Nr. 14/2008 vom 03.04.2008

«Wenn es dem Stadtrat aber wirklich ernst wäre ...»

So viel wie ein Zürcher Polizist verdient, steht auch einer städtischen Pflegefachfrau zu, meint das Bundesgericht. Doch die Stadt Zürich zeigt sich knausrig.

Von Bettina Dyttrich

Sie kommen aus Minsk, Stockholm und Siena - die ReferentInnen des Kongresses «Gleichstellung in den Städten», der am Freitag und Samstag dieser Woche in Zürich stattfindet. Auch aus vielen anderen europäischen Städten sind Gäste eingeladen. Es geht um Stadtplanung, Kinderbetreuung, Gewaltprävention, Migrantinnenprojekte und vieles mehr. Auch Lohngleichheit ist ein Thema. Stadtpräsident Elmar Ledergerber eröffnet den Kongress persönlich am Donnerstagabend im Stadthaus.

Am gleichen Abend demonstrieren die Pflegefachleute, Ergo- und PhysiotherapeutInnen in ihrer weissen Arbeitskleidung gegen die Lohnpolitik der Stadt. «Die Stadt Zürich zeigt sich gleichstellungsfeindlich», sagt Susi Wiederkehr, Aktivistin der Aktion Gsundi Gsundheitspolitik (AGGP) und der KOG (Koordinationsgruppe Trägerinnenschaft Lohngleichheitsverfahren Stadt Zürich), die seit sieben Jahren mit der Stadtregierung über Löhne streitet. Zur KOG gehören neben der AGGP die Zürcher Hebammen-, Ergo- und PhysiotherapeutInnenverbände, die Frauengewerkschaft Schweiz und die Gewerkschaft Syna.

WOZ: Worum dreht sich der Streit mit der Stadt Zürich?

Susi Wiederkehr: Dem Rechtsstreit mit der Stadt ging ein Rechtsstreit mit dem Kanton voraus. Pflegefachleute, Ergo- und Physiotherapeutinnen waren in der kantonalen Besoldungsrevision Anfang der neunziger Jahre zwei Lohnklassen zu tief eingestuft worden. Wir klagten und bekamen 2001 vor dem Verwaltungsgericht Recht. Das Urteil verpflichtete den Kanton zu einer Höhereinstufung um zwei Lohnklassen und zu Lohnnachzahlungen für 1996 bis 2001. Der Zürcher Stadtrat Robert Neukomm versprach damals, dass die Stadt bei den Lohnnachzahlungen das Gleiche tun werde.

Warum geschah es nicht?

Vier Monate später widerrief Stadtrat Robert Neukomm die Zusage. Wir reichten Lohnbeschwerden ein, und der Fall kam bis vor Bundesgericht, wo wir im November 2007 gewannen.

Dann ist jetzt alles gut?

Leider nicht. Damit die durch das Gerichtsurteil fälligen Lohnnachzahlungen nicht verjähren, müssen die Angestellten ihre Ansprüche rechtzeitig mit einer Betreibung sichern. Wir haben 2002 eine Kampagne gemacht, damit möglichst viele Betroffene die Stadt Zürich betreiben. Fast 900 haben das getan. Sie bekommen nun Lohnnachzahlungen für die Jahre 1997 bis 2002. Aber die 1100 Betroffenen, die nicht betrieben haben, sollen leer ausgehen. Das versuchen wir jetzt mit einer Petition an Stadtrat Neukomm zu verhindern.

Warum haben sich damals viele nicht gewehrt?

Wegen Informationsdefiziten, Sprachproblemen - in Gesundheitsberufen arbeiten viele Migrantinnen - oder Angst vor negativen Folgen. Widerstand ist kompliziert, kräfteraubend und braucht Ausdauer. Das nützt die Stadt aus.

Wie sieht die rechtliche Situation der Leute aus, die nicht betrieben haben?

Formaljuristisch ist die Stadt im Recht: Die Ansprüche sind verjährt. Wenn es dem Stadtrat aber wirklich ernst wäre mit der Gleichstellung, müsste er den Verfassungsartikel «Gleiche Rechte für Frau und Mann» höher bewerten als die formaljuristische Argumentation.

Um wie viel Geld geht es?

Die Stadt schuldet den Betroffenen insgesamt etwa fünfzig Millionen Franken.

Warum stellen Sie bei diesem Lohnkampf die Gleichstellung in den Vordergrund?

Es geht nicht um eine Lohnerhöhung im traditionellen gewerkschaftlichen Sinne. Es geht um die Durchsetzung der Gleichstellung der Löhne. Denn die Gesundheitsberufe sind typische Frauenberufe, die - nicht nur bei der Stadt - immer noch Lohndiskriminierungen erfahren. Mit den gewonnenen Lohnklagen beim Kanton und bei der Stadt hat das Gesundheitspersonal Stärke und Durchsetzungsvermögen entwickelt und viel für die Gleichstellung erreicht.

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