Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Chrampfen bis zum Umfallen

Die Coronakrise offenbart, was schon vorher ein Skandal war: Menschen in systemrelevanten Berufen wie dem Gesundheitswesen tragen unter schlechten Arbeitsbedingungen ein Übermass an gesellschaftlicher Last, gesundheitlichen Risiken und Verantwortung.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Hereinspaziert zur gefährlichen Zwölfstundenschicht: Ein Triagezelt bei einem Spital in Lugano. Foto: Alessandro Crinari, Keystone

Freitag, 20. März, 12.30 Uhr: Von den Balkonen brandet Applaus. Die Bevölkerung dankt allen, die in systemrelevanten Berufen dafür sorgen, dass die Gesellschaft soweit wie möglich weiter funktioniert. Speziell jenen, die in diesen Wochen besonders gefordert sind: den Menschen im Gesundheitswesen.

Es ist der Tag, an dem der Bundesrat ein historisches «Wirtschaftspaket» ankündigt: 42 Milliarden Franken für Unternehmen, Kleinbetriebe, Selbstständige, Fest- und Temporärangestellte, die durch die Coronapandemie in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind. Doch zu den Beschäftigten im Gesundheitswesen? Kein Wort. Auch dazu nicht, dass die Landesregierung gleichentags eine Lockerung des Arbeitsrechts für das Personal in den Spitälern beschliessen würde – ohne vorherige Konsultation der Sozialpartner, was historisch einmalig ist.

In der Coronakrise offenbart sich in aller Deutlichkeit: Ausgerechnet jene, die die Grundversorgung aufrechterhalten, müssen schon in gewöhnlichen Zeiten mit schlechten Arbeitsbedingungen klarkommen – und in Krisenzeiten noch weiter über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinausgehen. Die schlechten Arbeitsbedingungen und die sich anbahnende dramatische Personalnot in den Spitälern sind nicht nur dem Virus geschuldet, sondern eine direkte Folge der hiesigen Gesundheitspolitik (vgl. «Geplante Unterversorgung»).

Prekäre Intensivstationen

«In den Spitalabteilungen, die infolge der Covid-19-Erkrankungen eine massive Zunahme der Arbeit erfahren, ist die Geltung der Bestimmungen des Arbeitsgesetzes vom 13. März 1964 betreffend Arbeits- und Ruhezeiten so lange sistiert, wie es die ausserordentliche Lage erfordert»: So heisst es in der Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus, die der Bundesrat im Rahmen der «ausserordentlichen Lage» diktiert hat. Gültigkeit: sechs Monate. Doch nicht nur das: Der Bundesrat will zudem durchsetzen, dass auch Gesundheitspersonal mit Vorerkrankungen weiter zur Ausübung ihrer Tätigkeit verpflichtet werden kann.

Die Reaktion der Gewerkschaft VPOD kam postwendend: Unter dem Titel «Der Bundesrat schickt das Gesundheitspersonal in die Krankheit» zeigt sich der Verband empört. «Genau jene, die zuvorderst im direkten Kontakt mit den Coronakranken sind, sollen über die fünfzig Stunden pro Woche hinaus arbeiten, die nach Arbeitsgesetz ohnehin schon möglich sind.»

Tatsächlich erlaubte bereits das bestehende Arbeitsgesetz in Notsituationen zwei Überstunden pro Tag. Die Pausen mitgerechnet, wären bereits so Sechzigstundenwochen möglich. Wie viele zusätzliche Überstunden sich im Pflegefach durch die Coronapandemie bereits summiert haben, dazu konnte bislang niemand Zahlen nennen. Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Verbands der Pflegefachleute SBK, weiss aber: «In besonders betroffenen Gebieten sind Zwölfstundenschichten schon jetzt keine Seltenheit.»

Prekär wird es gerade auf Intensivstationen, wo für eine sichere Pflege die Einhaltung der minimalen Pausen und Ruhezeiten besonders wichtig ist. Elvira Wiegers vom VPOD spricht von einem «arbeitsrechtlichen Total-GAU»: «Wir erwarten vom Bund eine Klärung darüber und im besten Fall eine Aufhebung der neuen Verordnung.»

Schon bevor sich die Krise zuspitzte, hatte der VPOD Sofortmassnahmen gefordert, darunter etwa: Überstunden sollen 25 Prozent höher vergütet und über Sechzigjährige und gefährdete Personen nicht in Isolationsabteilungen eingesetzt werden. Ausserdem gelte es, kostenlose Kinderbetreuung sicherzustellen oder aber die PartnerInnen der im Gesundheitsbereich Beschäftigten bezahlt freizustellen.

