Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Polytoxikomanie und Pornografie

Der ultimative Roman zum Untergang der Musikindustrie! Meint der Verlag. Aber das Buch von John Niven ist mehr - ein Splatterthriller über neue Triebökonomien.

Von Klaus Walter

«Nach meinem Examen in den frühen Neunzigern war ich mir über zwei Dinge klar: Erstens: Ich wollte keinen normalen Job. Zweitens: Nach vier Jahren Uni und zwei Jahren als Gitarrist einer mittellosen Indie-Band wollte ich Geld verdienen. Ich war gleichermassen faul und habgierig, also, ohne es zu wissen, prädestiniert für eine Karriere im Musikgeschäft.»

Karriere hat er gemacht, der Schotte John Niven. Im Herbst 1995 sieht er bei einer Party die Easy Listening Band Mike Flowers Pops. Kurz darauf hört er deren Version des Oasis-Songs «Wonderwall» in einer angesagten Radioshow. Er nimmt Mike Flowers Pops unter Vertrag. Ein paar Wochen später ist eine halbe Million von «Wonderwall» verkauft, und John Niven wird A&R-Manager bei der Plattenfirma London Records.

Zyniker der Haifischbranche

A&R steht für Artist & Repertoire, das heisst neue Talente aufspüren und weiterentwickeln. Dafür gibt es ein sechsstelliges Jahresgehalt, einen BMW plus unbegrenztes Spesenkonto. A&R heisst für Niven: rund um die Welt fliegen auf einer Diät aus Wodka und Kokain und einen Haufen Geld verdienen. Zwei Treffer der Güteklasse Mike Flowers Pops in drei, vier Jahren geben dem A&R-Manager seine Daseinsberechtigung. Ein Hit der Marke «Wonderwall» entschädigt für alle Flops.

Inzwischen ist John Niven aus dem Musikgeschäft ausgestiegen und hat einen Romanhit gelandet. In «Kill Your Friends» zeichnet er die schmutzigsten Seiten des schmutzigen Geschäfts noch schmutziger, als wir es uns in unseren schmutzigsten Träumen vorstellen.

Niven schlüpft in die Rolle des A&R-Managers Steven Stelfox. Unter den bilderbuchmässig polytoxikomanen, vergnügungssüchtigen und zynischen Menschenverächtern der Haifisch-Branche ist er der polytoxikomanste, süchtigste und zynischste. Seine Jobqualifikation: «Jemand, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, den Geschmack von Millionen geschmacklosen Schwachköpfen zu antizipieren und zu modellieren, muss sich im Klaren darüber sein, dass die Dinge, die er denkt und fühlt, von Millionen von anderen Menschen gedacht und gefühlt werden.»

Stelfox denkt: Sex, Sex, Sex, Drogen, Drogen, Drogen. Wenn ihn eine Freundin fragt, woran er gerade denke, antwortet Stelfox: «An nichts anderes als Knete und Ficken, aber das darf man ja nicht laut sagen ... Freundinnen stehen total auf diese Gesprächsnummer.» Stelfox will keine Freundin. Sie würde wohl nicht akzeptieren, «dass du freitagabends von der Arbeit kommst und beinahe 2000 Pfund für Koks, Crack, Schnaps, Viagra und Nutten auf den Kopf haust».

So geht das 380 Seiten lang. Aber es wird nicht langweilig, komischerweise. Niven greift zurück auf den kokainbetriebenen Sound der Texte von Julie Burchill und Tony Parsons aus den späten siebziger Jahren. Als Teenager heuern beide beim «New Musical Express» an und berichten hochsubjektiv aus dem Inneren der Punkrevolte. Das Rock-Establishment strafen sie mit all der Verachtung, zu der hassende Teenager fähig sind. Vor allem ehedem rebellische Hippies, die sich mit dem System arrangiert haben, trifft ihre Wut.

Atonale B-Seiten

Bei Burchill und Parsons speist sich der Zorn aus der jugendlichen Gier nach Neuem, aus der Faszination für Punk. Der desillusionierte Dreissiger Stelfox dagegen hat schon alles gesehen, sein Hass gilt einem System, das seine Protagonisten zu Arschlöchern macht, und wenn er schon ein Arschloch sein muss, dann wenigstens das grösste. Was die saturierten Hippies für Burchill und Parsons, das sind für Stelfox treuherzige Indie-Kids, «die atonale B-Seiten anhören und über Tom Verlaines Gitarrensoli quatschen». Das hat er hinter sich, für ihn ist Musik nur noch Mittel zum Zweck. Auf der Suche nach dem nächsten Hit findet er ein «kribbliges, kleines Scheibchen pornografischen Dancefloor-Schwachsinns» von drei Raggaschlampen. Von denen kommt das Geld für Nutten und Koks. In seiner demonstrativen Amoralität ist Stelfox ein Wiedergänger von Bret Easton Ellis' «American Psycho», auch er wird zum Mörder, kommt aber ungestraft davon.

Punkto Drastik und Drogen ist «Kill Your Friends» ein Nachfahre von Hunter S. Thompsons «Angst und Schrecken in Las Vegas», dem Flaggschiff des sogenannten Gonzo-Journalismus. Neu an Nivens Gonzoismus ist die Verbindung von Polytoxikomanie und Pornografie. Stelfox ist besessen von Porno, insbesondere von dem, was seit einigen Jahren unter dem Namen Gonzo-Pornografie neu auf den Markt drängt: billige Filme für den schnellen Konsum, keine Handlung, harter Sex, gerne mit erniedrigten Frauen. Wenn er nicht gerade Pornos guckt, versucht Stelfox «auf möglichst versaute und erniedrigende Weise zu vögeln». Dabei helfen ihm die Drogen, vor allem die Kombination von Koks und Viagra, manchmal auch Ecstasy.

Dabei macht Niven einen produktiven Fehler. Der Roman spielt 1997, im Jahr der popgestützten Machtübernahme von Tony Blairs Cool Britannia. Viagra kommt 1998 auf den Markt und etabliert sich erst im 21. Jahrhundert als Sexdroge. Auch Gonzo-Pornografie ist erst seit ein paar Jahren populär. Dasselbe gilt für den Boom von Amateurpornos via Digital- und Handykamera. All das hat Niven vor Augen - oder führt er uns vor Augen - , wenn er in Splatter-Gonzo-Manier Sexorgien schildert, die dank Viagra und Koks ins Unendliche gestreckt werden, um dann doch schon mal in einem blutigen Mord zu enden.

Das beschleunigte Leben

Mit der technoid repetitiven Verknüpfung von Polytoxikomanie und Pornografie im beschleunigten Leben des Steven Stelfox 1997 gelingt Niven eine schaurig schöne (Über-?)Zeichnung neuer Triebökonomien, wie sie zumindest in bestimmten Segmenten des neoliberalen Alltags am Werk sind.

Wenn sich relevante Minderheiten die Diktate von Leistungs-, Körper- und Sexoptimierung zu eigen machen, sie verinnerlichen, dann wird die Kombination der kulturellen Praxen Polytoxikomanie und Pornografie zu einer verbreiteten Erfahrungsmatrix. In ihrer Wiederholung und Drastik ist die Erzählweise von «Kill Your Friends» dem Porno abgeschaut, Kick auf Kick, einer toppt den nächsten. Und über allem schwebt die Vorstellung von Machbarkeit. Gut möglich, dass Niven darauf gar nicht hinauswollte, aber man kann dieses schmutzige Buch so lesen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch