Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Herzlich willkommen in Wakaliwood

Der Slum als Filmstudio: In einem Armenviertel in der ugandischen Hauptstadt Kampala dreht Isaac Nabwana Actionfilme im Akkord. Das Kunstblut spritzt aus Kondomen, die Waffen sind aus Altmetall gebastelt.

Von Anja Bengelstorff, Kampala

Ein Hubschrauber landet in Manhattan. Damit wir wissen, wo wir sind, steht «New York» in weissen Grossbuchstaben auf der Strasse geschrieben. An den Kufen des Hubschraubers hängen drei schwarze Männer mit schweren Waffen und ballern los. Die Männer wurden offensichtlich digital ins Bild eingefügt, denn sie sind etwa ein Drittel grösser als das Fluggerät – da lag der Grafiker bei den Dimensionen leicht daneben. Doch egal. Als Nächstes geht das berühmte jüdische Restaurant Katz’s in Flammen auf. Wir schauen einen Actionfilm aus Uganda. Uganda?

Nächste Einstellung, alles wirkt jetzt sehr echt, wir sehen die Dreharbeiten eines Spielfilms. Ein Halbwüchsiger mit Spielzeuggewehr hängt an einem Seil. Die Wand hinter ihm ist mit einem grünen Stück Stoff bespannt – ein behelfsmässiger Greenscreen, auf dem man später am Computer sensationelle Bilder erschaffen kann, als Hintergrund für die Figuren. Die Kamera schwenkt auf eine neugierige Menge: Männer, Frauen und Kinder, Hühner und Ziegen. Um sie herum achtlos auf den Weg geworfener Müll. Ein unauffälliger Mann im blauen Polohemd scherzt: «Echte Kämpfer haben keine Angst, zu springen!» Die Menge lacht. Alles nur Spass. Alles nur Film.

Aus dem Ghetto für das Ghetto

Der Mann im Polohemd ist Isaac Nabwana. Hier, in Ugandas Hauptstadt Kampala, hat er das wahrscheinlich aufregendste Filmstudio Ostafrikas errichtet. Es besteht aus ein paar abgewohnten Zimmern, die als Proberaum und Werkstatt dienen, sowie einem staubigen Hof, auf dem Hühner flanieren und Ziegen am Müll zupfen, der diskret an den Hausecken abgelegt ist. Früher war der Stadtteil Wakaliga ein Dorf, umgeben von Wald, heute ist es ein Slum ohne Müllabfuhr, fliessendes Wasser oder regelmässige Stromversorgung. Fünf Meter neben dem Hof stinkt ein offener Abwasserkanal, der auch schon mal in Filme eingebaut wird, wenn etwa ein rechtschaffener Actionheld von Mafiaschergen verfolgt wird und auf der Flucht in der Eile – und sehr authentisch – in die Brühe hineinrutscht. Das Wakaliwood-Studio, sagt Isaac Nabwana, sei eine Schöpfung des Ghettos für das Ghetto. Der 43-Jährige waltet in seinem Studio als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion. «Die Leute wollen ihre eigene Welt auf der Leinwand sehen», sagt Nabwana. Wenn er aber seine Actionhelden aus Wakaliga in Manhattan um sich schiessen lässt, mag das auch ein Hinweis darauf sein, wo der Studioboss von Wakaliwood seine Filme eines Tages in den Kinos sehen möchte.

Wer sich Isaac Nabwana beim Drehen auf den Strassen New Yorks vorstellen will, braucht dafür ähnlich viel Fantasie, wie Nabwana aufbringen muss, um seine Filme zu verwirklichen. Es fängt schon damit an, dass er kein Geld hat. Weniger beherzte Regisseure hätten sich solchen Zwängen gebeugt; sie hätten sich auf Kammerspiele verlegt oder ihre Schauspieler Innen einen ganzen Spielfilm lang einfach reden lassen. An Nabwanas Lieblingsgenre gibt es jedoch nichts zu rütteln: Immer sind es Actionfilme mit Kung-Fu-Szenen, in denen wenig geredet, dafür aber möglichst viel geballert wird und das Blut in Strömen aus Kondomen fliesst – Kondomen, die von einer gemeinnützigen westlichen Organisation für weniger gewalttätige Zwecke kostenlos verteilt worden waren. Es wird auf eine Art improvisiert, die die Frage nach den Kosten eines Films deplatziert erscheinen lässt. Das Budget bewegt sich zwischen 50 und 160 US-Dollar, aber wer rechnet da schon genau nach. Isaac Nabwana nicht. Er lacht: «Ein Film entsteht aus Leidenschaft und Kreativität, nicht mit Geld.»

