Nr. 21/2005 vom 26.05.2005

IFA und IRA

125 Jahre alt wird der nordirische Fussballverband und gehört damit zu den ältesten der Welt. Seine Geschichte ist geprägt von der Spaltung der Gesellschaft.

Von Dietrich Schulze-Marmeling

Mit einer Bevölkerung von etwa 1,5 Millionen zählt Nordirland zu den kleinsten Ländern Europas, aber in der Geschichte des Weltfussballs hat die zum Vereinigten Königreich gehörende Provinz ihren festen Platz. Denn nach England, Schottland und Wales stellt Nordirland mit der Irish Football Association (IFA) den weltweit ältesten nationalen Fussballverband. In dieser Funktion ist Nordirland immer noch im exklusiven Zirkel des International Football Association Board (IFAB) vertreten, der über das Regelwerk des globalen Spiels wacht und befindet.

Fussball war auf der grünen Insel zunächst das «garrison game», das Kasernenspiel, betrieben vom irischen Kolonialpersonal und den Nachfahren der protestantischen Siedlergemeinschaft. Irlands führender Fussballpionier hiess John McAlery. Der Schotte war Manager des Irish Tweed House in Belfasts Royal Avenue. Vom Fussballvirus wurde der Philanthrop während seiner Flitterwochen in Edinburgh infiziert. Nach seiner Rückkehr organisierte McAlery das erste «richtige» Fussballspiel auf irischem Boden, bei dem sich 1878 im Belfaster Ulster Cricket Ground die renommierten schottischen Teams Queen’s Park und Caledonians gegenüberstanden. Die Demonstration hinterliess bei lokalen Ballenthusiasten einen nachhaltigen Eindruck. Am 18. November 1880 wurde im Belfaster Queen’s Hotel die IFA aus der Taufe gehoben, die bis zur irischen Teilung und der Gründung eines südirischen Verbands für die gesamte Insel verantwortlich zeichnete.

Spiel der Arbeiterschaft

Die Mehrzahl der ersten IFA-Klubs war in der nordirischen Industriemetropole beheimatet. Der älteste Klub Irlands ist der 1879 von McAlery gegründete Cliftonville FC aus dem Norden Belfasts. 1882 entstand im Osten der Stadt der Glentoran FC, benannt nach dem Haus seines ersten Präsidenten Victor Coates, dem Besitzer einer Eisengiesserei. 1886 wurde im Süden Belfasts der Linfield FC ins Leben gerufen, auf Initiative von Arbeitern der Ulster Spinning Company.

Cliftonville, Glentoran und Linfield waren «protestantische» Adressen, aber das Spiel fand auch unter den Katholiken Belfasts grossen Anklang, trotz der Konkurrenz der gälischen Sportarten. Fussball war ein urbanes Spiel und das Spiel der protestantischen und katholischen Arbeiterschaft. So wurde 1891 in einem Haus an der Falls Road im katholischen Westen Belfast Celtic gegründet.

Die Rivalität zwischen den Klubs, insbesondere zwischen den führenden Teams Linfield FC und Belfast Celtic, wurde von sektiererischen Auseinandersetzungen begleitet. 1949 zog Celtic die Konsequenzen und verabschiedete sich aus der Irish League. Belfast Celtic war ein Zuschauerkrösus, aber Nordirlands Katholiken verloren nun das Interesse an der Liga. Bedingt durch die «Troubles» kehrte 1972 mit Derry City noch ein weiterer Klub aus einem katholischen Gebiet der Irish League den Rücken.

Während der nordirische Vereinsfussball nach dem Rückzug von Belfast Celtic international keine Rolle mehr spielte, sorgte die Nationalmannschaft noch bis Mitte der achtziger Jahre für positive Schlagzeilen. Bei der WM 1958 in Schweden stiess das Team mit den nordirischen Fussballlegenden Harry Gregg (Manchester United), Danny Blanchflower (Tottenham Hotspur) und Bertie Peacock (Glasgow Celtic) bis ins Viertelfinale vor. Ihre besten Jahre erlebte die IFA-Auswahl von 1980 bis 1986. Trainer war ein Spieler aus dem 58er-Team: Billy Bingham, aufgewachsen im protestantischen Arbeiterbezirk Ballymacarret im Osten Belfasts. 1980 und 1984 gewannen Binghams Kicker die Home International Championship der Verbände von England, Schottland, Wales und Nordirland. Der 1883/84 erstmals ausgetragene und damit weltweit älteste internationale Wettbewerb wurde nach hundert Jahren abgeschafft. Als Gründe wurden ein durch WM- und EM-Qualifikationsspiele überlasteter Kalender, Hooliganismus und sinkendes Zuschauerinteresse aufgeführt. Als letzter Sieger durfte Nordirland die Trophäe behalten.

Katholische Leistungsträger

Bei der WM 1982 in Spanien schlug Nordirland den Gastgeber sensationell mit 1:0. Das Team wurde Gruppenerster, scheiterte aber in der zweiten Finalrunde. Für das WM-Turnier 1986 in Mexiko konnten sich die Nordiren ebenfalls qualifizieren.

Eine Reihe von Leistungsträgern im Bingham-Team dieser Jahre waren Katholiken. So Keeper Pat Jennings, mit 119 Einsätzen nordirischer Rekordnationalspieler, Gerry Armstrong und Martin O’Neill. Armstrong ist heute für den nordirischen Nachwuchs verantwortlich. O’Neill, der aus einer irisch-republikanischen Familie stammt, in Belfast die katholische Eliteschule St Malachy besuchte und zunächst Gaelic Football spielte, war damals der erste Katholik, dem die Kapitänsbinde übertragen wurde. O’Neill sah sich den Anfeindungen probritischer loyalistischer Fans ausgesetzt, doch Bingham stärkte ihm den Rücken. Der ehemalige Jurastudent ist heute Trainer bei Celtic Glasgow.

