Nr. 14/2008 vom 03.04.2008

Kein Korsar, kein Psychiater und 110 Raubkatzen

5. Folge: Der Nullentscheid und der Tiger Nach dem Mirage-Skandal 1964 tut sich die Flugwaffe schwer, die aus ihrer Sicht dringend benötigten neuen Kampfjets zu beschaffen. 1972 weigert sich der Bundesrat gar, einen fixfertig vorbereiteten Kaufvertrag zu unterschreiben. Schliesslich reichts 1976 nur für einen eher schwächlichen Zweitklassjet: den F-5 Tiger.

Von Roman Schürmann

Den «verrückt gewordenen Gernegross» haben sie es aber gezeigt. Die Sozialdemokraten sehen sich als Gewinner aus dem Mirage-Skandal hervorgehen und feiern die von Bundesrat und Parlament im Jahr 1966 verabschiedete neue Verteidigungskonzeption für die Armee als ihren Sieg.

Ein Sieg gegen wen? Die «verrückt gewordenen Gernegross», wie sie im Schaffhauser «Wochenexpress» 1966 bezeichnet werden, das sind diejenigen, die die Schweizer Armee unter anderem mit Hunderten von modernen, teuren Mirage-Kampfjets ausrüsten wollten, um den anrückenden Feind in die Flucht schlagen zu können. Oder um ihn schon bei sich zu Hause mit Atombomben zu bewerfen.

Das hat nicht geklappt, sondern 1964 zum Skandal geführt - statt den im Jahr 1961 bestellten 100 Mirage reichts 1964 trotz grosser Zusatzkredite nur für 57 Stück des französischen Edelteils (siehe 4. Folge dieser Serie). Damit ist aber auch der Versuch gescheitert, eine Armee aufzustellen, die es mit jedem Gegner aufnehmen kann, wie es die vom Parlament vier Jahre zuvor genehmigte Truppenordnung 61 (TO 61) verlangt hat. Zudem zeigt der Skandal auf, wie unhaltbar die Zustände im Militärdepartement sind und wie unbedacht der Gesamtbundesrat gehandelt hat. Das Vertrauen von Bevölkerung und Parlament in den Bundesrat ist erschüttert.

Während eine von Kurt Furgler, CVP-Nationalrat und zukünftiger Bundesrat, angeführte Parlamentarische Untersuchungskommission noch im Herbst 1964 die politischen Trümmer wegräumt, dauert es zwei Jahre, bis die militärische Zukunft der Schweiz einigermassen geklärt ist: Am 6. Juni 1966 stellt der Bundesrat die Verteidigungskonzeption 66 vor, im September begrüssen die Räte sie fast einhellig. Auch die bürgerlichen Politiker loben den Geist realistischer Selbstbeschränkung, der die neue Konzeption durchdringe. Etwas zerknirscht sind sie allerdings schon, haben sie doch erst vor kurzem mit der TO 61 eine Strategie verabschiedet, die sie als unabdingbar für das Überleben der Schweiz apostrophierten und die daraufhin den Mirage-Skandal provoziert hat.

Die neue Armeestrategie erscheint im Vergleich zur alten, wie sie in der TO 61 definiert wurde, tatsächlich pragmatisch und günstig. Sie verzichtet darauf, einen einfallenden Gegner vernichten zu wollen, sondern knüpft ans Prinzip an, das - so will es die Legende - das Land bereits heil durch den Zweiten Weltkrieg gebracht hat: Der sogenannte Eintrittspreis soll so hoch sein, dass es für Feinde nicht attraktiv ist, die Schweiz anzugreifen und einzunehmen. Geld steht dazu nicht mehr so viel zur Verfügung: «Die finanziellen Einschränkungen einerseits, die steigenden Kosten anderseits zwingen dazu, noch konsequenter auf alles bloss Wünschenswerte zu verzichten», schreibt der Bundesrat. Zur Abschreckung - oder genauer: zur Dissuasion, wie das Konzept bald genannt wird - reiche eine mittelmässig gerüstete, dafür personell sehr stark dotierte Armee mit über einer halben Million Wehrmännern, hält die Konzeption 66 fest.

