Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Bete dir den Weg hinaus

Nur wenige Megacitys wachsen so schnell wie die nigerianische Hafenstadt Lagos. Der Staat funktioniert nicht, die Armenviertel quellen über. Aber in einer Strasse wurden die Wände neu gestrichen, in einem Hinterhof tanzen Jugendliche. Hoffnungsvolle Signale?

Von Judith Reker

«6°n». Sechs Grad Nord. Die Lounge mit kühlblau strahlender Glasbar, an der die Reichen und Schönen aus Cocktailgläsern Dirty Nipples, Abuse Machines und Absolute Testa Rossas nippen, ist nach den Koordinaten von Lagos benannt. Dritter östlicher Breitengrad, sechster nördlicher Längengrad. Hier fällt sie ins Weltraster, die nigerianische Hafenstadt, mit vielleicht zehn Millionen EinwohnerInnen. Oder vielleicht auch achtzehn Millionen. Je nachdem, welcher der zwei offiziellen Volkszählungen im Jahr 2006 man folgen will. Man stelle sich das vor: Die Ergebnisse liegen um mehr als die gesamte Bevölkerung der Schweiz auseinander.

Raphael Godwin ist Türsteher im «6°n». Anders ausgedrückt: Er hat es geschafft. Der Mann aus dem berüchtigten Armenviertel Ajegunle hat einen Job, um den ihn viele beneiden. 20 000 Naira, 185 Franken, verdient er im Monat (der billigste Champagner im «6°n» geht für 140 Franken über den Tresen). Das hat der Mittvierziger seiner Figur zu verdanken. Vom rasierten Vierkantschädel abwärts türmen sich Muskelberge, die jeden Störer zu erdrücken drohen. Godwin stemmt locker 400 Pfund am Stück in einem der unzähligen Fitnessstudios, die sich in Hinterhöfen der erbärmlichsten Viertel verstecken, in Ajegunle, Okobaba, Bariga und vielen mehr.

Alle raus! Sofort!

Dorthin verirren sich die Wohlhabenden von Lagos nicht. Nur die Armen kennen beide Welten. Wenn die Banker, Geschäftsleute und LandbesitzerInnen im täglichen Stau stehen, sind die Habenichtse immer schon da. Als fliegende Händler paradieren sie bei vierzig Grad Hitze ihre Waren den kühlen klimatisierten Fensterscheiben entlang. Mit Wasserbeuteln, Taschentüchern, Spielzeug, Erdnüssen, Autoersatzteilen, Sonnenbrillen, Handykarten zwängen sie sich zwischen den Blechlawinen hindurch. Und konkurrieren um die Lücken zwischen den Autos mit den dauerhupenden Okadas, den Mopedtaxis.

«Lagos ist ein einziger Markt», sagt der Architekturprofessor David Aradeon. Bis wenige Zentimeter an die Autos heran drängen die Marktstände. Rohe Fleischbrocken stapeln sich in Abgaswolken, geschälte Orangen formen Pyramiden. Selbst unter den mächtigen Fly-overs, den Autobahnen auf Betonpfeilern, wird ge- und verkauft, schlafen Menschen bei ihren Ständen. Der Müll brodelt, der Verkehr ist epileptisch, die Bevölkerung wächst schneller als in jeder anderen Megacity, die Stadt quillt über.

Was man in Lagos vergeblich sucht, ist eine öffentliche Hand, die schützend oder ordnend eingreift. Wenn sie sichtbar wird, dann zum Beispiel so: Ich stehe kurz vor Ajegunle im Stau, euphemistisch «go slow» genannt. Zwei gelbe Minibusse, in denen sich Marktfrauen mit ihren Körben drängen. Plötzlich taucht ein Dutzend Polizisten auf, Spezialeinheit, grosse Männer in schwarzen Shirts, auf denen «Raider» steht. Sie stellen sich mit ihren Gewehren vor die Fahrzeuge, schreien «Raus!» und zerren auch schon die ersten Passagiere aus den Bussen. Innerhalb einer Minute sind die öffentlichen Verkehrsmittel samt Fahrern gekapert und bahnen sich den Weg zu irgendeinem Spezialeinsatz.

