Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Eine Betonschüssel gleich unter den Sternen

Das Estadio Hernando Siles ist der Fussballtempel Boliviens. Hier hat die Selección ihre grössten Erfolge erreicht. Doch die hohe Lage auf 3637 Metern und der damit verbundene Heimvorteil Boliviens führen immer wieder zu Protesten anderer Mannschaften. Die Tage des Stadions sind gezählt.

Von Knut Henkel

«Das Hernando Siles ist nicht irgendein Stadion. Es gehört zu den berühmten Arenen in Lateinamerika, es steht auf einer Stufe mit dem Maracanã in Brasilien oder dem Campín in Bogotá», sagt Samiro Surco und deutet auf die Betonschüssel in seinem Rücken. Samiro Surco gehört als Fan von Bolívar, einem der drei Fussballklubs in Boliviens Hauptstadt La Paz, zu den regelmässigen BesucherInnen des Stadions. «Alle grossen Erfolge des bolivianischen Fussballs haben wir hier errungen. Dieses Stadion ist ein Stück unserer nationalen Identität.»

Der 36-jährige Mechaniker Samiro fährt jedes Wochenende in den Stadtteil Miraflores und ist im oder vor dem Stadion - denn wenn Bolívar nicht antritt, dann besucht er seine Frau. Die betreibt einen kleinen grünen Kiosk an einer FussgängerInnenbrücke direkt gegenüber vom Estadio Hernando Siles. Von dort hat man einen prächtigen Blick auf das 45 000 ZuschauerInnen fassende Estadio: Es liegt 3637 Meter über dem Meeresspiegel und wurde 1931 mit einem Match zwischen der Mannschaft The Strongest und ihrem klassischen Rivalen Universitario eingeweiht. The Strongest siegten mit 4:1, und auch später fuhr der bolivianische Rekordmeister im Hernando Siles so manchen Titel ein.

Weitaus wichtiger als die Erfolge der Klubs aus La Paz - neben The Strongest sind das der Club Bolívar und der FC La Paz - sind aber die Erfolge der Nationalmannschaft, von den Fans «Los Verdes» genannt. 1963 holte die nationale Auswahl ihren ersten und einzigen Titel. Damals gelang es den bolivianischen Kickern, die Südamerikameisterschaft zu gewinnen: Der 3:2-Sieg gegen Argentinien im Hernando Siles ist genauso unvergessen wie das legendäre 5:4 gegen Brasilien, das in Cochabamba, der zweitgrössten Stadt des Landes, erkämpft wurde.

«Unsere Partien gegen die Brasilianer hatten schon immer eine pikante Note. Und schliesslich haben wir, die kleinen Bolivianer, der Übermacht von der Copacabana die erste Niederlage in einer WM-Qualifikation beigebracht», sagt Samiro Surco mit einem breiten Grinsen. Das war 1994, als Brasilien im Hernando Siles 0:2 gegen Bolivien verlor. Die BolivianerInnen feierten die historische Schlappe, derweil empörten sich die BrasilianerInnen über die klimatischen Bedingungen in La Paz.

Popelige Andenkicker?

Konnten die Bolivianer nur über Brasilien triumphieren, weil sie mit der dünnen Luft auf über 3600 Metern besser zurechtkamen als die Strandkicker aus Brasilien? Hatte sich Bolivien 1994 dank Höhenvorteil für die WM in den USA qualifiziert? Konnte es sich nur deshalb gegen die Gäste aus Argentinien, Kolumbien oder Venezuela durchsetzen? So legen es zumindest die brasilianischen Proteste dar, die seit der historischen Niederlage von 1994 regelmässig laut werden. Gegen die popeligen Andenkicker, so der Tenor, kann die stolze Fussballnation doch nicht einfach verlieren.

1994 wandte sich der brasilianische Fussballverband an den internationalen Fussballverband, die Fifa. Deren Reaktion liess angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaft in den USA etwas auf sich warten, doch am 12. Dezember 1995 folgte eine Entscheidung, die in Bolivien die Räder stehen liess - für einen Augenblick ging nichts mehr im Andenstaat: Die Fifa hatte entschieden, internationale Spiele ab einer Höhe von 3000 Metern über dem Meeresspiegel im gesundheitlichen Interesse der Kicker zu verbieten. Und das einzige Stadion, in dem regelmässig in dieser Höhe gegen den internationalen Ball getreten wird, ist das Estadio Hernando Siles. Selbst im peruanischen Cusco (3400 Meter über Meer) finden nur wenige Länderspiele statt, und so betraf das harte Urteil vor allem die fussballverrückten BolivianerInnen. Die bebten vor Wut, verwünschten die Fifa und ihre Fussballfunktionäre und lancierten eine Kampagne, in der der vermeintlichen Heim- und Höhenstärke die durchaus beachtliche Zahl von Niederlagen gegenübergestellt wurde.

Angesichts einer einzigen erfolgreich bestrittenen WM-Qualifikation, eben der von 1994, als Bolivien anschliessend in den USA in der Vorrunde die Segel strich, gab die Fifa dem Widerstand aus dem Andenstaat nach. Unter anderem auch, weil sich Bolivien auf die nationale Souveränität berief, denn schliesslich habe jedes Land das Recht, zu entscheiden, wo es seine Länderspiele austragen wolle.