Nach 1986 ging es auch mit der Nationalmannschaft bergab. Deren Spielstätte Windsor Park, Heimat von Nordirlands «protestantischstem» Klub Linfield FC, wurde nicht nur von katholischen Zuschauern, sondern vereinzelt auch von den ohnehin wenigen katholischen Spielern gemieden, die die dort herrschende sektiererische Atmosphäre beklagten. Auf den Rängen gerieten Länderspiele zu exklusiv protestantischen Versammlungen und Demonstrationen des militanten Loyalismus. In einer sich wandelnden politischen Landschaft, in der die KatholikInnen immer mehr Terrain eroberten, wurde die IFA-Auswahl zur letzten Bastion des ehemaligen protestantischen Staates.

Das Wegbleiben der Katholiken wurde noch durch eine andere Tendenz verstärkt. Ende der achtziger Jahre erfuhr das fussballerische Kräfteverhältnis zwischen Nord und Süd eine einschneidende Veränderung. Auch nach der Teilung war die Mehrzahl der in Irland betriebenen Sportarten gesamtirisch organisiert geblieben. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte der Fussball. 1921 hatten sich acht Klubs aus Dublin und der Provinz Leinster von der IFA losgesagt und die Football Association of Ireland (FAI) gegründet. Die Klubs beklagten die Dominanz Belfasts und der dort ansässigen IFA-Funktionäre. Ein weiterer Grund war auch, dass nationalistische Puristen Fussball als «ausländisches Spiel» betrachteten. Institutionelle Eigenständigkeit sollte nun die Vereinbarkeit von Fussball und irischer Unabhängigkeit beweisen.

Während sich Nordirland seit 1986 für keinen grossen internationalen Wettbewerb mehr qualifizieren konnte, war die Auswahl der FAI seither bei drei WM-Turnieren (1990, 1994, 2002) und einer EM-Endrunde (1988) dabei. Der Aufstieg der FAI-Auswahl hatte zur Folge, dass Nordirlands Katholiken nun eine sportlich attraktive und politisch akzeptable Alternative besassen.

1298 Minuten ohne Tor

Seit Januar 2005 heisst Nordirlands Auswahltrainer Lawrie Sanchez. Zum Zeitpunkt seiner Amtsübernahme stand «our wee country», unser kleines Land, an 124. Stelle in der FIFA-Rangliste. Von Oktober 2001 bis März 2004 war Nordirland 1298 Minuten lang ohne Torerfolg geblieben. Unter Sanchez konnte man sich mittlerweile auf den 111. Rang vorarbeiten. Sanchez ist ein Realist und scharfsinniger Analytiker der Probleme. Das Auseinanderbrechen des «Ostblocks» hat die Zahl der um WM-Endrundenplätze konkurrierenden Teams deutlich erhöht. Anstatt wie früher 32 bewerben sich heute 52 europäische Teams für die WM-Endrunde. Und zumindest einige der neuen Verbände verfügen über ein grösseres Spielerpotenzial als Nordirland, weshalb eine Qualifikation schon fast an ein Wunder grenzen würde. Sanchez: «Wir werden niemals mehr unter die ersten acht in der Weltrangliste gelangen, vermutlich auch nicht unter die besten dreissig. Wir können hoffen, dass wir in meiner Amtszeit unter die ersten hundert aufsteigen. Um in der WM-Qualifikation eine realistische Chance zu besitzen, muss man aber wohl unter den ersten sechzig sein.»

Bleibt noch die Spaltung der Gesellschaft, die der IFA die optimale Ausschöpfung des heimischen Potenzials erschwert. Im Gegensatz zu früheren Jahren wird dieses Problem nicht länger ignoriert. Will Nordirland international aufschliessen, wird Antisektierertum zur sportlichen und kommerziellen Notwendigkeit. Kampagnen wie «football for all» und «give sectarianism the boot» (kick das Sektierertum raus) sollen den nordirischen Fussball auch für die katholische Community öffnen und ihm ein zeitgemässeres Antlitz verleihen. Hierzu gehört auch eine «familienfreundlichere» Atmosphäre in den Stadien.

Auch der in einer loyalistischen Hochburg gelegene Windsor Park steht mittlerweile zur Disposition. Das Stadion entspricht kaum internationalen Standards. Einige Bereiche von Windsor Park bleiben bei internationalen Begegnungen gesperrt. Derzeit werden Pläne diskutiert, auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses Maze, wo einst die republikanischen und loyalistischen Häftlinge einsassen, ein neues Nationalstadion zu errichten, mit IFA, Gaelic Athletic Association (GAA) und Irish Rugby Football Union (IRFU) als gemeinsamen Hausherren. Ein solches Stadion, so die Hoffnung, wäre nicht nur modern, sondern könnte auch ein neues Publikum mobilisieren. Bislang stösst die Idee jedoch auf beiden Seiten auf wenig Gegenliebe. Ein Auszug aus der Provinzhauptstadt Belfast und auf ein freies Feld erscheint vielen Fussballfans - Protestanten wie Katholiken - als wenig attraktiv. Und trotz aller Bemühungen bleiben die alten Probleme: Im Westen Nordirlands, wo die KatholikInnen die Mehrheit stellen, beklagt man weiterhin die Dominanz der «Belfaster Mentalität». Die Jugendteams aus Derry und Umgebung seien zwar auf Landesebene ausserordentlich erfolgreich, doch bei der Zusammenstellung der Auswahlmannschaften würden ihre Kicker kaum berücksichtigt.

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