Nr. 12/2008 vom 20.03.2008

Mit der Fata Morgana im Feindesland

4. Folge: Der Mirage-Skandal Der französische Düsenjäger Mirage III ist sehr schnell und sehr gefährlich. Die Schweizer Armee muss ihn haben. Koste es, was es wolle.

Von Roman Schürmann

«Bei der Vorbereitung und Durchführung der Mirage-Beschaffung aufgetretene Schwierigkeiten [sind] in allererster Linie auf einen grundsätzlichen Fehler zurückzuführen. Dieser Fehler besteht in der Verkennung der ganzen Problematik, die die Beschaffung eines Hochleistungsflugzeuges darstellt.»
Armeeinterner Untersuchungsbericht von 1965

Der Mirage-Skandal ist ein helvetisches Lehrstück. Für das politische System der Schweiz, das von den bürgerlichen Parteien dominiert wird, markiert er einen Wendepunkt. Er zeigt, wohin es führt, wenn den Militärs und ihren politischen Verbündeten freie Hand gelassen wird. Er zeigt, wie schnell scheinbar unverrückbare Prinzipien zerbröckeln können und wie relativ Wahrheit ist. Und er zeigt, wie grosse Politiker agieren.

Im Frühling 1964, drei Jahre nachdem das Parlament für knapp eine Milliarde Franken hundert Mirage-Kampfjets bestellt hat, gibt der Bundesrat bekannt, dass der bewilligte Kredit nirgends hinreiche und gewaltige Zusatzkredite nötig seien. Parlament und Öffentlichkeit sind entsetzt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Bundesstaats wird eine Parlamentarische Untersuchungskommission (Puk) eingesetzt. Statt 100 Mirage werden schliesslich nur noch 57 gekauft, womit das aktuelle Konzept zur militärischen Landesverteidigung in sich zusammenfällt.

Das Lehrstück hat auch einen Helden. Kurt Furgler, St. Galler Nationalrat, ist damals Fraktionschef der Konservativ-Christlichsozialen Volkspartei (die spätere CVP). In einer scheinbar ausweglosen Situation findet er die Lösung: den Entscheid über den Zusatzkredit vertagen. Der Nationalrat wählt ihn zum Puk-Chef; die Arbeitsgruppe Furgler, wie sie auch genannt wird, schmiedet den Kompromiss, der gleichzeitig mehrheitsfähig ist und die Öffentlichkeit beruhigt. Um die gigantischen Kostenüberschreitungen zu reduzieren, werden nur halb so viele Düsenjäger gekauft. Politisch klug, militärisch eher unsinnig: Die Armee kann nach der Reduktion der Mirage-Bestellung ihre auch vom Parlament abgesegnete Aufgabe nicht erfüllen, und 1184,9 Millionen Franken sind weg. Mirage heisst auf Deutsch: Täuschung, Fata Morgana, Wahn.

Im Lehrstück tun drei Schurken mit. Der Vorsteher des Militärdepartements (EMD) Chaudet, der Generalstabschef Annasohn und der Fliegerchef Primault. Eigentlich sind sie tragische Helden. Sie kämpfen für eine militärisch moderne, starke und selbstbewusste Schweiz. Sie wollen nicht wieder mit ungenügendem Material vom nächsten Krieg überrascht werden. Sie bestehen bis zum bitteren Ende darauf: Die Schweiz braucht den besten Kampfjet. Und diesen in hoher Stückzahl. Koste es, was es wolle. Das beeindruckt und überzeugt - bis öffentlich bekannt wird, welche Unsummen das wirklich verschlingt. Dann müssen sie abtreten. Und Kurt Furgler wird am 8. Dezember 1971 im ersten Wahlgang in den Bundesrat gewählt.

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In seiner ganzen Tragweite ist der Mirage-Skandal erst vor den sicherheitspolitischen Kulissen zu verstehen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den ersten beiden Atombomben und dem Rückzug aus dem Reduit sucht die Schweizer Armee nach einer neuen Strategie. Wie soll sich das Land in der neuen Konstellation des Kalten Kriegs verhalten? Was bedeutet es, wenn andere Armeen mit Atomwaffen ausgerüstet sind? Und welche Aufgaben hat die Flugwaffe zu erledigen? Eine gültige Antwort auf diese Fragen gibts nach einigem Hin und Her erst Ende der fünfziger Jahre.

