Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Halb sank er hin

Ein Anruf genügte - Christoph Blocher holt Walter Frey wieder zurück in ein SVP-Spitzenamt. Der millionenschwere Autoimporteur liebt Eishockey und die Jagd, politisches Philosophieren findet er romantisch. Und Blocher? Will dank der Rückkehr seines Weggefährten kürzertreten.

Von Daniel Ryser

Christoph Blocher am Apparat. Er erklärt, wie er Walter Frey zweimal in ein SVP-Präsidium bat.

Ein Anruf war jeweils nötig, einer 1984, einer 2008 - Anrufe von Blocher. «Ich sagte ihm, jetzt sei nicht der Moment, sich zu zieren.» - «Halb zog es ihn, halb sank er hin», sagt Walter Frey über sich. Er folgte dem Ruf, 1984 zum Präsidenten der Zürcher Stadtpartei, 2008 zum Vizepräsidenten der SVP Schweiz. Nationalrat Peter Spuhler, der 2008 zuerst für den Posten vorgesehen war, hatte abgesagt, im sechsköpfigen Vizepräsidium als Bindeglied zur Wirtschaft zu dienen. Das Bahngeschäft boomt, Spuhler, Besitzer der Stadler Rail AG, hat zu viel zu tun. Eine grosse Auswahl blieb nicht. Frey hatte auch viel zu tun in seiner Emil Frey AG (auch wenn er das erste Mal einen CEO eingesetzt hat, der er nicht selbst ist), zudem hat er noch Verwaltungsratsmandate, etwa bei Roche. Doch dann war da die Abwahl Christoph Blochers, «die mir den romantischen Kick gab, zurückzukehren». Ohne Blochers Anruf wäre er trotzdem auch nicht zurückgekehrt. Halb zog es ihn, halb sank er hin. Blocher selbst gab sich im Vizepräsidium den Posten des Strategen.

«Wir bedauerten»

Walter Frey war in den neunziger Jahren einer der mächtigsten Politiker des Schweiz. Nationalrat, SVP-Fraktionschef; er sass im Parlament in der Verkehrskommission, präsidierte die Finanzkommission und die Aussenpolitische Kommission. Als sein Unternehmen rief - es gab Probleme bei einer Übernahme in Deutschland - trat er 2001 über Nacht von all seinen Ämtern zurück. Der Übernahmecoup der Stuttgarter SG Holding (Umsatz: 1,6 Milliarden Franken) zwang Frey zwar zum Rücktritt aus der Politik, er verdoppelte aber den Umsatz seiner Emil Frey AG auf vier Milliarden Franken. Über Nacht fehlten der Zürcher Stadtpartei Geld, ein Bürositz (der war bis dato in Freys Hauptquartier an der Badenerstrasse in Zürich untergebracht) und der Fraktion in Bern der Präsident. Christoph Blocher sagt heute: «Sein grosser Aufwand, den er in der Politik betrieb, führte letztlich dazu, dass er überraschend zurücktreten musste. Er hatte sehr viel Zeit investiert. Wir hatten beide denselben Grundsatz: Das Unternehmen geht vor. Als sein Unternehmen vorübergehend in eine schwierige Situation kam, zog er die Konsequenzen. Was wir sehr bedauerten.»

1967 war Walter Frey in die Firma des Vaters gekommen. Er übernahm den Import der damals hierzulande unbekannten Marke Toyota. Er machte sie, wie später auch Subaru, in der Schweiz populär und die Firma seines Vaters zur zweitgrössten Autoimporteurin des Landes. Über Frey gibt es das Märchen, er sei früher FDP-Mitglied gewesen. Das stimmt nicht. Korrekt ist: Er gründete 1979 das Liberale Institut mit, in dessen Stiftungsrat etwa Gerhard Schwarz sitzt, Leiter der Wirtschaftsredaktion der NZZ. Ende der siebziger Jahre suchte er sich eine Partei. Die FDP war ihm zu machtorientiert. Die CVP war dem Protestanten zu religiös, «doch da gab es diese Partei, die schon von ihrem alten Namen her klar sagte, wen sie vertreten will: die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei». Die SVP hatte Anfang der Achtziger in Zürich einen Wähleranteil von vier Prozent. Nachdem er 1984 das Amt des Präsidenten übernommen hatte, formte Walter Frey die SVP zur grössten bürgerlichen Stadtzürcher Kraft.

