Nr. 25/2008 vom 19.06.2008

Hollywood, wir kommen!

Von Bollywood, Bombays Filmindustrie, reden alle, von Nollywood noch niemand. Das gilt allerdings nur in Europa, denn den Rest der Welt erobern Nigerias FilmemacherInnen bereits.

Von Peter Böhm, Lagos

Wenn man sehen will, wie ein typischer Nollywoodfilm gemacht wird, geht man am besten ins «Winnies» in Surulere in der Nähe des Fussballstadions. Dort trifft sich täglich mindestens ein Team und fährt dann zum Dreh. Das «Winnies» sieht aus wie ein ganz normales Hotel, ein bisschen heruntergekommener vielleicht als andere in der ehemaligen nigerianischen Hauptstadt Lagos, mit einer verrauchten Bar und einem stinkenden Abwassergraben vor dem Haus. Weil die meisten Produktionsfirmen keine Büros haben, treffen sich hier die Filmteams.

«Das hat sich einfach so eingebürgert», erzählt der 36-jährige Kingsley Igwemba von der Produktionsfirma Divine Touch. Zusammen mit seinem Bruder Emeka und dessen Firma First Prince Creation produziert er gerade ein Familiendrama. «Es hat noch keinen Titel. Den legen wir immer erst am Ende fest.» Mit zwei Jeeps und einem verbeulten Mercedes-Bus, an den jemand mit Klebeband ein Filmplakat gehängt hat, sind sie heute zum «Winnies» gekommen. «Heute ist schon der vierzehnte Drehtag», sagt der ältere Bruder, Emeka, «noch fünf Tage, und wir sind fertig - wenn alles gut läuft.» Alltag in Surulere, das sich als das Filmviertel von Nigerias Wirtschaftsmetropole Lagos etabliert hat. Fünf Minuten vom «Winnies» die Hauptstrasse hinunter liegt das «Ojez». Hier kehren die Teams und die Filmsternchen nach den Drehs gerne ein. Aber warum sich die nigerianische Filmindustrie gerade Surulere ausgesucht hat, kann niemand so genau sagen.

Vom Makler zum Regisseur

Das Filmteam der Igwemba-Brüder - zwei Ausstatterinnen, ein Beleuchter, ein Kameramann, ein Toningenieur, ein Fahrer, drei Helfer - steigt in den Mercedes und fährt nach Festac, wo sie ein Reihenhaus für den Dreh gemietet haben. «Bei uns gibt es keine Studios. Der Location-Manager guckt sich in der Stadt nach passenden Häusern um. Manchmal bezahlen wir etwas. Manchmal dürfen wir dort umsonst drehen, weil die Leute gerne die Filmstars bei sich zu Hause haben», erzählt der Regisseur Ikechunkun Onyeka. Der 39-Jährige ist die Ruhe selbst. Obwohl der Drehbeginn für 10 Uhr angesetzt ist, sind die SchauspielerInnen auch um 10 Uhr 45 noch nicht da, ist noch nichts aufgebaut, steht das Team noch im Kreis herum und isst Bohnen und Reis. «Es stimmt, Nollywood ist bekannt dafür, Filme in ein paar Tagen zu drehen», sagt er. «Aber deshalb müssen wir ja nicht gleich hektisch werden.» Onyeka weiss, wovon er redet. Wie alle hier im Team hat er zwar keinerlei formale Ausbildung, aber seit ein paar Jahren dreht er zwei Filme im Monat und gehört damit zu den alten Hasen im Team. Zum Filmemachen ist er eher durch Zufall gekommen. Ursprünglich hat er für einen Makler gearbeitet und wurde als Location-Manager an ein Filmteam ausgeliehen. Dann hat er produziert und war Regieassistent. Seit drei Jahren führt er selbst Regie. Mit rund zwanzig Drehtagen und einem Budget von 6,5 Millionen Naira (ungefähr 50 000 Franken) gehört Onyekas aktueller Film schon zu den grösseren Nollywoodproduktionen. «Die Zeiten sind vorbei, als wir nur Filme drehten, um Geld zu verdienen», sagt er. «Wie viele Filmemacher in Nigeria schicken wir unsere Filme inzwischen auf Festivals, und uns ist völlig klar, dass wir damit für die afrikanische Kultur werben.» Mit fast einer Stunde Verspätung trudeln schliesslich die beiden DarstellerInnen, Ini Edok und Uche Odoputa, ein. Das Drehbuch, vierzig von der Ehefrau des Produzenten mit der Schreibmaschine getippte Seiten, sieht zuerst eine Szene vor, in der Ini Edok ihrem Filmverlobten gesteht, dass sie nicht ihn liebt, sondern den Mann, der ihren Vater getötet und die Familie in den Bankrott getrieben hat.

