Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Ein Gift, das an die Nieren geht

Mindestens 24 000 Menschen starben in den vergangenen Jahren in Mittelamerika an chronischem Nierenversagen. Jetzt legt eine wissenschaftliche Studie nahe, dass die Krankheit von einem Herbizid des Schweizer Agrochemiekonzerns Syngenta verursacht wird.

Von Cecibel Romero und Toni Keppeler, Chichigalpa und Ciudad Romero

Auf den ersten Blick sieht Dennis Osorio nicht aus wie ein Mann im letzten Stadium einer tödlichen Krankheit. Dreissig Jahre alt ist er und kräftig. Er liegt auf dem Bett, nur mit einer Sporthose bekleidet. Ein breiter Brustkorb, feste Arme und Beine. Seine eine Hand berührt den Rosenkranz aus Plastik, den er um den Hals trägt. Die andere hängt über den Bettrand hinaus und sucht den Arm seiner dort sitzenden Schwester Ana María. «Früher war er noch viel kräftiger», sagt sie.

Sein Blick stiert leer hinauf zum Blechdach, das von der unbarmherzigen tropischen Sonne erhitzt wird. Ausser dem Bett und ein paar Plastikstühlen ist fast nichts in seiner Hütte. Ein Ventilator steht auf dem gestampften Erdboden. Er funktioniert so gut wie nie, weil es so gut wie nie Strom gibt im Haus. Hinten an der Lehmziegelwand ist ein bisschen Gerümpel aufgestapelt. Das Licht kommt durch die offene Tür.

Osorio stöhnt und röchelt, als seien seine Bronchien bis zum Explodieren gefüllt mit zähem Schleim. Die Brust schmerzt ihm, die Hüften, die Beine. Immer wieder massiert ihn Ana María; nur kurz, dann winkt er ab, weil er die Berührung nicht mehr erträgt. Osorio richtet sich auf und verlangt zu trinken. Die Schwester flösst ihm Saft ein von den Mangos draussen im Hof. Er schlürft, er schluckt, legt sich zurück und erbricht das eben Getrunkene. Flüsternd und in gehetzt gesprochenen abgehackten Sätzen erzählt er von Gott, den er getroffen habe. «Ich habe … einen Pakt mit ihm … geschlossen.» Er müsse der Welt eine Botschaft bringen. Dann schliesst er die Augen und röchelt und stöhnt. Die Botschaft bleibt ungesagt. «Einen Monat lang ist er schon so», sagt Ana María. «Sein Kreatinin ist bei 19.»

Kreatinin ist das Abbauprodukt der Säure Kreatin, die die Muskeln mit Energie versorgt. Kreatin wird in Nieren, Leber und Bauchspeicheldrüse gebildet, etwa 1,5 bis 2 Prozent des Vorrats im Körper werden täglich als Kreatinin über die Nieren im Urin wieder ausgeschieden. Sind die Nieren geschädigt, wird weniger Kreatinin ausgeschieden. Der Spiegel im Blut steigt an. Ein Deziliter Blut eines gesunden Mannes enthält zwischen 0,5 und 1,1 Milligramm Kreatinin, bei Frauen etwas weniger. Das von Osorio enthält 19 Milligramm.

Die Jungen werden dahingerafft

In Chichigalpa, einem 40 000 -EinwohnerInnen-Städtchen in der pazifischen Küstenebene Nicaraguas, kennt jedes Kind den Begriff Kreatinin. Kaum jemand weiss so recht, was das ist, aber alle wissen: Man stirbt daran. Täglich sind es mindestens zwei oder drei, im vergangenen Jahrzehnt über 7000. Alle waren sie beim grössten Unternehmen des Orts beschäftigt, der Nicaragua Sugar Estate Limited, die dort die Zuckerfabrik San Antonio und die Brennerei Flor de Caña betreibt, aus der einer der besten Rums der Welt kommt. Rund um die beiden Fabriken und um Chichigalpa breiten sich riesige Zuckerrohrplantagen aus.

Rund 3000 Menschen hat die Sugar Estate auf ihren Lohnlisten. Auch Dennis Osorio war darunter. Bis ihm der Betriebsarzt vor zwei Jahren chronisches Nierenversagen attestierte, im spanischen Kürzel IRC. Damals war sein Kreatininwert noch nicht einmal bei drei Milligramm. Gerade vier Zuckerrohrernten hat er als Schnitter mitgemacht.