Die Eishockeymillionen

«Wir waren Anfang der Achtziger in der Stadt Zürich kaum präsent», sagt Christoph Blocher. «Wir brauchten unbedingt einen Macher, einen Unternehmer an der Spitze. Frey war auf unserer politischen Linie. Wir wurden so zu Wegbegleitern.» - «Wir hatten politisch dieselben Grundüberzeugungen», sagt Ex-Stadtparteipräsident Frey über Ex-Kantonalparteipräsident Blocher. «Wir sind zusammen immer gut gefahren. Wir konnten uns vertrauen. Man konnte nie den einen gegen den anderen ausspielen, auch wenn wir verschiedene Stile pflegten.» Tatsächlich gilt der heute 65-jährige Frey bei politischen GegnerInnen als umgänglich. 1987 wurde er in den Nationalrat gewählt.

Der Unternehmer gilt, zumindest dann, wenn es nicht um sein Familiengeschäft geht, als spendabel. Sein Hobby ist Eishockey. Dort verlocht Frey seit Jahren Millionen von Franken. In den Neunzigern versuchte er dreimal, mit der zweitklassigen Eishockeymannschaft des Grasshopper Clubs in die oberste Liga aufzusteigen. Und scheiterte dreimal. In Fachkreisen heisst es, die damals teuer eingekauften drei finnischen Weltmeister hätten eher in der Beiz Höchstleistungen vollbracht als auf dem Platz. Gleichzeitig stand der Rivale, der Zürcher Schlittschuh Club (ZSC), vor dem Konkurs.

Das war 1997. Frey sah seine Chance gekommen, doch noch einem erstklassigen Klub vorstehen zu können: Er tilgte die Schulden des ZSC, fusionierte ihn mit der eigenen Grasshopper-Eishockeysektion, setzte sich an die Spitze des neuen Gebildes namens ZSC Lions. Die Lions haben, mit einem aktuellen Budget von zwölf Millionen Franken, seit der Übernahme nur einmal schwarze Zahlen geschrieben. Die Differenz zwischen Anspruch und Realität koste Frey jährlich Millionen, sagen Beobachter. Frey dementiert nicht, dass es sich bei seinem Eishockey-Engagement um ein Verlustgeschäft handelt. Freunde sagen, wenn Walter Frey zwei Schwächen habe, dann, dass er zu spendabel sei und schlecht loslassen könne. Frey selbst sagt: «Diese riesige Sportpyramide ist auch von mir abhängig. Der ZSC hat die grösste Eishockey-Juniorenabteilung der Schweiz. Ich kann da jetzt nicht einfach aussteigen.»

Die Wahlmillionen

Freys Vermögen wird auf 600 bis 700 Millionen Franken geschätzt. Er war, als der Automarkt noch boomte, einer der fünfzig reichsten SchweizerInnen. Als die Gemeinde Küsnacht, wo Frey mit seiner Familie in einer grosszügigen Villa wohnt, eine neue Eishalle brauchte, zahlte er den teuren Bau. Als sich die SVP letzten Herbst den grossen Blocher-Abstimmungskampf fünfzehn Millionen Franken kosten liess, fragte sich die Schweiz, wer zahlte. Blocher? Der Bankier Martin Ebner? Oder Frey? Seine kurz darauf erfolgte Rückkehr in die Politik mag nichts damit zu tun haben. In der Fraktion heisst es sowieso: «Frey war nie weg. Er agierte immer im Hintergrund.» Auch finanziell? Wenn sich einer sein Hobby Millionen kosten lässt, wie viel investiert einer dann in seine politische Mission? Bereits in den achtziger Jahren soll Frey die Zürcher SVP mit sechsstelligen Beträgen unterstützt haben. In den Neunzigern soll er unter anderem die Buure-Zmorge-Ausgaben gedeckt haben. Frey sagt: «Ich spende generell für Wahlkämpfe der SVP, und natürlich spendete ich auch 2007.»

Frey hat eine politische Mission, die sich gut mit seinem Geschäft verbinden lässt. Er zeichnet das Bild einer einfachen, klaren Welt: Alle müssen ein Auto haben. Autos garantieren das wichtigste Gut: die Freiheit. Und die SVP garantiert die Sicherheit, diese Freiheit zu nutzen. Der Staat versucht, das Leben zu regulieren, das Autofahren einzuschränken, weil es angeblich die Umwelt zerstöre. «Nicht der Staat ist das Grösste, sondern der Bürger, die Familie», sagt Frey, der verheiratet und Vater von drei Kindern ist - und der Schriftsteller, dann Maler werden wollte und als Teenager ein Bewunderer war von Hermann Hesse und dessen «Siddharta». Das politische Philosophieren zählt er zu seiner «romantischen Seite». Er schlägt dabei die Augen auf, schmunzelt - er ist ein geborener Verkäufer. Er sagt, er wolle am liebsten einfach allen Autos verkaufen. «Ich habe auch schon Sozialdemokraten Autos verkauft, und sogar Grünen.»