Eine Knarre namens Maria

Wakaliwoods Charme basiert auf Improvisation. Ein Meister darin ist Dauda Bissaso, ein 44-jähriger Automechaniker. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einem Strassenrestaurant, wo seine Tochter herzhafte Pfannkuchen, Chapati genannt, verkauft. Nachdem eins seiner früheren Etablissements aufgrund des anstössigen Namens «Gaddafi Chapati» von den Behörden geschlossen worden war, ging der Geschäftsmann das nächste Mal auf Nummer sicher und eröffnete «Obama Chapati». Diesmal regte sich kein Widerstand von staatlicher Seite. Das hätte Dauda ohnehin nur vom Wesentlichen abgehalten, und das sind Nabwanas Filmwünsche.

Seit die ugandische Polizei sich weigerte, Nabwana ihren Hubschrauber für einen Dreh zu leihen, tüftelt, sägt und schweisst Dauda Bissaso an Altmetallresten, um Nabwanas Traum vom eigenen Hubschrauber zu erfüllen. Der passionierte Schauspieler, der am liebsten Wahnsinnige spielt, ist Nabwanas Mann für Requisiten. «Ich bin hier, um berühmt zu werden, nicht des Geldes wegen», diktiert er in den Block. Neben den billigen Plastikgewehren, die die Crew für wenig Geld auf dem Markt ersteht, erstellt Dauda ein umfangreiches metallenes Waffenarsenal. Da wäre etwa «Maria», ein Maschinengewehr, das vom modifizierten Motor eines Rasenmähers angetrieben wird und dessen rotierende Kolben Dauda aus alten Wasserrohren zusammengeschweisst hat. Der Koloss ist nur mit einem Tragegurt über der Schulter zu halten, und als sein Schöpfer ihn vorführt, schreit er: «Mariamariamariamaria!», wahrscheinlich aus Mangel an echtem Ballerton. «Frag mich nicht, ob ich etwas machen kann. Sag einfach, was du willst, und ich mache es», verspricht er. «Wenn ich ein von mir gebautes Gewehr im Film sehe, bin ich stolz.» Die Scheinwerfer, hundert Watt, sind aus vier Neonröhren zusammengeschraubt, die Munition für «Maschinengewehre» ist aus Holzstiften geschnitzt. Ein Adungu, ein traditionelles Saiteninstrument, hat Dauda als metallene Killermaschine mit neun Rohren nachgebaut. Von seinem Meisterstück, dem Hubschrauber, ist das Skelett fertig, im Massstab 1 : 1. Noch fehlen die Rotoren. Nur ein Film von Isaac Nabwana wird das Ungetüm eines Tages zum Fliegen bringen können.

Festplatte voll? Film löschen!

Nabwanas Filmschaffen könnte man als partizipatorisch bezeichnen: Stets dreht er zuerst einen Trailer, bringt ihn unter die Leute und fragt sie, wie sie sich den Fortgang des Films vorstellen. Aus diesen Ideen entwickelt er die Handlung weiter. So sind Nabwanas Drehbücher nie in Stein gemeisselt und erlauben es ihm, stets gleichzeitig an mehreren Filmen zu arbeiten. Gedreht wird in Luganda, der lokalen Sprache. Englische Untertitel werden später hinzugefügt. Etwa fünfzig Spielfilme müssten es sein, schätzt Nabwana, die er in den vergangenen neun Jahren gedreht hat. Erhalten sind jedoch nur um die zwanzig. Zu den Nachteilen eines Filmstudios in einem Slum gehören nämlich Stromschwankungen, die während der Arbeit am Computer die Daten zerstören, oder der nahe gelegene Abwasserkanal, der zur Regenzeit über die Ufer tritt und Häuser überschwemmt. Und weil es im Slum immer an Geld mangelt, kann es auch mal vorkommen, dass der Regisseur Filme löschen muss, weil die Festplatte voll ist. Unerschütterlich dreht Nabwana weiter.