«Brasilien empfing uns doch 1994 auch im tropisch-heissen Recife und schickte uns mit 6:0 nach Hause. Dagegen haben wir doch auch nicht protestiert», ereifert sich Taxifahrer Joaquín Pérez, der am Kiosk von María Vasquéz Surco eine Pause macht und mit Samiro Surco fachsimpelt. Als grosse Unsportlichkeit brandmarken die beiden Fans ihrer Selección das Verhalten der Brasilianer, die es nicht lassen können, nach Niederlagen in grosser Höhe die Schuld bei der Höhenluft zu suchen.

Lügenbaron Blatter

Im Februar 2007 war es dann wieder so weit: Der brasilianische Spitzenklub Flamengo legte offiziell Protest gegen die Wertung eines Spiels der Copa Libertadores ein, der lateinamerikanischen Champions League. Die Brasilianer fühlten sich beim 2:2 im Stadion Mario Mercado Vaca Guzmán in Potosí benachteiligt, weil sie auf 4000 Metern Höhe antreten mussten. Für Fifa-Präsident Joseph Blatter Grund genug einzuschreiten. Denn «man müsse an die Gesundheit der Spieler denken». Pflichtspiele auf mehr als 2500 Metern Höhe wurden verboten, Brasiliens Fussballgott Pelé klatschte, Boliviens auflagenstärkste Zeitung «La Razón» titelte: «Gemeinheit». Das Urteil bedeutete nicht nur das Aus für das Hernando Siles, sondern auch für die Stadien in Bogotá (2640 Meter über dem Meer), Quito (2800 Meter) und Cusco (3400 Meter).

Für andine Fussballfans ist der Name Blatter seitdem ein Synonym für Lügenbaron, denn niemand Geringerer als der Fifa-Chef höchstpersönlich hatte sich im Hernando Siles im Februar 2000 weit aus dem Fenster gelehnt. «Damals hat Blatter uns sein Ehrenwort gegeben, dass gegen Fussballspiele in La Paz kein Fifa-Veto eingelegt würde», erinnert sich Samiro Surco und deutet auf das Stadion, dessen Südkurve die Parole «Viva el deporte en la Altura» ziert - «Es lebe der Höhensport». Ausserhalb des Stadions ist in einer Betonwand der denkwürdige Satz Blatters eingraviert: «Ich bin in den Bergen geboren. Mein Dorf in der Schweiz liegt zwischen den höchsten Gipfeln Europas, deshalb macht mir die Höhe keine Angst.» Gegen La Paz, so der Fifa-Präsident bei seinem Besuch, werde kein Veto eingelegt - zumindest während seiner Amtszeit. Für das Hernando Siles war der denkwürdige Satz quasi ein Artenschutzabkommen. Das sollte allerdings nur sieben Jahre halten. Doch ist der Höhenkick wirklich so gefährlich?

Tatsächlich ist von Zusammenbrüchen von Spielern in grosser Höhe wenig bekannt, und Experten wie der Mediziner und Höhenforscher Robert C. Roach von der University of Colorado in den USA bescheinigt den Höhenkickern aus Potosí, Oruro oder La Paz keinen Vorteil. Mit Hitze sei weitaus schwerer klarzukommen als mit Höhe, so der Wissenschaftler. «Gesundheitliche Schäden sind bisher noch nicht festgestellt worden», sagt auch Verbandspräsident Carlos Alberto Chávez, der in Cochabamba, auf nur 2560 Metern Höhe residiert. Und auch Boliviens Sportärzte sind dieser Ansicht. Schliesslich müssen die von ihnen betreuten Spieler in der heimischen Liga ständig zwischen 4000 und 400 Metern über Meeresspiegel pendeln. «Entweder direkt spielen oder sich in Ruhe akklimatisieren», lautet die Devise, und da für die zweite Variante die nötigen zehn Tagen fehlen, wird lieber direkt gespielt.

Ausnahme bis 2010

Ginge es nach der Fifa, dürfte auch in Cochabamba nicht mehr international gekickt werden, doch die Proteste der Andenstaaten haben längst Wirkung gezeigt. Nachdem in den von der Fifa-Regelung betroffenen Ländern Bolivien, Peru, Kolumbien und Ecuador die Proteste gegen die Fifa Form angenommen hatten und Boliviens Präsident Evo Morales öffentlichkeitswirksam zum Kick in 6000 Metern Höhe die Fussballschuhe schnürte, ist die Fifa eingeknickt. Nun darf auch in einer Höhe von 3000 Metern gespielt werden. Und auch das Estadio Hernando Siles hat vorerst eine Ausnahmegenehmigung erhalten.

Doch die Tage, in dem der Schlachtruf «Bolivia todavia con su litoral» («Bolivien für immer mit seiner Küstenlinie») in der riesigen Betonschüssel erschallt, scheinen gezählt. Das Stadion, das den Sternen näher ist als so manches andere Stadion von Rang, ist dem Untergang geweiht. «Unsere Ausnahmeregelung gilt nur bis 2010, bis dahin soll ein neues Nationalstadion gebaut werden - unterhalb von 3000 Metern», erklärt Samiro Surco. Von derartigen Auflagen hält er wenig. Er begrüsst die Initiative des bolivianischen Fussballverbands, gegen die Fifa vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne zu klagen. Für ihn ist das ein überfälliger Akt zur Rettung des Hernando Siles.

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