Boris Zürcher vom Staatssekretariat für Wirtschaft sagte am Montag gegenüber den Medien: «Wir gehen davon aus, dass die Spitalleitungen ihre Ressource Personal auch unter diesen Umständen schonend einsetzen. Die Arbeitgeber bleiben in der Fürsorgepflicht gegenüber ihren Angestellten.» Doch wie ist das unter diesen Bedingungen überhaupt möglich – und überprüfbar?

Unersetzbare SpezialistInnen

Erkundigt man sich nach Rückmeldungen von der Front, sagt Wiegers: «Wir nehmen Verunsicherung und Stress wahr. Gleichzeitig ist unser Personal darin geschult, mit schwierigen Situationen umzugehen und jeden Tag mit einer hohen Berufsethik zur Arbeit zu gehen, gemäss derer sie ihre Patienten unter keinen Umständen im Stich lassen würden. Und so chrampfen sie bis zum Umfallen – und vergessen dabei oft ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse.»

Derweil zeichneten sich bereits letztes Wochenende Engpässe auf den Intensivstationen ab. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit wies darauf hin, dass es auch in diesem Bereich «relativ viele Leute» gebe, die unter vorbelastenden Krankheiten leiden. In Italien wurde die Erfahrung gemacht, dass sich bis zu zwanzig Prozent des Personals in den Spitälern mit dem Virus ansteckten. Das wird gerade im Intensivbereich schnell zum Problem, weil sich das dort benötigte hoch spezialisierte Personal nicht einfach so ersetzen lässt.

Am Unispital Zürich (USZ) waren bereits am vergangenen Montag alle Betten einer Intensivstation mit schwerkranken PatientInnen belegt. Für diese Fälle braucht es rund um die Uhr eine Eins-zu-eins-Intensivbetreuung. Laut dem Unispital besteht bislang noch kein Mangel an PflegerInnen – allerdings nur, weil Personal aus dem ganzen Spital zusammengezogen sowie nicht dringende Operationen und Untersuchungen verschoben werden. Laut Angaben der Spitalleitung gilt am USZ bis jetzt auch noch kein Ferienstopp: «Erst wenn die Situation derart angespannt ist, dass es keine andere Lösung gibt, wird die Spitalleitung von der Lockerung des Arbeitsgesetzes Gebrauch machen.»

Inzwischen melden sich Tag für Tag ehemalige Pflegefachpersonen, um ihre einstigen BerufskollegInnen zu unterstützen. Allein beim Kantonsspital Luzern haben sich laut dem SBK über tausend Leute mit einer Ausbildung im Gesundheitswesen gemeldet; im Kanton St. Gallen waren es bis Montag rund 500, ebenso im Kanton Thurgau. Graubünden und Zürich haben gar eine «Zwangsrekrutierung» des ehemaligen Fachpersonals verfügt, und im Kanton Freiburg kam es zur Beschlagnahmung von Privatkliniken und deren Personal. Zudem werden laufend Hunderte von MedizinstudentInnen, Studierenden weiterer Gesundheitsberufe, Zivil- und Militärdienstleistenden sowie ÄrztInnen aus Bereichen wie Orthopädie oder Gynäkologie, die derzeit nur beschränkt praktizieren können, rekrutiert.

Die hohe Zahl von ehemaligen PflegerInnen, die sich melden, offenbart, wie viele den Beruf schon nach wenigen Jahren aufgegeben haben (laut dem SBK rund die Hälfte). Dass über achtzig Prozent davon Frauen sind, sagt viel darüber aus, wie schwierig es im Pflegeberuf ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Diesen Eindruck bestätigt Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin der Ostschweizer Sektion des SBK: «Unter den Ehemaligen, die sich bei uns melden, sind viele Mütter, die nun Zeit haben, um auszuhelfen, da ihre Partner derzeit nicht oder nur beschränkt arbeiten können. Das zeigt: In unserer Branche gibt es sehr viele Frauen, die ihren Job aufgegeben haben, weil die Rahmenbedingungen nicht familienverträglich sind. Ich bedaure sehr, dass man erst jetzt, durch dieses Virus, die Notwendigkeit von mehr Fachkräften sieht.»

