Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Es steht viel auf dem Spiel

Die Schweizer Nati hat am Mittwoch dieser Woche in Lugano gegen Katar gespielt. Dieses Testspiel war nicht nur von sportlichem Interesse.

Von Glenn Jäger

Wieso ausgerechnet Katar? «Katar war auf dem Markt», erwidert Marco von Ah, Sprecher des Schweizerischen Fussballverbands, auf Nachfragen zum Freundschaftsspiel in Lugano (das nach Redaktionsschluss gespielt wurde). Zudem habe man als Testlauf für die WM 2022 eine Rückspieloption im Emirat. Und Nationaltrainer Wladimir Petkovic habe sich vor dem Pflichtspiel gegen Belgien schlicht einen leichteren Gegner gewünscht.

Sportliche Überlegungen alleine waren aber kaum ausschlaggebend für die Wahl des Gegners. In der VIP-Lounge wird es auch um den Absatz von Schmuck und Uhren oder um Investitionen in Luxushotels gegangen sein. Geschwiegen hat man vermutlich über die noch immer desaströsen Arbeitsbedingungen auf WM-Baustellen, über Katars Unterstützung von Dschihadisten auf diversen Kriegsschauplätzen – und ganz sicher über die Unregelmässigkeiten bei der WM-Vergabe: Solange die Geschäfte mit dem vor allem an Erdgas enorm reichen Land florieren, lässt sich auch mit einer absoluten Monarchie gut auskommen.

Neue Handelspartner gesucht

Katar versucht seit Mitte 2017, seine aussenpolitischen Kontakte zu stärken. Denn im Juni hatte Saudi-Arabien mit einigen Verbündeten eine Blockade gegen das Land verhängt. Das saudische Königshaus bestrafte damit Katar für seine Politik des Ausgleichs mit dem Iran, für seine Unterstützung der Muslimbrüder und das Betreiben des Senders al-Dschasira. Die Sperrung des Luftraums und der Landesgrenzen wirkte sich auch auf die Handelsbeziehungen der Schweiz mit Katar aus: 2017 brachen die Exporte um fast 18 Prozent auf gut 677 Millionen Franken ein, die Importe sogar um mehr als die Hälfte.

Die Versorgungslage im Emirat liess sich mithilfe der Türkei und anderer Länder auffangen. Doch auch die Schweizer Lebensmittelbranche reagierte: «Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für den Markteintritt in Katar», schrieb der Verband Switzerland Global Enterprise nach einer Reise ins Emirat. Vor Ort habe man «führende Food-Distributoren» kennengelernt, benötigt würden etwa Müesli, Bioprodukte, Babynahrung und Pasta. Und das Aussendepartement freut sich über einen «kleinen Markt mit einer sehr kaufkräftigen Kundschaft».

Weniger gerne schmückt sich die Aussenpolitik mit Waffenexporten. 2015 rangierte das Emirat auf Platz drei der Abnehmer. Anfang September dieses Jahres machte die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht publik, wie die Ruag 2016 versucht hatte, das direkte Ausfuhrverbot von Waffen nach Katar zu umgehen. Über Finnland sollten Minenwerfer vom Typ Cobra geliefert werden. Kurz vor Abschluss des Geschäfts stoppte die Ruag das Projekt, wie sie auf Anfrage der «Rundschau» mitteilte.

Ruag-Chef Urs Breitmeier lobbyierte zusammen mit anderen Rüstungsfirmen und Zulieferern im September 2017 für eine Lockerung der Kriegsmaterialverordnung. In einem Brief an die Sicherheitspolitische Kommission des Ständerats forderten sie, was der Bundesrat kurz darauf umzusetzen bereit war: Künftig sollten Waffenexporte auch in Bürgerkriegsländer wie etwa Thailand möglich sein. Nachdem ein parteiübergreifendes Komitee eine Initiative lanciert hatte, um diesen Entscheid rückgängig zu machen, zog der Bundesrat seine Pläne wieder zurück.

Das Länderspiel in Lugano bot Gelegenheit zur geschäftlichen Kontaktpflege, und an Honoratioren, denen dies gelegen kommt, mangelt es hierzulande nicht. Im September beispielsweise wurde das Bürgenstock-Resort nach einer 550-Millionen-Investition aus Katar feierlich eröffnet. Nawaf al-Thani, Präsident des katarischen Hospitality-Fonds, ist sich sicher, dass der Hotelkomplex «auch hochkarätige Führungskräfte aus der Wirtschaft anziehen wird».

