Nr. 10/2008 vom 06.03.2008

Von Sehnsucht und Schande

Annette Hug erzählt in ihrem Erstlingsroman aus der Perspektive einer Enkelin die Geschichte einer Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihr uneheliches Kind in der Schweiz zurücklässt und nach London auswandert.

Von Johanna Lier

Wenn die Grossmutter ihre Tochter im Spital besuchen will, ist diese immer schon eingeschlafen. Der Enkelin bleibt nur, die weinende Grossmutter in die Cafeteria zu führen, ihr den Rat zu geben, besser selbst gebraute Getränke als lästig duftende Blumen mitzubringen und einen Brief zu schreiben, einen Liebesbrief. Die Kranke hingegen warnt ihre Tochter vor der Grossmutter, der alten Berta, die herrschsüchtig und uneinsichtig in ihr Leben einzufallen und sich darin auszubreiten wünsche, eine Angst, die auch der liebevoll zubereitete Zwetschgensirup nicht richten kann. Die Tochter und Icherzählerin in Annette Hugs Roman «Lady Berta» hält sich nicht daran und beginnt zu forschen, was es denn mit der Familie, dem Schweigen und der Vergangenheit auf sich hat.

Lust auf Ganzkörpersättigung

Berta wuchs auf am See, in der Furcht vor dem Himmel, der den unberechenbar einschlagenden und alles zerstörenden Blitz bringt, in einem Universum, das aus Feuer, Tieren, Menschen und Sägeblättern bestand. Ihr Vater besass eine Sägerei, in der alle mitarbeiten mussten. Ein ärmliches, ein strenges Leben, in dem wenig geredet, viel gearbeitet und der Teller leer gegessen werden musste.

Doch schon früh will Berta mehr. Sie will ihren Drang, andere zu versorgen und für deren Wohl zu schauen, zum Beruf machen und Hauswirtschaftslehrerin werden und fährt in die Stadt, um dort bei einer reichen Madame ein Praktikum zu absolvieren. Berta weiss, dass die einfachen Dinge ebenso kompliziert und unentbehrlich sind wie Wissenschaft und Industrie, geht es doch darum, herauszufinden, warum der Teig aufgeht, weshalb Sonntagszöpfe strahlen und wie der Schimmel auf dem Eingemachten verhindert werden kann. Und so - gleichzeitig schüchtern und selbstbewusst, naiv und klug, verhungert an der Enge der Provinz und doch auch mit einer instinktiven Weltläufigkeit ausgestattet - fährt die junge Frau weg, im Gepäck die Warnung der Mutter vor Zeitschriften, Lokalen und Bälgern.

Berta lernt, was man mit Gäbelchen, Löffelchen, Kristallglas, Seidenwäsche, Vorhängen und Marktfrauen tun muss, ist fleissig und glücklich und bricht doch oft in der Nacht, allein in ihrer Kammer, in Tränen aus. Sie, die Hausangestellte, die erst nachdem die Herrschaften gegessen haben, allein in der Küche den kalten Rest essen darf und doch weiss, dass der Geschmack der Zutaten sich nur in der Wärme entfaltet, sieht sich in den einsamen Nächten mit dem nach Wärme, Ausdehnung und Berührung sehnenden Körper konfrontiert. Das unwissende Mädchen, völlig unaufgeklärt, das Nötigste bloss durch Klatschereien mit anderen Hausangestellten hörend, erfährt, in ihrer Kammer kaltgestellt, dass sie Sex will. Es ist ein Schmerz, der nach Ganzkörpersättigung verlangt, wie sie es selber nennt. Nicht der romantische Prinz, der sie aufs Pferd hieven könnte, ruft, auch nicht «Ich will dir treu sein, bis dass der Tod uns scheidet», nein, es ist der Körper, der will. Samenkorn der Emanzipation. Und gleichzeitig der Anfang vom Ende.

Grösstes Glück, furchtbare Angst

Diesen jungen Frauen, deren Lebenssinn noch ausschliesslich im Heiraten, Kinderkriegen und der Familienarbeit besteht, wird in dem ihnen zugeschriebenen Bereich - Körper und Sexualität - konsequent das Wissen vorenthalten. Kinderkriegen ist Erfüllung und gleichzeitig Untergang, grösstes Glück und doch auch fürchterlichste Angst. Ein Kind kann eine Frau krönen oder sie in die Gosse stossen, in die Unterwelt befördern. Und es herrscht Schweigen über Technik und Gesetze der körperlichen Vorgänge, da es sich um Dreck, Schmutz und Obszönitäten handelt, unausprechliche Dinge, umso mehr, wenn man wie Berta aufsteigen will und sich deshalb den Sitten der Herrschaften anzupassen wünscht.