Auf der Welt formieren sich die UdSSR und der Westen zu Blöcken. Die Etappen ihres Kalten Krieges: 1948 der kommunistische Umsturz in der Tschechoslowakei; 1950 bis 1953 der Koreakrieg, der die USA und China fast in einen richtig grossen Atomkrieg verwickelt; 1956 der Ungarnaufstand und die Suezkrise, die wiederum beinahe eine west-östliche Eskalation auslösen; 1957 der Sputnikschock, der die sowjetische Bedrohung augenfällig macht. Dann 1961 der Mauerbau in Berlin und ein Jahr später die Kubakrise, die beinahe den dritten Weltkrieg auslöst.

Die Schweizer Militärs sind alarmiert, aber sie haben einen festen Halt im Glauben. Die offizielle Nachkriegsschweiz vertraut darauf, dass die durch eine starke Armee geschützte Neutralität das Land vor allen Gefahren zu bewahren vermag. Faktisch fügt sie sich allerdings in den westlichen Wirtschaftsblock ein, ohne sich aussenpolitisch gross zu engagieren. Die Neutralität wird zur helvetischen Ideologie. Sie beruft sich auf mittelalterliche Mythen sowie die bereits legendäre Reduit-Armee im Zweiten Weltkrieg und bestimmt im Innern die Politik.

Diese isolationistische Haltung dominiert auch die Diskussion um die richtige Armeestrategie. Bald bilden sich zwei Lager, die beide mit grossem militärischem Aufwand die nationale Unabhängigkeit sichern wollen: die Anhänger einer statischen Verteidigung (area defense) und diejenigen einer mobilen Verteidigung («mobile defense») nach dem Vorbild der USA und ihrer Nato-Partner.

Der Feind, den sie erwarten, kommt aus dem Osten, da sind sie sich einig. Aber soll nun das Schweizer Massenheer im Ernstfall verstreut übers ganze Land mit Karabinern und dem traditionellen Mut der alten Eidgenossen auf den Feind warten, wohl wissend, dass es den überlegenen Gegner zwar nicht lange aufhalten, ihm aber sehr wohl unbequem werden kann? Oder soll es hochgerüstet und beweglich mit Panzern und Kampfjets den Angreifer attackieren und vernichten, nötigenfalls auch jenseits der Landesgrenzen und mit eigenen Atomwaffen?

Ende der fünfziger Jahr haben sich die «Mobilen», die seit 1955 auf den neuen EMD-Chef Paul Chaudet (FDP) zählen können, durchgesetzt. Dass der Versuch, in der Schweiz eigene Kampfjets zu produzieren, 1958 abgebrochen wird (siehe dritte Folge dieser Serie), ist in ihrem Interesse. Dieser für die Flugwaffe vorgesehene P-16 war ihnen zu wenig gut - sie wollen den Mirage. Und sie bestimmen die Konturen der neuen Armeekonzeption, die in der Truppenordnung 61 definiert wird. Der Bundesrat stellt sie am 30. Juni 1960 vor: Die Schweiz soll möglichst rasch eine mit Hightechmaterial und allenfalls gar mit Atomwaffen ausgerüstete Armee aufstellen, die es mit jedem Gegner aufnehmen kann. Das Parlament stimmt der Vorlage im Herbst 1960 gegen die Stimmen der Linken zu.

Konsequenterweise erklärt der Bundesrat am 25. April 1961, er wolle zur Umsetzung der Truppenordnung 61 hundert französische Mirage III S kaufen: «Ohne diese Erneuerung und Modernisierung des Flugzeugparkes der Luftwaffe [wäre] das angefangene Werk nicht nur unvollständig, sondern es würde an einer wesentlichen Schwäche leiden.» Und in zwei, drei Jahren sollten dann nochmals hundert Stück geordert werden. Die mindestens hundert Mirage-Düsenjäger sind das zentrale Element der Armeereform. Die einheimische Flugzeugindustrie, die jahrelang am eigenen Jet gepröbelt hat, ist mit dem Entscheid zufrieden, denn der Mirage kann in Lizenz in der Schweiz gebaut werden.

Nicht einverstanden sind die Sozialdemokraten. Sogar dem armeefreundlichen rechten Flügel, der in diesen Zeiten in diesen Fragen parteiintern die Oberhand behält, geht die Truppenordnung 61 zu weit. Damit ist auch das Kalkül des ehemaligen Kommunisten und langjährigen Schaffhauser Stadtpräsidenten Walther Bringolf (1895-1981), der die SP von 1953 bis 1962 präsidiert, nicht aufgegangen. Er hat nach dem Krieg dafür gesorgt, dass sich die Partei, die seit 1943 im Bundesrat eingebunden ist, weiterhin zu einer starken militärischen Landesverteidigung bekennt.

