Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

Viele flackernde Lichtchen aus dem Netz

Kino war gestern. Die digitale Revolution verändert unseren Filmkonsum. Über den Siegeszug von Video on Demand und dessen Folgen für die Filmindustrie. Auch in der Schweiz.

Von Nina Scheu

Das «Lagerfeuer der Moderne», um das sich Familien versammelten, um Geschichten zu hören und Neuigkeiten auszutauschen: So hat der Zürcher Kommunikationswissenschaftler und Medienpädagoge Christian Doelker das Fernsehen 1979 bezeichnet. Hätte er ganz allgemein vom Bildschirm gesprochen, wäre Doelkers zum geflügelten Wort erhobene These heute noch brandaktuell. Doch auf seinem Siegeszug durch die Welt hat das Internet das einstige Fernsehlagerfeuer auf viele flackernde Lichtchen, das Leuchten der Displays, verteilt. Eine Weile lang sah es gar so aus, als würde das weltumspannende Netz dem Fernsehen – und mit ihm den Filmen – den Rang ablaufen: Vor allem Kinder und Jugendliche verbrachten nach der Jahrtausendwende mehr Zeit mit Computerspielen und Surfen als vor der Glotze, geschweige denn im Kino.

Das hat sich mittlerweile wieder zugunsten der Filmindustrie verändert: Serien, Romanverfilmungen, Kurz- und Animationsfilme finden ein treues, mitunter geradezu fanatisches und junges Publikum. Doch die Filme werden heute nicht mehr vorwiegend im Kino oder übers Fernsehen konsumiert. Sie werden aus dem Internet heruntergeladen, auf dem eigenen Gerät gespeichert und am Computer, auf dem Laptop, iPad oder Smartphone geschaut. Oder die Filme werden gestreamt, das heisst, die Daten werden auf dem Gerät empfangen und gleichzeitig wiedergegeben. Das doelkersche Lagerfeuer wurde in Bits und Bytes zerlegt und brennt heute auf allen denkbaren Geräten und an allen möglichen Orten. Es gibt kaum einen Teenie ohne Filmclips auf dem Handy, kaum einE PendlerIn ohne heruntergeladene Filme auf dem iPad.

Das Internet als Schlaraffenland

Das hat Folgen für die Kinobetriebe und nicht zuletzt auch für die Verleihfirmen, die die Filme ins Kino bringen und die nationalen Rechte an der Filmauswertung haben. Denn seit die Breitbandtechnologie das Verschieben grosser Datenmengen auch in Privathaushalten möglich macht, ist der Markt für kommerzielle Filmportale, die Videos on Demand (VoD) anbieten, sprunghaft gewachsen. Neben den Marktleadern iTunes und Netflix bieten immer häufiger auch kleinere, spezialisierte Portale Filme gegen Bezahlung zum Herunterladen an. Und natürlich gibt es Gratisanbieter zuhauf. Für Filmfans, die lieber zu Hause auf dem weichen Sofa in die Traumwelten von Tinseltown abtauchen, als ins Kino zu gehen, gleicht das Internet einem Schlaraffenland mit einem schier unerschöpflichen Angebot. Für die Kinobesitzenden bedeutet es eine der grössten Herausforderungen seit der Erfindung des Fernsehens. Um die Säle weiterhin zu füllen, werden sie sich Strategien überlegen müssen, mit denen sie die Couch Potatoes von ihren Home-Cinema-Anlagen weg und wieder vor die grosse Leinwand locken können. Filmreihen und Minifestivals zu einem übergeordneten Thema beispielsweise, Nebenveranstaltungen oder Gespräche mit den Filmschaffenden, Reprisen vergessener Filmschätze – für Cinephile klingt das alles andere als düster. Die Branche sieht die Entwicklung aber weit weniger erfreulich.