Es ist ein hartes, schweisstreibendes Geschäft: In glühender Hitze – oft sind es mehr als vierzig Grad im Schatten – gehen die Männer nach vorn gebeugt übers Feld, trennen mit einem Arm fünf oder sieben Zuckerrohre von den anderen und schlagen sie dann mit dem langen Messer in der anderen Hand ab. Die Arbeitsgruppen werden nach geernteten Tonnen bezahlt. Sechs Monate dauert die Ernte; gute Schnitter kommen auf umgerechnet rund hundert Franken im Monat.

Überall, wo es in Mittelamerika grosse Zuckerrohrplantagen gibt, sterben die Männer zu Hunderten. Chronisches Nierenversagen ist eine Epidemie mit bislang bekannten Herden in Chiapas im Süden von Mexiko, in Esquintla in Guatemala, an der Pazifikküste El Salvadors, in Choluteca und Valle in Honduras, zwischen León und Chinandega in Nicaragua, in Guanacaste in Costa Rica und in Coclé in Panamá. Mindestens 24 000 Menschen sind in dieser Region allein im vergangenen Jahrzehnt an ICR gestorben.

«Früher traf es meist nur die Älteren, solche mit fünfzig Jahren und mehr», sagt Carmen Ríos. Sie ist Vorsitzende von ANAIRC, einer Selbsthilfevereinigung der Nierenkranken und ihrer Angehörigen in Chichigalpa. «Heute rafft es auch die Jungen dahin; die Krankheit ist aggressiv und gewalttätig geworden.» Ihr Vater ist an IRC gestorben, ihr Mann und ihr Bruder. Bei ihrem 27-jährigen Sohn wurde die Krankheit vor einem Jahr diagnostiziert. ANAIRC hat inzwischen erreicht, dass IRC in Nicaragua als Berufskrankheit von Zuckerrohrarbeitern anerkannt ist. So bekommen die Betroffenen wenigstens eine kleine Rente. Mit der Sugar Estate streitet sich die Vereinigung um Abfindungen.

Versorgt werden die Kranken im örtlichen Gesundheitsposten, meist nur mit Vitamintabletten und guten Ratschlägen wie «nicht rauchen» und «kein Alkohol». Francisco Espinosa, der Epidemologe des Postens, hat keinerlei Zweifel an den Ursachen der Seuche: «Alle haben sie für die Zuckerfabrik gearbeitet, alle waren dort Pestiziden ausgesetzt», sagt er. «Sozialwissenschaftlich ist der Zusammenhang sonnenklar.» Ein naturwissenschaftlicher Beweis aber fehlt bislang, und mit diesem Argument stiehlt sich die Firma aus der Verantwortung.

Zeitbombe für das Gesundheitssystem

Einmal nur wurden 131 entlassene kranke Arbeiter mit zusammen 2,5 Millionen US-Dollar entschädigt. Die Nicaragua Sugar Estate Limited bezahlt so etwas aus der Portokasse. Die Firma gehört zum Grupo Pellas, dem weitaus grössten Konglomerat des Landes aus Landwirtschaftsindustrie, Handelsunternehmen, Banken und Versicherungen im Besitz der gleichnamigen Familie.

In der Firmenzentrale, einem Hochhaus mit Glasfassade im Zentrum der Hauptstadt Managua, weist Konzernsprecher Ariel Granera alle Schuld von sich. Dass da ein paar Entlassene abgefunden wurden, sei ein freiwilliges Entgegenkommen gewesen, kein Schuldeingeständnis. «Wir sind davon überzeugt, dass wir mit der Krankheit nichts zu tun haben.» Als Beweis führt er eine Studie der Boston University School of Public Health an, die vom Grupo Pellas 2010 in Auftrag gegeben worden war.

Fünf Tage lang besuchten damals die RechercheurInnen aus Boston Chichigalpa. Sie wurden von leitenden Angestellten der Sugar Estate durch den Betrieb geführt und durften auch mit ArbeiterInnen sprechen – immer in Anwesenheit von deren Chefs. In ihrem Abschlussbericht wird eine ganze Reihe nierenschädigender Pestizide aufgeführt, die auf den Plantagen der Firma verwendet werden. Es wird aber auch darauf verwiesen, dass Zuckerrohrschneiden eine schweisstreibende Arbeit bei glühender Hitze sei, bei der der Körper schnell austrockne, was langfristig zu Problemen mit den Nieren führen könne. Letztlich sei die Basis der erhobenen Daten zu schmal, um wissenschaftlich abgesicherte Schlüsse daraus zu ziehen. Granera interpretiert das so: Eine Schuld des Grupo Pellas wurde nicht festgestellt.

