworfenen Bomben kosten 84 Menschen das Leben und verursachen Schäden von gegen hundert Millionen Franken. Der Bundesrat protestiert immer wieder in Washington und London, fordert Wiedergutmachung. Die USA sichern die Bestrafung der fehlbaren Piloten zu und zahlen im November 1949 62 Millionen Franken Schadenersatz. Bei Überflügen attackieren überdies alliierte Flugzeuge einige Male Schweizer Maschinen, da sie das Schweizer- mit dem Hakenkreuz verwechseln.

Vor allem gegen Ende des Kriegs landen oder zerbersten über 200 bereits beschädigte oder von den Schweizer Flieger- oder Fliegerabwehrtruppen beschossene Flugzeuge in der Schweiz, vornehmlich alliierter Provenienz. Aber auch einige deutsche Maschinen sind darunter, etwa ein geheimer Nachtjäger (siehe Artikel im Dossier auf www.woz.ch) oder ein Me-262, der am 25. April 1945 wegen Treibstoffmangels in Dübendorf landet. Das ist eine Sensation: der erste Düsenjägertyp, der im Krieg eingesetzt wird.

Damit kündigt sich eine neue Ära an. Der Fliegertruppe gelingt es Ende Januar 1948 endlich, ein Jagdflugzeug zu erwerben, das im Krieg zu den besten propellergetriebenen Maschinen gehört hat. Die hundert US-amerikanischen P-51 Mustang, die seit Ende des Weltkriegs in Deutschland im Freien vor sich hin rosten, sind zum absoluten Schnäppchenpreis von 17000 Franken pro Stück zu haben.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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