Kräftezehrender Zeitdruck

Katharina Eichenberger ist eine der ehemaligen Pflegefachpersonen, die dem Aufruf der Ostschweizer SBK-Sektion gefolgt sind. Kurz zuvor hatte sie schon auf den Aufruf eines Alterszentrums reagiert. Auch in der Altenpflege droht ein grösserer Notstand: PflegerInnen der Spitex wie auch in Heimen sind besonders ansteckungsgefährdet, da physischer Kontakt mit den PatientInnen auch unter den jetzigen Umständen unumgänglich ist und es an Schutzmaterial mangelt.

Eichenberger wartet nun auf ihren Einsatz. Nach 25 Jahren als Pflegefachfrau, zuletzt als Spitex-Angestellte, ist sie 2013 aus dem Beruf ausgestiegen und hat sich inzwischen als Naturheilpraktikerin selbstständig gemacht. Als Hauptgrund für den Wechsel nennt sie eine «gewisse Ermüdung»: «Der permanente Zeitdruck und die bürokratischen Zusatzaufgaben waren kräftezehrend. Als grössere familiäre Verpflichtungen dazukamen, fehlte mir auch die Kraft, mich für bessere Bedingungen in unserem Beruf einzusetzen.»

Dass sie in der «ausserordentlichen Lage» ihren Beruf als Naturheilpraktikerin nicht mehr ausüben kann, ist aber nicht der Hauptgrund, weshalb sich Eichenberger als Pflegerin zur Verfügung stellt: «Ich weiss, was das heisst, wenn man als Pflegefachfrau permanent überlastet ist. Daher ist es für mich eine Herzensangelegenheit, meine ehemaligen Berufskolleginnen unterstützen zu können – da geht es um direkte Solidarität.»

Dass es in den kommenden Wochen trotz der vielen Rückkehrerinnen, Studenten und Aushilfen nicht ohne zusätzlichen Effort des Pflegepersonals gehen wird, ist zu befürchten. Was aber nicht geschehen darf: dass dies zum Normalfall wird.

«Es wird in diesen Zeiten allen klar, wie systemrelevant das Pflegepersonal ist», sagt Yvonne Ribi vom SBK. «Nach dieser Krise muss die Politik die Weichen richtig stellen. Es braucht eine Ausbildungsoffensive, damit wir auch in Zukunft genügend Pflegefachpersonen haben. Und es braucht Massnahmen, um das Pflegepersonal länger im Beruf zu halten. Viele wichtige Anliegen bringen wir seit Jahren vor, auch im Rahmen der Initiative für eine starke Pflege.» Aktuell werden laut dem SBK mit rund 3000 Lernenden nicht einmal die Hälfte des Bedarfs ausgebildet – und selbst dieser wird sich aufgrund der demografischen Entwicklung laufend vergrössern.

Auch der VPOD fordert, nicht länger die Augen davor zu verschliessen, dass sich das Gesundheitswesen nicht erst seit der Coronakrise aufgrund der unzureichenden Finanzierung in Schieflage befindet: «Das Gesundheitspersonal verdient die volle Anerkennung – nicht nur in Form von regelmässigen Balkonapplausen, sondern auch von mehr Mitspracherechten, von guten Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen.» Die Gewerkschaft hat innert zwei Tagen für eine Petition über 40 000 Unterschriften gesammelt, in der sie fürs Pflegepersonal unter anderem eine «Gefahrenzulage» fordert.

Aussprache mit dem Bundesrat

Dass sich die Pflege von Menschen nicht als Fliessbandarbeit praktizieren lässt, scheint inzwischen gar der ansonsten überaus marktliberale französische Staatspräsident Emmanuel Macron einzusehen: «Diese Pandemie hat jetzt schon deutlich gemacht, dass es Güter und Dienstleistungen gibt, die ausserhalb der Marktgesetze gestellt werden müssen», sagte er letzte Woche. Jetzt ist auch die Schweizer Politik gefordert – und die Stimmberechtigten, wenn es dereinst darum gehen sollte, einer «Pflegeinitiative» zuzustimmen. Hände waschen und vom Balkon applaudieren genügt nicht.

Inzwischen ist es zwischen Gewerkschaftsbund und Bundesrat zur Aussprache gekommen. Am Mittwoch gab Wirtschaftsminister Guy Parmelin (SVP) einzig bekannt, dass alle Überstunden im Gesundheitswesen entschädigt werden müssen. Womit die Frage des Gesundheitsschutzes des Personals – zumindest bis Redaktionsschluss – weiter ungeklärt bleibt.

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