Es ist, wie wenn einer eine Ausbildung als Buchhalter machte, aber nie über Zahlen und deren Logik sprechen dürfte. In Annette Hugs «Lady Berta» wird das klar und deutlich durch das Schicksal der Grossmutter erzählt, da diese den Charakter und Drang besitzt, selbst über ihr Leben zu verfügen, das Wissen dazu aber erst durch den Fall und die Schande erwirbt. So gehen diese Frauen über Messers Schneide. Und da der Körper nun mal weich und das Messer hart ist, muss man sich ins eigene Fleisch schneiden. Berta wird schwanger.

In der Metropole der Sehnsucht

Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs entfaltet sich ein Frauenschicksal, wie es typisch ist für das 20. Jahrhundert. Zerrissen zwischen Tradition und Aufbruch, in die Emigration vertrieben durch die Verachtung und Bigotterie der Gesellschaft, hin und her getrieben zwischen Mutterliebe, Schuldgefühlen, wirtschaftlichem Überlebenskampf und Selbstverwirklichung.

Zu Verwandten, die auf dem Land leben, gebracht, bringt Berta ihr Kind zur Welt, schickt den Kindsvater, der noch einmal kurz auftaucht, aus unerklärten Gründen in die Wüste - und sich selber auch. Das Kind lässt sie bei den Verwandten zurück und macht sich auf nach London, um dort - und das ist wohl die Ironie vieler solcher Biografien - , sich verzehrend nach dem eigenen Kind, den Nachwuchs reicher Familien aufzuziehen. So lernt das in der Schweiz zurückgebliebene Kind die Lieder, die ihre Mutter einem anderen Kind gesungen, und bekommt die Puppen, die die Mutter, am Krankenbett eines anderen Kindes sitzend, ihr genäht hat.

Und doch schnuppert Berta die Luft der weiten Welt. London, die Metropole, eine Sehnsucht, die ihr ein ganzes Leben erhalten bleiben wird. Aber der Fehltritt sitzt Berta, die einst in mutiger Verzweiflung dem Mann in ihrer Kammer den ersten Kuss aufgedrängt hat, so tief in den Knochen, dass sie von nun an Vorsicht übt.

Die Dialektik von Sehnsucht und Schande gerät ihr zur Liebesverweigerung. Im Londoner Nachtlokal gerinnt Romantik zu käsiger Haut, und Berta begreift, dass Sex nicht sündig, sondern lächerlich, und eine Affäre nicht das Ende, sondern bloss eine schlechte Geschichte ist. Stur und unbelehrbar beweint sie das Leben ihrer Tochter, der Mutter der Icherzählerin, ohne wahrhaben zu wollen, dass sie bloss ihre eigenen Wunden leckt. Und findet kaum Zugang zu ihrem Kind. Einmal Trennung, immer Trennung.

Archiv der Wunden

Da, wo keine Dokumente und Akten existieren, macht sich eine andere Art der Quelle bemerkbar, entstanden aus dem, was verschwiegen oder bloss angedeutet wurde. Ein Archiv unsagbarer Botschaften, das in der grossen Nähe des familiären Umkreises entstehen kann. Es sind die Wunden der Alten, die bei den Jungen ankommen. Und so hat sich wohl auch die Autorin den Wunden entlanggetastet, um sich erfindend und erzählend die Geschichte anzueignen.

Ist es so? Gerne würde man diesbezüglich mehr erfahren. Oder ging es darum, eine löwenähnliche, riesige Grossmutter zu zähmen? In der geradlinig und mit bestechend knappen Dialogen erzählten Geschichte, die sich auch sprachlich ihren Protagonistinnen anzunähern sucht, ist die alte Frau klein, zerbrechlich und hinfällig geworden. Die Enkelin hat sich ihre Kraft angeeignet. Und für jeden Satz, den sie erhält, denkt sie sich zehn weitere aus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch