Nr. 23/2008 vom 05.06.2008

Lichtblick in den Hügeln

In Uttarakhand, an den Südhängen des Himalaja, ist das Leben hart. Und den Wald nutzen dürfen die Einheimischen auch nicht mehr. Doch jetzt haben sich ein paar Dörfer zu einem bemerkenswerten Tourismusprojekt zusammengeschlossen.

Von Joseph Keve

«Thailand oder Goa interessieren mich nicht mehr - dort gibt es keinerlei lokalen Bezug mehr und auch nichts mehr zu entdecken», sagt Peter Terry aus London. Hier hingegen, im Villageways-Projekt an den Südhängen des indischen Himalaja, könne er nicht nur in einer atemberaubend schönen Gegend wandern - «hier habe ich auch Gelegenheit, lokale Traditionen kennenzulernen und das Einkommen der Dorfbevölkerung aufzubessern.»

Diese Kombination von Wanderferien und Unterstützung der lokalen Ökonomie stand im Zentrum der Überlegungen, die eine Gruppe von indischen und britischen SpezialistInnen in den Bereichen Ökotourismus, Gemeinschaftsentwicklung, biologische Landwirtschaft und dörfliches Handwerk angestellt hatten, als sie im Oktober 2006 das Projekt Villageways lancierten. Dieses Projekt bietet den TouristInnen Wanderungen von Dorf zu Dorf rund um das Naturschutzgebiet von Binsar. Es informiert sie über die Kultur und die wirtschaftlichen Verhältnisse der DorfbewohnerInnen - die Ferien beginnen in der Regel mit Veranstaltungen im alten Bergferienort Khali, der während der britischen Kolonialzeit entstanden war. Es dient aber auch den DörflerInnen, denn die Touren werden von lokalen Guides geführt, und man verbringt die Nächte in Unterkünften, wo KöchInnen des Ortes traditionelle Menüs servieren und alle mit allen reden.

Auch indische TouristInnen sind davon angetan. «Die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Menschen haben uns überrascht», sagen Monica und Christy, Gäste aus dem südindischen Bangalore, die die Ruppigkeit kennen, auf die Fremde in Indien oft stossen. «Projekte wie dieses zeigen das wirkliche Indien - weit weg von den Betonresorts und dem synthetischen pauschalen Blick auf Indien, der die hiesige Tourismusindustrie prägt.» Und so kommen auch immer mehr Gäste aus Indien nach Khali.

Der erste Biostaat

Uttarakhand (früher bekannt unter dem Namen Uttaranchal) wurde im November 2000 zum 27. indischen Bundesstaat. Er grenzt im Norden an Tibet, im Osten an Nepal und umfasst die historischen Regionen von Garhwal und Kumaon, einst die bevorzugten Ferienregionen der indischen Maharadschas und später der britischen Kolonialherren. Die Schönheit der bergigen Landschaft und die Gelassenheit der Bevölkerung haben seither viele indische und ausländische Gäste angelockt, die dort Vögel beobachten, angeln, campen, trekken, Gletscher begehen oder sich einfach nur in den alten Kolonialstädten bedienen lassen.

Im Jahre 2005 erklärte sich Uttarakhand zum ersten Biostaat Indiens - die Produktion und der Einsatz von synthetischem Dünger und Pestiziden wurden verboten. Daraufhin stiegen der Anbau, der Verkauf und der Export von biologisch produziertem Getreide, Obst, Gemüse und verarbeiteten Lebensmitteln an. Dennoch steht der junge Staat vor enormen Problemen; es ist nicht einfach, die Balance zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und Erhalt der sensiblen Umwelt zu halten. «Die Erde, das Wasser, die Jugend - alles strömt Richtung Delhi», sagt R.S. Tolia, ein alter Aktivist, der sich seit langem für die Bergbevölkerung einsetzt.

Nur Naturschutz ist nicht gut

Immer wieder, so erzählt er, würden Regierungen von einem Wasserschloss träumen, einem Megaprojekt mit 64 Wasserkraftanlagen und gestauten Flüssen, das ganz Indien mit Strom versorgen könnte. Bisher haben jedoch die Chipko-Bewegung der Dorfbewohnerinnen, die das Abholzen der Bäume verhindert, und die ebenso mächtige Bewegung «Save the Rivers» die Umsetzung dieser Pläne vereitelt.

«Tausende von Jahren sind wie hier ohne diese Megaprojekte und den sogenannten Wohlstand ausgekommen, den sie uns versprechen», sagt auch Chandramani Joshi aus dem Dorf Dalar beim Binsar-Naturpark. «In den letzten drei Jahrzehnten nahm mit der Zerstörung unserer Lebensweise und unserer Umwelt auch die Armut zu.» Wo immer Behörden und GrossinvestorInnen hingelangten, werde alles ruiniert - die Wälder, die Flüsse, das Agrarland. «Die machen uns zu Sklaven auf unserem eigenen Boden.»

Seit neun Generationen schon leben die Joshis im Hügelland. Die Bedingungen sind hart. Ein bisschen Hirse, etwas Gemüse und ein paar Früchte, dazu ein wenig Viehhaltung und das, was der Wald so hergibt: wilde Beeren, Gummi, Wildhonig - viel mehr hat man hier zum Überleben nicht. Da mittlerweile die Ernteerträge wegen der Bodenerosion abnehmen, der Regen nur noch unregelmässig kommt und die Auflagen der Forstbehörden immer strikter werden (Keine Haustiere im Wald! Kein Sammeln von Bau- und Brennholz!), haben dreizehn der einst zwanzig Familien von Dalar das Dorf verlassen, um sich anderswo durchzuschlagen. Sie vegetieren nun in den Shantytowns von Almora oder Delhi.

«Wahrscheinlich muss auch ich gehen», sagt Joshis Nachbar, der sein ganzes Leben im Dorf verbrachte, «und es zerreisst mir das Herz.» Kaum eine Massnahme der Behörden habe die Armen je erreicht, sagt er - und verweist auf die Widersprüchlichkeit vermeintlich hehrer Absichten. «Die Forstverwaltung gibt vor, alles schützen zu wollen: die Bäume, die Hügel, das Land, die Vögel, die Waldtiere. Aber wo bleiben wir?» Warum, so fragt er noch, sollten sich die Entrechteten, die jahrhundertelang im Einklang mit der Natur lebten, um diese noch kümmern? «Warum sollten wir noch Feuer löschen, um Tiere zu retten?»

Während wir hinter dem Dorf die Strasse hochgehen, spüren wir die Hitze, die die Waldbrände der letzten Wochen hinterlassen haben. «Die Wut und die Apathie der Dorfbevölkerung sind mittlerweile so gross, dass sie ein Feuer nur noch löschen, wenn es ihre Felder und Häuser bedroht», sagt Chandramani Joshi später. «I can't blame them» - das kann ich ihnen nicht vorwerfen.

Eine kleine Hoffnung

Gegen diese Hoffnungslosigkeit richtet sich das Villageways-Projekt. Das Mountainresort Khali liegt auf rund 2000 Metern Höhe. Es wurde 1875 gegründet, gehörte zeitweise Ranjit Pandeit, einem Schwager des ersten indischen Präsidenten Jawaharlal Nehru, und wurde 1959 von einem reichen Inder aus Gujarat gekauft. Der alte grosse Bungalow hat solide Granitmauern und Holzfussböden. Die umliegenden Hütten samt Feuerstellen bieten Platz für fünfzehn Familien, auch Konferenzen können hier abgehalten werden. Das Ganze wird seit Jahren von Himanshu und Manisha Pande betrieben, einem jungen, energischen Paar aus Almora.

