Nr. 10/2008 vom 06.03.2008

Ohne Wut gehts nicht

Trotz drei Bundesrätinnen sieht es mit der Gleichstellung im Schweizer Alltag nicht gut aus. Auch weil viele Frauen Angst vor ihrer eigenen Aggression haben.

Von Bettina Dyttrich

Der jungen Frau ist sichtlich unwohl. Sie sitzt im Wägelchen einer Achterbahn. «Händ Sie Angscht?», fragt der Mann neben ihr jovial. «Chli scho ...» Ihre Aufgabe hat die junge Frau erst kurz zuvor erfahren: Während der Fahrt soll sie so viele Männernamen aufzählen wie möglich. Für jeden Namen bekommt sie ein paar Strümpfe. Und so stottert sie also, während sie immer bleicher und die Bahn immer schneller wird: «Peter ... Paul ... Rudolf ... Vladimir ...» Diese Szene wurde 1962 in der Unterhaltungssendung «Muggetätscher» im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt. Zu sehen ist sie im Film «Katzenball» (2005) von Veronika Minder, der Schweizer Lesben verschiedener Generationen porträtiert.

Heute käme so etwas nicht mehr im Fernsehen - zumindest nicht im staatlichen. Zum Glück. Zwischen 1962 und uns liegen die Frauenbefreiungsbewegung, das Frauenstimmrecht, das Gleichstellungsgesetz; Hunderte von Schweizer Feministinnen haben ihr Leben einem Kampf gewidmet, von dem wir heute profitieren. Heute haben wir drei Bundesrätinnen und mehr Studentinnen als Studenten an den Universitäten. Und jetzt?

Alltägliches Scheitern

Es soll hier nicht um die «gläserne Decke» gehen, an die Topmanagerinnen stossen, wenn sie ganz nach oben wollen. Ob die Welt besser wäre, wenn Nestlé von Frauen geführt wäre, ist fraglich. Gleichstellung scheitert in der Schweiz auf einer alltäglichen, unspektakulären Ebene. Warum nehmen an den meisten Podiumsdiskussionen vier bis sieben Männer und eine oder keine Frau teil, und alle finden das normal? Warum ist es so schwierig, Frauen zu finden, die bei Gemeinderatswahlen auf den vorderen Listenplätzen kandidieren? Warum sind von den mehreren Tausend Bands, die in der Schweiz Musik machen, bestimmt über neunzig Prozent reine Jungen- und Männergruppen? Warum gibt es so viele Frauen, die sich für Journalismus interessieren, und so wenige, die Leitartikel schreiben? Dass Frauen für die gleiche Arbeit immer noch viel weniger verdienen als Männer, verwundert unter solchen Umständen nicht mehr.

«Warum so emotional, Fräulein?» Diese Totschlagfrage bekamen die ersten Nationalrätinnen immer wieder zu hören. Auch das ist zum Glück vorbei. Dermassen plump kommt Sexismus zumindest in der öffentlichen Diskussion nicht mehr daher. Aber die Haltung dahinter ist nicht einfach verschwunden. Sie ist immer noch da, als Subtext, unausgesprochen. Mit ihr hat es zu tun, dass Frauen immer noch so viel Angst haben, sich auszusetzen. Kann ich das denn? Verstehe ich genug vom Thema? Mache ich mich nicht lächerlich? Während die junge Frau noch zaudert, ob sie ihre Texte einer Freundin zeigen soll, hat der junge Mann längst eine CD aufgenommen. Männer lernen früh, dass sie Kompetenz auch vortäuschen können. Und dass fehlender Inhalt mit selbstsicherem Auftreten oder elegantem Stil kaschiert werden kann.

Macker werden ...

Eine Szene aus der Gegenwart: Vergangenen Herbst vor dem Berner Zentrum Paul Klee. Eine Gruppe aus dem Zürcher Weinland - wo ein Endlager für radioaktiven Müll gebaut werden soll - ist in die Hauptstadt gewandert, um den TeilnehmerInnen einer internationalen Endlagerkonferenz ihre Bedenken vorzubringen. AKW-GegnerInnen sind gekommen und solidarisieren sich mit der Gruppe, darunter Anne-Cécile Reimann von der Genfer Organisation Contratom (siehe WOZ Nr. 9/08). Sie ist laut und offensiv, ruft Parolen und singt aus vollem Hals. Ein junger Mann, der sich wohl selber als Linker bezeichnen würde, sagt zu den Umstehenden: «Mit dieser Aggro-Bitch will ich nicht in Verbindung gebracht werden.»

Hier ist die zweite Schranke, an die Frauen stossen, die sich ihren Weg selber suchen. Wenn sie geübt haben, sich auszusetzen, dabei Glück und Unterstützung hatten und ihr Selbstbewusstsein gewachsen ist, werden sie langsam zu Konkurrentinnen der Männer. Und wo es um Konkurrenz geht, gibt es Aggressionen.

Es ist heute für Frauen einfacher als noch vor einer Generation, bis zu diesem Punkt zu kommen. Sei es an der Universität, in den Medien, im Kunstbetrieb, als Handwerkerin oder im kaufmännischen Bereich. Doch dann sehen sich viele Frauen bewusst oder unbewusst vor der Entscheidung: Entweder werde ich selbst aggressiv und kämpfe wie ein Macker, oder ich ziehe mich zurück. Rückzug heisst meistens, auf eine Tätigkeit umzusteigen, wo (scheinbar) kein Kampf ist. Zum Beispiel Pressemeldungen für ein Hilfswerk schreiben statt Leitartikel.

... oder ein neues Spiel

Weibliche Aggression ist verpönt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Von Mädchen werden eher kooperative Strategien erwartet als von Buben, und häufig funktionieren diese auch besser - wohl einer der Gründe, warum Mädchen in der Schule erfolgreicher sind. Aber darum fühlen sich Frauen nach Auseinandersetzungen häufig schuldig: Hatte ich vielleicht unrecht, oder warum hat der so heftig reagiert? Habe ich jemanden verletzt? Kämpfen wie ein Macker wird unter diesen Umständen extrem anstrengend. Die wenigsten Frauen wollen die ganze Zeit gepanzert herumlaufen, immer auf der Suche nach Schwachpunkten der KonkurrentInnen, selber immer auf der Hut vor Angriffen. Und zu Recht: So lohnt es sich doch nicht zu leben. Das kann ja nicht alles sein.

Ist es auch nicht. Es gibt sie, da und dort, die Frauen, die Autorität ausstrahlen, ohne autoritär zu sein, die tough sind, aber nicht hart. Meistens sind sie nicht die Jüngsten, denn sie haben einen langen Kampf hinter sich. Sie mussten wohl alle einmal aggressiv sein, um sich zu behaupten. Aber statt sich den Rest des Lebens im Mackerspiel aufzureiben, gingen sie weiter und änderten die Spielregeln. Zumindest für ihr Umfeld, ihr Projekt, ihre Firma. Es gibt ein Leben nach der Aggression, scheinen sie zu sagen. Hoffentlich haben sie recht.

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