Nr. 26/2008 vom 26.06.2008

Von Lima bis nach Istanbul

Seit 25 Jahren leistet der Solidaritätsfonds Soforthilfe bei Befreiungs- und Arbeitskämpfen in der Dritten Welt. Zum Jubiläum sind nun ein Buch und eine DVD erschienen.

Von Eva Caflisch

Bücher über die Achtundsechziger erscheinen zurzeit eins nach dem anderen: nostalgische, hämische, kritische, seriös-historische. Im Tenor sind sie sich mehrheitlich einig: Von Nachhaltigkeit der damaligen Bewegung könne keine Rede sein. Aber es gibt sie doch, die Nachhaltigkeit. Ein Beispiel ist der Solifonds, der Solidaritätsfonds für Befreiungskämpfe in der Dritten Welt, gegründet nicht 1968, sondern fünfzehn Jahre später, 1983 - und dennoch Kind einer Zeit, in der internationale Solidarität auch hierzulande mehr war als eine Parole für Arbeitersonntagsumzüge.

Die Stiftung Solifonds unterstützt nicht nur Arbeitskämpfe und Menschenrechtsaktionen in der Dritten Welt. Sie ist auch Musikproduzentin. Das Lied gegen das «Gesetz der Schande», wie die politisch wachen Algerierinnen das diskriminierende Familiengesetz nennen, wurde 2003 zum zwanzigjährigen Bestehen eingespielt und dank Privatradios und Veranstaltungen zum regelrechten Hit. 24 SängerInnen aus Algerien, aber auch aus Frankreich, Gabun und Argentinien machten dabei mit.

Das Buch «Dieses kostbare Gut der Solidarität» zeichnet die Gründungs- und Erfolgsgeschichte des Solifonds nach, seit der heute als ehemaliger Preisüberwacher bekannte Rudolf Strahm 1978 seinen Vorschlag eines Kampffonds für ArbeiterInnen in der Dritten Welt zur Diskussion stellte. Der Ökonom war damals Sekretär der Erklärung von Bern, als er bei einer Reise durch Peru und Bolivien erlebte, wie ein Regime mit ArbeiterInnen umspringt, die sich für ihre Rechte einsetzen. Damals waren die Grubenarbeiter aus den Silber- und Zinnminen im Gebirge zur peruanischen Hauptstadt Lima marschiert, um gegen Lohneinbussen von fünfzig Prozent und unmenschliche Arbeitsbedingungen zu protestieren. Sie wurden von Einheiten der Armee angegriffen.

Die Rolle von Ruth Dreifuss

Die Gründung des Solifonds war keine Spontiaktion. Kirchliche und politische Gruppierungen von Drittweltläden bis zur Anti-Apartheid-Bewegung hatten den Fokus auf die Dritte Welt gelegt. Strahms Idee für einen Fonds, der die Unterstützung von Streiks bei Schweizer Konzernfilialen und soziale Kämpfe nicht ausschloss, kam im richtigen Moment: Mit dem Solifonds gelang es erstmals, die Arbeiterbewegung mit entwicklungspolitischen Gruppen zusammenzubringen. Warum die Gewerkschaften zunächst zurückhaltend reagierten und wie Aussenminister Pierre Aubert eine besorgte Einfache Anfrage des in Südafrika engagierten Nationalrats Christoph Blocher in Sachen Neutralitätsverletzung provozierte - das und viel mehr ist im Text des Herausgebers Stefan Howald nachzulesen. Nach der Zustimmung durch den Gewerkschaftsbund konnte die Stiftung gegründet, der Stiftungsrat gewählt und mit Ginevra Signer die erste Koordinatorin die Arbeit am 1. März 1983 aufnehmen.

Zwei Frauen spielten bei der Lancierung und Durchsetzung des Konzepts einer radikalen Hilfsorganisation eine besondere Rolle: Domitila Barrios, Frau eines bolivianischen Minenarbeiters, die in grossen Feminismuskonferenzen darauf hinwies, dass es Unsinn sei, «einer Frau, die kein Wasser, keine Nahrung und kein Haus hat, Feminismus zu predigen». Und Ruth Dreifuss, damals beim Dienst für Entwicklungshilfe und Zusammenarbeit des Bundes und als SGB-Sekretärin tätig, die der Idee vom Kampffonds bei den teils noch im Kalten Krieg steckenden Gewerkschaftsfunktionären zum Durchbruch verhalf.

Der Solifonds funktioniert noch immer mit der Idee, dass engagierte Menschen hierzulande ein Beitragsversprechen abgeben. Der Beitrag wird gezahlt, wenn ihn die Stiftung für eine Aktion abruft. Insgesamt über 400 Mal hat sich der Solifonds in den 25 Jahren für Gewerkschaftsrechte, Frauenrechte, Frieden, Landlose, Demokratie, Information und Vernetzung engagiert. Unzählige Male hat er Befreiungskämpfe, Streiks, Wahlen und Menschenrechtskampagnen unterstützt. Aktuell war und ist die Landfrage und damit die Sicherung der Ernährungsgrundlagen weltweit, die allein durch kleinbäuerliche Strukturen und nicht durch das globale Agrobusiness gewährleistet werden kann. Zweites grosses Anliegen ist die Marche mondiale des femmes, aktuell mit der Kampagne für Hausangestellte.

Kleinbauern und Hausangestellte

Neben der Geschichte und Bilanz der kleinen Stiftung in einer globalisierten Welt der grossen Konzerne versammelt das Jubiläumsbuch Essays und Statements von Wissenschaftlerinnen und Aktivisten über Möglichkeiten und Grenzen der Solidarität und der Gegenmacht von Arbeitenden und ihren Organisationen.

Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen im Gewerkschaftsbund und dem langsamen Aussterben der ersten Generation von Solidarischen, die regelmässig Beiträge versprochen haben, könnte es für den Solifonds enger werden. Zumal es immer schwieriger wird, sich in einer medienüberfluteten Individualgesellschaft mit entwicklungspolitischen Anliegen bemerkbar zu machen. Vielleicht müssten die Kampagnen frecher werden, vielleicht braucht es ab und zu eine Provokation. Auch Solifonds-Erfinder Strahm wünscht sich «mehr Pfiff» beim Umsetzen des zentralen Anliegens des Solifonds.

Neben der finanziellen Unterstützung der Projekte in der Dritten Welt, wozu unter Umständen auch Hausangestellte in Genfer Diplomatenhäusern gehören oder MigrantInnen in den Obstplantagen Südspaniens, ist das «Verkaufen» der Kampagne unter Einbezug aller verfügbaren Kanäle zentral für die Weiterarbeit des Solifonds.

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