Dabei hat er noch nie einen Fuss in ein Filmtheater gesetzt. Als das Land in den achtziger Jahren lokale Vorführräume einführte und selbstgemalte Filmplakate, etwa mit Chuck Norris, Nabwanas erklärtem Helden, um Kundschaft warben, galt das Kino als schlechter Einfluss auf Kinder. Im Haus der Familie in Wakaliga, dem heutigen Sitz von Nabwanas Filmimperium, flimmerten «Der Alte» und «Derrick» über einen winzigen Schwarzweissfernseher. Am Ende immerhin, so erinnert sich Nabwana, gab es da immer, was man heute Action nennt. Nabwanas grosser Bruder aber stahl sich aus dem Haus und schlich zum nächsten Vorführraum, um hinterher begeistert die Filme nachzuerzählen, die er heimlich gesehen hatte. Dabei konzentrierte er sich auf das Wesentliche: Action. Das Kino, das Isaac Nabwana heute macht, besteht aus den Filmen, die er sich als Kind aus den Beschreibungen seines Bruders zusammenfantasiert hat.

Die Familie hatte so wenig Geld, dass Nabwana die Schule nicht beenden konnte und in einer Backsteinfabrik anheuerte. Er sparte lange für einen Computerkurs, wo er dann aber lernte, Computer aus Einzelteilen zusammenzubauen. Auf diesen Computern nun schneidet Nabwana Filme und erstellt Grafiken, die seine Hubschrauber in Manhattan landen lassen, ohne dass er die Behörden wegen einer Landeerlaubnis belästigen muss. Um sich und seine Familie über Wasser zu halten, liess er sich als Auftragsfilmer für Hochzeiten und Beerdigungen engagieren – Grossereignisse in einem afrikanischen Land. Später kamen Musikvideos dazu. Eine formale Ausbildung als Filmemacher hat er nicht. Als ein lokaler Politiker grossspurig in der Nachbarschaft verkündete, Uganda sei noch nicht bereit für die Produktion von Actionfilmen, dachte sich Nabwana: Jetzt erst recht.

Sonntagmittag in den Wakaliwood-Studios. Die Sonne brennt auf das wohnzimmergrosse staubige Areal unter freiem Himmel herab. Schweiss rinnt über eine muskulöse Brust, frisch und echt. Er glitzert in der Sonne, was der Szene im Film sicher eine authentische Note verleihen wird. Eine Handvoll männlicher Schauspieler mit finsteren Mienen hat die nun folgende Szene mehrmals geprobt und macht sich vor dem Toilettenhäuschen zum Dreh bereit. Zwei der Schauspieler tragen Bankräubermasken: Sie spielen mehrere Rollen und dürfen deshalb nicht wiedererkannt werden. Nabwana hat die Kamera in der Hand. «Action!», ruft er. Fäuste fliegen, Staub wirbelt auf, Kampfstiefel treffen Brustkörbe – hin und wieder schmerzhaft, aber die Show muss weitergehen. Das Kung-Fu-Training zahlt sich aus. Die Szene wird dreimal wiederholt, dann ist Nabwana zufrieden. «Cut!»

Ein Mann, der im Drehbuch zum Tod verurteilt ist, lebt nach der Szene noch, also kommt Nabwanas Frau Harriet zum Zug. Während der Schweiss floss, hat sie schon rote Lebensmittelfarbe mit Wasser gemischt und vorsichtig in ein ausgerolltes Kondom gefüllt. Schauspieler Kiman Lee (25), dessen Bewunderung für Bruce Lee sich in seinem Künstlernamen widerspiegelt, lüftet sein Hemd und bekommt das Kondom mit dem künstlichen Blut vorsichtig an einem Lederband um die Brust gebunden. Dann wird ein Metallplättchen an das Kondom geklebt. Daran hängt wiederum eine transparente Angelschnur, die durch ein kleines Loch im Hemd gefädelt ist und die eine Person ausserhalb der Szene im entscheidenden Moment, dem des Todes, abrupt zieht. Kiman Lee fällt auf den Rücken, das Blut ergiesst sich über sein Hemd. Es ist ein wenig hell geraten.

Wakaliwoods Requisiten geben nicht vor, echt zu sein. Wenn mit Spezialeffekten generiertes Blut spritzt, bleibt auch schon mal was an der Kamera kleben, während die Handlung weitergeht. Nur die Kung-Fu-Szenen sind echt. Die Unzulänglichkeiten mögen den Umständen in Wakaliga geschuldet sein, aber Nabwana begreift sie nicht als Nachteil. Sein Publikum liebt die Ironie. Seine Filmästhetik hat mit Hollywood wenig gemein. «In Hollywoodfilmen sterben die Helden nie», sagt er. «Bei uns sterben sie, das ist der Unterschied. Gewalt kann töten, das will ich zeigen. Wenn dann meine Helden in anderen Filmen wieder auftauchen, versteht jeder, dass das nur Schauspielerei ist.»

Filmstar im Nebenjob

Nabwana kann auf etwa dreissig loyale SchauspielerInnen zurückgreifen, die an ihn glauben und darauf brennen, selbst berühmt zu werden. Im Bus oder auf dem Markt in Kampala werden sie schon erkannt. Mit vielen von ihnen hat Nabwana schon in Kindertagen gespielt. Da ist etwa Joseph Okello, ein Elektriker, der mehrfach den Job gewechselt hat, bis er Manager einer Kaffeefirma wurde. Das verschafft ihm nun endlich genug Freiraum fürs Schauspielern. Oder Ronald Kazibwe (Künstlername «General Placido»), er repariert hier und da alte Fernseher und Radios und hat schon im Gymnasium geschauspielert, wo er für die Darstellung eines trunksüchtigen Vaters, der seine Kinder drangsaliert, einst als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde.

Wakaliwood kann seine Stars nicht bezahlen, aber sie werden zur Hälfte am Gewinn durch den Verkauf von DVDs beteiligt. Viel bleibt dabei allerdings nicht übrig: Eine DVD kostet umgerechnet achtzig Rappen – aber auch nur für höchstens eine Woche, denn bis dann sind Nabwanas Filme schon vielfach raubkopiert worden. Also hält sich etwa Kung-Fu-Spezialist Charles Bukenya mit dem Verkauf von gebrauchten Kleidern über Wasser. Unter seinem Künstlernamen «Bruce U» (nach seinem Helden Bruce Lee) hat er sein Können schon in sieben Nabwana-Filmen gezeigt. In Wakaliwood choreografiert er die Kung-Fu-Szenen und unterrichtet Kinder aus Wakaliga – die «Waka Starz» – in dem Kampfsport, darunter seine eigenen beiden Jungen Trevor (12) und George (9). Während George wie sein Vater Filmstar werden möchte, quält sich Trevor mit den Sprüngen im Kung-Fu-Training. «Es tut in den Schenkeln weh», jammert er.

Das bisher wohl berühmteste Werk von Isaac Nabwana ist der Film «Who Killed Captain Alex?», den man auf Youtube sehen kann. Eine Polizeieinheit unter Kommandant Alex wird gegen die berüchtigte Tigermafia in den Kampf geschickt. Der Kommandant stirbt nicht etwa als Held im Kampf, sondern wird tot in seinem Zelt gefunden. Wer hat ihn umgebracht? «Ich versuche, Filme zu machen, die von realen Ereignissen inspiriert sind», sagt Nabwana. Auch wenn er bestreitet, politisch zu sein: In seinen Filmen sieht man oft korrupte Behörden oder Polizisten, die mit Gangstern zusammenarbeiten, sowie die allgemeine Vernachlässigung des öffentlichen Sektors in Uganda. In «Bad Black» geht es um Kinder, die von der Gesellschaft unbeachtet auf der Strasse leben. In seinen Filmen lässt Nabwana immer auch seine eigenen und die Kinder seiner SchauspielerInnen mitspielen: Sind die Kinder erst einmal beim Publikum bekannt, laufen sie weniger Gefahr, zu verschwinden, sprich: entführt zu werden.

Der Joker aus dem Off

Sogar Homosexualität, die in Uganda unter strenger Strafe steht und der in der Öffentlichkeit zuweilen mit Gewalt begegnet wird, greift Nabwana auf – etwa dann, wenn Captain Alex einer Gruppe von Journalistinnen zuruft, er stehe auf Männer. Nicht zuletzt kämpft er gegen Ebola und lässt Kannibalen Festessen abhalten. «In Uganda gibt es Leute, die an Kannibalen glauben. Darüber wurde eben noch in der Zeitung berichtet», schmunzelt Nabwana.