Manche ZuschauerInnen schütteln den Kopf, wenige lachen, den meisten aber ist der Vorfall keine Regung wert. Er ist zu alltäglich. Die Polizei hat fast keine eigenen Fahrzeuge, deshalb nimmt sie sich eben, was sie braucht. Die Polizei als Ordnungshüterin? Welche Ordnung sollte das sein?

Von Lagos lernen?

Ganz kurz einmal war Lagos sexy. Denn da sah plötzlich einer eine Ordnung, und nicht irgendeiner, sondern der holländische Architekt Rem Koolhaas, der zur internationalen Avantgarde der Stadttheoretiker zählt. Wo all die anderen Urbanisten nur Dysfunktion und unkontrolliertes Chaos feststellten, da entdeckte Koolhaas eine eigene Ordnung jenseits von öffentlicher Stadtplanung. Er sagte sogar, die Frage sei nicht, «ob Lagos mit dem Westen Schritt halten kann, sondern ob wir in der Lage sind, mit Lagos Schritt zu halten».

Koolhaas war in den neunziger Jahren im Präsidentenhubschrauber über die Stadt geflogen und hatte festgestellt, dass «aus der Luft betrachtet, der scheinbar brennende Müllhaufen in Wirklichkeit ein urbanes Phänomen war, auf deren Kruste eine hochorganisierte Gemeinschaft lebt». Für solch im wörtlichen Sinn abgehobene Sicht bezog Koolhaas reichlich Schelte. Ein Kritiker der Zeitschrift «New Yorker» ätzte, mit einem so ästhetisch distanzierten Blick aufs Elend zu schauen, sei genauso schlimm wie gar nicht hinzuschauen.

Die Karawane des Avantgarde-Jetsets ist längst weitergezogen. Übrig geblieben sind die LagosianerInnen. Und unter ihnen jene, die versuchen, ihre Stadt ein wenig lebenswerter, ein wenig schöner, zu machen.

Als vor zwei Jahren ein Dutzend KünstlerInnen in die Goriola Street einfiel, wussten die BewohnerInnen nicht, wie ihnen geschah. Die Strasse im Stadtteil Ajegunle ist nur wenige verwinkelte Gassen vom «Safety Gym» entfernt, in dem der Türsteher Raphael Godwin seine Muskeln trainiert. Eine ruhige Strasse, nur in der Ferne Mopedknattern, fast schon ein Dorfweg durch eine – wie in vielen Armenvierteln – in sich geschlossene Welt.

Der Zauber der bunten Wände

Oyediya Kalu und Olisakwe Motunrayo sitzen vor einem gelben Haus und erinnern sich. «Wir haben uns alle gewundert. Zuerst dachten wir, das ist irgendwas Rituelles», sagt die 28-jährige Coiffeuse Motunrayo. In Nigeria fürchten sich viele vor Zauberei. «Dann haben sie uns gesagt, dass sie wirklich nur unsere Strasse schöner machen wollen.» Ein bisschen scheint sie sich immer noch zu wundern.

Die Idee kam vom nigerianischen Künstler Emeka Udemba, der seit zehn Jahren in Freiburg im Breisgau lebt. Der 39-Jährige und elf weitere KünstlerInnen aus Lagos malten in der Goriola Street zusammen mit den BewohnerInnen Hauswände an, stellten Skulpturen auf, veranstalteten ein grosses Fest. «Ich wollte dem Ort durch Kunst eine Identität geben», sagt er. Die Menschen hier bräuchten einen Grund, sich nicht für ihre Herkunft zu schämen. Ajegunle ist zwar berühmt für die Fussballer und die Musiker, die es hervorgebracht hat. Der Newcastle-United-Stürmer Obafemi Martins und auch Jonathan Akpoborie, früher beim Fussballklub VfL Wolfsburg unter Vertrag, kommen aus Ajegunle. Aber noch grösser ist der Ruf des Quartiers als Nest von Kriminellen und VersagerInnen.