So bringt Bringolf etwa die Partei 1949 dazu, das vom Bundesrat vorgeschlagene 400-Millionen-Militärbudget zu unterstützen und nicht auf einer Reduktion um 100 Millionen zu beharren. Mit dieser sauberen Haltung verfolgt Bringolf ein Ziel. Er formuliert es am ausserordentlichen Parteitag vom 11. März 1951 in Olten: Die SP dürfe nicht meinen, «es sei Sache der bürgerlichen Parteien, über die Rüstungsprobleme zu entscheiden». Denn nur wenn die SP aktiv bei der Gestaltung der Landesverteidigung mitmache, könne sie «eine scharfe und verstärkte Kontrolle der militärischen Ausgaben zur Verhinderung jeder Geldverschleuderung» einfordern, wie es im Beschluss des Parteitags heisst.

Für die konzeptionellen Streitereien der Offiziere interessiert sich die Parteibasis nicht gross. Aber die SP-Nationalräte Hans Oprecht und Walther Bringolf, die nacheinander Parteipräsidenten sind, lassen sich von einigen hohen Offizieren beraten, die die weniger teure «area defense» propagieren. Oprecht und Bringolf übernehmen deren Haltung. Das erlaubt Bringolf anlässlich eines ausserordentlichen Parteitags der SP am 16./17. Februar 1957 in Luzern zu sagen: «Wenn wir eindeutig Ja sagen [zur Landesverteidigung], dann können wir um so entschiedener eintreten für eine scharfe Kontrolle der verwendeten Mittel.»

Im August 1958 erhält Generalstabschef Jakob Annasohn von Bundesrat Chaudet den Auftrag, sich nach einem neuen Kampfflugzeug umzusehen. Die Lobbyisten sind schon in den Startlöchern, wie sich der spätere Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen Kurt Bolliger (1973-1980) in einem Brief vom 21. September 1997 an seinen Nachfolger Walter Dürig (1987-1989) erinnert: «Dazu kam, dass man sich nach dem Tode der schweizerischen Streithähne in der Flugzeugbranche plötzlich mit massiven politischen Interventionen durch Botschafter und kommerziell einschlägig interessierte Schweizer zu beschäftigen hatte. Es war nie klar, wer sich mit solchen Pressionen zu beschäftigen hätte, z.B. um sie energisch abzustellen. Dazu hatte eigentlich niemand grosse Lust, denn die angenehmen Seiten, die Partys im Bellevue, Schweizerhof oder Rambouillet, bzw. Escher, wollte sich niemand entgehen lassen.»

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Offenbar reichte das Hickhack rund um die beiden Schweizer Projekte N-20 in Emmen und P-16 in Altenrhein, zu dem das Militärdepartement mit einer dilettantischen Planung sowie unklaren Vorgaben und Zuständigkeiten seinen Teil beitrug, nicht aus, um das nächste grosse Beschaffungsprojekt professioneller zu organisieren. Der Kommandant und Waffenchef der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen Etienne Primault ist seit 1953 im Amt; Verbesserungen erhofft sich der Befürworter der «mobile defense» und daher auch des Mirage höchstens von höherer Stelle: «Gott möge uns die Einsicht verleihen, in Dingen der Landesverteidigung künftig klüger als bisher zu handeln», schreibt er 1964 - kurz bevor der Mirage-Skandal auffliegt.

Generalstabschef Annasohn übergibt die Aufgabe, den neuen Kampfjet zu evaluieren, einer neugebildeten Arbeitsgruppe für militärische Flugzeugbeschaffung (AGF). Er besetzt sie mit zwei Militärs und einem bei der Armee angestellten Ingenieur - und damit ohne Vertreter von Industrie und Wirtschaft. Die Offiziere können sich praktisch ihr Lieblingsstück aussuchen. Ein Pflichtenheft, wie es Fliegerkommandant Primault im Auftrag von Annasohn erstellen sollte, erhält die AGF nie; und für die Frage, wie viel die Jets kosten, interessiert sich in der Arbeitsgruppe niemand. Immerhin weiss sie, was Primault sich so vorstellt - am 29. November 1957 sagte dieser: «Wenn man ein Flugzeug hätte wie beispielsweise den Mirage, der fähig ist, mit Atombomben nach Moskau zu fliegen, so könnte man sich einen Einsatz auch im Feindesland vorstellen. Der Gegner würde dann genau wissen, dass er nicht erst dann bombardiert würde, wenn er den Rhein überschreitet, sondern dass auch Bomben in seinem eigenen Land abgeworfen würden.» Für solche Einsätze taugen die älteren Vampire, Venom und Hunter nicht, man muss sie also ergänzen respektive ersetzen.