DVDs werden zu Raritäten

In seiner Antwort auf eine Interpellation der Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder nannte der Bundesrat im vergangenen Sommer eindrückliche Zahlen. Die Kinoeintritte in der Schweiz haben sich in den vergangenen zehn Jahren von 18,4 Millionen im Jahr 2002 auf rund 15 Millionen pro Jahr eingependelt. Der von Christian Doelker beschriebene Lagerfeuereffekt ist dem Kino mit seinen Geschichten zwar nicht ganz abhandengekommen. Tatsächlich eingebrochen ist aber das Geschäft mit DVDs und Blue-ray-Discs. Ganze 100 Millionen Franken weniger als noch 2006, nämlich 269 Millionen Franken, liessen sich mit dem Verkauf dieser Filmdatenträger 2011 in der Schweiz erwirtschaften. Gleichzeitig wurden beispielsweise bei Swisscom doppelt so viele Filme (6,3 Millionen) über das Internet konsumiert wie im Vorjahr. Aus, Schluss, vorbei – die Silberscheiben brauchen zu viel Platz und sind zu teuer. Da verzichtet die grosse Mehrheit auf das haptische, handgreifliche Vergnügen und vergrössert die digitale Bibliothek lieber um eine Festplatte, auf der weit mehr heruntergeladene Filme Platz haben, als Otto Normalverbraucherin in einem Jahr sehen möchte. DVDs werden zu Raritäten in den Schränken von SammlerInnen, und schon bald werden wohl auch die Abspielgeräte Seltenheitswert haben.

Ist der Abgesang auf fossile Datenträger wie 35-mm-Filme, VHS-Kassetten oder eben die DVD nur Nostalgie? Letztlich kann es den Filmschaffenden doch egal sein, auf welchem Weg ihre Werke zum Publikum finden. Und übers Internet lässt sich leichter und schneller ein breites Publikum ansprechen, als wenn man die Leute zuerst noch vom Kauf eines Kinotickets überzeugen muss. Aber so einfach ist es eben nicht. Ein Blick in die Videotheken der internationalen Marktführer zeigt, weshalb die Entwicklung zum Filmkonsum via VoD die einheimische Filmszene in Bedrängnis bringt: Das Schweizer Filmschaffen nämlich findet auf diesen Portalen praktisch überhaupt nicht statt. iTunes beispielsweise verzeichnet keine zwanzig Produktionen aus der Schweiz, und keine davon ist älter als zehn Jahre. Das liegt nicht nur daran, dass hierzulande keine internationalen Blockbuster produziert werden. Das Schweizer Filmschaffen ist international schlicht zu marginal, um sich einen Platz in den Katalogen der grossen Filmdatenbanken zu erobern. Selbst die Erfolgreichsten unserer Erfolgreichen besetzen nur eine winzige Nische in einer Nische namens AutorInnenfilm. Das Schweizer Renommiergenre, der an Festivals oft preisgekrönte Dokumentarfilm, bestätigt nur die Regel. Kleinere Produktionen, Kunst- oder gar Experimentalfilme haben keine Chance, da entdeckt zu werden.

Deshalb fördert die Schweizer Promotionsagentur Swiss Films seit dem 1. Oktober 2012 die Aufnahme von Schweizer Filmen in internationale Datenbanken mit finanziellen Beiträgen und aktiver, durchaus persönlicher Fürsprache im Ausland. Weil der Vertrieb via VoD nicht zuletzt billiger und damit auch für die Verleiher interessant ist, wird es in Zukunft wohl auch immer mehr Schweizer Plattformen geben. Hierzulande am bekanntesten – und ältesten – ist www.artfilm.ch von Matthias Bürcher, der sich schon früh auf das Schweizer Filmschaffen spezialisiert hat. Dieses bietet er als DVD an sowie seit 2009 zum Herunterladen und seit 2011 zum Streamen für 12 Franken im Monat oder 99 Franken im Jahr. Er vertreibt aber auch aussergewöhnliche Filme aus dem Ausland per DVD und bald auch als Downloads oder Streams. Die Schweizer Filme bezieht Bürcher direkt von den Produzenten. Das Geld, das mit dem Internetangebot verdient wird, wird aufgeteilt: Die Produktion bekommt zwischen vierzig und sechzig Prozent der Einnahmen, je nachdem, wie oft der Film gekauft wurde, sechs Prozent gehen an die Regie und zwei Prozent an die Musiker, der Rest bleibt für die Plattform. Für die ProduzentInnen entstehen keine Vorkosten, im Unterschied zum Verkauf über iTunes: Dort kostet die Aufbereitung des Materials den Produzenten zwischen 700 und 800 Euro. Bei Artfilms gibt es keine Vorkosten, dafür einen progressiven Umsatzanteil.

Neu auf dem Markt tummelt sich zudem das Portal lekino.ch" title="http://lekino.ch">lekino.ch, zu dessen Lancierung sich einige der bekanntesten Schweizer Filmverleihhäuser zusammengeschlossen haben. Distributionsfirmen notabene, die sich nicht nur auf Schweizer Produktionen spezialisiert haben, sondern Filme aus aller Welt in die Kinos bringen. Le Kino profitiert von einem bereits bestehenden europaweiten Netzwerk, das nicht nur einen sehr professionell wirkenden Internetauftritt ermöglicht, sondern auch mit einer exklusiven Filmauswahl überrascht. Ein Dokumentarfilm über die eigenwillige Choreografin La Ribot, den man sonst wohl nicht einmal in spezialisierten Videotheken finden würde, strahlte mitten im vorweihnachtlichen Dezember von der Einstiegsseite. Das Portal kauft die Ausstrahlungsrechte der nationalen und internationalen Filme von den Schweizer Filmverleihern, die an den Downloads beteiligt werden. Hat ein Film keinen Schweizer Verleih, wendet sich das Portal an die Produzenten.

Artfilm.ch und lekino.ch" title="http://lekino.ch">lekino.ch überzeugen mit einem interessanten Angebot, das den Fokus klar auf AutorInnenfilme und die inländische Produktion legt, dabei aber auch zahlreiche Entdeckungen aus anderen Ländern erlaubt. Man könnte also beruhigt sein und denken, das international unbedeutende Schweizer Filmschaffen finde doch immerhin zu einem guten Auftritt auf den hier ansässigen Videoplattformen. Doch schon wieder hat man die Rechnung ohne eine Schweizer Besonderheit gemacht.

Im Ozean der Filmangebote

Nicht mal ein Beitritt zur EU könnte das ändern: Im Internet gibt es keine Landesgrenzen, sondern, wenn überhaupt, nur Sprachregionen. Da wird die Schweizer Produktion mit ihren vier Landessprachen international erst recht zu einer Menge, die nicht berücksichtigt zu werden braucht. Um die Vielfalt der Sprach- und Filmlandschaft zu fördern, gilt in der Schweiz die «Einverleiherklausel». Sie schreibt für Filmverleiher bei jedem Film den Erwerb aller sprachregionalen Versionen vor, die dann jeweils auch ins Kino gebracht werden sollten. Nicht die innerschweizerische Solidarität ist also der Grund, warum Deutschschweizer Filme auch in Genf und Lugano zu sehen sind oder umgekehrt Produktionen aus der Westschweiz ihren Weg in die Zürcher Kinos finden, sondern der politisch induzierte Artenschutz helvetischer Kulturgesetze.

Doch diese Gesetze gelten – vorerst – nicht für die digitalen Möglichkeiten des Kulturkonsums. Das heisst, dass Schweizer VoD-Plattformen – noch – nicht an die Einverleiherklausel gebunden sind und sich sprachregionale Anbieter somit auf Kosten der nationalen Distributoren in den Markt drängen können. Mit anderen Worten: Immer mehr versorgen ausländische Anbieter über Läden wie iTunes das Schweizer Publikum. Das bedeutet für die nationalen Verleiher einen Einbruch ihres Umsatzes. Deren Ziel ist es deshalb, die Einverleiherklausel auch bei der digitalen Filmverwertung einzuführen. Damit soll verhindert werden, dass die Schweiz aus Rom, Berlin oder Paris mit Filmen versorgt wird.

So oder so eröffnen die neuen Plattformen den Schweizer Filmschaffenden die Möglichkeit, rasch und günstig ein interessiertes Publikum zu finden. Profitieren werden vor allem auch die Filmfans, die auf eine immer grössere Auswahl zugreifen können – und die hoffentlich trotzdem noch ins Kino gehen. Um danach unter FreundInnen über das Gesehene zu diskutieren. Wie einst unsere Vorfahren am wärmenden Lagerfeuer.

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