Carmen Ríos kennt die Liste der auf den Plantagen eingesetzten Herbizide. Vor allem zwei davon, haben ihr Agrochemie-ExpertInnen gesagt, könnten extrem an die Nieren gehen: Paraquat und 2,4-D. Letzteres wird noch immer von der Sugar Estate verwendet, Paraquat wurde nach Firmenangaben nur in den Jahren 1984 bis 1994 versprüht. Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern dagegen sagen, auch dieses Mittel werde noch immer eingesetzt.

Wenn Carlos Orantes in El Salvador die Namen dieser beiden Gifte hört, zuckt er wissend zusammen. Er ist Facharzt für Nierenheilkunde, ausgebildet in Kuba, und Leiter eines Forschungsteams, das im Auftrag des Gesundheitsministeriums der Krankheit mit einer gross angelegten wissenschaftlichen Studie auf den Grund gehen soll – der ersten ihrer Art. «Chronisches Nierenversagen ist eine Zeitbombe, die unser gesamtes Gesundheitssystem in die Luft sprengen wird», sagt er. Schon heute ist IRC in El Salvador die zweithäufigste Todesursache bei Männern, die Behandlung eines Schwerkranken kostet 80 000 Dollar im Jahr. Viel zu viel für ein armes Land.

Ein Viertel aller Männer

Carlos Orantes und sein Team haben in Ciudad Romero und zwei Nachbargemeinden in der pazifischen Küstenebene fast die gesamte Bevölkerung untersucht – insgesamt 775 Männer und Frauen. Ihre Lebensgewohnheiten wurden erfasst: die Arbeit, Rauchen, Trinken. Man erforschte ihre Krankheitsgeschichten, notierte eventuelles Übergewicht und untersuchte Blut und Urin. Das Ergebnis: 25,7 Prozent der Männer und 11,8 Prozent der Frauen leiden an einer Nierenschädigung.

Üblicherweise ist chronische Niereninsuffizienz eine Folge von Zuckerkrankheit oder Bluthochdruck oder einer Kombination von beidem und wird vom 60. Lebensjahr an manifest. «Wir aber fanden ein völlig ungewöhnliches Bild», sagt Carlos Orantes. «Die allermeisten Kranken in El Salvador haben weder Hochdruck noch Zucker und sind in der Regel viel jünger als sechzig.» Aber alle Kranken haben eines gemeinsam: Sie sind mit Herbiziden in Kontakt; sei es auf den Zuckerrohrfeldern, die die drei Gemeinden umgeben, sei es auf ihrem eigenen Stückchen Land. Denn auch KleinbäuerInnen setzen bedenken- und gedankenlos Agrochemie auf ihren Feldern ein.

Die wenigen Einzelfallstudien, die bislang zu dieser mittelamerikanischen Krankheit veröffentlicht wurden, gehen – mehr auf der Basis von Vermutungen denn von Beweisen – von einem ganzen Bündel von Ursachen aus: Da sei zunächst einmal die harte körperliche Arbeit in glühender Hitze, die dem Körper das Wasser entzieht und die Nieren belastet. Dazu kämen Gewohnheiten wie Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung mit Fastfood und Soda-Softdrinks und Krankheiten wie die in den Küstengegenden verbreitete Malaria, die ebenfalls an die Nieren geht. Agrochemie ist in diesen Studien nur eine mögliche Ursache von vielen.

Orantes aber geht nach seinen Erhebungen davon aus, «dass Vergiftungen bei der Arbeit und durch die Umwelt für den Ausbruch der Krankheit fundamental sind». Alle anderen Faktoren kämen erschwerend hinzu und könnten den Verlauf der von der Chemie verursachten Krankheit beschleunigen. Nur so könne man erklären, warum es das Problem IRC auf den Zuckerrohrplantagen Kubas nicht gibt. Dort ist es genauso heiss, die Arbeit ist genauso hart und die Männer rauchen und trinken tendenziell mehr als in Mittelamerika. Aber es wird dort kein Paraquat eingesetzt und kein 2,4-D. In Kuba werden die Plantagen ohne importierte Chemie bewirtschaftet.

