Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Der geträumte Soulstar

Er ist mit der Musik von Frank Sinatra und Nat King Cole aufgewachsen, nennt James Brown als Vorbild und hat gegen 4000 Songs geschrieben - die noch niemand gehört hat.

Von Fredi Bosshard

Es gibt diese Leute, die sich schon frühmorgens auf Flohmärkten rumtreiben. Sie haben nur Augen für die ausgelegte Ware, spähen gleichzeitig nach ungeöffneten Kisten, in denen sich noch etwas verbergen könnte. Alles oberhalb der Gürtellinie interessiert sie nicht besonders, auch nicht die Menschen, die was zu verkaufen haben. Mit manischer Hektik und von der Angst getrieben, jemand anderer könnte den Fund des Tages machen, hetzen sie durch das Gelände.

Ein Flohmarkt in Washington

Dori Hadar gehört zu ihnen. An einem kalten, unfreundlichen Morgen war er wieder einmal auf den Knien und stiess auf einem Flohmarkt in Washington D. C. auf eine Schachtel mit Schallplatten von Musikern, deren Namen er noch nie gehört hatte. G. M. Stevens, Joseph War, The Outsiders, The Big D war da zu lesen, und eine ganze Reihe der Platten stammte von einem gewissen Mingering Mike. Die Covers waren mit Filzstiften gezeichnet, wirkten roh und zum Teil noch etwas unfertig. Die Kartonhüllen waren mit Tape zusammengeklebt, einige steckten noch im Cellophan mit aufgeklebten Preisschildern. Die LPs hatten abenteuerliche Titel wie «Bloody Vampire», «Boogie Down at the White House», «Ghetto Prince», «On the Beach with the Sexorcist» oder «3 Footsteps Away from the Altar». Eine Tributplatte für Bruce Lee und eine für James Brown waren dabei, von denen Hadar ebenfalls noch nie gehört hatte. Die Platten trugen Copyrightvermerke, Katalognummern und abenteuerliche Labelbezeichnungen: Puppy Dog, Spooky, Hot 'n' Soulful Cookin', Fake Records, Sex and Evil. Das Erstaunlichste aber war, dass die Platten ebenfalls aus Karton geschnitten und nicht spielbar waren.

Die erste Platte, die ihm in die Hände geriet - «The Mingering Mike Show - Live from the Howard Theater» - , hatte vier verschiedene Soulgruppen auf dem Cover und war mit der Jahreszahl 1969 versehen. Das legendäre Theater in Washington D. C., in dem auch Duke Ellington mit seiner Band spielte, war 1970 geschlossen worden. Eine erste zeitliche Einordnung der Unikate war nun möglich.

Dori Hadar machte seinen Fund in einem Onlineforum für PlattensammlerInnen zugänglich. Von Frank Beylotte, der auf Singles von Mingering Mike gestossen war, erhielt er schon bald den Hinweis, dass auf dem Flohmarkt noch Korrespondenz, Fotos und andere Dokumente lagern sollen. Hadar fand in den Briefen auch den wirklichen Namen von Mingering Mike und seine Sozialversicherungsnummer, mit der man in den USA eine gesuchte Person beinahe besser findet als mit einem Ausweis.

«Aufregende Zukunft»

Gemeinsam mit Beylotte machte sich Hadar auf die Suche nach dem Mann, der die imaginären Plattencovers konzipiert, gezeichnet, mit Songtexten und Linernotes versehen hatte. Sie stöberten ihn in Washington auf und verabredeten sich zu einem Treffen. In einem Interview, das im Herbst 2004 in der Musikzeitschrift «Wax Poetics» abgedruckt wird, erzählt Mingering Mike von den Schlafzimmerträumen eines Achtzehnjährigen.

«G. M. Stevens ist ein heller Kopf und ein intelligenter junger Mann, auf den eine grossartige und aufregende Zukunft wartet», schreibt er in den Linernotes zu seiner ersten Platte mit dem Titel «Sit'tin by the Window», die 1968 erscheint. Er begreift sich als Beobachter und nennt einen der Songs «It's a Boy's Life (But a Man's World)». 1963 hat er den Marsch auf Washington miterlebt, bei dem Martin Luther King sein berühmtes «I have a dream» an die Menge gerichtet hat. Mit den Covers verarbeitet er seinen Alltag. Als er in die Armee einberufen wird, zeichnet er «The Two Sides of Mingering Mike», die ihn als Musiker und Soldaten zeigen.

Seine Militärkarriere als Afroamerikaner aus der Unterschicht scheint vorgezeichnet. Eine Zeit lang folgt er diesem Weg, doch als er sieht, dass die nächsten Stationen Kambodscha und Vietnam heissen, desertiert er und zeichnet weiter. Er kreiert das Decision Label, wählt als Logo ein Mikrofon und ein Gewehr. Als die ersten Soldaten aus Vietnam zurückkehren, sagt er: «Es schien mir, dass sie alle auf Drogen waren.» Das Gewehr im Logo wurde durch eine Spritze ersetzt, und ein Cover mit dem Titel «The Drug Store» entstand. 1977 wird Mingering Mike im Rahmen einer von Jimmy Carter verfügten Amnestie begnadigt. Im gleichen Jahr entstehen die letzten von ihm gezeichneten Covers. Sie werden in einem gemieteten Raum für lange Zeit eingelagert.

Das Comeback

Vergangenes Jahr ist ein ausführliches Buch von Dori Hadar über Mingering Mike erschienen, das Covers, Platten und Singles ausführlich dokumentiert und die Geschichte von Mingering Mike, dem «Imaginary Soul Superstar», erzählt. Im vergangenen Dezember, rund dreissig Jahre nach dem Ende seiner Traumzeit, hat das Vanguard Squad Label eine erste tatsächlich spielbare Single mit dem Titel «There's Nothing Wrong With You Baby (Parts 1 and 2)» veröffentlicht. Mingering Mike, der auf die sechzig zugeht, arbeitet immer noch zwei Nachtschichten als Wächter und hat wieder etwas zu träumen begonnen. Er denkt über einen portablen Plattenspieler nach, mit dem er seine Kartonplatten abspielen kann. Den Leuten, die, ohne ihn zu fragen, sein Lager geräumt haben, ist er schon beinahe dankbar, weil sie und die anderen Leute, die sich frühmorgens auf Flohmärkten rumtreiben, ihn erst bekannt gemacht haben. Das Cover für sein Comebackalbum kennt er schon: Er reitet auf einem Pferd dem Sonnenuntergang entgegen, und es heisst «The Return of the Magnificent Mingering».

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