Nr. 03/2008 vom 17.01.2008

Ein Deal mit Deutschland

Die Schweizer Armee versucht während des Zweiten Weltkriegs deutsche Kampfflugzeuge zu kaufen. Vergeblich. Erst ein verirrter und geheimer Flieger bringt die Deutschen 1944 an den Verhandlungstisch.

Von Roman Schürmann

Auffahrt 1944, zehn Uhr nachts. Vom Flugplatz Dübendorf ist weit herum eine Explosion zu hören. Was ist geschehen? «Militärische Übungen», lässt die Armee die recherchierende Lokalpresse wissen. Und warum landen in den nächsten fünf Tagen zwölf deutsche Flugzeuge in Dübendorf? Die Fragen werden nicht zufriedenstellend beantwortet, SP-Parteipräsident und Nationalrat Hans Oprecht reicht am 15. Juni im Parlament sogar eine Interpellation dazu ein.

Über hundert viermotorige Flugzeuge der Alliierten landen allein im Jahr 1944 in der Schweiz, mehr als dreissig stürzen ab. Sie gehören zu den riesigen Flotten aus mehreren Hundert Bombern, die zeitweise fast jede Nacht nach Deutschland fliegen, um dort Städte und Industrieanlagen zu zerstören. Die dezimierte deutsche Luftwaffe kann zwar nicht viel dagegen ausrichten, aber sie hat einen heimtückischen Trumpf: den Nachtjäger. Er ist mit modernsten Radargeräten ausgerüstet. Damit kann er im Dunkeln einen alliierten Bomber orten und sich ungesehen von unten heranschleichen. Mit der «Schrägen Musik», einer steil nach oben installierten Kanone, schiesst er ihn ab. Die Besatzungen der abstürzenden Bomber wissen nicht, wie ihnen geschieht - plötzlich brennen die Tragflächen und die Triebwerke. An der drückenden Luftüberlegenheit der Alliierten ändert das wenig, dafür haben die Deutschen nicht genügend dieser Spezialflugzeuge.

Am 28. April 1944 kämpft ein Nachtjäger, der seit Juni 1943 neunzehn britische Bomber abgeschossen hat, in der Nähe von Friedrichshafen gegen über tausend alliierte Flugzeuge. Diese fliegen mehrheitlich über die Schweiz zurück, wobei zwei Bomber von der Schweizer Fliegerabwehr beschossen werden und abstürzen. Der Nachtjäger verirrt sich und landet um 2.15 Uhr in Dübendorf. Der Bordfunker versucht noch, eine dicke schwarze Mappe zu verstecken, ergibt sich dann aber zusammen mit dem Piloten und dem Bordschützen dem herbeieilenden Schweizer Offizier Emile Pelster. Die Deutschen werden sodann mitten in der Nacht verköstigt, wobei der Pilot das Essen später als «fast zu reichhaltig für unsere nicht verwöhnten Kriegsmägen» beschreibt.

Erst einige Tage später erkennen die Schweizer, welch seltene Maschine da gelandet ist. Die Messerschmitt Me-110 C9+EN hat zuvorderst eine auffällige «Hirschgeweih»-Antenne montiert, die zu den beiden Radargeräten gehört; eines davon, das von Telefunken entwickelte Weitwinkelzielsuchgerät FuG 220 (Lichtenstein SN-2), ist seit Oktober 1943 im Einsatz. Zur Geheimwaffe Nachtjäger gehört aber auch die «Schräge Musik», deren Erfinder Paul Mahle zur Besatzung gehört, die in Dübendorf gelandet ist. Zwar sind schon 1938 in Deutschland und Japan ähnliche Installationen bekannt, aber Mahle überträgt sie in den Nachtjäger: Statt wie üblich gerade nach vorne gerichtet, schiessen hier die Zwanzig-Millimeter-Zwillingskanonen in einem Winkel von siebzig Grad nach oben. Dies ermöglicht die erwähnte, für den Angreifer relativ gefahrlose Taktik. Der beinahe garantierte Erfolg ist aber nur so lange gewährleistet, wie die verwendeten Nachtpeil- und Schiessgeräte geheim bleiben. Die schwarze Mappe übrigens enthält interessante Codes, Tabellen und Karten und hätte nie und nimmer auf einen Feindflug mitgenommen werden dürfen.

In Deutschland gibts derweilen hysterische Wutausbrüche im Führerhauptquartier. Es wird vermutet, die Nachtjägerbesatzung sei desertiert, die Angehörigen werden von der Gestapo verhaftet. Erst nach zehn Tagen kommen sie wieder frei. Adolf Hitler fordert angeblich, die drei Flieger in Dübendorf zu töten, so gross ist seine Angst, die Schweiz würde zulassen, dass die Alliierten von ihnen Näheres über den Nachtjäger erfahren (das berichtet ein deutscher Fliegergeneral, wie Ernst Wetter in seiner Studie über den Nachtjäger schreibt). Luftwaffenchef Hermann Göring stellt sich allerdings vor seine Flieger und verlangt ein ordentliches Gerichtsverfahren.

Auf jeden Fall wird der Leiter der SS-Sondereinheit Friedenthal, SS-Sturmbannführer Otto Skorzeny, beauftragt, eine Kommandoaktion zur Zerstörung des Nachtjägers zu planen. Skorzeny war am 12. September 1943 mitbeteiligt am Unternehmen Eiche, bei dem Benito Mussolini vom Gran Sasso aus der Hand italienischer Partisanen entführt wurde. In Dübendorf will Skorzeny zunächst mit Jagdbombern die Fliegerabwehr ausschalten, dann sollen Fallschirmspringer aus Transportflugzeugen landen und den Nachtjäger entweder mitnehmen oder sprengen.

Zunächst versuchen die Deutschen aber noch, die Sache auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Sie nutzen dazu eine erst nach dem Krieg bekannt gewordene Verbindungslinie zwischen Roger Masson, dem Chef des Schweizer Armeenachrichtendiensts, und SS-General Walter Schellenberg, einem Mitarbeiter von SS-Reichsführer Heinrich Himmler und Chef der Auslandspionage. Der Bundesrat hält Kontakte mit SS-Leuten für problematisch; er ist auch sehr ungehalten, als er per Zufall erfährt, dass sich General Henri Guisan und Masson am 3. März 1943 mit Schellenberg im «Bären» in Biglen und drei Tage später in Arosa getroffen haben.

Auch im Nachtjäger-Fall wird er spät informiert und reagiert dann verärgert. So zieht sich die «Flugzeugaffäre», wie sie Bundesrat Eduard Steiger, der den abwesenden Chef des Militärdepartements Karl Kobelt vertritt, nennt, in die Länge. In der Zwischenzeit schaut sich Guisan das geheimnisvolle Flugzeug in Dübendorf an. Und ein deutscher Vertreter überzeugt sich auf dem Flugplatz, dass Maschine und Geräte gut gesichert sind.

Schliesslich kommts doch noch zum Deal: Die Schweiz darf von Deutschland zwölf begehrte Kampfflugzeuge Messerschmitt Me-109 G (genannt Gustav) für 500000 Franken pro Stück kaufen, dafür wird der geheime Nachtjäger gesprengt.

Nachdem die deutschen Vertreter es den Schweizer nicht erlaubt haben, die zwei Motoren auszubauen und die neuen Pneus durch alte zu ersetzen, wird die Me-110 C9+EN am 18. Mai mit drei von einem deutschen Spezialisten mitgebrachten Sprengsätzen zerstört. Deutsche Militärpiloten in Zivilkleidern fliegen die zwölf Gustav nach Dübendorf. Die Piloten, deren Chef ein Cousin von Johnny «Tarzan» Weissmüller ist, werden in einem Bus mit verhängten Fenstern zurück zur Grenze gebracht.

Die Schweiz begleicht die Rechnung mit zwei Checks à drei Millionen Franken. Die Nachtjägerbesatzung darf heim nach Deutschland, muss dort vor Kriegsgericht, ist aber am 23. Mai bereits wieder gegen britische Bomber im Einsatz. Anders als 1940 (vgl. Hauptartikel) ist die Freilassung der drei internierten Piloten nicht neutralitätswidrig, da gleichzeitig drei britische Offiziere nach Hause geschickt werden.

Der Bundesrat beantwortet die Interpellation Oprecht erst am 18. August; er verschweigt den Kontakt mit SS-Mann Schellenberg, hält sich sonst aber an die Fakten. «Die Maschinen stehen heute schon im Gebrauche und haben sich in jeder Beziehung bewährt», schreibt er abschliessend. Das allerdings stimmt nicht. Die Gustav sind kaum die von der Flugwaffe gewünschte Verstärkung, auch wenn der vom Bundesrat angestellte Historiker Edgar Bonjour noch 1970 in seiner Schweizer Neutralitätsgeschichte das Gegenteil behauptet und den «gefährlichen Zwischenfall für die Schweiz als Glücksfall» darstellt. Ab dem 4. August beginnt nämlich nach wenigen Flugstunden eine Serie von Notlandungen wegen Motorstörungen.

Das ist nicht sehr verwunderlich: Die Deutschen produzieren unter grösstem Druck - und setzen dabei KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene ein. Die Me-109 werden zu diesem Zeitpunkt vornehmlich in den KZ Flossenbürg und Mauthausen gebaut, wie Georg Hoch in seiner Monografie über die Me-109 in der Schweizer Flugwaffe schreibt. Es gibt «Sabotageakte wie Sand im Öltank, angefeilte Hydraulikleitungen, überzogene Verschraubungen und aufgeschlitzte Benzintanks». An den Flugmotoren, dem eigentlichen Problemteil, finden sich kyrillische Buchstaben.

Am 10. Januar 1947 wird eine endgültige Flugsperre für die Gustav erlassen, die letzte Maschine wird im Mai 1948 verschrottet. Drei Jahre später werden Messerschmitt und Motorenhersteller Daimler-Benz dazu verurteilt, der Schweiz eine Entschädigung zu zahlen.

Auch für die Deutschen lohnt sich die ganze Aufregung um den Nachtjäger kaum. Am 13. Juli 1944, acht Wochen nach der Sprengung, landet ein deutsches Flugzeug mit der hochgeheimen Radaranlage an Bord irrtümlich in Britannien.

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