Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Als St. Gallen die Armen in den Thurgau ausschaffte

Vor hundert Jahren war es üblich, Arme wegzuweisen. Besonders arg traf es junge Mütter, die sich nicht «sittlich» verhielten. Zwei Bücher schildern die Leben von zwei betroffenen Frauen.

Von Susan Boos

Ihr Hauptdelikt war die Armut: Anna Maria Boxler in einer Aufnahme von zirka 1939. Foto: Aus dem besprochenen Buch «Zwischen Sehnsucht und Schande»

Abgewiesene Flüchtlinge werden heute gezielt in Armut gehalten. Nicht lang ist es her, da lebten hierzulande viele Menschen in massloser Armut. Und die Behörden haben mit denselben Mitteln versucht, sie loszuwerden, wie man heute Flüchtlinge loswerden möchte: Abschiebung, Rayonverbot und Wegsperren.

Luisa De Agostini hat es erlebt und Anna Maria Boxler ebenfalls. Die beiden Frauen haben in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gelebt, die eine in Zürich, die andere in der Ostschweiz. In zwei Büchern werden ihre Lebenswege aufgerollt. Der Zürcher Erziehungswissenschaftler Urs Hardegger hat «Die Akte der Luisa De Agostini» aufgearbeitet. Das AutorInnenpaar Lisbeth Herger und Heinz Looser erzählt in «Zwischen Sehnsucht und Schande» die Geschichte von Anna Maria Boxler, der Grossmutter von Looser.

Die Behörden haben über die Leben beider Frauen akribisch Buch geführt, was es erst möglich machte, ihre Lebenswege zu rekonstruieren.

Ausschaffung in eine fremde Heimat

Luisa De Agostini kommt 1905 in Zürich zur Welt, ihr Vater stammt aus Italien, auf dem Papier ist sie Italienerin, sie hat aber keinen Bezug zu diesem Land. Sie wird früh schwanger, der Kindsvater zahlt nicht, also muss sich die junge Frau allein um ihre Tochter Carla kümmern. Weil De Agostini nicht arbeiten und gleichzeitig die Kleine betreuen kann, wird das Kind fremdplatziert. De Agostini wird nochmals schwanger, diesmal wird die Tochter zur Adoption freigegeben. Zu ihrer Fürsorgehelferin hat Luisa De Agostini über die Jahre eigentlich ein gutes Verhältnis.

Irgendwann kippt es aber, die Behörden nehmen ihr das Erziehungsrecht weg. Die Lage spitzt sich zu, die Behörden beurteilen sie zunehmend als renitent. Als De Agostini erneut schwanger wird, greifen die Behörden durch und schaffen sie 1936 nach Italien aus.

Aus Italien schreibt De Agostini ihrer Fürsorgerin einen verzweifelten Brief: «Dem Kindsvater hab ich schon öfters geschrieben u. seine Briefe kommen alle wieder zurück, dass ich gar nichts weiss von ihm, so lässt mich alles einsam u. verlassen hier in Cittadella mit keinem Menschen kann ich reden, denn ich habe sehr schwer für das Italienische zu verstehen u. auch schwer zu lernen.» Später zieht sie ins deutschsprachige Südtirol, arbeitet in einem Hotel und stirbt 1945, erst vierzig Jahre alt.

Luisa De Agostini hatte vorher noch versucht, ihre Tochter Carla ins Südtirol zu holen. Die italienischen Behörden unterstützen sie darin. Die Zürcher Vormundin von Carla wehrt sich anfänglich. 1940 wird die Tochter, die damals fünfzehn Jahre alt ist, doch ausgewiesen und erhält eine Landesverweisung, was dann dazu führt, dass sie ihren Grossvater, der immer noch in Zürich lebt, nicht mehr besuchen kann. Erst 1947 darf sie mit einem Touristenvisum für kurze Zeit einreisen.

Es ist eine schier unfassbare Geschichte, die Hardegger erzählt. Zürich war damals fortschrittlich. Das reichte aber nicht, um die Betroffenen vor bürokratischer Härte zu schützen. Oder wie Hardegger es ausdrückt: «Die Idee, mit dem Sozialstaat ein Stück Sozialismus im Kleinen zu verwirklichen, von der viele Vormünder überzeugt gewesen sind, findet in ihren konkreten Handlungen kaum Niederschlag. (…) Gesellschaftliche Erwartungen, administrative Abläufe, Verwaltungsroutinen bestimmen die tägliche Praxis, nicht idealistische Träume.»

Sieben Jahre Wegweisung

Die Geschichte von Anna Maria Boxler verläuft noch rauer. Ihren Enkel Heinz Looser hat sie nie kennengelernt. Als der Bruder seiner Grossmutter stirbt, macht Looser sich auf den Weg, ihr Leben zu erforschen. Am Anfang des Buchs steht ein Brief an die unbekannte Grossmutter: «Dein Hauptdelikt war so unverschuldet wie eindeutig. Es war deine Armut. Du wurdest in eine Zeit der Krise geboren, gingst den gespurten Weg der Töchter von deinesgleichen, wurdest Nachstickerin, hast früh geheiratet und Kind um Kind geboren, hast dich durchgeschlagen an der Seite zweier Männer, die dir nicht Hilfe waren, sondern flohen vor dem Elend und sich einrollten in die Wärme des Alkohols. Und des Irrsinns.»

Herger und Looser schildern, wie die einzelnen Gemeinden immer wieder versuchten, Boxler loszuwerden, um nicht für die mittellose Familie aufkommen zu müssen. Die Abschiebungen nehmen ein groteskes Ausmass an. 1919 wird Boxler in St. Gallen wegen Urkundenfälschung, Unzucht und Kuppelei verurteilt. Um sich nicht mehr um die «sittlich vollkommen herunter gekommene Frau» kümmern zu müssen, verhängt die Stadt St. Gallen über Boxler für sieben Jahre die Wegweisung. Auch ihr zukünftiger zweiter Ehemann wird ausgewiesen. Die beiden dürfen während dieser Zeit weder in St. Gallen wohnen noch arbeiten noch Geschäfte betreiben.

Deshalb ziehen sie in den Kanton Thurgau, in die Heimatgemeinde des Manns. Dort ist es aber unmöglich, Arbeit zu finden. Die Heimatgemeinde ist froh, wenn die Familie weiterzieht, und finanziert ihr in Frauenfeld eine Wohnung. Die Behörden von Frauenfeld lassen das aber nur zu, wenn er «hier keine Arbeitslosenunterstützung beziehe» und «er Arbeit in der Gemeinde Frauenfeld nicht suche und dadurch Arbeiter auf dem Platze konkurrenziere».

Immer knapp vor dem Abgrund

Die Familie steckt in einer unmöglichen Situation, niemand will zahlen, arbeiten dürfen sie auch nicht. Wie immer sie sich verhalten, es wird ihnen als Renitenz ausgelegt, und man droht beiden, sie in einer Anstalt zu versorgen.

Als Boxler später in Frauenfeld Arbeit findet, gibt sie ihren jüngsten Sohn der Schwiegermutter – die in St. Gallen lebt – in Pflege. Anna Maria Boxler getraut sich trotz Wegweisung, in St. Gallen ihren Sohn zu besuchen, sie wird erwischt, verhaftet und zu einem Tag Gefängnis und einer Busse verurteilt. So geht es immer weiter: keine Arbeit, kein Geld, keine Wohnung – und stets bedroht von Kindeswegnahme und Verwahrung, immer knapp vor dem Abgrund.

Beide Bücher sind sehr zu empfehlen, weil sie plastisch zeigen, was zurückkehren könnte, wenn der Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen, ausgehebelt wird: Armut wird zur ausweglosen Machtlosigkeit.

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