Die Grünen waren Freys erste grosse politische FeindInnen: Sie thematisierten das Waldsterben und aktuell den Klimawandel, «und mit dem Finger zeigen dann immer alle zuerst auf das Auto», beklagt Frey, der in den Achtzigern den Katalysator propagierte. Es gab trotzdem Anschläge: Militante Ökogruppen wollten dreimal Freys Garagen in die Luft sprengen. Als Unternehmer war er ein Symbol. Als das «Magazin» des «Tages-Anzeigers» 1979 einen Artikel veröffentlichte, der sich kritisch mit der Autolobby auseinandersetzte, strich Frey dem «Tages-Anzeiger» alle Inserate. Er hielt den Boykott zwanzig Jahre lang durch.

In der Zwischenzeit lernte er Japanisch, um mit Herrn Toyoda in dessen Sprache reden zu können. Er schaffte dreissig Wörter. Frey lernte es in London, von einer Frau. «Frauenjapanisch.» Wenn er später in Japan seine spartanischen Kenntnisse einsetzte, hätten die Geschäftspartner geschmunzelt: «Oh, Sie haben bei einer Frau gelernt!»

Walter Frey gilt in weiten Kreisen als ein grossartiger Verkäufer, ob von japanischen Autos oder von politischen Ideen - «natürlich muss ich vom Produkt überzeugt sein». Das politische Produkt heisst: eine sichere Zukunft in Freiheit. Frey, der hundertfache Millionär, versteht sich in diesem Kampf als Aussenseiter, «denn die einen haben die Medien und das Establishment auf ihrer Seite, die Linke, und denen gelingt es einfacher, ihre politischen Ideen zu kommunizieren». Es ist diese Aussenseiterhaltung, die die (auch finanziell) stärkste Partei des Landes perfektioniert hat. Wer sich der Unterstützung jener sicher sein will, die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, muss gegen die Elite wettern, auch wenn er, wie Frey, im südbadischen Dettighofen ein Landgut besitzt, das er für mehrere Millionen Franken von Christoph Blocher und Martin Ebner kaufte, nachdem diese dort - der Staat hatte sein Veto eingelegt - keinen Golfplatz bauen durften. Frey renovierte das Landgut für weitere Millionen und frönt dort seinem zweiten Hobby: dem Jagen. Dazwischen sitzt er im dritten Stock seines Hauptsitzes in Zürich und fühlt sich als Aussenseiter. Wer ihn reden hört, ist sich nicht sicher, ob dies bloss politisches Kalkül ist. Oder ob der Multimillionär dies wirklich glaubt.

Der Bruch im Bürgerblock

Denn 1992 hatten sich Walter Frey und Christoph Blocher mit dem politischen Establishment angelegt, mit den Bürgerlichen, die sich zusammen mit der SP in ein Boot gesetzt hatten, um die Schweiz in den EWR zu führen. Es war der Moment, in dem der seit je geeinte Bürgerblock aufbrach. Inzwischen hat sich der grösste Teil der FDP mit Blocher arrangiert (oder sich pulverisieren lassen) - die Distanzen aber sind bis heute spürbar, etwa wenn Christoph Blocher unerwartet durch entscheidende bürgerliche Stimmen als Bundesrat abgewählt wird.

Blocher polterte damals, 1992. Der galante Frey, der als Autoimporteur das diplomatische Kunststück geschafft hatte, dass die Konkurrenten Toyota und Nissan ihm gleichzeitig den Schweizverkauf anvertrauten, gründete ein liberaleres Komitee. Es diente als Auffangbecken für die Bürgerlichen ausserhalb der SVP, die zwar Blochers Ideen gegen EU und EWR unterstützten, sich aber von seinem Politstil zu sehr an den Faschismus erinnert fühlten - es gab Vergleiche mit Kampagnen der Nazis, die CVP plakatierte vor einer Rede Blochers in Freiburg: «Dr. Satan kommt!» Höhepunkt der Auseinandersetzungen im bürgerlichen Lager war der Moment, als drei prominente Vorstandsmitglieder der rechtskonservativen Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) ihren Rücktritt bekannt gaben: Ernst Mühlemann (FDP), Edgar Oehler (CVP) und Jean-Pierre Berger von der SVP-Waadt. Oehler (heute mit Blocher versöhnt) und Mühlemann kritisierten, Blocher sei in der Integrationsfrage nicht mehr diskussionsfähig. Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Die SVP-Zeitung «Zürcher Bote» forderte, den «heimatmüden» Ernst Mühlemann in die Mongolei auszubürgern.