Die AGF empfiehlt im Oktober 1959, hundert Jagdflugzeuge vom Typ Mirage III C der französischen Rüstungsfirma Avion Marcel Dassault zu kaufen. Der Mirage, so die AGF, habe sich gegen alle anderen Bewerber durchgesetzt. Die Arbeitsgruppe schreibt in ihrem nur für den internen Gebrauch bestimmten Bericht, es «hätte nun zuerst ein militärisches Pflichtenheft erstellt werden sollen. Dies war aber nicht möglich, weil einerseits die Zeit hiefür nicht zur Verfügung stand und anderseits die technischen Grundlagen der erhältlichen Flugzeuge nicht genügend eingehend bekannt waren.» Die AGF schätzt die Kosten auf 1077,56 Millionen Franken.

Der Bundesrat ist nicht sehr glücklich mit dieser Empfehlung. Das hat zwei miteinander zusammenhängende Gründe: Frankreich und die Europäische Freihandelsassoziation (Efta). Letztere ist eben von sieben Ländern gegründet worden, darunter Britannien, Schweden und die Schweiz. Die Efta soll ihre Mitglieder vor negativen Auswirkungen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft schützen. Die EWG, aus der später die EG, dann die EU wird, besteht 1960 aus sechs Nationen.

Dabei vertritt EWG-Mitglied Frankreich eine besonders aggressive Haltung gegenüber der Efta, sperrt sich vehement gegen einen Brückenschlag zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken, die das westliche Europa zu spalten drohen. Und auch sonst zeigt sich Frankreich der Schweiz gegenüber ziemlich unkooperativ. Es will nichts gegen das aus Schweizer Sicht sehr grosse Handelsbilanzdefizit zwischen den beiden Ländern unternehmen - die Schweizer Handelskammer in Frankreich kommentiert: «Das Klima ist nicht gut.» Zudem will Frankreich gegen den ausdrücklichen Wunsch aus Bern weiterhin minderjährige, also unter zwanzigjährige Schweizer in die Fremdenlegion aufnehmen. Die Schweiz versucht, der französischen Regierung mit der Aussicht auf die Mirage-Bestellung Zugeständnisse abzuringen, doch Marcel Dassault, der als einflussreicher Besitzer der Mirage-Herstellerfirma vermitteln soll, erreicht nicht viel.

Aber ausgerechnet ein französisches Flugzeug soll die Schweiz kaufen! Dabei gäbe es mit dem Saab J-35 Draken ein valables Angebot von Efta-Mitglied Schweden. Im Februar 1960 setzt sich der Bundesrat dafür ein, dem Draken nochmals eine Chance zu geben. Doch den Militärs gefällt der Mirage besser. An der entscheidenden Bundesratssitzung im Dezember 1960 führt EMD-Chef Chaudet nebst gewissen technischen Vorteilen die höhere Sicherheit des französischen Produkts an. Dagegen plädiert SP-Bundesrat Willy Spühler aus handelspolitischen Überlegungen für den Draken. Schliesslich habe man aus finanziellen, also nichtmilitärischen Gründen zwei US-amerikanische, dem Mirage überlegene Flieger ausgeschlossen.

Spühler bleibt im Bundesrat allein, obwohl die andern «den Entscheid gegen die eigene innere Einstellung fällen» müssen, wie Bundespräsident Max Petitpierre eingesteht. «Für den Bundesrat massgebend kann aber nur das Urteil der offiziellen technischen Experten sein, das einstimmig war.» Darauf erwidert Spühler: «Es ist sehr beeindruckend, dass alle mit schlechtem Gewissen und Unlustgefühl ihren Entscheid treffen müssen. Der Bundesrat ist schliesslich eine politische Behörde und hat daher auch andere als die nur militärisch-technischen Aspekte des Problems zu berücksichtigen.»

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Der Bundesrat beantragt am 28. Dezember 1960, hundert Mirage III C zu kaufen, die in Lizenz in der Schweiz herzustellen seien. Dass kein Pflichtenheft vorliegt, stört den Bundesrat nicht. Inwieweit die atomare Option diesen Entscheid beeinflusst hat, ist nicht ganz klar. 1960 folgt der Bundesrat allerdings in dieser Sache Primaults Argumentation: «Die bedeutsamste Erhöhung der Schlagkraft der Flugwaffe würde mit der Verwendung von Atomgeschossen erreicht.» Denn nur damit könnte «die grösste Bedrohung unserer Erdtruppen und des Landes» ausgeschaltet werden, nämlich «Feuerbasen und Einrichtungen», die «ausserhalb der Reichweite unserer erdgebundenen Waffen liegen. Dazu gehören vor allem Atomabschussrampen.»

