Nr. 14/2008 vom 03.04.2008

Eine hellgrüne Revolution

Die Preise für landwirtschaftliche Produkte explodieren. Doch die Ursachen des Problems liegen weder am knapper werdenden Land noch in den veränderten Essgewohnheiten der Weltbevölkerung, sagt Marcel Mazoyer. Das Problem liegt an der Marktwirtschaft an sich.

Interview: Marcel Hänggi

Die niederländische Bank ABM Amro warb vor einiger Zeit in ganzseitigen Zeitungsinseraten für ihre «strukturierten Finanzprodukte» im Agrarsektor: «Verschiedene Gründe sprechen für eine Investition: weltweit stagnierende Getreideanbauflächen, eine deutlich gewachsene Weltbevölkerung, veränderte Essgewohnheiten in den aufstrebenden Schwellenländern sowie die stetig steigende Nachfrage nach Biotreibstoffen.» Das sind sichere Voraussetzungen für nachhaltig steigende Preise und satte Gewinne, und es sind sichere Voraussetzungen für kommende Hungersnöte. Das Inserat ist also eine Aufforderung, mit dem Hunger zu spekulieren.

Die Agrarpreise explodieren, die Lagerbestände schrumpfen, der Chor der warnenden Stimmen wird lauter. Aber wie ist diese Situation zu interpretieren? Welche Auslöser stehen hinter dem Preisanstieg? Wer profitiert? Man muss die Mahnungen mit Vorsicht geniessen. ABM Amro will die Leute zum Investieren gewinnen. Nestlé-Präsident Peter Brabeck, als besonders prominente Stimme unter den Mahnern, nutzt seine Interviews, um für die Gentechnik zu werben: Nur diese könne die Welt jetzt noch retten.

Etwas anders sieht es Marcel Mazoyer. Der emeritierte Agronomieprofessor der Universität AgroParisTech ist Ko-Autor einer monumentalen Geschichte der Landwirtschaft von der Jungsteinzeit bis heute. Als Hauptproblem für die «Krise der Landwirtschaft» sehen Mazoyer und seine Mitautorin Laurence Roudart, dass auf dem internationalen Markt Landwirtschaften miteinander konkurrieren, die aus unterschiedlichen Traditionen entstanden sind und mit unterschiedlichsten Mitteln unter unterschiedlichen geografischen Bedingungen arbeiten: Die zweite industrielle Revolution um 1950 habe durch die Automatisierung nicht nur «die Mittel bereit gestellt, die Ungleichheit der Produktivität zwischen manueller Landwirtschaft und der erfolgreichsten motorisierten Landwirtschaft um den Faktor fünfzig zu verstärken. Sie hat diese verschiedenen Landwirtschaften auch miteinander in Konkurrenz gesetzt.»

WOZ: Herr Mazoyer, Sie werden in Ihrem Buch nicht müde zu betonen, wie verheerend der Zerfall der Agrarpreise auf den internationalen Märkten für die Bauern der armen Länder sei. Jetzt steigen die Preise. Wird nun alles gut?

Marcel Mazoyer: Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Preise ungefähr einmal pro Generation explodieren und dann wieder fallen. Zuletzt war das 1972 bis 1976 der Fall. Die armen Bauern konnten während der Jahre der tiefen Preise nicht einmal die Produktionskosten decken; sie mussten einen Teil ihrer Habe verkaufen. Wer irgendeine Hoffnung hatte, in Dakar oder Abidjan oder Porto Alegre eine Arbeit zu finden, zog in die Slums. Wenn nun die Preise für ein paar Jahre höher sind: Glauben Sie, das befähigt diese Menschen, das Zebu wieder zu kaufen, das sie verkauft haben, und weiterzumachen wie zuvor? Die Ehefrauen und Kinder dieser Menschen, die im Dorf zurückgeblieben sind, können höchstens ihre Überschüsse etwas teurer verkaufen – falls sie denn überhaupt noch Überschüsse erwirtschaften.