Zwei Lampen, eine Digitalkamera

Die Ausstatterinnen richten sich mit einem Haufen Kleidern auf dem Bett im Schlafzimmer ein, Ini Edok sitzt im Wohnzimmer, um ihre Perücke zu kämmen und sich zu schminken. Ein Helfer stellt neben dem Fernseher ein paar Bilderrahmen mit den Fotos der Schauspieler auf. Zwei Lampen kommen in die eine Ecke, eine Digitalkamera in die andere. In Nollywood wird nur in ganz wenigen Ausnahmen auf Zelluloid gedreht. Die Szene wird zweimal trocken durchgeprobt, dann geht es los. Einmal von nah, einmal in der Totalen. Später werden die zwei Perspektiven zusammengeschnitten. Und wie man in vielen Nollywoodfilmen sehen kann, bleiben oft auch die Szenen drin, in denen sich die SchauspielerInnen verhaspelt haben. Nur Schweiss will der Regisseur nicht tolerieren. Wenn Edoks Stirn ein bisschen glänzt, ruft er sofort: «Cut. Ini, du schwitzt schon wieder.» Dann eilt einer der Helfer herbei, tupft ihr die Stirn ab und verschwindet wieder. Zwar meint es die staatliche nigerianische Stromgesellschaft heute gut mit dem Filmteam - es gibt den ganzen Tag Strom. Das ist ungewöhnlich in Lagos - aber da bei Nollywoodfilmen der Ton nicht nachbearbeitet wird, kann die Klimaanlage trotzdem nicht angeschaltet werden. Und bei manchen Filmen kann man, wenn man genau hinhört, im Hintergrund leise einen Generator brummen hören. «Selbstverständlich leidet die Qualität eines Filmes darunter, wenn man zehn Drehbuchseiten an einem Tag abarbeitet und so wenig Ausrüstung hat wie wir», sagt Onyeka. «Aber man kann das natürlich auch als Vorteil sehen. Wir sind durch eine harte Schule gegangen, und wenn wir irgendwann einmal unter professionellen Bedingungen arbeiten können, werden wir uns vor niemandem mehr zu verstecken brauchen. Auch nicht vor Hollywood.» Hilfe ist jedoch schon auf dem Weg. Während Nollywood bisher von der nigerianischen Regierung und dem Finanzsektor ignoriert und ausschliesslich von einigen wenigen privaten Unternehmern angetrieben wurde, beginnen sich inzwischen auch die Banken in Nigeria für die Filmindustrie zu interessieren. «Für unseren ersten Film haben wir vor fünf Jahren das Geld von Freunden und Verwandten zusammengeborgt», berichtet der Produzent Emeka Igwemba. Er selbst hat seine Karriere als Fotograf für Filmplakate begonnen. «Mit Gottes Hilfe war unser erster Film gleich erfolgreich, aber das hätte auch schiefgehen können.» Im vergangenen Jahr wurden nun zum ersten Mal vier Filme mit einem Kredit einer grossen nigerianischen Bank finanziert. «Das ist ein Riesenschritt für Nollywood», sagt Fred Amata, der einen dieser Filme, «Letters from a Stranger», gemacht hat. «Lange hatte die Filmindustrie in Nigeria ein Wildwestimage. Deshalb haben wir Regisseure uns zusammengesetzt und uns gefragt: Wie können wir das ändern?» Amata kommt aus einer Familie von Filmemachern. Sein Vater und sein Neffe sind bekannte nigerianische Regisseure. Zusammen mit drei anderen gründete er im Jahr 2006 Project Nollywood und versuchte Sponsoren im nigerianischen Finanzsektor zu finden. Amata vergleicht Project Nollywood mit Dreamworks, gegründet in den neunziger Jahren von Regisseur Steven Spielberg und dem Musikproduzenten David Geffen, um den grossen Studios Konkurrenz zu machen - auch wenn Dreamworks vor kurzem von Paramount aufgekauft worden ist.