Der hohe Fliegeroffizier Othmar Bloetzer erklärt 1964 anschaulich, was es bedeutet, «die Gefahr primär an der Wurzel zu fassen. Ein oft angeführtes Beispiel ist jenes der ‹lästigen Wespen›. Wenn man eine Wespenplage meistern will, so nützt es relativ wenig, die am Objekt tätigen Insekten totzuschlagen oder das angegriffene Objekt unter einem Deckel zu verstecken. Ruhe hat man erst, wenn man das Nest ausräuchert.»

Mit dem Mirage kann den Wespen der Garaus gemacht werden. Da Frankreich seit neustem die fünfte Atommacht ist, könnte eine allfällige Atombombenlieferung aus Paris durchaus drin liegen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit klärt das EMD ab, wie die Schweiz zur Bombe kommen könnte (vgl. «Die versenkte Atombombe»). Auch die NZZ rechnet schon fest mit der Bombe: Am 21. Dezember 1960 beschreibt sie die atomare Bewaffnung des Mirage: «Als Kampflast unter dem Rumpf [wird] eine taktische Atombombe von 450 kg Gewicht mitgeführt.»

In der Presse wird der bundesrätliche Vorentscheid von Ende 1960 fast durchwegs kritisch kommentiert. Die «Glarner Nachrichten» etwa schreiben: «Alle wissen, dass Frankreich die Schweiz in wirtschaftlicher Hinsicht unflätig behandelt und es gerade in den letzten Tagen zu einem regelrechten Affront kommen liess. Als man in Paris den Mirage-Auftrag in Aussicht stellte und dafür einige begründete Zugeständnisse erwartete, erntete man mehr oder weniger Hohn. Das in dem Augenblick, da bekannt wird, dass die französischen Warenlieferungen nach der Schweiz 1960 die Milliarde übersteigen werden, während trotz liberalisierender Massnahmen von Paris unser Export nur etwa die Hälfte dieser Summe erreichen wird. Das ist ein skandalöser Zustand, der in keiner Weise länger andauern kann.»

«In Efta-Kreisen wird sein Entscheid nur schwer verstanden werden», schreibt der «Bund» am 30. Dezember. Und weiter: «Man entsinnt sich, dass die Bundesräte Wahlen und Petitpierre gerade in den letzten Monaten wiederholt betonten, wie wichtig es sei, den Wirtschaftsverkehr mit den übrigen Efta-Partnern zu fördern, und in diesem Moment fällt ein Auftrag, der trotz gewisser Lizenzarbeiten in der Schweiz letztlich einige hundert Millionen Franken für Frankreich einbringen wird, dem widerspenstigsten Europapartner und dem intransigenten [unnachgiebigen] EWG-Mitglied Frankreich zu!»

Am 25. April 1961 erscheint die bundesrätliche Botschaft zur Mirage-Beschaffung. Obschon interne Armeeschätzungen inzwischen bereits von 1125 Millionen Franken ausgehen, sollen die hundert Flieger laut Bundesrat jetzt nur noch 827,9 Millionen Franken kosten. Arthur Moll, Zeitzeuge und 1981 bis 1983 Fliegerchef, vermutet, Generalstabschef Annasohn habe den Betrag weg von der heiklen Eine-Milliarde-Schwelle gedrückt, um die Chancen im Parlament zu erhöhen. Zudem wird der Gesamtkredit in drei Objektkredite aufgeteilt: einer für hundert fertig ausgerüstete Flugzeuge einschliesslich Bordelektronik, der zweite für Zubehör und Ersatzteile, der dritte für die Munition.

In dieser bundesrätlichen Botschaft weist ein einzelner Buchstabe auf grossen zukünftigen Ärger hin. Erstmals heisst es hier nämlich nicht mehr, es seien Mirage vom Typ III C (das ist die Standardausführung, wie sie Dassault in Serie produziert), sondern solche vom Typ III S zu ordern. Der kleine, feine Unterschied steht für eine Schweizer Sonderanfertigung. Sie wird schliesslich Hunderte von Millionen Franken verschlingen, einen veritablen Skandal provozieren, in dem Köpfe rollen, sowie Kurt Furglers Karriere befördern und die Pläne für eine Atombombenbewaffnung beerdigen.