«Für jetzt haben wir eine saubere Marschroute vor uns», sagt Nationalrat Walther Bringolf zur Konzeption 66. Bringolf hat bis 1962 die SP präsidiert und bereits am 2. Juni 1964, auf dem Höhepunkt des Mirage-Skandals, den Bundesrat mit einer Motion aufgefordert, die Verteidigungsdoktrin der Schweizer Armee zu überprüfen. Doch was haben die Sozialdemokraten wirklich gewonnen?

Was die SP als ihr eigenes Programm ausgibt, ist eigentlich die zentrale Maxime schweizerischer Rüstungsbemühungen seit der Gründung der Fliegertruppe, die aus Kostengründen verschoben und dann 1914 nur dank Spenden der Bevölkerung möglich wurde. Sie gilt auch fast neunzig Jahre später noch, wie das Votum des Schwyzer CVP-Nationalrats Toni Eberhard vom 3. Juni 2003 bei den Beratungen zum Rüstungsprogramm zeigt: «Mit 407 Millionen Franken kann die militärische Modernisierung und Erneuerung, wie sie im Armeeleitbild vorgesehen ist, nicht erreicht werden, aber ausgerichtet auf die finanziellen Rahmenbedingungen und die Sparbemühung des Bundes mussten Prioritäten gesetzt werden.» Genau aus solchen finanzpolitischen Überlegungen stehen die bürgerlichen Parteien auch geschlossen hinter der Konzeption 66. Der scheinbare SP-Sieg über «die verrückt gewordenen Gernegross» ist eher die gemeinsame Rückkehr zur helvetischen Normalität.

Erst Anfang der achtziger Jahre kommen den SozialdemokratInnen Zweifel, ob die «Marschroute» wirklich stimmt, denn besonders günstig sind die Flieger und Panzer, die gemäss Konzeption 66 doch noch nötig sind, nicht. Als in Berlin im November 1989 die Mauer fällt, der Kalte Krieg vorbei ist, verabschieden sich die SozialdemokratInnen endgültig vom eingeschlagenen Weg, der jetzt auch aus militärischer Perspektive keinen Sinn mehr ergibt.

Die bürgerlichen PolitikerInnen und die Militärs halten dem roten Feind aus dem Osten die Treue wesentlich länger. Vielleicht spielen dabei auch nostalgische Gefühle eine Rolle, entscheidend ist jedoch, dass sie keine neuen Aufgaben für die Armee finden, die kostspielige Rüstungskäufe legitimieren würden.

Im Jahr 2006 schreibt die NZZ, die der Konzeption 66 zugrunde liegenden Denkfiguren versperrten «teilweise noch heute das Akzeptieren der Tatsache, dass sich die Welt im Allgemeinen und Europa im Besonderen so grundlegend verändert haben, dass jahrhundertealte, angeblich identitätsstiftende Organisationsmuster unbedingt weiterentwickelt und angepasst werden müssten».

Nahe an ihre Vollendung kommt die Konzeption 66 am 6. Juni 1993, als die Stimmbevölkerung die «Stop F/A-18»-Initiative ablehnt. Somit können die 34 US-amerikanischen Kampfjets vom Typ F/A-18 wie vorgesehen bestellt werden. Die selbst ernannten Sieger vom 6. Juni 1966 haben exakt 27 Jahre später verloren.

1

Zurück ins Jahr 1966 - was bedeutet die neue Armeestrategie für die Schweizer Flugwaffe? Immerhin erhält sie bis 1970 einige topmoderne Mirage, wenn auch nicht in der erhofften Menge. Und polyvalent sind sie auch nicht. Das heisst, die Mirage sind keine Alleskönner, sind nicht, wie vorgesehen, für alle Aufgaben einsetzbar. Nur 36 eigentliche Kampfjets stehen bereit, 18 Mirage dienen zur Aufklärung. Die Beschiessung von Bodenzielen wird anderen, ältlichen Flugzeugen überlassen. Die sogenannte Polyvalenz hätte noch viel mehr gekostet.

Die Konzeption 66 weist der Flugwaffe nur noch wenige Aufgaben zu. Nicht mehr bekämpft werden Ziele am Boden ennet der Grenze. Und die eigenen Bodentruppen können nicht auf grosse Hilfe von oben zählen. Die Flieger sollen «dem Gegner die Luftaufklärung und den Angriff auf unsere Truppen innerhalb eines beschränkten Raumes und während einer begrenzten Zeit verwehren oder mindestens erschweren».

Dafür reichen die Mirage, die behäbigen Hunter und die alten Vampire und Venom nicht. Darum wird eine neue Kommission für die Beschaffung von Kampfflugzeugen eingesetzt. Nachdem die Verfechter einer einheimischen Flugzeugindustrie ein letztes Mal vergeblich den (verbesserten) P-16 aus Altenrhein vorgeschlagen haben, beginnt 1967 das Auswahlverfahren. Es gestaltet sich zäh. Weil nicht so ganz klar ist, ob der neue Flieger vor allem Bodenziele beschiessen oder aber den Luftraum vor Eindringlingen schützen soll. Und weil die Lehren aus dem Mirage-Beschaffungsskandal sehr gründlich gezogen werden und sogar ein Computer eingesetzt wird, um aus den rund zwanzig zur Auswahl stehenden Flugzeugen aus den USA, aus Britannien, Frankreich, Schweden und Italien den richtigen Kampfjet zu finden; immer wieder scheiden einige Typen aus, dafür werden neue evaluiert. Das «Volksrecht» schreibt am 19. Januar 1970: «Die heutige Flugzeugbeschaffung hat an allen Ecken und Enden unter dem Mirage-Komplex zu leiden, für dessen Beseitigung man in Bern offenbar noch keinen Psychiater gefunden hat.»

1969 schaffen es der US-amerikanische Corsair A-7 G und der italienische Fiat G-91 Y («Gina») ins Finale. Die Presse verfolgt das Rennen intensiv. Das Militärdepartement favorisiert den Corsair, doch der nationalrätlichen Militärkommission ist er zu teuer, und er erinnert sie an den Mirage-Skandal. Das Auswahlverfahren zieht sich in die Länge. Deshalb entschliessen sich die Militärs im November 1970, dreissig weitere Hunter für günstige 105 Millionen Franken zu kaufen, um die Lücke, die durch die lange Evaluation entsteht, zu schliessen. Gegner dieser Beschaffung argumentieren, die Hunter seien bereits derart alt, dass bald hohe Zusatzkosten anfielen, um sie flugtauglich zu halten. Das Parlament bewilligt den Kauf 1971; der Ständerat im Frühling einstimmig, der Nationalrat im Sommer mit hundert zu vier Stimmen. Währenddessen geht die Evaluation weiter, die Lobbyisten sind eifrig, die SP schlägt den schwedischen Saab 105 vor, da er am wenigsten kostet (und den die Österreicher 1970 erwerben).

Der Bundesrat zögert, wählt am 21. Juni 1971 zunächst wieder zwei Flugzeuge aus, die weiter geprüft werden sollen: doch wieder den Corsair, den die Hunter-Piloten aus Dübendorf seiner Erdkampfstärke wegen wollen, und den französischen Mirage Milan (eine extra für die Schweiz produzierte, aufdatierte Version des Mirage mit kleinen, schnauzartigen Flügeln vorne am Rumpf), den die Mirage-Piloten aus Payerne seiner Luftkampfstärke wegen wollen. Ende November gibt der Bundesrat bekannt, noch einmal neue Angebote der zwei Herstellerfirmen sowie weitere Versuchsflüge und Kontrollen abzuwarten, um dann 1972 (statt wie einst geplant 1969) das neue Schweizer Kampfflugzeug zu bestimmen.

Die Stimmung vor dem erwarteten Entscheid des Bundesrats ist eigenartig diffus. Einige finden, die Schweizer Armee sei sowieso zu schwach und deshalb auf Gedeih und Verderb der Nato und (vor allem) dem Warschauer Pakt ausgeliefert; andere dagegen glauben, eben diese Blöcke neutralisierten sich mit ihren gigantischen Atomwaffenarsenalen derart zuverlässig, dass mit Krieg gar nicht mehr zu rechnen sei, auf jeden Fall nicht in Europa. Doch für die meisten steht ausser Frage, dass es fahrlässig wäre, die Flugwaffe jetzt nicht zu verstärken.