Die beiden verzweifelten schier angesichts der Hilf- und Hoffnungslosigkeit der lokalen Bevölkerung. Und so kam ihnen und ein paar FreundInnen die Idee Villageways (Dorfwanderungen) - ein Projekt, das vieles miteinander verbindet. «Wir helfen den Dorfgemeinschaften, indem wir in jedem Dorf ein Gasthaus errichten liessen, das touristischen Ansprüchen genügt», sagt Manisha Pande. «Wir haben ihnen eine Ausbildung geboten, Kredite für den Umbau alter Dorfhäuser gewährt und so für Essen, Unterkunft und Hygiene nach unseren Massstäben gesorgt.» Der Anfang war bescheiden. Im ersten Jahr zählte das Projekt 160 zahlende Gäste. Aber inzwischen gibt es Buchungen bis ins Jahr 2009.

In fünf Dörfern gibt es inzwischen je ein Gasthaus im Rahmen des Villageways-Projekts. Prem Singh gehört eines, es steht im Dorf Gonap. «Meine Familie ist 1944 aus Uttar Pradesh hierhergekommen», erzählt er. Damals habe es noch viele Wiesen an den Hügeln gegeben, sagt der ehemalige Viehbauer; das Leben sei gut gewesen: Getreide, Gemüse, Milch fast schon im Überfluss. Doch dann blieb der Niederschlag aus, die Wiesen rutschten ab, die Erträge schwanden. Er habe schon aufgeben wollen - «doch dann kamen die Pandes mit ihren Plänen».

Schlechte Nachahmer?

Nach langem Hin und Her entschloss sich Singh zum Experiment. «Die Firma gab mir das Geld für die Umbaukosten: vierzig Prozent als Zuschuss, sechzig Prozent als Darlehen, das ich in den nächsten zehn Jahren abstottern muss.» Ein akzeptabler Deal sei das gewesen, sagt der 45-Jährige. Im letzten Jahr habe seine Familie nach Abzug der Schulden 5000 Rupien im Monat dazuverdient, umgerechnet 120 Franken. «Und das Dorf hat in den letzten anderthalb Jahren 660 Franken zusätzlich eingenommen. Wenn mehr Gäste kommen, steigen die Einnahmen noch.»

In jedem der fünf Dörfer hat mindestens eine Familie dank Villageways einen Zusatzverdienst. Dazu kommen zwölf junge Männer und Frauen, die nach einer Schulung als Guides arbeiten. Ebenfalls ein Auskommen finden rund dreissig Fahrer, Köchinnen, Verwaltungsangestellte. «Das Projekt kommt an und erreicht viele», sagt Himanshu Pande. Die Partnerschaft mit der Dorfbevölkerung funktioniere. «Community based tourism», der auf eine Kooperation mit der lokalen Bevölkerung zugeschnittene Fremdenverkehr, habe Zukunft, glaubt er - und zeigt einen Artikel, der Ende Januar in der britischen Zeitung «Independent» erschienen ist. «Viele Reisende haben mittlerweile begriffen, dass ihnen die Begegnung mit anderen Kulturen den meisten Gewinn bringt», steht da. Noch grösser ist der Gewinn, wenn die Reise auch der bedrängten Bevölkerung zugute kommt - und auf diese Weise auch die lokalen Behörden vom Nutzen eines nachhaltigen Tourismus überzeugt.

Das Konzept Villageways hat auch seine KritikerInnen. Der Deal, den beispielsweise Prem Singh einging, bindet ihn und sein Guesthouse über lange Zeit an die Firma. Er darf darin nur Gäste aufnehmen, die ihm von den Pandes vermittelt wurden. Er hat damit sein Recht als Hausbesitzer verpfändet und kann nicht mehr tun, was er will. Ausserdem, so sagen manche, bestehe die Gefahr, dass GeschäftemacherInnen die Idee kopieren und auf diese Weise eine Kontrolle über Gemeindeland, Immobilien und Menschen ausüben könnten. Die Kopie kommt vielleicht - viele gute Ideen verkehrten sich irgendwann ins Gegenteil. Aber noch ist Villageways ein Original, und NachahmerInnen sind nicht in Sicht. Und mit der Exklusivklausel hat Prem Singh ohnehin kein Problem: «Wer käme denn sonst hierher in unser kleines Dorf?»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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