Dass das Ganze nicht zu finster gerät und die Leute so unterhalten werden, wie es sich gehört, garantiert ein ganz besonderer künstlerischer Kniff aus Uganda: der sogenannte Videojoker oder VJ, der als Stimme aus dem Off den Film kommentiert. Nabwanas VJ Emmie ist eine Berühmtheit in der Branche. Seine Kommentare sorgen für Lacher und Kontext. Nabwana kalkuliert beim Dreh die Beiträge des VJ schon mit ein. Wenn etwa ein von Abwasser überfluteter Hof gezeigt wird, sagt VJ Emmie trocken: «Herrlich. Uganda, die Perle Afrikas.» Oder als ein Söldner sich hinter einen Baum zurückzieht, um sich zu erleichtern, weiss der VJ: «Er hat eine gefährliche Waffe in der Hand.»

Ein Missionar aus Manhattan

Nabwanas Kino geniesst über Uganda hinaus Kultstatus: Millionenfach sind seine Trailer und Filme im Internet aufgerufen worden. Fans aus aller Welt rufen an, hinterlassen begeisterte Kommentare, senden selbstgedrehte Actionszenen ein, die Nabwana in den nächsten Film einzubauen verspricht. Der Trailer von «Captain Alex» zählt schon über 2,5 Millionen Klicks auf Youtube. Schwer zu sagen, wie viele davon auf Alan Hofmanis zurückzuführen sind. Der ehemalige Programmleiter des Filmfestivals in Lake Placid im US-Bundesstaat New York sah Nabwanas Kreativität zum ersten Mal mit einem Bier in der Hand in einer Bar in Manhattan, auf dem Handy eines Freundes. Damals, vor vier Jahren, fand der 46-jährige New Yorker eine Mission, die er bis heute beharrlich verfolgt: «Ich will die Wand zwischen dem westlichen Geschäftsmodell und Nabwanas Kunst einreissen», sagt er. «Isaac in Cannes. Das ist mein Ziel. Es ist nicht unmöglich.»

Hofmanis ist in den Slum nach Wakaliga gezogen, um sich ganz der Vermarktung von Nabwana und dessen Filmen zu verschreiben. Er lebt in einem Raum gleich neben Nabwanas Familie. Die Stromausfälle, die Ratten in der Nacht, die Moskitos: Alan Ssali, wie ihn hier alle nennen, lacht gequält auf: «Nicht, dass es mir hier gefällt. Ich bin einzig für Nabwanas Filme hier.» Bei seinem Versuch, die Filme zu vermarkten, stösst er überall an Grenzen. Der ugandische Mittelstand etwa will mit Wakaliwood nichts zu tun haben – weil die Filme aus dem Slum kommen. Ein Vertreter der ugandischen Botschaft in den USA komplimentierte Hofmanis diplomatisch aus dem Büro mit den Worten: «Kommen Sie wieder, wenn sie ein positiveres Bild von Afrika zu zeigen haben.» Seitens von US-Produzenten klingt es genau umgekehrt, wenn sie etwa fragen: «Er ist aus dem Slum. Warum kann er keinen Film über Armut drehen?» All diese Reaktionen verkennten Nabwanas Talent, Originalität und Vision, findet Alan Hofmanis.

Später am Sonntag läuft «Captain Alex» im ugandischen Fernsehen. Für Nabwana und alle anderen eine freudige Überraschung, aber Hofmanis ringt die Hände. «Isaac wird nie Geld dafür sehen», klagt er und verweist auf die kaum durchsetzbare Rechtslage, was geistiges Eigentum in Uganda betrifft. «Aber die Leute werden denken, er habe jede Menge Kohle gemacht. Sie werden kommen und ihren Anteil haben wollen.»

Um die Fanbasis weltweit zu einen, startete Alan Hofmanis eine Crowdfundingkampagne. Das Ziel waren 160 Dollar für einen Filmdreh, 13 000 Dollar kamen zusammen. Davon wurden Computer gekauft, und der Dreh für eine ugandische Version von Sylvester Stallones «The Expendables» ist in vollem Gang. Doch im Studio in Wakaliga wird es allmählich zu eng. Isaac Nabwana träumt davon, ausserhalb der Stadt etwas Land zu kaufen, um mehr Platz zum Drehen sowie für eine kleine Filmschule zu haben, wo er «Filme für Leute in der ganzen Welt» machen kann. Aus Uganda will er nicht weg: «Ich bin Ugander und stolz darauf. Wir haben hier doch fast alles. Ausser Schnee.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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