Haben wir heute nicht eine andere Situation als in den siebziger Jahren? Die Nachfrage steigt steil, weil sich immer mehr Menschen in den Schwellenländern Fleisch leisten können, weil Lebensmittel zu Agrotreibstoffen verarbeitet werden ...

... man sagte schon vor dreissig Jahren: Diesmal ists anders. Die Nachfrage steigt, das ist richtig. Aber sie steigt seit zweihundert Jahren stetig, sie explodiert nicht. Sie steigt um etwa zwei Prozent pro Jahr, weil die Bevölkerung wächst und weil ein Teil dieser Bevölkerung sich mehr leisten kann. Aber man sollte nichts übertreiben. Die zusätzlichen Mengen Soja und Getreide, die China importiert, nähren nicht in erster Linie die Chinesen. Sondern die Tiere für die Poulets und Schweinssteaks, die nicht mehr in Europa produziert werden. Insgesamt steigt die Nachfrage heute weniger steil als vor dreissig Jahren.

Weshalb wird denn jetzt alles teurer?

Die jetzige Preisexplosion ist eine direkte Folge der tiefen Preise. In Zeiten, wo das Angebot auf dem Weltmarkt ausreichend ist, sinkt der Preis auf das Niveau der weltweit tiefsten Produktionskosten. Wenn die Preise so tief sind, wird aber nicht mehr investiert. Deshalb können die Erträge irgendwann nicht mehr mit der steigenden Nachfrage mithalten.

Wenn hingegen das Angebot knapp wird, dann holt man das Getreide noch beim hintersten Bauern im Himalaya, und die Preise explodieren. Aber das ist vielleicht die schlimmste Zeit für die armen Bauern: Jetzt entstehen die Voraussetzungen für das Unglück, das sie in den nächsten Jahren treffen wird. Denn was geschieht nun? Die hohen Preise erlauben es dem Kapital, sich ohne jegliche ökologische und soziale Rücksichten die besten Böden unter den Nagel zu reissen. Das geschieht in Indonesien, Argentinien, Mexiko ... Urwälder werden gerodet. So geschah es auch vor dreissig Jahren. Die Staaten im Süden konzessionierten damals in grossem Stil die verfügbaren Flächen. Die Investoren fanden beste Böden und billige Arbeitskräfte vor und wurden durch keine Umweltgesetze behindert. Erstmals seit den grossen Zuckerrohrplantagen in der Kolonialzeit war wieder eine neokoloniale Bewegung entstanden. Das war neu und geschah nicht von einem Tag auf den anderen.

Heute aber, und das ist ein Unterschied zur letzten Hausse, sind die Investoren schon dort und können viel schneller reagieren. Vielleicht werden die Preise diesmal nicht wieder ganz auf das Niveau von 2000 fallen, weil das Erdöl teuer und damit die Produktionskosten höher sind. Davon profitieren die Bauern aber nicht.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den hohen Erdöl- und den hohen Agrarpreisen?

Nur insofern, als ähnliche Mechanismen wirken. Beim Erdöl sind die Investitionszyklen kürzer als in der Landwirtschaft, und zufälligerweise fallen sie jetzt gerade zusammen. Es ist aber nicht so simpel, dass die hohen Erdölpreise die Agrarpreise steigen lassen.

Liesse sich dieser Mechanismus durchbrechen?

Der Agrarmarkt hat immer so funktioniert. Einerseits ist die Nachfrage kaum preiselastisch – das heisst, man kann nicht einfach weniger essen, weil es teurer ist. Andererseits schwankt das Angebot wegen der Witterungsverhältnisse. Die Marktungleichgewichte, die sich daraus ergeben, lassen die Preise schwanken.

Nun sind solche Schwankungen schon innerhalb eines Landes erheblich. Aber wenn die ganze Welt ein einziger Markt ist, wird das tausendmal schlimmer. Die Produktionskosten für Getreide schwanken zwischen 50 Euro pro Tonne in Argentinien oder der Ukraine und 500 oder 600 Euro in Ländern, wo noch von Hand gearbeitet wird. Der internationale Marktpreis ist nie, gar nie der angemessene Preis. Es braucht stabile Preise, und diese müssen so angesetzt sein, dass die Bauern überleben und investieren können. Der Preis muss überall auf der Welt gemäss den dort herrschenden Produktionsbedingungen festgelegt werden.