Eine andere Institution, die Qatar Investment Authority, ist mit einem Anteil von über 5,2 Prozent Grossaktionärin bei der Credit Suisse (CS). Auch am Rohstoffkonzern Glencore und am Reisedetailhändler Dufry hält sie grössere Aktienpakete. Es sind beachtliche Summen, auch wenn sich die Investitionen in der Schweiz nicht mit denen in Frankreich oder Deutschland messen lassen: Allein am VW-Konzern ist Katar mit rund 17  Prozent beteiligt. Nicht zufällig also drängten verschiedene Akteure in den beiden westeuropäischen Wirtschafts- und Fussballmächten auf eine WM-Vergabe ans Emirat.

Frappierend sind die zeitlichen Auffälligkeiten rund um den Fifa-Entscheid vom Dezember 2010. Kurz vor der Vergabe der WM 2022 hatte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ein Treffen im Élysée-Palast arrangiert. Mit dabei: ein Vertreter Katars sowie Michel Platini als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Kurze Zeit später, im Jahr 2011, wurde Michel Platinis Sohn Laurent Platini Europachef von Qatar Sports Investment. Im selben Jahr schloss dieser Fonds einen Trikotdeal mit dem FC Barcelona ab und übernahm den Spitzenklub Paris St. Germain. 2010 tagten die Kanzlerin und der Bundespräsident Deutschlands samt Entourage mehrfach mit der katarischen Führung. Seit Januar 2011 schlägt der FC Bayern jährlich seine Zelte in Katar auf. Selbst in Fifa-Kreisen war von einer «gekauften WM» die Rede.

Katar und Fifa vor Gericht

Vier Jahre vor der WM steht es um das Image der Fifa und des Gastgeberlands Katar denkbar schlecht. In New York läuft ein Mammutprozess gegen die Fifa – wegen Korruption, Bestechung und Geldwäsche. Im Zentrum der Verhandlung stehen mutmassliche Schmiergeldzahlungen bei der Vergabe von Übertragungsrechten, vierzig (ehemalige) Funktionäre sind angeklagt.

Auch gegen den katarischen Unternehmer Nasser al-Khelaifi wird im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal ermittelt: Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat eine Strafuntersuchung gegen die Präsidenten von Paris St. Germain und des katarischen Senders «beIN Sports» eröffnet: Er soll den früheren Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke für den Erhalt der WM-Übertragungsrechte bestochen haben.

Wie das Verfahren ausgeht, ist nicht abzusehen. Bislang schonte die Schweizer Justiz die Fifa – auch, als 2016 ein Arbeiter aus Bangladesch und der niederländische Gewerkschaftsbund FNV vor dem Handelsgericht in Zürich gegen den Verband klagten, weil die Fifa auf WM-Baustellen nicht die Einhaltung elementarer Arbeits- und Menschenrechte einfordere.

Das dürften auch einige Unternehmen, Kanzleien und Banken mit Sitz in der Schweiz dankend zur Kenntnis genommen haben. Aufzuklären nämlich gäbe es genug: Millionengagen für Testspiele, Strohmänner, undurchsichtige Firmenkonstrukte von Brasilien und der Schweiz über Barcelona und London bis nach Katar – die Verflechtungen mit dem Emirat sind bester Krimistoff. So manche agierten auch in einer Grauzone, wie der Schweizer Sportrechtevermarkter Kentaro, der fragwürdige Freundschaftsspiele wie etwa die Begegnung Ägypten–Brasilien im November 2011 in Doha organisierte.

Rein sportlich geht es für Katar darum, 2022 eine ansehnliche Elf aufzubieten. Im Sommer wurde ein 200-Millionen-Angebot an Zinédine Zidane für den Trainerposten gemeldet. Und bereits vor Jahren hatte man mit dem Scouting von jugendlichen Spielern in afrikanischen Ländern begonnen. Sollte es gegen die «Nati» nicht gereicht haben, lässt sich vielleicht kommendes Jahr ein Zeichen setzen: Im Juni 2019 nimmt Katar – die Welt ist klein geworden – an der Südamerikameisterschaft teil.

Glenn Jäger: In den Sand gesetzt. Katar, die FIFA und die Fussball-WM 2022. PappyRossa Verlag. Köln 2018. 311 Seiten. 27 Franken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch