Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Aus dem Leben eines Selbstmordattentäters

In seinem jüngsten Roman, der nun auch auf Deutsch vorliegt, vollendet Yasmina Khadra seine Trilogie über die Situation im Nahen und Mittleren Osten und schildert den Irakkrieg aus der Sicht eines arabischen Schriftstellers.

Von Heinz Hug

Algerien während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren, Kabul unter den Taliban und der Nahe Osten mit seinem israelisch-palästinensischen Konflikt - das sind die hauptsächlichen Schauplätze der bisherigen Romane des unter dem Pseudonym Yasmina Khadra schreibenden algerischen Schriftstellers Mohammed Moulessehoul. Für seinen kürzlich in einer ausgezeichneten deutschen Übersetzung von Regina Keil-Sagawe erschienenen Roman «Die Sirenen von Bagdad» wählte Khadra einen weiteren Brennpunkt des heutigen Weltgeschehens. Er schreibe über diese Themen, weil er die westliche Sicht mit einer authentischen Perspektive konfrontieren wolle, sagt er im Gespräch mit der WOZ. Das gelingt ihm in «Die Sirenen von Bagdad» eindrücklich, bedient er doch keineswegs die Stereotypen über den Irak und den irakischen Widerstand, von denen die hiesigen Medien voll sind.

Der Einmarsch der Alliierten

Das beginnt mit der Hauptfigur, dem namenlosen Icherzähler, der am Ende des Romans kurz davor steht, ein Attentat in London zu begehen, das die Zerstörungen bisheriger Anschläge bei weitem übertrifft. Der Erzähler, dessen «Laufbahn» zum Selbstmordattentäter wir während des Buches verfolgen, erweist sich zumindest bis weit über die Mitte des Romans als sensibler junger Mann, der auf jede Gewaltanwendung mit einem Schock und mit körperlicher Erschütterung reagiert. Überdies zeigt der Erzähler überhaupt keine Affinität zur Religion - diese spielt im gesamten Roman keine Rolle.

Aufgewachsen ist der Erzähler in Kafr Karam, einem Beduinendorf in der irakischen Wüste. Als Einziger weit und breit besucht er die Schulen, danach schreibt er sich für ein Literaturstudium an der Universität von Bagdad ein. Der Einmarsch der alliierten Truppen im Irak beendet jäh diese Phase seines Lebens, die ihm anfänglich noch neue Horizonte eröffnete. Zurück im Dorf bleibt ihm nichts als ein tristes Leben. Seine Abneigung gegen jegliche Gewalt führt ihn in schwere Krisen, als der Krieg auch diese armselige Wüstenregion erreicht. Und als eine Gruppe von GIs auf der Suche nach Waffen und Terroristen (ohne jegliches Verständnis für die Mentalität dieser Beduinen) das Dorf durchkämmt und dabei den Vater des Erzählers zutiefst demütigt, verlässt dieser das Dorf - nach beduinischer Tradition kann er diese Schande nur mit dem Blut der Feinde reinwaschen.

Auf einer mühseligen Fahrt erreicht er schliesslich Bagdad, wo er andere junge Männer aus Kafr Karam findet, die hier den Kampf gegen die fremden Besatzer aufgenommen haben. Auch er möchte daran teilnehmen: Nach langem zermürbendem Warten in der kaputten Hauptstadt wird er schliesslich in den Libanon geschleust, wo er auf seine finale Mission vorbereitet wird. Doch der Roman nimmt einen überraschenden Ausgang. Dadurch erhält er einen gewissen Optimismus - ganz im Gegensatz zu Khadras vorletztem Roman «Die Attentäterin», in dem der Protagonist einen absurden Tod stirbt. Im Gespräch mit der WOZ weist Khadra darauf hin, dass der palästinensisch-israelische Konflikt viel aussichtsloser ist als der Krieg im Irak.

Dieser Stoff passt bestens zum Kosmos der khadraschen Romane. Er bietet wechselnde Umgebungen, Beziehungsgeflechte und Geschichten, die der Autor spannend und zuweilen auch poetisch zu beschreiben weiss.

«Die Attentäterin» begann mit der terroristischen Aktion, aus der heraus Khadra - quasi analytisch - die Hintergründe und die Motive der Attentäterin entwickelt. In die «Sirenen von Bagdad» erzählt Khadra die lange - zuweilen etwas zu lange - Vorgeschichte des Attentats. Damit rücken die Verhältnisse im Irak - der Roman handelt im Frühjahr 2005 - und vor allem das Leben der «kleinen» Terroristen ins Zentrum des Interesses. Khadra zeichnet sie als Menschen mit ihren Eigenheiten, beispielsweise den souveränen Said, den arroganten und brutalen Yacine oder Hossein, der sein schrilles Lachen nicht mehr kontrollieren kann, seit er das Sterben seines Freundes mit ansehen musste. Khadra lässt uns an ihren Diskussionen teilhaben, er zeigt auch die «Erziehung» zur Gewalt mit Hilfe von DVDs und die Liquidation der «Abweichler». Gelegentlich ins Blickfeld rücken die US-amerikanischen SoldatInnen, deren Arroganz sich etwa darin zeigt, dass sie erbost reagieren, wenn ihnen einfache IrakerInnen in einer ihnen nicht verständlichen Sprache antworten.

Seitenwechsel

Doch die blosse Darstellung der irakischen Verhältnisse genügt Khadra nicht. Mit der Figur des Dr. Jalal, eines arabischen Intellektuellen, fügt er eine reflexive Ebene in den Roman ein. In Europa war Jalal lange ein «Vorzeigearaber», der den EuropäerInnen die Absichten und die Hintergründe der DschihadistInnen erklärte. Doch bald merkt er, dass er nicht wirklich ernst genommen wird. Als sie in ihm anlässlich eines Vortrags in Amsterdam im Jahre 2004 (kurz nach der Ermordung des Filmregisseurs und Satirikers Theo van Gogh, der durch seine Kritik an der multikulturellen Gesellschaft und am Islamismus provozierte) ebenfalls einen potenziellen Terroristen sehen, wechselt er die Seiten. Unermüdlich reist er seither in der arabischen Welt umher, um die Menschen für den Widerstand zu gewinnen.

Man kann Jalal wohl mit Recht als Sprachrohr des Autors bezeichnen, erzählt dieser im Gespräch doch die Amsterdam-Episode als seine eigene Geschichte. Als Jalal seinen ehemaligen Freund, den im Westen gebliebenen Schriftsteller Mohammed Seen, trifft, erfahren die LeserInnen ausführlich seine Meinung über die aktuelle Situation: «Der Westen ist senil geworden. Seine nostalgischen Imperialismusträume hindern ihn daran, zuzugeben, dass die Welt sich geändert hat.» Und etwas später heisst es: «Soll ich denn mit einem Achselzucken über all die Jahre der Ausgrenzung, des intellektuellen Despotentums und der tumben Ächtung hinwegsehen?» Ganz ohne Einfluss auf Jalal bleiben Seens Einwände nicht: Der Ausgang der Geschichte hat viel mit Jalal zu tun.

In «Die Sirenen von Bagdad» gibt es noch eine andere Figur von Bedeutung, obwohl ihr Auftritt nur von kurzer Dauer ist: Kadem, der Cousin des Icherzählers in Kafr Karam, ist jemand, der viel Schmerz erlitten hat, doch er trägt etwas in sich, was aller Gewalt und allem Misstrauen Lügen straft: Sein Handeln zeigt eine beeindruckende Grosszügigkeit, und mit seiner Musik steht er für die grosse kulturelle Tradition des Iraks. Diese Figur lässt erahnen, wie der Irak ohne Krieg aussehen könnte.

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