Das Parlament achtet noch nicht auf das grosse S und bewilligt im Juni 1961 das Geschäft. Einzig sechs SP- und die drei PdA-Nationalräte sind dagegen. Der Bundesrat erhält die Befugnis, im Rahmen des Gesamtkredits «geringfügige Verschiebungen» zwischen den Objektkrediten vorzunehmen. Ende 1964 sollen die letzten Mirage ausgeliefert werden, schon wird über die nächste Hunderterserie diskutiert. Im Juli 1961 unterzeichnet der Vorsteher des EMD, Paul Chaudet, die Verträge mit Avion Marcel Dassault. Er wurde zuvor über Mehrkosten in der Höhe von 85 Millionen Franken orientiert. Chaudet verzichtet darauf, den Gesamtbundesrat darüber zu informieren. Als dieser im Dezember von den inzwischen auf 95,3 Millionen angewachsenen Mehrkosten erfährt, stellt er sich die Frage, «ob nicht unverzüglich ein entsprechender Zusatzkredit anbegehrt werden müsse». Aber er sieht «einstweilen» davon ab - weil es nicht möglich ist, «sämtliche noch zu erwartenden Mehrkosten [...] zu erfassen».

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Zwei Jahre lang bleibt es ruhig. Im EMD wird zwar rasch klar, dass der bewilligte Gesamtkredit nirgends hinreicht, aber der Bundesrat legt die drei Objektkredite einfach - und rechtswidrig - zusammen. So kann mit Geld, das eigentlich für anderes vorgesehen ist, die «Helvetisierung» des Mirage finanziert werden. Diese Schweizer Edition muss in enge Kavernen passen, auf kurzen Pisten starten und landen können, zudem wird sie mit der modernen, aber auch sehr teuren Taran-Bordelektronik der US-amerikanischen Hughes Aircraft Company ausgerüstet. Auch die Lenkwaffen sind kostspieliger als angenommen.

Schliesslich lässt sich die gewaltige Budgetüberschreitung nicht mehr verheimlichen. Am 1. November 1963 taucht das «Mirage-Fiasko» in der «National-Zeitung» auf, am 4. November die «Mirage-Tragödie» im «Landboten», schliesslich am 26. Februar 1964 der «Mirage-Skandal» in der «Basler AZ». (Weniger dramatisch sieht dies der ehemalige SP-Bundesrat Max Weber; er sagt im Spätherbst 1964, «die Mirage-Angelegenheit ist im Vergleich zum Problem der ausländischen Arbeitskräfte eine Bagatelle».)

Der Bundesrat lässt sich nicht beirren und fordert am 24. April 1964 einen ersten Zusatzkredit von 576 Millionen Franken (365 Millionen für technische Mehrkosten, 220 Millionen für die Teuerung bis 1968). Immerhin gesteht er in seiner Botschaft ein: «Die bei der Mirage-Beschaffung aufgetretenen Mehrkosten sind zwar, um wenig zu sagen, eine grosse Überraschung.» So soll nun ein Mirage statt nicht ganz neun plötzlich fast fünfzehn Millionen Franken kosten. Und der Bundesrat bereitet die Öffentlichkeit auf neue Überraschungen vor. Es sei mit weiteren Kreditbegehren zu rechnen, da «selbst heute der endgültige Finanzbedarf noch nicht vollumfänglich überblickt werden kann». Insbesondere um den Schweizer Mirage III S zu erproben und die für den Superjet ungenügenden Fertigungseinrichtungen für den Lizenzbau anzupassen.

Für den Bundesrat gibt es kein Zurück: «Unsere Landesverteidigung würde [ohne Mirage] in ihrer Abwehrkraft entscheidend beeinträchtigt», «ein wirksamer Neutralitätsschutz» und «die Luftverteidigung über den Operationsgebieten der Armee» wären in Frage gestellt.

Darum kommt es für den Bundesrat auch nicht in Frage, weniger als hundert Flugzeuge zu ordern. Aber er findet auch finanzielle Argumente: Weil die «Kosten für Entwicklung, Integration, Erprobung des ganzen Waffensystems sowie für den Anlauf der Lizenzfabrikation und den Wiederaufbau der Flugzeugindustriebasis in der Schweiz» sowieso anfallen, scheint ihm «eine umfangreiche Reduktion der Verträge ohne sehr ins Gewicht fallende Liquidationskosten [...] heute unmöglich».