Erste Ergebnisse einer noch laufenden Vergleichsstudie in einer höher gelegenen Region El Salvadors weisen in dieselbe Richtung. Dort wird kein Zuckerrohr angebaut, für die Pflanzen ist es zu kühl. Doch die KleinbäuerInnen verwenden auf ihren Feldern Paraquat. Orantes stellte bei ihnen und ihren Familien einen vergleichbar hohen Anteil an Nierenkranken fest wie unten in der heissen Küstenebene.

Das giftigste aller Herbizide

Paraquat ist das weltweit am zweithäufigsten verwendete Herbizid und laut der Weltgesundheitsorganisation der Uno «das giftigste der Nachkriegszeit», 28-mal giftiger als das am meisten verwendete Glyphosat. 2,4-D, ein Bestandteil des von den USA im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange, ist immerhin noch zwölfmal so giftig wie Glyphosat. Ein Teelöffel voll mit Paraquat ist bereits tödlich, das Gift dringt aber auch über die Haut in den Körper ein. Und es gibt kein Gegengift oder Medikament. Wer einen Schluck trinkt, stirbt unweigerlich einen langsamen und schmerzhaften Tod.

Entwickelt wurde das Herbizid 1955 von der britischen Firma Imperial Chemical Industries, deren Agrarsparte heute zum Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta gehört. Anfang der sechziger Jahre wurde es unter dem Markennamen Gramoxone zum ersten Mal auf Palmölplantagen in Malaysia eingesetzt. Alles, was grün ist, tötet das Mittel schnell und effektiv ab. Stämme und Wurzeln aber werden verschont. Es wird deshalb besonders gern für das Vorbereiten der Böden vor der Aussaat verwendet – auf Zuckerrohrplantagen genauso wie auf den Feldern der KleinbäuerInnen in Mittelamerika. Dort wird Gramoxone in jedem Laden für Landwirtschaftsbedarf frei verkauft, selbst an Kinder. «Das geht über die Theke wie ein Pfund Tomaten», sagt der Kleinbauer Julio Reyes in Ciudad Romero in der Küstenebene El Salvadors.

Auf dem sehr klein gedruckten Beipackzettel steht zwar, dass man bei der Anwendung Schutzkleidung braucht, Gummihandschuhe und Stiefel. Aber viele der BäuerInnen sind AnalphabetInnen, lassen sich das Gift aus einem grossen Kanister in mitgebrachte Flaschen abfüllen und haben ohnehin keine Schutzkleidung zu Hause.

Die Folgen einer akuten Paraquat-Vergiftung sind durch eine ganze Reihe von Studien belegt: schwere Schädigung der Lungen, Nierenversagen, Störungen des Gehirns und des Nervensystems, Reizungen der Haut und der Augen, Beeinträchtigung der Zeugungsfähigkeit, erhöhtes Risiko der Parkinson-Krankheit. Aber es gibt noch keine fundierte Untersuchung über die Auswirkungen auf LandarbeiterInnen, die über lange Zeit niedrigen Dosen ausgesetzt sind oder mehrere leichtere Vergiftungen überlebt haben. Lediglich eine im April dieses Jahres in Kanada veröffentlichte Forschungsarbeit über den Zusammenhang von Paraquat und Parkinson erwähnt, dass sich das Herbizid «in der Niere anreichert und dort seine grösste toxische Wirkung entfaltet». Das Gesundheitsministerium in El Salvador lässt nun in Schweden Nierenproben von PatientInnen untersuchen, um mehr über die dort gespeicherten Gifte und ihre Wirkung zu erfahren.

In Malaysia ist Paraquat inzwischen genauso verboten wie in der Europäischen Union und der Schweiz, dem Konzernsitz des ersten und weltweit grössten Herstellers. Ein Rechtsgutachten, erstellt für die Berliner Anwaltsgruppe European Center für Constitutional and Human Rights und für die Schweizer Dritte-Welt-Lobbygruppe Erklärung von Bern, kommt zum Schluss, dass Syngenta mit der Herstellung und dem Vertrieb von Paraquat Menschenrechte verletzt. In Ländern, in denen Schutzkleidung nur schwer zu beschaffen und zu bezahlen ist und wegen der tropischen Hitze ohnehin nicht getragen wird, wo Arbeitsschutzrichtlinien nicht existieren oder nicht durchgesetzt werden, wo es viele AnalphabetInnen in extremer Armut gibt, dort dürfe «Syngenta Paraquat nicht vertreiben und muss geeignete Schritte gegen den Vertrieb durch Dritte unternehmen». Rechtsgrundlage dieses Gutachtens sind die im Juni 2011 verabschiedeten Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die jedoch vor keinem Gericht einklagbar sind.

