Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Wenn die Begriffsdrachen schnauben

Die Genderstudies bedienen sich eines sehr eigenen Jargons, der nicht selten autoritäre Züge trägt. Muss das so sein?

Von Andrea Roedig

Achtung, es wird jetzt kurz mal kompliziert: «Aus dem Beharren darauf, kulturelle Differenz als zur Schau stellende Entstellung zu begreifen, die aber gleichzeitig einer Rekonstruktion von persönlicher wie kollektiver Identität dient, gewinnt Homi K. Bhabhas Versuch, die widersprüchliche Verortung von Kultur zu beschreiben, seine Brisanz.»

Hin und wieder gebe ich Schreibseminare, und die gerade zitierte Passage dient dort als Beispiel für einen Satz, der fast alle grammatikalischen Marotten des akademischen Schreibens versammelt. Frage: Wo ist der Hauptsatz? Was ist eigentlich die Satzaussage – und ist die syntaktische Aussage auch die semantische? Hausaufgabe: Schreiben Sie den Satz so um, dass er verständlich wird.

Michael Angele, Kulturchef der Wochenzeitung «Freitag», hat kürzlich ein Faltblatt des Graduiertenkollegs «Geschlecht als Wissenskategorie» der Berliner Humboldt-Universität zum Anlass für eine Polemik über die Spracheigentümlichkeiten der Genderstudies genommen. Recht so, dieses Thema gehört auf die Tagesordnung! Denn die meisten VertreterInnen der Genderstudies baden tatsächlich in einem Jargon, der von aussen betrachtet ziemlich eigentümlich anmutet, intern offenbar aber auf wenig Widerstand stösst. Wohlgemerkt – und das räumt Angele auch ein – stehen Genderstudies mit dieser Marotte nicht alleine, sie unterscheiden sich in den Ausmassen ihrer Begriffskunst wenig von den benachbarten Disziplinen, allen voran den Kulturwissenschaften. Wohlgemerkt geht es in der Kritik auch nicht darum, dass Sprache doch bitte «einfach» oder «klar» zu sein habe. Sprache kann nicht immer einfach sein, vor allem dann, wenn etwas gedacht werden soll, für das herkömmliche Begriffe fehlen. Sprache ist schöpferisch, und daher ist sie in gewisser Weise auch nicht übersetzbar. Doch Sprache ist auch ein Denkwerkzeug, und genau hier liegt der neuralgische Punkt.

In ihrer Begriffsbildung folgt die Genderforschung der einfachen Logik der Wissenschaftssprachen. Sie bildet Abstrakta, also Fachtermini, mit denen sie sich auf ihre Inhalte und auch auf sich selbst beziehen kann. Die Fachtermini sind oft Kondensate vorangegangener Diskussionen, sie sind praktische Abkürzungen, damit man sich nicht immer wieder neu darüber verständigen muss, was «performativ» heisst oder «Heteronormativität». Doch leider entsteht in diesem Prozess tendenziell auch etwas, das der österreichische Historiker und Professor an der Universität Luzern Valentin Groebner in seinem Buch «Wissenschaftssprache» mit der schönen Metapher der «Begriffsdrachen» umschreibt. Die deutschsprachige akademische Attitüde macht gerne aus dem Verb ein Substantiv und aus dem Substantiv dann noch ein Supersubstantiv. So wird aus «reden» die «Rede», aus «Rede» der «Diskurs» und aus dem «Diskurs» dann die «Diskursformation». Der so aufgeblähte Drache fängt nun an, selbst etwas zu tun. Eine Diskursformation kann dann zwingen, unterdrücken, leiten, sich falten oder sich ausstrecken, vermutlich auch Feuer speien, warum denn nicht?

Die Genderstudies sind Meister der Begriffsdrachen, auch wenn sie ihre Drachen nicht unbedingt immer souverän lenken. In den von Angele zitierten Sätzen etwa denken die Bedingungen («Wie wird der vergeschlechtlichte Körper durch … soziokulturelle Bedingungen begrifflich gedacht?»), und die Bezugnahmen schliessen ein und aus («Wer wird durch diese Bezugnahmen inkludiert und exkludiert?»). Solche Sätze geben einem das Gefühl, dass es schon irgendwie hinkommt mit dem Sinn. Bei etwas genauerem Nachdenken, für das leider oft die Zeit fehlt, verwirren sich die Dinge dann allerdings beträchtlich.

Alles muss divers sein

Wie gesagt, die Genderstudies stehen nicht alleine da, sie erschaffen, wie andere Wissenschaften auch, eine Kunstsprache und kreieren, «performativ» eben, damit auch ihren Forschungsgegenstand. Nun ist es aber nicht nebensächlich, wie diese Kunstsprache aussieht und was sie leisten kann. Einerseits wird in den Genderstudies viel über die politische Funktion von Sprache nachgedacht, andererseits bleibt aber der eigene Sprachgebrauch wenig flexibel, bestimmte Begrifflichkeiten und Theoreme wie «queer», «performativ», «diskursiv» herrschen absolut. Ausgerechnet diese Disziplin, die sich so sehr gegen Verdinglichung, gegen «Normalisierung» und «Reifizierung» (Vergegenständlichung) wendet, bedient sich einer extrem substantivreichen, unsinnlichen und auch technizistischen Sprache. «Dynamiken», «Codierungen», «Ökonomien», «Performanzen», «Hybridisierungen» gehören zum modischen Begriffsset und sind nahezu unerlässlicher Bestandteil von Tagungsankündigungen; «Dezentierungen», «Paradoxien», «Narrative» und «Politiken» sind immer wichtig, genauso wie Körper, Praxen, Techniken und Subjektivierungen (oder Desubjektivierungen). Weil alles divers, transdisziplinär und intersektional sein muss, geht derzeit überhaupt die absolute Pluralitis um, alles steht in der Mehrzahl: «Wanderungen»; «Verletzbarkeiten»; «Intimitäten» heissen die jeweiligen Jahrestagungen der Fachgesellschaft für Geschlechterstudien.

