Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Mitten im gefährlichen Nebel

Syngenta beharrt im Namen verbesserter Lebensbedingungen in Entwicklungsländern auf dem Einsatz von Paraquat. Die Erklärung von Bern kämpft aus demselben Grund für ein Verbot des Pestizids.

Von Franziska Meister

Paraquat ist ein Pestizid, das seit über vierzig Jahren weltweit zur Unkrautvertilgung eingesetzt wird. Es gehört zu den wichtigsten Produkten des Basler Agrochemiekonzerns Syngenta. Während Syngenta daran festhält, dass das hochgiftige Pestizid bei sachgemässem Gebrauch kein Risiko für Mensch und Umwelt darstelle, wachsen Zweifel und Kritik.

Die Erklärung von Bern (EvB) hat mit ihrer «Stopp Paraquat»-Kampagne 2006 darauf aufmerksam gemacht, dass das Pestizid gerade in Entwicklungsländern schwerwiegende Gesundheitsrisiken für die AnwenderInnen birgt. Insbesondere, weil sich ein sachgemässer Gebrauch in diesen Ländern gar nicht realisieren lässt. Sie fordert deshalb ein sofortiges Verbot, Paraquat dort zu vertreiben und anzuwenden. Grundsätzlich strebt die EvB ein völliges Produktions- und Verkaufsverbot an. Mit zunehmendem Erfolg. Im Juli 2007 hat der Europäische Gerichtshof den Verkauf von Paraquat in der gesamten EU mit sofortiger Wirkung verboten. Grosskonzerne wie Dole und Chiquita verzichten mittlerweile freiwillig auf den Einsatz des Pestizids.

Barfuss im Sprühregen

Eine jüngst veröffentlichte Studie* bestätigt die Besorgnis der EvB in vielen Punkten. Pikanterweise basiert sie auf einer Befragung von über 8500 KleinbäuerInnen aus 26 Ländern vorwiegend des Südens, die Syngenta in Auftrag gegeben hat. Darin sind zahlreiche riskante Praktiken im Umgang mit Pestiziden wie Paraquat dokumentiert. Selbst auf minimalste Schutzmassnahmen wie lange Hosen und Hemden, Stiefel oder Mundschutz wird beim Mischen und Sprühen oft verzichtet. Lange Kleidung und Stiefel tragen in Brasilien vierzig Prozent der Befragten, in den Philippinen und in Sri Lanka rund zehn Prozent und in Bangladesh lediglich zwei Prozent. Geraten im Verlauf der Arbeit Spritzer des Pestizids auf die Haut, haben in Bangladesh weniger als die Hälfte der BäuerInnen Zugang zu frischem Wasser, um sich zu reinigen. In Indien rührt jede/r Fünfte das Spritzmittel gar mit blossen Händen an.

Entsprechend häufig treten gesundheitliche Probleme auf: Mehr als die Hälfte beklagt sich über Kopfschmerzen, oft verbunden mit Übelkeit. In zwanzig Prozent der Fälle treten diese sogar bei jedem Sprühen auf. Bei zwei von fünf BäuerInnen verursacht der Umgang mit Pestiziden Hautreizungen - darunter bei dreissig Prozent regelmässig. Eigentliche Unfälle können gerade bei hochgiftigen Unkrautvertilgern wie Paraquat akut gefährlich werden. Ein Prozent der Befragten - und das entspricht 88 Personen - sind innerhalb eines Jahres wegen eines Pestizidunfalls hospitalisiert worden. Sechsmal so viele - 528 Personen - haben sich in ärztliche Pflege begeben müssen.

Pestizide - nein danke!

Viele BäuerInnen sind schlecht über den sicheren Umgang mit Pestiziden informiert. Bei drei von vier Personen scheint ihr Wissen auf dem Lesen der Angaben auf der Etikette zu beruhen. In Brasilien haben achtzig Prozent aller BäuerInnen aus einer andern Studie zugegeben, weder die Etikette gelesen noch die darauf abgebildeten Piktogramme verstanden zu haben. Es erstaunt kaum: Jede/r dritte Kleinbäuerin oder Kleinbauer aus den 26 Ländern würde lieber alternative Methoden zur Unkrautbekämpfung einsetzen und auf Pestizide verzichten.

Syngenta allerdings beharrt weiter auf ihrem Standpunkt. Im Oktober 2007 hat der Konzern einen erneuten EU-Zulassungsantrag für sein Pestizid gestellt. Unter anderem mit dem Argument: «Paraquat verbessert die Lebensbedingungen der Menschen in Entwicklungsländern.» Anlässlich des Tages der Landlosen am 17. April organisiert das Europäische BürgerInnenforum am 16. und 17. April Protestaktionen gegen Syngenta in Basel. Nebst der EvB sind dabei auch VertreterInnen der Landlosenbewegung aus Brasilien zu Gast. Dort ist letztes Jahr ein landloser Bauer von Syngenta-Sicherheitsleuten erschossen worden.

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