1972 wehrt sich der Bundesrat gegen Forderungen, jetzt auch noch den britischen Harrier genauer anzuschauen. Die Kommission für militärische Landesverteidigung schlägt im August 1972 vielmehr vor, für 1300 Millionen Franken sechzig Corsair zu erwerben. Mirage-Hersteller Daussault und die französische Regierung sind erzürnt über diesen für sie negativen Vorentscheid und protestieren offiziell; unzeitgemäss, deplatziert, ja grotesk sei dies, heisst es in der Schweiz. Dreinreden lässt man sich nicht, auch wenn man sich von den Lobbyisten gerne umschmeicheln lässt. Der Bundesrat weist den Protest zurück, gleichzeitig gibt Rüstungschef Heiner P. Schulthess seinen Rücktritt bekannt. Dem vehementen Corsair-Unterstützer werden enge Bindungen zur US-amerikanischen Flugzeugindustrie vorgehalten, für die er einst als Ingenieur tätig war.

Also geht es nicht: Der Bundesrat ist immer noch vom Mirage-Skandal gelähmt, schon wieder geht es um sehr viel Geld, und die Frage, welche Aufgabe das neue Flugzeug erfüllen soll, ist immer noch nicht beantwortet. Ausserdem scheut sich der Bundesrat, einen der beiden rivalisierenden und hartnäckigen Flugzeuganbieter aus Frankreich und den USA zu enttäuschen. Am 9. September kommt es deshalb zum (für einige Zeit) berühmten «Nullentscheid» - im Moment will der Bundesrat gar keine neuen Kampfjets, obwohl der Corsair-Kauf bis zum letzten Ersatzteil vorbereitet ist. Der offizielle Grund: Die Flugzeuge sind zu teuer.

Die SP jubelt wieder, weil sie ihren Sparkurs bestätigt sieht; Armeefans sind enttäuscht, sprechen von einem «neuen Marignano» (im Jahr 1515 wurden die Eidgenossen dort vernichtend geschlagen) und lancieren eine Petition «Für eine starke Armee». Der Bundesrat beantragt im November 1972 stattdessen, noch einmal dreissig alte Hunter, die die Royal Air Force nicht mehr benötigt, für 136 Millionen Franken zu erwerben. Daraufhin tritt Fliegerchef Eugen Studer zurück, da er nicht länger «Wärter in einem Antiquitätenmuseum» sein wolle. Das Gerücht macht die Runde, auch Militärminister Rudolf Gnägi (SVP), der sich vehement für neue Flugzeuge eingesetzt hat, werde nach seiner klaren Niederlage im Bundesrat gegen Finanzminister Nello Celio (FDP)demissionieren (was er nicht tut). Mit dem Rüstungsprogramm 1973 bewilligt das Parlament den Hunter-Kauf.

Damit hat die Fliegertruppe total 160 Hunter, bis zur Ausmusterung des letzten Hunters (der auch der allererste war) Ende 1994 stürzen allerdings 27 ab, dabei kommen fünfzehn Piloten sowie ein Fotograf und zwei Buben ums Leben, zwölf Piloten können sich per Schleudersitz retten. Ausserdem löst ein Mechaniker am 14. April 1965 bei der Halbjahreskontrolle am Boden unabsichtlich den Abschussmechanismus eines Schleudersitzs aus, er stirbt zwei Monate später an den Folgen des Unfalls. Aber die Piloten fliegen den Hunter gerne. Auch die Kunstflugstaffel der Schweizer Armee, die Patrouille Suisse, fliegt von 1964 bis 1994 auf Hunter, unfallfrei.

2

Die Verteidigungskonzeption 66 gab der Armee einen strategischen Rahmen vor, sieben Jahre später kommt mit dem bundesrätlichen Bericht zur Sicherheitspolitik am 27. Juni 1973 der ideologische Mörtel hinzu. Nicht nur der Mirage-Skandal samt konzeptionellen Folgen ist zu bewältigen, sondern auch die gesellschaftlichen Umbrüche, die heute unter der Chiffre 1968 zusammengefasst werden.