Syngenta sieht auch keinerlei Grund, Herstellung und Vertrieb von Paraquat zu unterlassen. Im Gegenteil: Im Geschäftsbericht von 2011 – Umsatz: 13,3 Milliarden US-Dollar, Gewinn: 2,15 Milliarden US-Dollar – wird für das weiterhin unter der Marke Gramoxone vertriebene Herbizid «ein Absatzplus» vermerkt. Eine Internetseite des Konzerns preist das Gift als «effektiv und umweltfreundlich in Bezug auf Wasser, Boden und CO2-Emissionen» und «perfekt für nachhaltige Landwirtschaft». Was die Wirkung auf die Menschen angeht, formuliert Firmensprecher Daniel Braxton etwas vorsichtiger: «Es gibt überzeugende Hinweise aus einer Reihe publizierter Studien, nach denen Paraquat bei fachgerechter Anwendung keine wesentlichen klinischen oder Langzeitauswirkungen hat.» Zudem bemühe sich Syngenta, vor allem in Entwicklungsländern Bauern und ihre Familien im «sicheren Umgang mit Gramoxone» auszubilden.

«Effektiv und umweltfreundlich»

Julio Reyes hat so eine Ausbildung nie bekommen. Aber Gramoxone versprüht hat der 54-jährige Kleinbauer in seinem Leben schon hektoliterweise. Zunächst an der Küste von Panamá, wo er die achtziger Jahre in einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen verbracht hat, während in seiner Heimat El Salvador der Bürgerkrieg tobte. Dort hat er zusammen mit den anderen Männern des Lagers eine Plantage mit 90 000 Kakaobäumen und 30 000 Kokospalmen angelegt. Der Boden wurde mit Gramoxone behandelt, gespritzt aus alten und oft undichten Kanistern, die auf dem Rücken getragen werden. «Ich habe mich ein paar Mal unfreiwillig in Gramoxone gebadet», erzählt er.

1992, nach dem Krieg, kamen die Flüchtlinge aus Panamá zurück nach El Salvador, bekamen Land von der Regierung und gründeten Ciudad Romero und die Weiler in der Nachbarschaft. Auf seinem Feld hat Reyes weiterhin Gramoxone gespritzt. Bis er nicht mehr arbeiten konnte. «Viele meiner Freunde aus der Zeit in Panamá sind schon gestorben», sagt er. «Sehr viele. Die allermeisten an Nierenversagen.»

Julio Reyes ist heute ein ungewöhnlich reinlicher Mensch. Viermal am Tag wäscht er sich und zieht frische Kleider an. Danach desinfiziert er Hände, Unterarme und Bauch, sogar den Tisch, an den er sich setzt. Er zieht einen Mundschutz über. Das Zimmer ist frisch ausgewischt, ebenfalls mit einer desinfizierenden Lösung, das Fenster hermetisch abgedichtet. Kein Staub von aussen darf eindringen. Für einen Bauern in einem armen Land sind solche Hygieneregeln nicht leicht zu erfüllen. Doch für Reyes sind sie lebenswichtig. Er ist Dialysepatient und behandelt sich selbst, zu Hause.

Viermal am Tag klickt er den Verschluss des Katheters in seiner Bauchdecke an einen Schlauch, der mit zwei Plastikbeuteln verbunden ist. Der leere liegt auf dem Boden, und die Schwerkraft sorgt dafür, dass das verbrauchte blutreinigende Serum aus dem Bauch des Patienten abfliesst. Der volle Beutel hängt über ihm an einem Galgen und liefert neues Serum nach. 25 Minuten dauert die Prozedur, und Reyes wird es dabei ganz heiss. Er schwitzt, fächelt sich Luft zu mit einem Karton.

«Seit achtzehn Jahren habe ich das Nierenleiden», sagt er. Am Anfang hatte er Kopfweh und Schmerzen in der Hüfte, «als würde man mich in zwei Teile schneiden». Vor fünfzehn Jahren diagnostizierte ihm ein Arzt chronische Niereninsuffizienz. Seither ging es bergab. Zuletzt lag Reyes reglos und abwesend im Bett. «Ich konnte nicht mal mehr die Augenlider bewegen», sagt er. «Ich habe den Tod gesehen.» Das ist gerade drei Monate her. Dann hat ihn der Nierenarzt Orantes zur Dialyse überredet. Reyes hat lange gezögert, weil er Angst hatte. «Ich wollte nicht, dass sie mir ein Loch in den Bauch machen», sagt er. «Die Leute sagen: Wer ein Loch im Bauch hat, stirbt.»

