Nr. 11/2010 vom 18.03.2010

Der Weg beginnt ganz unten

Reis ist im westafrikanischen Staat ein Grundnahrungsmittel. Aber die lokale Landwirtschaft kann den Bedarf nicht decken. Der Agraringenieur Souleymane Bassoum spricht über Auswege aus der Importabhängigkeit.

Von Jan Jirát

«La Soudure» – die Zeitspanne von Januar bis Mai – trägt im Senegal einen eigenen Namen. Es sind fünf, manchmal auch sechs Monate, die für Millionen von SenegalesInnen vor allem eines bedeuten: Hunger. La Soudure ist jene Zeit, in der die Vorräte bereits aufgebraucht sind, die neue Ernte aber noch nicht eingebracht ist. Ein Drittel der über zwölf Millionen EinwohnerInnen des westafrikanischen Lands haben dann laut ExpertInnen zu wenig zu essen. Das zwingt unzählige Familien in einen Teufelskreis. Um sich zu ernähren, müssen sie Kredite aufnehmen. Die Geldverleiher verlangen dafür so hohe Zinsen, dass zum Teil die Hälfte der Ernte bereits jemand anderem gehört, bevor sie überhaupt eingebracht wird.

«Die Menschen verlieren erst ihr Feld, dann ihr Haus und schliesslich ihre Würde», sagt Souleymane Bassoum. Der 47-jährige Agraringenieur und Spross einer Viehzüchterfamilie betreut und koordiniert im Senegal Agrarprojekte, die sich für Ernährungssouveränität und die Entschuldung der ländlichen Bevölkerung einsetzen. Er arbeitet dabei eng mit der Schweizer Organisation Fastenopfer zusammen: «In unserem Fokus stehen jene Menschen, die nichts mehr haben.» Er spricht unheimlich schnell und leidenschaftlich, bald nimmt er seine Brille ab. Er braucht sie nicht.

Kostenlimit für Hochzeiten

Wenn Bassoum und seine BeraterInnen eine Dorfgemeinschaft besuchen, stellen sie keine Brunnen oder Gebäude auf. Sie stellen Fragen. Was wird auf den Feldern angepflanzt? Wie lange reichen die Ernteerträge aus? Was passiert, wenn die Vorräte zu Ende gehen? An wen wenden sich die BewohnerInnen? Wie viel Geld wird ihnen geliehen und zu welchen Bedingungen? Wie können sie ihre Schulden zurückbezahlen? Was passiert, wenn sie dazu nicht in der Lage sind? Selbstbeobachtung, ein halbes Jahr lang. Dann suchen und entwickeln sie gemeinsam Strategien gegen den Hunger während der Soudure und gegen die Verschuldung.

«Die Menschen in den Dörfern müssen ihre eigenen Lösungen für ihre Probleme entwickeln. Wir helfen ihnen beim Bündeln der Probleme und Lösungen, bieten aber keine materielle Hilfe an», erläutert Bassoum. «Die Lösungen liegen in der Gemeinschaft selbst.»

Mehrere Strategien haben sich laut Bassoum als erfolgreich erwiesen:

Solidaritätskassen: Sie ermöglichen den BewohnerInnen den Kauf von Schulmaterial oder die Bezahlung von Spitalkosten. Die Kasse wird von einem sogenannten Weisen verwaltet – einem Mann, der in der Dorfgemeinschaftfrespektiert ist. Er entscheidet, ob ein zinsloses Darlehen gewährt wird, und informiert anschliessend die Gemeinschaft über den Grund und den Betrag; die EmpfängerInnen hingegen bleiben geheim.

Kollektivfelder und gemeinschaftliche Getreidespeicher: Mit den Erträgen werden einerseits Nahrungsreserven angelegt, andererseits die Kassen aufgefüllt. In Keur Madoune zum Beispiel, einem Dorf etwa hundert Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt, organisieren auf diese Weise 29 Familien Gemeinschaftsessen: Jede Familie kocht einmal für das ganze Dorf. Getreide und Gemüse stammen vom Kollektivfeld. So erhalten die DorfbewohnerInnen während der Soudure wenigstens an 29 Tagen eine warme Mahlzeit.