Dem liberalen Genfer Nationalrat Olivier Reverdin schwant im «Vorwärts» vom 16. April 1964 Böses: «Soweit wir wissen, ist die Fortentwicklung in einer Weise festgelegt worden, dass sie nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.» Verkommt das Parlament zum «Nick-Salon», wie die «Weltwoche» am 24. April befürchtet? Zunächst sieht es danach aus. Denn die nationalrätliche Militärkommission stimmt dem bundesrätlichen Antrag am 21. Mai mit geringen Einschränkungen zu. Aber die Öffentlichkeit reagiert heftig. Es werden Veranstaltungen organisiert, es hagelt LeserInnenbriefe. Der «Tages-Anzeiger» spottet über den «Wunderbastard französischer Flugzeugkonstrukteure, amerikanischer Elektronikspezialisten und schweizerischer Militärperfektionisten». In einem knappen, nüchternen Rückblick schreibt ein Jahr später der St. Galler Professor Willi Geiger, wie der Zusatzkredit einen «ausgesprochenen Unwillen, ja eine sich rasch steigernde Erregung» schuf. Es habe sich «eine ernste Vertrauenskrise zwischen Bundesversammlung und Bundesrat sowie der ihm unterstellten Militärverwaltung [entwickelt], an der ein grosser Teil des Schweizervolkes auf der Seite der Bundesversammlung leidenschaftlichen Anteil nahm».

Der Höhepunkt ist am 27. Mai erreicht, als Bundesrat Chaudet in der NZZ in völliger Verkennung der Situation davon träumt, dereinst über «300 Maschinen eines so modernen Typs wie den Mirage» zu verfügen. In seinem Beitrag im Bildband zum fünfzigsten Geburtstag der Flugwaffe (1964) schreibt Chaudet: «[...] so beherrscht die Luftwaffe durch ihre Mittel und Möglichkeiten die Einsatzdoktrin der Armeen, die Strategie der Mächte oder Mächtegruppen, die sich auf Grund ihrer ideologischen oder rassenmässigen Zugehörigkeit oder auch aus wirtschaftlichen Interessen gegenüberstehen.» Die PdA fordert den Rücktritt des EMD-Chefs, ein Teil der Linken den Verzicht auf den Mirage, fast alle die sofortige Aufklärung des Skandals.

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Anfang Juni 1964 beginnt die Sommersession, in der sich das Schicksal des Mirage entscheiden soll. Die Stunde des Kurt Furgler schlägt. Statt Atombomben nach Moskau trägt der Mirage Furgler in den Bundesrat. Er stellt einen Ordnungsantrag, der dem politischen System einen anständigen Ausweg aus dem Skandal weist: Aussetzen der Beratungen, Bildung einer Spezialkommission, Abfassung eines Berichts mit Anträgen, über die in der Herbstsession abgestimmt wird. Damit findet Furgler einen Kompromiss zwischen der Linken, die das Geschäft zurückweisen will, und Bundesrat Chaudet, der weiterhin uneinsichtig ist. Nach zweitägiger Debatte stimmt der Nationalrat schliesslich am 10. Juni mit 156 zu 3 Stimmen für Furglers Antrag, eine Woche später folgt der Ständerat. Die Situation erscheint den Nationalräten derart dramatisch, dass sie erstmals in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaates eine Parlamentarische Untersuchungskommission (Puk) einsetzen.

Tatsächlich schafft es die aus zwanzig Nationalräten und zwölf Ständeräten zusammengesetzte Puk, bis zur Herbstsession einen 75-seitigen Bericht zu schreiben. Sie benötigt dazu sieben Sitzungen, die insgesamt zwanzig Tage dauern, und befragt 51 involvierte Personen. Am 1. September verabschiedet sie den Bericht. Peter Dürrenmatt, Chefredaktor der «Basler Nachrichten», stimmt in der Ausgabe vom 5./6. September 1964 in den allgemeinen Tenor ein: Der Bericht informiere «ohne Schonung, aber auch ohne jedes billige Streben nach Popularität; er gibt eindeutig Auskunft über die Verantwortung, aber er vermeidet jede Kopfjägerei; er übernimmt selber Verantwortung durch die Form seiner Anträge wie durch die aufbauenden Vorschläge für die Zukunft. Das zusammenfassende Urteil ergibt, dieser Bericht sei geeignet, die gefährliche Krise, in die unsere Wehrpolitik geraten ist, zu überwinden.»

Die Puk hat die Ursachen analysiert («Die Botschaft 1961 war zum Teil tendenziös, zum Teil unsorgfältig und an einzelnen Stellen geradezu irreführend abgefasst») und fordert Massnahmen: Erstens sollen nur noch 57 statt 100 Mirage gekauft werden, nämlich eine Aufklärerstaffel und zwei Kampfstaffeln à 18 Mirage plus 3 Trainingsflugzeuge. Sogar für diese stark reduzierte Anzahl ist ein Zusatzkredit von 200 Millionen Franken nötig. Zweitens wird das EMD beauftragt, künftig Rüstungsgüter professioneller zu beschaffen. Drittens soll die Geschäftsprüfungskommission die parlamentarische Kontrolle der Verwaltung analysieren und Verbesserungen vorschlagen.

Chaudet lässt sich vom Bericht keineswegs irritieren: Hundert Flugzeuge müssen es sein. Auf der anderen Seite beharrt ein Teil der Linken, dass die Bestellung komplett annulliert wird. Doch der Nationalrat heisst die Anträge der Puk nach dreitägiger Beratung am 24. September 1964 mit 139 zu 31 gut, der Ständerat mit 31 zu 0. Furglers Gesellenstück ist geglückt. (Auch für andere ist die Puk ein taugliches Sprungbrett: Auch die Kommissionsmitglieder Rudolf Gnägi und Pierre Graber werden später in den Bundesrat gewählt.)

Die Niederlage der Mirage-Fraktion ist vollständig: Das Konzept der «mobile defense» und damit die Truppenordnung 61 ist mit 57 Mirage nicht mehr zu verwirklichen, ausserdem verzichtet der Bundesrat jetzt auch auf den eigentlich ebenfalls unabdingbaren Kauf von Panzern. Fliegerchef Primault wird am 5. Oktober 1964 von seinem Kommando entlassen (eine spätere Untersuchung spricht ihn von persönlichem Verschulden frei); Generalstabschef Annasohn demissioniert im November 1964. EMD-Chef Chaudet kann sich noch zwei Jahre halten. Doch dann lässt ihn auch seine eigene Partei fallen, und er tritt am 28. November 1966 - uneinsichtig und erbost - zurück.

Im Oktober 1965 wird nochmals ein Zusatzkredit über 150 Millionen Franken nötig. Die Mirage verschlingen insgesamt 1184,9 Millionen Franken. 1970 ist die Beschaffung abgeschlossen. Skandal hin oder her - die Schweiz hat jetzt bis ungefähr 1980 «das Wunder, zusammen mit den Franzosen über das beste Abfangflugzeug Europas zu verfügen!», wie es auf der aktuellen Website des VBS heisst. Im Volksmund kursiert noch Jahrzehnte später der Kalauer: Was isch d Schteigerig vo «mir»? - «Mir», «Mirage», «Mirarschlöcher»

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Der erste Mirage geht am 3. April 1969 im Vierwaldstättersee bei Buochs NW verloren. Es ist ein Doppelsitzer, der Schüler stirbt, der Fluglehrer kann sich retten. Ein interessanter Pilot verlässt den zweiten Mirage, der am 27. August 1970 abstürzt, per Fallschirm: Dem zukünftigen (und inzwischen emeritierten) Geschichtsprofessor und WOZ-Autor Hans-Ulrich Jost, Oberleutnant in der Fliegerstaffel 17, geht nach Luftkampfübungen der Sprit aus, da die Bodenmannschaft seine Mirage III S mit tausend Litern zuwenig Treibstoff betankt, die entsprechende Anzeige aber auf Vollbetankung gesetzt hat. Es reicht nicht mehr für den Rückflug nach Payerne, er muss sich mit dem Schleudersitz retten; der Patrouillenführer befiehlt: «Kurskorrektur nach links gegen unbewohntes Gebiet, Gurten anziehen, ordine paracadute.»

Bis 1999 stürzen weitere acht Maschinen ab, dann werden die 29 noch eingesetzten Mirage III S ausgemustert. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil damit die jährlichen Betriebskosten von elf Millionen Franken eingespart werden. Die Finanzdelegation der eidgenössischen Räte schreibt am 29. Februar 2000: «Die Ausserbetriebsetzung von alten Flugzeugen (im Berichtsjahr Mirage) kommt am günstigsten, wenn die Flugzeuge an Museen verschenkt werden können. Die Demontage eines Flugzeugs kostet bis zu 500000 Franken. Bei der Überlassung von Flugzeugen an Museen ist sicherzustellen, dass die Flugzeuge nicht später verkauft und wieder in Betrieb genommen werden.»

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