Der Bericht 73 beruht grösstenteils auf der Vorlage der Studienkommission für Strategische Fragen, die von Karl Schmid, Germanistikprofessor und Generalstabsoberst, geleitet wurde. Er geht ausschliesslich von einer Bedrohung durch einen militärischen Feind aus und ignoriert andere Gefahren - etwa Ressourcenknappheit, Pandemien, organisierte Kriminalität, ökonomische Instabilitäten - komplett. Klar, dass die Armee weiterhin als wichtigstes Mittel der Sicherheitspolitik eingestuft wird. Nur an wenigen Stellen ist der Bericht von einem SP-Grundlagenpapier zur Friedenspolitik beeinflusst, das insbesondere auf eine aktive, friedensfördernde Aussenpolitik und eine soziale Innenpolitik pocht. Damit, so der verantwortliche Redaktor des Berichts 73 und hohe Offizier Gustav Däniker, könne die «SP auf Landesverteidigungskurs» gehalten werden.

Der Bericht, so Däniker, sei möglichst «jugendfreundlich» verfasst worden, denn die Wehrmoral soll wieder gesteigert werden. Das kommt nicht von ungefähr. Immer mehr junge Menschen wehren sich gegen die totale Landesverteidigung, wie sie seit dem Zweiten Weltkrieg propagiert wird und die von allen BürgerInnen alle verfügbaren Kräfte zur Bewahrung des bedrohten Vaterlands fordert. Nicht nur, weil sie vor dem Hintergrund eines jederzeit möglichen apokalyptischen Atomkriegs ziemlich sinnlos erscheint. Für beträchtlichen Unmut sorgt 1969 auch das im Auftrag des Bundesrats an alle Haushalte verteilte Zivilverteidigungsbüchlein, das in permanenter Erwartung des Kriegs die Bevölkerung auf die Jagd nach Spioninnen und Saboteuren schickt und auf das Überleben im Atomkrieg vorbereitet. Galt bei der Mirage-Beschaffung noch die Devise: Atombomben nach Moskau, heisst es jetzt prosaischer: Atombunker in Melchnau.

Ende der sechziger Jahre verweigern plötzlich viel mehr Männer den Militärdienst, Soldatenkomitees machen sich für einen demokratischen Dienstbetrieb stark. Eine von Bundesrat Gnägi 1969 eingesetzte Kommission, die vom Generaldirektor der Firma Knorr, Heinrich Oswald, geleitet wird, versucht, Vorschläge «für eine kriegstaugliche Ausbildung und für zeitgemässe militärische Umgangsformen» zu formulieren. Die Oswald-Kommission empfiehlt im Juni 1970 unter anderem, die preussische Achtungsstellung ebenso abzuschaffen wie die Pflicht der Soldaten, ihren Kompaniekommandanten mit «Herr Hauptmann» anzureden. Der Bericht wird von vielen Offizieren abgelehnt und nur zaghaft umgesetzt. Anfang 1972 wird die sogenannte Münchenstein-Initiative eingereicht, die einen Zivildienst für religiös und ethisch motivierte Verweigerer vorsieht (sie scheitert 1977 deutlich an der Urne), im Herbst geht die Abstimmung über eine Initiative, die ein Waffenausfuhrverbot verlangt, ganz knapp verloren. Die allmächtige Armee erscheint leicht angekratzt. Dass der Bundesrat im selben Jahr seinen Nullentscheid zur Kampfjetbeschaffung fällt, ist auch vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Tatsächlich verwendet der Sicherheitsbericht 73 eine nicht allzu militärische Sprache und nimmt auch Bezug auf nichtmilitärische Faktoren, doch gerade die von linker Seite gewünschte Aufwertung aussenpolitischer Möglichkeiten behandelt er nur am Rand - zu stark ist die Konzeption der Gesamtverteidigung (wie der Bericht im Untertitel heisst) auf das Schema der bewaffneten Neutralität fixiert und rückwärts gerichteten Denkfiguren verpflichtet: «Der Friede ist im Gegensatz zur Unabhängigkeit für sich allein kein Ziel», heisst es etwa.

Dennoch kommt der Bericht gut an, im Nationalrat finden sich nur fünf entschiedene Kritiker. Der liberale Publizist Oskar Reck schreibt in den «Basler Nachrichten» vom 15. Juni 1974: «Das Sicherheitskonzept als solches bewirkte einen rhetorischen Schulterschluss, wie man ihn auf diesem Gebiet sonst nur im Zustand nationaler Bedrohung erlebt.»