Kampf gegen die Verschwendung: Bei Hochzeiten oder Taufen veranstalten senegalesische Familien rauschende und aufwendige Zeremonien, die oft weit über ihren finanziellen Möglichkeiten liegen. Die Tradition will es so, der soziale Druck ist entsprechend hoch. Diese Hürde abzubauen, gehört zum Konzept des solidarischen Handelns: Die Dorfgemeinschaft berät, wo in Zukunft ein für alle geltendes Kostenlimit für Feste liegt.

Angemessener Umgang mit den fragilen Böden: Auf Düngemitteleinsatz, der die BäuerInnen ohnehin in neue Abhängigkeiten treibt, und den Einsatz von schweren Maschinen wird grundsätzlich verzichtet.

Seit über einem Jahrzehnt sind Bassoum und sein Team in acht der vierzehn Regionen des Senegal tätig. Er schätzt, dass mittlerweile über 300 Dörfer solidarische und lokal geprägte Agrarprogramme entwickelt haben und rund 300 000 Menschen daran beteiligt sind.

Wie die Zwiebel, so der Reis

Der Senegal muss mehr als die Hälfte der im Land konsumierten Nahrungsmittel importieren. Dabei arbeiten siebzig Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Doch die Menschen auf dem Land erwirtschaften gerade einmal etwas über zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Der Dienstleistungssektor trägt mit rund sechzig Prozent den grössten Anteil am BIP bei: vor allem dank den drei Bereichen Transport, Telekommunikation und Tourismus.

Die Importzahlen beim Grundnahrungsmittel Reis zeigen das Missverhältnis im Landwirtschaftssektor besonders gut auf. Von den etwa 800 000 Tonnen, die jährlich konsumiert werden, importiert der Senegal 650 000 Tonnen, vor allem aus Thailand, Indien und Pakistan. Kostenpunkt: 250 Millionen Franken. Die Ursache dieser Abhängigkeit liegt weit zurück: Die französische Kolonialmacht stellte Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die senegalesische Landwirtschaft auf die Ausfuhr von Erdnüssen und Baumwolle um. Im Gegenzug importierte man zunehmend Reis aus den französischen Kolonien in Indochina.

«Der Senegal verfügt über alle Voraussetzungen, um im kommenden Jahrzehnt die Nahrungsbedürfnisse seiner Bevölkerung durch lokale Produktion zu befriedigen», erläutert Bassoum: Entlang von Flussufern könnte auf 250 000 Hektaren Reis angepflanzt werden. Gehe man davon aus, dass der Reisertrag bei fünf Tonnen pro Hektar liege, wäre eine Jahresproduktion von 1,25 Millionen Tonnen Reis möglich – der Senegal würde plötzlich Reis exportieren. «Bisher fehlt der politische Wille dazu. Die Reisimporte sind für manche PolitikerInnen ein sehr lukratives Geschäft geworden. Sie verdienen kräftig an den Gewinnen aus den Importsteuern mit und haben keinerlei Interesse daran, das System zu ändern», erläutert Bassoum.

Dabei hat das bei den Zwiebeln schon mal geklappt. Vor fünf Jahren lagen die Preise für einheimische Zwiebeln höher als jene für holländische. Die BäuerInnen konnten in der Folge ihre Ernte nicht absetzen; sie verfaulte ihnen zwischen den Händen. Den Gestank der verrotteten Zwiebeln und den Protest der betroffenen ZwiebelanbauerInnen konnte Dakar nicht ignorieren. Die Regierung erliess ein nationales Gesetz, das zwischen April und August den Import von Zwiebeln verbietet. «Seither haben wir zwei Monate dazugewonnen. Das Verbot gilt mittlerweile von März bis September», berichtet Bassoum: «Jetzt wollen wir ein ähnliches Gesetz für den Reis. Wir haben enge Kontakte zu den Bauernverbänden geknüpft, die Forderung muss aber von unten kommen, von den Bauern selbst. Auch daran arbeiten wir.»