Das Loch und das Serum, das durch diese Öffnung in seinen Körper kommt, schenken ihm ein paar Jahre Leben mehr. Ausserhalb seines Dialysezimmers merkt man ihm kaum an, dass er ein schwer kranker Mann ist. Sicher, er ist schmal und mager. Aber das sind so gut wie alle Kleinbauern in der Küstenebene El Salvadors. Er geht ein bisschen langsam und ermüdet körperlich schnell. Aber er ist hellwach und macht gerne Scherze. «Dieses Loch im Bauch», sagt er, «hat mir ein zweites Leben geschenkt.»

Ein neuer Friedhof

Dennis Osorio in Chichigalpa blieb so ein zweites Leben verwehrt. Er ist in der folgenden Nacht gestorben. Einmal nur hat man Osorio zu einer Untersuchung ins Krankenhaus gebracht in der nahen Provinzstadt León. Dort gibt es ein Dutzend Dialysebetten für Tausende von nierenkranken PatientInnen. Die Selbstdialyse per Schwerkraft wird von ApparatemedizinerInnen meist abgelehnt, und auch sie erfordert regelmässige fachärztliche Betreuung. Das Gesundheitssystem Nicaraguas ist von der Nierenseuche heillos überfordert.

Osorio wurde auf dem neuen Friedhof von Chichigalpa beerdigt. Erst vor fünf Jahren wurde der auf zehn staubigen Hektaren am Rand des Städtchens angelegt. Auf dem alten Gottesacker gab es keinen Platz mehr für die vielen Toten. «Wir konnten die alten Toten gar nicht so schnell ausgraben, wie neue nachkamen», sagt der Friedhofswärter Roberto José Tellez. «Achtzig Prozent sind an Nierenversagen gestorben.» Sein Vater liegt hier und drei seiner Brüder, alle dahingerafft von IRC. Auch er hat als Schnitter auf den Zuckerrohrfeldern gearbeitet und wurde 1996 wegen erhöhter Kreatininwerte entlassen. Er gehört zu den wenigen, die damals von der Sugar Estate abgefunden wurden. «Von den 131 leben heute noch 8 oder 10», sagt er.

Nachtrag vom 12. September 2013: Syngentas giftigstes Herbizid verboten

Weit über 20 000 Menschen mussten in Zentralamerika sterben, bis etwas geschah: Letzte Woche verbot das Parlament von El Salvador 53 Pestizide. Sie sollen in den kommenden beiden Jahren durch Produkte ersetzt werden, «die ungefährlich sind für Mensch und Natur». An erster Stelle der verbotenen Substanzen steht Paraquat, das derzeit weltweit bei weitem giftigste Herbizid, das in El Salvador vom Schweizer Konzern Syngenta unter dem Markennamen Gramoxone vertrieben wird. Reihenuntersuchungen des Gesundheitsministeriums hatten ergeben, dass Paraquat zusammen mit anderen Pestiziden ursächlich ist für das in ländlichen Gebieten massenhaft auftretende und oft tödlich endende chronische Nierenversagen. In der Schweiz ist Paraquat seit 1989 verboten.

Das von Gesundheitsministerin María Isabel Rodríguez ausgearbeitete Gesetz stösst auf heftigen Widerstand der Agrarlobby. Das Paraquat-Verbot führe die Landwirtschaft «direkt in den Bankrott», sagte Jaime Auerbach, der Vorsitzende der Vereinigung der Zuckerrohrproduzenten. Andere Agrarverbände malten den Verlust von über 300 000 Arbeitsplätzen an die Wand. Die Lebensmittelproduktion El Salvadors werde um bis zu achtzig Prozent zurückgehen. Die Rechtspartei Arena, die sich traditionell für die Interessen der Agroindustrie starkmacht und gegen das Verbot gestimmt hatte, sprach von einem «infamen Attentat auf die Landwirtschaft». Mit dem Geschrei soll Präsident Mauricio Funes dazu gedrängt werden, das Gesetz ans Parlament zurückzuschicken.

In den Nachbarländern ist Paraquat weiterhin zugelassen. Das Gesundheitsministerium will mit einer Aufklärungskampagne die Landbevölkerung davon abhalten, die Gifte in Zukunft als Schmuggelware zu kaufen.

Toni Keppeler

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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