«Da drüben läuft Omosa.» Die Coiffeuse zeigt auf einen in weiss gekleideten Mann, der gerade ein Haus betritt. Alle paar Sätze speit sie einen Mundvoll Spucke neben ihre Füsse und wischt dann mit dem Schuh darüber. Der Trompeter Michael Omosa, auch er wohnt in der Goriola Street, übernahm damals die Aufgabe, den Ältesten die Idee zu erklären. «Zuerst dachten die Leute, die wollen Böses, dann dachten sie, das ist Kinderkram, aber schliesslich haben sie kapiert, dass es Fun ist.»

«Ausserdem», sagt Frau Kalu, die vor ihrem Haus Makkaroni und Kochbananen verkauft, «sind unsere angemalten Häuser gut fürs Geschäft.» Die Coiffeuse nickt und spuckt: «Leute kommen, nur um zu schauen. Und dann kaufen sie was zu essen oder lassen sich die Haare machen. Auch die Musikindustrie kommt, die haben schon drei Videos hier gedreht.»

Für den Initiator Emeka Udemba, der jährlich in die Goriola Street zurückkehrt, «ist das Wichtigste die Wirkung in den Köpfen. Die Leute haben gesehen, dass sie selbst etwas tun können, um ihre Umgebung zu verbessern.» Und der Kulturjournalist Chuka Nnabuife von der in Lagos erscheinenden Zeitung «The Guardian» ergänzt: «Die Leute sollten einen Touch Schönheit bekommen. Kunst und Schönheit werden zu sehr als ein Vorrecht der Reichen gesehen.»

Die falsche Karte

Schönheit, hat ein Schriftsteller gesagt, Schönheit ist die Verheissung von Glück. Wenn das so ist, dann muss es sich lohnen, die Schönheit zu suchen in dieser Stadt, die aufs Gemüt drückt, in der oft tagelang die Sonne ausgesperrt wird von schweren, zum Greifen nahen Wolken, die einen monochromen Grauschleier über alles werfen, in der einem der Geruch von faulen Eiern und die süsslich-giftigen Dämpfe aus den Sägewerken an der Lagune die Tränen in die Augen treiben.

Doch Projekte wie das von Ajegunle sind so schwer zu finden wie die Stecknadel im Heuhaufen. Ich habe viele LagosianerInnen nach weiteren Kulturprojekten in den ärmeren Quartieren gefragt, ihnen allen fiel nur die Goriola Street ein. «Und selbst das kam von einem, der die Stadt verlassen hat», sagte ein Architekt. Seine Kollegin fügte hinzu: «Solche Projekte klingen nicht nach lagosianischer Mentalität.» Wo das Überleben so viel Kraft kostet, ist sich der Einzelne vielleicht noch mehr als anderswo selbst der Nächste.

Hinzu kommt: Lagos zermürbt die kreativen Geister, die etwas ändern wollen. An Plänen und Ideen fehlte es nie, nur hat noch keine Regierung mit der Umsetzung ernst gemacht. «Dies hätte eine schöne Stadt sein können», sagt David Aradeon nachdenklich. Er spricht vom Spiel von Wasser und Land, von den frühen Gebäuden in brasilianischer Architektur, welche der Stadt einen eigenen Charakter hätten geben können. Der 1933 geborene Architekt mit ausladendem weissen Afroschopf sitzt über meinem in einem guten Buchladen gekauften Stadtplan von Lagos. «Was ist das? Diese Karte ist ein Quatsch. Wer macht so etwas? Kein Kartograf jedenfalls.» Dort sei Land eingezeichnet, wo in Wirklichkeit Wasser ist, die Grössenverhältnisse seien falsch und so weiter.

Dabei war mein Stadtplan der einzige, den es überhaupt gab. Aradeon erklärt, warum der Verkehr nicht funktionieren kann. Mit dem Finger fährt er Strassen entlang, der Finger erstarrt – die Strasse hört einfach auf. Kein Fehler der Kartografen diesmal, so ist das Strassennetz von Lagos tatsächlich. Der emeritierte Stadtplaner schreibt heute lieber Aufsätze, als weiter darauf zu hoffen, dass einmal einer seiner Pläne ausgeführt wird.