Mehr Hirse statt Maniok

Senegals Landwirtschaft leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Strukturprobleme: «Das Leben unserer Gesellschaft sollte an die hiesigen Klimaverhältnisse angepasst sein, stattdessen deckt sich der staatliche Terminplan mit jenem Frankreichs», sagt Bassoum. So müssten die SchülerInnen genau dann wieder in die Schule zurückgehen, wenn im August die Erntezeit beginnt. Und Steuern verlange der Staat just, wenn die neue Ernte noch in weiter Ferne liegt und ein Drittel der Bevölkerung hungert. Auch die ungeklärten Eigentums- und Nutzungsverhältnisse bei den Feldern führten, so Bassoum, zu Unsicherheit und fehlender Investitionsbereitschaft. Er berichtet von mangelnden Transportwegen und ungenügenden Bewässerungssystemen – ein Grossteil der BäuerInnen verlässt sich auf Regenfeldbau und ist entsprechend stark vom Klima abhängig. «Der Senegal hat keine Landwirtschaftspolitik, kein Konzept», beklagt Bassoum.

Im Frühjahr 2008 hat Senegals Präsident Abdoulaye Wade das staatliche Subventionsprogramm Goana (Grosse Offensive für Nahrungsmittel im Überfluss) aufgegleist. Die extreme Importabhängigkeit hat damals zu massiven Protesten der Bevölkerung geführt. Innerhalb von drei Jahren hatten sich gemäss Weltbank die Lebensmittelpreise verdoppelt. Börsenspekulationen, Missernten wegen des Klimawandels, die völlige Vernachlässigung der landwirtschaftlichen Infrastruktur in vielen Ländern und eine gesteigerte Nachfrage in den Schwellenländern China und Indien führten damals zu einer weltweiten Nahrungskrise. Goana, Wades Antwort auf diese Krise, sieht massive Produktionssteigerungen vor – durch einen erhöhten Düngemitteleinsatz auf den fragilen Böden oder die intensive Nutzung von bisher nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen wie beispielsweise von Wäldern. Dass die Erträge seit dem Frühjahr 2008 im Senegal gestiegen sind, führen viele ExpertInnen allerdings nicht auf das Programm, sondern auf stärkere Regenfälle zurück.

Nahrungsmittel im Überfluss? Souleymane Bassoum wäre schon froh, wenn die Grundversorgung sichergestellt werden könnte. Der Weg dahin kann für ihn nur ganz unten beginnen: «Der erste Schritt ist, dass die Dorfgemeinschaften das anpflanzen, was sie selbst essen: Neben Reis sind das Hirse und Fonio – Getreide, die zu unserer Ernährung passen. In einem zweiten Schritt kann der Überschuss im lokalen Bereich verkauft werden. Bleibt immer noch etwas übrig, wird der Verkauf auf den regionalen Markt und weiter auf den nationalen ausgedehnt.»

Für ihn ist klar, dass die Zukunft der afrikanischen Landwirtschaft nicht länger in die Rahmenbedingungen des internationalen Handelns eingebettet sein darf. «Die Spielregeln des freien Marktes mögen für alle Länder die gleichen sein», sagt Bassoum. «Die Bedingungen sind es nicht. Ein Land wie der Senegal kann seine Landwirtschaft und damit auch seine Ernährungssouveränität nicht gleichermassen schützen wie die Schweiz.» Aus diesem Grund fordert er eine Abkopplung vom System des freien Marktes und vom Diktat der Welthandelsorganisation WTO. «Wenn wie im Senegal so viele Menschen unmittelbar von der Landwirtschaft abhängig sind, kann man nicht über unsere Köpfe hinweg darüber verhandeln», stellt er klar und wagt zum Abschluss des Gesprächs einen Blick in die Zukunft: «Wir sind an einem Wendepunkt angelangt. Es wird eine alternative Weltordnung kommen müssen. Im kommenden Januar findet in unserer Hauptstadt Dakar das Weltsozialforum statt. Da werden wir unsere Anliegen laut verkünden und mit uns viele weitere Länder. Das Spiel ist noch nicht vorbei», sagt er und setzt seine Brille wieder auf.

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