Können solche Grossbegriffe überhaupt sinnvoll sein? «Will man des Meisters Scheine in Kleingeld wechseln, kann man nichts mehr dafür kaufen», schrieb einmal die Journalistin Elke Schmitter über Martin Heideggers Wortgewalt. Immer schwelt der Verdacht, dass die Geisteswissenschaften blosse Banalitäten rhetorisch zu Giganten aufblähen. Doch ganz zählt dieses Argument, «wenn ich es nur konkret fasse, kommt nicht viel dabei heraus», nicht. In allen Geisteswissenschaften besteht eine Kluft zwischen abstrakt und konkret – und genau in dieser Kluft geschieht etwas. Wenn er stimmt und stimmig ist, erfasst der abstrakte Begriff etwas, das im Konkreten allein nicht zu finden wäre. Geisteswissenschaft erschliesst Sinn, sie ist produktiv, erfinderisch, es kommt eben am Ende mehr heraus als die blosse Feststellung von Tatsachen. Daher lässt sie sich nicht einfach aufs Konkrete herunterbrechen. Wenn man Heidegger auf das reduziert, was er «eigentlich meint», verliert man Heidegger. Aber, und das ist der springende Punkt: Das, was da «mehr» gesagt wird, muss erklärbar sein; es muss dem Nachdenken auch ausserhalb der Begrifflichkeit der Fachsprache standhalten. Bei vielen der unhinterfragt populären Termini der Genderforschung bin ich mir da nicht so sicher.

Darüber hinaus ist im Umgang mit Sprache auch nicht egal, wer etwas sagt. Die alte, konservative Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärliteratur war ja durchaus sinnvoll. Judith Butler ist bekanntermassen eine schlimme Schreiberin, «Gender Trouble» zu lesen, macht wirklich keinen Spass. Seis drum, Butler darf das. Sie hat etwas Neues gefasst, sie schreibt Primärliteratur. Dass aber Myriaden von AdeptInnen hier stilistisch-begrifflich hinterherwatscheln wie die Entchen hinter Konrad Lorenz, das ist fatal. Denkt denn hier bitte jemand noch etwas anderes? Finden hier bitte die ForscherInnen auch einmal eine eigene, vielleicht sogar eine klare Sprache? Nichts für ungut, es gibt hervorragende Bücher im Bereich der Genderstudies. Aber die verquirlten Butler-Foucaultizismen, die seit Jahrzehnten das Feld beherrschen, sind nicht nur unschön, sondern auch hilflos, faul und dumm.

Die Genderstudies haben sich auf eine ehemals kaum vorstellbare Weise gut etabliert (vgl. «Gender an den Unis» im Anschluss an diesen Text). Daher gibt es hier ein Terrain zu verteidigen, eine eigene Existenz zu rechtfertigen. Es ist klar, dass Jargon und Habitus dazu dienen, die sowieso unsicheren Claims abzustecken und gegebenenfalls auch eine inhaltliche Erschöpfung unter wildem begrifflichem Aktivismus zu verstecken. Hier stehen Karrieren, Arbeitsstellen und Fördergelder auf dem Spiel. Aber wie viel gibt es am Geschlecht eigentlich noch zu beforschen?

Ein weites Feld

Im Unterschied zu vielen anderen Wissenschaften siedelt die Geschlechterforschung nah am Alltäglichen und Banalen, und sie ist im Kern politisch motiviert. Auch das macht ihre Begrifflichkeit heikel und anfällig. Die Terminologie dient hier nicht nur der wissenschaftlichen, sondern auch der politischen Vergewisserung über den eigenen Standpunkt und die Gruppenzugehörigkeit. So verfestigen sich einige der Genderbegrifflichkeiten zu festen Schlagworten, zu nicht hinterfragbaren Klischees. Eine Sprache aber, die Denken nicht fördert, sondern stillstellt, ist autoritär. Manche der rhetorischen Attitüden in der Genderforschung tragen diese autoritären und autoritätshörigen Züge. Völlig klar ist daher, dass sich «hegemoniale männliche Identität diskursiv herstellt und als utopisches Zeichen in die symbolische Ordnung einschreibt», dass erfolgreiche «Top Girls» nichts weiter sind als die «intensiv gemanagten Subjekte der postfeministisch, gendersensiblen biopolitischen Praxen einer neuen Gouvernmentalität» und dass das «diskursive Regime hegemonialer Heterosexualität … normalisierende Identitätszuschreibungen» am laufenden Meter produziert.

Das Feld «Gender» ist zu weit und zu vielfältig, um pauschal darüber zu urteilen. Es gibt, wie gesagt, hervorragende Forschung sowie viele gut und klar geschriebene Texte, vor allem im englischsprachigen Raum. Die Kritik soll die Verdienste der «Genderistas», zu denen ich mich ja auch zähle, nicht schmälern. Aber eine ehrliche Debatte über Sprachkonventionen, Habitus, Theorieverständnis und Autoritäten in der Geschlechterforschung wäre eine gute Sache.

www.freitag.de/autoren/michael-angele/der-jargon-der-genderforschung

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