Der Sicherheitsbericht beendet die durch den Mirage-Skandal ausgelöste politische Krise endgültig. Zwar berücksichtigt er die begrenzten Ressourcen des Kleinstaats, doch die Armee büsst von ihrer überragenden Bedeutung nur wenig ein. Damit ist es gelungen, das Konstrukt der ebenso immerwährenden wie bewaffneten Neutralität samt der Institution Milizarmee durch die Wirren der sechziger und frühen siebziger Jahre zu bringen. In den nächsten Jahren ist die Armee kaum ein Thema. Ein «Zwischenbericht» von 1979 erwähnt zwar auch mögliche wirtschaftliche Gefahren, warnt aber ausdrücklich davor, die militärische Bedrohung weniger ernst zu nehmen.

3

1973 wird im November und Dezember der militärische Flugbetrieb um zwanzig Prozent reduziert - wegen des Yom-Kippur-Kriegs zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn ist der Treibstoff knapp. Und da einerseits Ägypten mit grossem Erfolg seine mobilen Flugabwehrraketen einsetzt und anderseits die israelische Luftwaffe viele feindliche Jets am Boden zerstört, bittet SP-Präsident Helmut Hubacher den Bundesrat, sich zu überlegen, ob es die Schweizer Flugwaffe überhaupt noch brauche - sie würde von einem Angreifer ja sowieso sofort ausgeschaltet.

Die Frage ist berechtigt, das bestätigt auch der spätere Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen Walter Dürig, der 2002 auf die siebziger Jahre zurückblickt: «Ein überraschender feindlicher Schlag gegen die Infrastruktur hätte sich gravierend auswirken können.» Bereits zu Beginn des Sechstagekriegs 1967 war es der israelischen Luftwaffe in einer dreistündigen Operation gelungen, die Startpisten und fast die gesamte ägyptische Flotte von 385 modernen Kampfjets am Boden zu zerstören.

In der Schweiz stehen die Flugzeuge geschützt in Hangaren. Doch was tun, wenn die ordentlichen Pisten nicht mehr benutzt werden können? Erstmals am 16. September 1970 werden Autobahnstarts geübt. Ein paar Venom starten von 12 bis 15 Uhr auf der N 1 (heute A 1) östlich der Ausfahrt Oensingen. Eigentlich ist die Aktion geheim, dennoch sind viele Schaulustige dabei, die Medien berichten. Auf dem 3,5 Kilometer langen präparierten Autobahnabschnitt ist die Fläche zwischen den beiden Fahrbahnen asphaltiert, die Leitplanken sind demontierbar. Später finden an insgesamt vier Standorten weitere Übungen statt, und in den Alpen werden die Kavernen und Flugpisten ausgebaut.

Natürlich brauche es die Flugwaffe weiterhin, findet der Bundesrat. Nach dem Nullentscheid vom September 1972 ist ihm auch bald klar, welche Eigenschaft der neue Flieger in erster Linie haben muss: Er darf nicht viel kosten. Daraus ergeben sich alle weiteren Bedingungen. So sollen bis 1980 sogenannte Raumschutzjäger (eine helvetische Wortschöpfung speziell für den neuen Kampfjet) die gemäss Konzeption vorgesehene Aufgabe, eine zeitlich und räumlich begrenzte Luftüberlegenheit herzustellen, erfüllen. Der Erdkampf wird dem Hunter überlassen. Fliegerchef Dürig in der Rückschau: «Die Hunter-Piloten hätten ihre Feuerunterstützungsmissionen sicher mit grossem Mut erfüllt. Aufgrund des Leistungsprofils wäre aber die Verlustquote solcher Missionen hoch gewesen. Darüber waren sich alle Beteiligten im Klaren.»