Dann also national abgeschottete Märkte?

Nicht unbedingt, es können auch mehrere Länder mit ähnlichen Verhältnissen in einem gemeinsamen Markt zusammengefasst werden. Aber man sollte nicht eine Politik wie die EU betreiben und sich an den internationalen Preisen orientieren. Diese lagen in den neunziger Jahren bei 100 Euro pro Tonne Getreide. Da kann kein einziger europäischer Bauer mithalten. Also braucht es Stützzahlungen. Aber wenn man unbedingt Geld zum Fenster hinauswerfen will, so kann man das besser tun als mit solchen Dummheiten.

Die hohen Preise haben also nichts mit dem Potenzial der Landwirtschaft zu tun. Könnte eine globale Landwirtschaft, eine vernünftige Agrarpolitik vorausgesetzt, die Bevölkerung ernähren, die auf neun oder zehn Milliarden Menschen anwächst?

Absolut. Die Welt ist nicht zu klein. Wenn es anderthalbmal so viele Menschen gibt wie heute und wenn auch die Menschen genug zu essen haben sollen, die heute an Unterernährung leiden, bräuchte man ungefähr den doppelten Ertrag. Das ist möglich. Die vorhandenen Landreserven, die ohne Bewässerung bebaut werden könnten, ohne dass man dazu Wald roden müsste, betragen etwa siebzig Prozent der heutigen Flächen. In der Hälfte der Welt, deren Landwirtschaft nicht von der Grünen Revolution (dem Modernisierungsschritt der Landwirtschaft seit den sechziger Jahren in der Dritten Welt) profitiert hat, könnte man die Erträge verdoppeln.

Man bräuchte dazu nur die heute bekannten Techniken – Versprechen künftiger Fortschritte interessieren mich nicht, das sind reine Spekulationen. Wir brauchen für diese Weltgegenden eine «Hellgrüne Revolution» – man muss ja nicht die Dummheiten wiederholen, die anderswo angestellt wurden, und voll auf nicht erneuerbare Ressourcen setzen. Landreserven plus «Hellgrüne Revolution», das ergäbe weltweit mehr als eine Verdoppelung der Erträge. Allerdings: Für den Anbau von Agrotreibstoffen hat es dann nicht auch noch Platz, und wenn die ganze Welt so viel Fleisch essen will wie wir heute, dann geht es auch nicht.

Was Sie eine «Hellgrüne Revolution» nennen, wäre das Bio-Landbau?

Nicht zwingend. Es ginge darum, die moderne Landwirtschaft von ihren Exzessen zu befreien. Das ist ohne Ertragseinbusse möglich. Ich glaube, die konventionelle und die biologische Landwirtschaft werden sich einander annähern, aber es ist nicht nötig, alle davon zu überzeugen, dass sie nun Biobauern werden. Ich kenne auch konventionelle Bauern, die kaum mehr Nitrate und kein Kalium und keine Phosphate und kaum mehr Pestizide einsetzen. Zurzeit ist eine neue landwirtschaftliche Revolution im Gang, die Revolution der Mikroorganismen. Man beginnt zu begreifen, dass es die Mikroorganismen sind, die dem Boden seine Fruchtbarkeit erhalten.

Sind das neue Techniken?

Die Landwirtschaft hat Jahrtausende lang mit Bodenmikroorganismen gearbeitet, ohne es zu wissen. Aber mit zu viel Kunstdünger und Pestiziden tötet man sie. Die letzten fünfzig Jahre haben wir die Mikroorganismen im Boden zerstört. Man muss sie wieder entdecken. Ich kenne Bauern, die keinen Dünger mehr einsetzen, aber gezielt mit den Mikroorganismen arbeiten – und höhere Erträge ernten als zuvor.

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