Glück und Gebete

Ähnlich sieht es in der jüngeren Generation aus: Der Architekt Koku Konu imponierte 2002 während einer Veranstaltung der Kasseler Kunstausstellung «documenta» mit konkreten Ideen zur Verbesserung der Lebensqualität. Er und seine KollegInnen vom CIA, der «Creative Intelligence Agency», entwarfen zum Beispiel öffentliche Pissoirs, Pinkelrinnen mit Sickergruben, die ein kleiner Schritt in Richtung Hygiene gewesen wären. Aber die Stadtverwaltung finanzierte ihre Projekte nicht. Heute jettet Konu lieber von einem westafrikanischen Land zum nächsten, um Banken zu bauen. «Man hat irgendwann keine Kraft mehr», sagt er am Telefon aus Gambia. «Es ist traurig, das zu sagen, aber ja: Unsere Ideen sind gescheitert.» Ein noch jüngerer Architekt, Ayodele Arigbabu, entlädt sein kreatives Potenzial in einer bissigen Magazinkolumne. Als kürzlich das verrottende Nationaltheater verkauft werden sollte, einst ein hoffnungsvoller Siebzigerjahrebau, der wie ein Raumschiff inmitten von grünem Sumpfland steht, schrieb der 27-Jährige: «Wie wärs – wir verkaufen es an eine Megakirche? Die Kirchen wissen den Wert von grossen Gebäuden wenigstens zu schätzen.»

Damit spielte Arigbabu auf die riesigen Kirchen an, die sich entlang der Autobahn von Lagos nach Ibadan wie Satellitenstädte aneinanderreihen. Mehr als 50 000 Menschen fassen ihre Säle. Die Verheissung von Glück, hier findet sie an Wochenenden statt, und die Hunderttausenden demonstrieren, wie sehr sie dieser Verheissung bedürfen. «Wenn du in Nigeria Gott nicht nahestehst, stirbst du», hat in Ajegunle jemand gesagt. Und zugefügt: «Selbst die bewaffneten Räuber beten, bevor sie dich erschiessen.»

Der Lagos-Ibadan-Highway ist eine apokalyptische Landschaft. Ausgebrannte und brennende Wracks, Schlaglöcher wie Meteoritenkrater, Autofahrer, die mit über 150 Sachen auf die Gegenspur wechseln, weil ihnen ihre eigene zu langsam ist. Bei einem früheren Aufenthalt in Nigeria fuhr ich von Lagos in Richtung Nigerdelta. Am Strassenrand lag ein nackter Toter, der Körper stark aufgedunsen. Bei der Rückkehr nach Lagos vier Tage später lag der Mann immer noch dort, schon gebläht wie ein Ballon.

Mein Begleiter sagte: Da kommt keiner, um ihn zu holen. In Afrika zählt ein Menschenleben nichts, hört man oft. Das stimmt natürlich nicht. Ein Verschwundener wird in Lagos von seinen Liebsten ebenso vermisst und betrauert wie überall sonst auf der Welt. Doch der Staat fühlt sich nicht angesprochen, das ist der grosse Unterschied zwischen einem Land wie Nigeria und einem Land wie der Schweiz.

Die Area Boys

Die Kreativen, die sich mit Lagos und seiner Verwaltung beschäftigen, resignieren. Doch anderen, etwa MusikerInnen, scheint die Lagunenstadt ständig Inspiration zu geben. Das gilt auch für den deutsch-nigerianischen Musiker Adé Bantu. «Ich kenne Lagos seit mehr als 25 Jahren und entdecke immer wieder Neues», sagt der 36-jährige Mitgründer der afrodeutschen Gruppe Brothers Keepers.

«Alles ist extrem hier, ich mag das, ich mag die Lautstärke, die extremen Gerüche, die Gegensätze.» Klar, sagt er, sein Bild sei «romantisierend, weil ich immer wieder Abstand gewinnen kann. Lagos ist gleichzeitig ein Moloch, hier gilt 'survival of the fittest'.» Aber, sagt Bantu: «Lagos gibt dir auch das Gefühl, dass sich das Leben am nächsten Tag um 180 Grad drehen könnte, dass du plötzlich als Millionär aufwachst.»