Die Krux mit den Raubkopien

Gleichzeitig versucht Project Nollywood ein funktionierendes Vertriebssystem für die Filme aufzubauen und sie wie im Westen zu vermarkten: sie zuerst in den Kinos zu zeigen und dann erst auf DVD zu veröffentlichen. Doch das ist nicht einfach, denn in Nigeria gibt es Kinos im herkömmlichen Sinne kaum. «Die typischen Nollywoodfilme werden so veröffentlicht: Man klebt ein paar Plakate, und dann werden zwei Wochen lang die DVDs verkauft», sagt Regisseur Onyeka. «Fast immer nur in 4 Bundesländern - Nigeria aber hat 36. Deshalb reiben sich die Raubkopierer natürlich die Hände. Die Leute in den anderen 32 Bundesländern haben gehört, es gebe den Film, aber sie kommen nicht an ihn ran. Also kaufen sie die gefälschte DVD.» Produzent Emeka Igwemba bestätigt, dass der Vertrieb die Schwachstelle der nigerianischen Filmindustrie ist. Von seinem aktuellen Film will er 30 000 DVDs brennen lassen. «10 000 für Lagos, den Rest für das Nigerdelta und die Ibo-Region im Südosten des Landes.» Oft verkaufe seine Firma die DVDs an HändlerInnen, die Lebensmittel und alle möglichen anderen Waren in ihre Heimatregionen transportieren. Dass im Westen und Norden des Landes fast nur gefälschte Versionen ihre DVDs kursieren, müsse die Produktionsfirma in Kauf nehmen. Eine Original-DVD kostet in Nigeria 400 Naira, umgerechnet 3.80 Franken, eine gefälschte ungefähr die Hälfte. Sie für einen Tag zu leihen, kostet weniger als 50 Rappen. Die meisten ZuschauerInnen sehen die Filme jedoch in improvisierten Kinos - zumeist nur ein DVD-Gerät, ein Bildschirm und ein paar Stühle unter einem Dach oder im Freien. «Von ihrem Gewinn geben die uns natürlich nichts ab», sagt Igwemba.

Der Markt wächst schnell

Trotz all der Probleme bei der Produktion und dem Vertrieb sind sich alle einig, dass Nollywood eine grosse Zukunft vor sich hat. Denn es gibt inzwischen erste Anzeichen, dass das Verbreitungsgebiet für nigerianische Filme schnell wächst. Der Filmmarkt des subsaharischen Afrika ist ohnehin seit einigen Jahren fest in der Hand von Nollywood. Im französischsprachigen West- und Zentralafrika werden die Filme ins Französische synchronisiert. Aber es gibt auch einige Regionen, in denen die Filme schon kulturelle Grenzen überwunden haben. Auf vielen englischsprachigen Inseln in der Karibik wie Jamaika, Barbados und Grenada sind Nollywoodfilme inzwischen weit verbreitet, ebenso in Brasilien und Mexiko. Und Melanesien, das Inselreich der westlichen Südsee mit Papua-Neuguinea, Fidschi, Neukaledonien, den Salomonen und Vanuatu, gilt als der jüngste Wachstumsmarkt.

«Seit wir dabei sind», sagt Produzent Igwemba, «hat Nollywood einen Riesenboom erlebt. Und das haben wir ohne jegliche Hilfe, nur mit dem Schweiss unserer eigenen Arbeit erreicht. In ein paar Jahren werden wir Filme mit grossen Budgets machen.» Regisseur Onyeka glaubt: «In fünf Jahren muss Hollywood sich in Acht nehmen. Die Zeit ist auf unserer Seite.» Und sein Kollege Fred Amata: «Im Augenblick werden unter dem Etikett Nollywood noch zu viele schlechte Filme verkauft. Aber sobald sich die Spreu vom Weizen getrennt hat, sehe ich keine Grenzen für das Wachstum der nigerianischen Filmindustrie.»

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