Blocher (und Frey) gewann die Abstimmung gegen den EWR mit 50,3 Prozent. Die Europafrage ist heute vom Tisch. Auch wenn prominente SVP-Nationalräte wie Peter Spuhler die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit als zwingend betrachten. Blocher will dies gegenüber der EU mit Forderungen in der Steuerfrage verknüpfen - und bedroht damit laut KritikerInnen (etwa Peter Spuhler) die bilateralen Verträge. Frey, neuer Wirtschaftschef der SVP, findet die von Blocher gemachte Verknüpfung mit der Steuerfrage sinnvoll: «In der Diplomatie zählt nur eines: verknüpfen. Hinter der angedrohten Aufkündigung der bilateralen Verträge durch die EU steht letztlich ein politischer Wille. Ob in der EU dieser Wille wirklich vorhanden ist, ist eine andere Geschichte.»

Gebrannt vom Kalten Krieg

Walter Frey zeichnet das Bild einer Welt, in der die Schweiz zerschlagen werden soll. Als Kind des Kalten Krieges heisst dieser Hauptfeind nach wie vor Sozialismus. 1990 schrieb er: «Die Linke sieht, dass der real gelebte Sozialismus ausgespielt hat; nun propagiert sie ein von Bürokraten gegängeltes Europa.» Seine Kritik gilt dem Wohlfahrtsstaat, der als Weiterführung des Kommunismus zu verstehen sei. Frey leitete denn auch eine SVP-Arbeitsgruppe, die «weniger Sozialismus in der Marktwirtschaft» anstrebte, auch wenn er als Erbe der zweitgrössten Autoimporteurfirma im Schweizer Binnenmarkt jahrzehntelang eine saftige Kartellrente eingefahren hatte. Es ist ein Kampf von 7 Millionen SchweizerInnen gegen 400 Millionen EuropäerInnen. «Ich komme in viele andere Länder und sehe, wie die Leute dort leben. Wir müssen dankbar sein, aber das soll uns Ansporn sein, dass die Schweiz auch weiterhin Spitze ist in Sachen Freiheit und Sicherheit. Es gibt verhängnisvolle Tendenzen. Wir müssen kämpfen, dass wir unabhängig bleiben, dass wir neutral bleiben, dass wir die eigenen Steuergesetze machen können, dass das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer automatisch auf Vertrauen beruht.» Wer Frey reden hört, könnte vergessen, dass die Schweiz seit 1848 mehrheitlich bürgerlich regiert wird.

Als Blocher ihn das erste Mal ins Präsidium holte, versprach er Frey, dieser müsse nur so lange bleiben wie Blocher selbst. «Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich so lange bleibe», sagt Blocher heute. Und doch zeichnet sich ab, dass dieses Versprechen nach der Abwahl Blochers nicht eingehalten werden kann. Am Telefon sagt der alt Bundesrat zur WOZ: «Ich befasse mich momentan vollamtlich mit der Strategie der Partei, dies ist auf Dauer nicht mein Ziel. Ich will in einem halben Jahr, wenn sich die neue Leitung eingespielt hat und die Sache gut läuft, neben der Politik noch anderes tun.» Blocher, politisch kürzertreten? «Ich habe noch keine konkreten Pläne. Aber ich kann mir ein grösseres Engagement in der Wirtschaft auf Kosten der Politik durchaus vorstellen. Ich bin ja in erster Linie Unternehmer. Und wir müssen aufpassen, dass wir alten, erfahrenen Vizepräsidenten unseren neuen, jungen Präsidenten Toni Brunner nicht aus dem Betrieb nehmen.»

Auch Frey soll Brunner nicht aus dem Betrieb nehmen. Er soll vor allem im Hintergrund weibeln. Kontakte schaffen, Geld besorgen. Als Christoph Blocher Walter Frey 24 Jahre nach dem ersten Anruf zum zweiten Mal telefonisch bittet, ein Amt anzutreten, ist Frey ein abgetretener Fraktionschef und emsiger Wahlkampfspender, Blocher ein abgewählter Bundesrat. Beide sind reicher als je zuvor. Beide gehören zur Elite. Zusammen sind sie die treibenden Kräfte einer Revolution, die die Schweiz etwas kälter, etwas härter, etwas fremdenfeindlicher, paranoider und egoistischer gemacht hat; die immerhin klarere Verhältnisse unter den Bürgerlichen geschaffen hat. Für eine sichere Zukunft in Freiheit. Der Kampf geht weiter. Irgendwie. Walter Frey sagt: «Geld ist nicht alles, aber es schafft eine gewisse Bewegungsfreiheit.»

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