Diesmal geht es ziemlich schnell: Vier Modelle aus Britannien, Frankreich, Schweden und den USA werden daraufhin getestet, ob sie auch von Milizpiloten leicht zu fliegen sind, ein optimales Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen, in die Kavernen der Gebirgsflugplätze passen und in Lizenz gebaut werden können. Am besten erfüllt das Angebot der US-Firma Northrop die Bedingungen. Am 27. August 1975 beantragt der Bundesrat, für 1,17 Milliarden Franken 72 der eher simplen, dafür vergleichsweise günstigen F-5 Tiger zu kaufen. Damit setzt er explizit nicht auf ein Hochleistungsflugzeug wie damals beim Mirage. Und er verzichtet auf einen Lizenzbau, weil dieser zu teuer ist. Die einheimische Flugzeugindustrie ist empört. Die Tiger sollen in Emmen lediglich aus angelieferten Grossteilen zusammengesetzt werden, diese Endmontage garantiert während vier Jahren siebzig Arbeitsplätze. Zusätzlich werden Kompensationsgeschäfte in der Höhe von dreissig Prozent der Kaufsumme vereinbart (vgl. Artikel "Kampfjets für die Industrie").

Northrop entwickelte bereits in den fünfziger Jahren das Projekt N-156. Zwar hatte die US Air Force kein Interesse, als der leichte Düsenjäger im Januar 1956 präsentiert wurde. Doch 1962 wählte das Pentagon das Modell für ihr Military Assistance Program aus: Als F-5A Freedom Fighter wurde der Kampfjet verbündeten Staaten zu günstigen Bedingungen verkauft. Ein weiterentwickelter Typ F-5E Tiger II hebt am 11. August 1972 erstmals ab und wird bis 1985 produziert. Die USA selbst setzen den F-5, da zu schwach, nur als Trainingsmaschine ein, er verkauft sich aber gut 2200-mal in über dreissig Länder.

Der Ständerat stimmt dem Kauf der Tiger im Dezember 1975 zu, der Nationalrat im März 1976 - mit fast allen SP-Stimmen. Dennoch dauert die Debatte lange. Kritisch kommentiert werden die unsauberen Praktiken von Northrop bei anderen Geschäften und die zögerliche Bereitschaft der Firma, die Kompensationsgeschäfte zu realisieren. CVP-Nationalrat Edgar Oehler: «Wenn ich in diesem Zusammenhang einen Seitenblick auf ähnliche Kompensationsabkommen zwischen den USA und anderen europäischen Staaten werfe, dann mahnen jene Abkommen beziehungsweise deren Nichteinhaltung uns zur Vorsicht.» Tatsächlich laufen die Gegengeschäfte zunächst schlecht; 1994 bilanziert das Militärdepartement aber: «Alle bisher abgeschlossenen Abkommen wurden erfüllt oder übertroffen. So wurden beim Kauf des Tiger F-5 in zwei Tranchen Gegengeschäfte für 721 Millionen Franken gemacht», das sind über 37 Prozent des Kaufpreises.

Am 22. August 1978 landet erstmals ein US-amerikanisches Grossraum-Transportflugzeug Lockheed Galaxy in Emmen mit in Grossteile zerlegten Tigern im Bauch, was viele ZuschauerInnen anlockt. Und am 4. Juni 1981 bewilligt das Parlament den Kauf von weiteren 38 Tiger für 770 Millionen Franken. Die SP ist diesmal gespalten, empfiehlt Stimmfreigabe, die sozialdemokratischen Nationalrätinnen und Ständeräte nehmen schliesslich nicht an der Abstimmung teil, der Nationalrat bewilligt das Geschäft mit 111 zu 8 Stimmen.

Und plötzlich taucht wieder ein Projekt für einen in der Schweiz entwickelten Kampfjet auf. 1979 stellt der Ingenieur Georges Bridel «die vielleicht wegweisende Projektstudie Piranha» vor, wie sie in einer deutschen Fachzeitschrift beschrieben wird. Zusammen mit einem Team aus zivilen und militärischen Spezialisten will er dank moderner Miniaturisierungstechnik ein kleines und leichtes Überschallkampfflugzeug bauen, das überzeugende Flug- und Waffenleistungen aufweisen - und vor allem billiger als herkömmliche Jets sein soll. Denn Bridel hat festgestellt, dass sich insbesondere kleinere Länder die aktuellen und teuren fliegenden Waffensysteme nicht mehr in genügender Stückzahl leisten können. Er gründet 1981 die Arbeitsgruppe für Luft- und Raumfahrt (ALR) in Zürich und entwickelt den Piranha weiter. Dieser fliegt sogar als ferngesteuertes Modell, gerät dann aber rasch in Vergessenheit. Heute macht der Piranha höchstens noch ab und zu in einschlägigen Internetforen von sich reden.

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