Mit dem Theatermann Segun Adefila gehe ich im Stadtteil Bariga einfach dem starken Geruch von Marihuana nach, bis wir eine besondere Gruppe Glücksritter antreffen, Desperados eher, die sogenannten Area Boys. Das ist der vage Sammelbegriff der LagosianerInnen für alles, was ihnen Angst macht. Area Boys, das können Gangs sein, die vom einfachen Diebstahl über bewaffneten Raub bis zur von Politikern gekauften Wahlkampfschlägerei alles im Programm haben. Aber auch eine Gruppe unbescholtener Obdachloser wird schnell zu Area Boys erklärt, solange man sich nur vor ihnen fürchtet.

Da, wo der Slum ans Meer stösst, stehen sie an einem Wellblechverschlag, rauchen und trinken Gin mit Milch. Im Hintergrund zieht sich die Third Mainland Bridge zwölf Kilometer lang übers Meer, um die Inseln und das Festland von Lagos zu verbinden. «Gut, manchmal müssen wir kämpfen, um uns zu verteidigen», sagt einer. Das hier sei schliesslich ihr Revier. «No Money – No Love» steht auf einem T-Shirt. Sie erzählen von tagelangen Schlachten in Bariga, bei denen die Häuser der Gegner und ihre eigenen in Flammen aufgingen. «Im Prinzip sind wir alle Area Boys», sagt Adefila, der es als «wichtigen Teil meiner Arbeit» betrachtet, «immer wieder zu fragen: Wieso bin ich dem entkommen?» Gemeinsam mit seinem Freund Seun Awobajo betreut Adefila eine Kindertheatergruppe. Im engen Betonvorhof von Awobajos Haus proben sie jeden Nachmittag. Sie tanzen, spielen Theater, tragen Gedichte vor, lernen Instrumente. «Footprints Academy» nennen sie sich. In die Fussstapfen der eigenen Kultur sollen sie treten, von den Älteren lernen, die ihr Wissen weitergeben. Segun sieht das als eine Art Jugendschutzmassnahme, denn «die Jungen hier sind die nächste Generation potenzieller Area Boys».

Gerade proben die Kinder ein Stück über Kindsmisshandlung. Ein zarter Junge tritt auf, aus seinem nackten Oberkörper drücken die Rippen. «Lasst uns über Kindsmisshandlung sprechen», deklamiert er. Sein Rücken ist gezeichnet von vernarbten Striemen. «Das Kind weiss, wovon es spricht», sagt Segun leise.

Teure Rückreise

«Lagos übt eine Anziehungskraft aus, auch auf die Ärmsten», sagt Adé Bantu. Das stimmt: Der Magnet zieht jährlich allein aus Westafrika 600 000 Hoffnungsvolle an. Die meisten bleiben, obwohl sie den wirtschaftlichen Aufstieg niemals schaffen. Der Türsteher Raphael Godwin, der am Tag im Armenviertel lebt und in der Nacht die Reichen beschützt, gehört da schon fast zu den Erfolgreichen.

Manchmal hindern kulturelle Regeln die Menschen daran, Lagos wieder zu verlassen. Traditionen, die mit den Lebensbedingungen der Verstädterung nicht Schritt gehalten haben. Bei der Schneiderin Gladys Onwu ist das der Fall. «Ich würde gern zurück nach Hause gehen», sagt die 45-Jährige, die in Ajegunle ein kleines Atelier betreibt. Das geht aber nicht, denn bei ihrer Rückkehr muss sie zahlen. In der Tradition ihrer Volksgruppe, der Igbo, trifft sich das Dorf einmal im Jahr im August und legt Geld zusammen. Wer nicht kommt, muss 5000 Naira Strafe zahlen. Frau Onwu zahlt, aber für sie kommt das immer noch billiger als die Fahrt nach Hause und die Geschenke für die Grossfamilie. Für viele DorfbewohnerInnen bedeutet eine Verwandte aus Lagos eben das, was in der Schweiz einmal die Tante in Amerika war.

Auf der Heckscheibe eines der gelben Minibusse, die zu Tausenden durch Lagos knattern, blättern Buchstaben ab. «Bete dir den Weg hinaus», kann man gerade noch lesen.

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