Nr. 27/2008 vom 03.07.2008

Nahe am Schwirren

Während in Luzern über 100 000 Menschen am Jodlerfest feierten, fand fernab von Fahnenschwingern und Jodlerinnen das Ballenberg-Platzgen statt, eines der ältesten Schweizer Volksspiele.

Von Martin Bieri

Sportveranstaltungen in Museen sind selten. Doch Platzgen ist tatsächlich so alt, dass es diesen Platz verdient. «Stövkle», «Plättle» oder «Pletschgere» hiess das seit dem 15. Jahrhundert bekannte Zielwurfspiel früher. Heute heisst es einheitlich: Platzgen. Es wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts institutionalisiert, doch erst kürzlich, im Januar 2008, kam es zur Gründung eines nationalen Einheitsverbandes.

«Wir wollten Grenzen öffnen», sagt Stefan Fritz, der Verbandspräsident. Auch wenn Platzgen fast nur im Kanton Bern gespielt wird, war die institutionelle Beschränkung auf das Kantonsgebiet nicht mehr zeitgemäss. Man wolle Tradition erhalten und sich doch nicht den neuen Zeiten verschliessen. Das ist nötig, denn das Platzgen droht wegen Nachwuchsmangels aus der Schweizer Sportwelt zu verschwinden. Die Gründe sind die üblichen: starke Konkurrenz durch andere Sportarten und der Wunsch der Sporttreibenden nach dem intensiven Erlebnis. Den kann das Platzgen, das gibt Stefan Fritz zu, nicht unbedingt erfüllen.

Ist Platzgen ein Spiel oder ein Sport? «Eindeutig ein Sport», sagt Fritz. «Wir sind wettkampfmässig organisiert. Kameradschaft, Tradition und Gemütlichkeit sind uns zwar wichtig. Aber zuerst kommt der Sport.» Platzgen lebe nicht von der Dramatik. «Es ist eine ruhige Sache und sieht einfach aus, wenn man jemandem zusieht, ders kann.» Konzentration, Koordination und Fitness seien aber genauso wichtig wie in jedem anderen Sport, meint Fritz, das habe schon mancheR AnfängerIn erfahren müssen.

Beim Platzgen geht es darum, eine Scheibe aus gehärtetem Stahl - eben die Platzge - möglichst nahe am Schwirren zu platzieren, einem Eisenstock, der senkrecht in einem sogenannten Ries steckt. Das Ries wiederum ist eine aus feuchtem, aber festem Lehm geformte leicht geneigte Scheibe mit einem Durchmesser von 140 Zentimetern. Die Wurfdistanz beträgt 17 Meter für Männer, 11,5 Meter für Frauen. Die Platzge liegt wie ein Abguss in der Handfläche und weist fünf Zacken auf, die ihr das Aussehen eines Ahornblatts geben.

Freilichtmuseum Ballenberg, Themenbereich «Berner Mittelland»: In einer kleinen Mulde zwischen dem Gasthof Alter Bären und einem Taunerhaus aus Detligen ist ein Geviert mit Plastikband markiert, darin sind vier Bahnen angelegt. Das Ries auf einer Seite, die Abwurfbalken auf der anderen Seite, dahinter zwei Richtertische, zwei Sonnenschirme. Die Männer, und selten eine Frau, bewegen sich träge. Man wirft, schreitet zum Ries, holt die Platzge, schreitet zurück und wirft wieder - dreissig Mal. Manchmal schlägt eine Platzge scheppernd an den Schwirren, sonst platscht sie dumpf in den Lehm, die MesserInnen rufen Zahlen, dazwischen Geplauder und Lachen.

Alle SportlerInnen verfügen über einen eigenen Satz Platzgen. Hergestellt werden fast alle von Emil Herren aus Münsingen. Den ganzen Winter über steht er in der Werkstatt und fertigt «die Gewichte», wie er sie nennt. Zu hundert Franken das Stück. «Meine Frau hat mir schon oft gesagt, ich könne nicht geschäften», sagt er und fügt an, er sei halt Idealist. In Jahrzehnten der Produktion hat er die ideale Form der Platzge entwickelt, mit Stern, Griff und Daumendelle. Doch «jede Hand ist anders und jede Platzge ein Unikat». Deshalb sei eine industrielle Fertigung nicht möglich, «da hab ich dann tausend gleiche im Haus, das geht nicht».

Der Wettkampf auf dem Ballenberg verläuft geordnet. Nur selten flucht einer laut über einen missglückten Versuch. Gelungene werden still zur Kenntnis genommen. Die meisten SpielerInnen zeigen Distanz zum eigenen Tun. Ruhig Blut ist wichtig, Kontrolle der Bewegung, ein guter Stand. Die Platzge wird in hohem Bogen geworfen, sie darf dabei nicht trudeln. Manche WerferInnen verleihen dem Spiel eine herbe Eleganz.

Etwas abseits am Waldrand sitzt ein jüngerer Spieler und raucht Haschisch. Er kommt aus einem Vorort von Bern und ist es gewohnt, in einem Klub mit betonierten Bahnen zu spielen. Er ist unzufrieden. «In der Natur werfe ich immer schlecht.» Jetzt wolle er den Tag noch geniessen, es sei ja auch ein Ausflug. «Es ist schliesslich schön hier.» Er erzählt von den geschätzten 450 SpielerInnen, die es noch gebe, und davon, dass der Sport am Aussterben sei. Auf dem Platz wird auffallend gern über das eigene Alter oder, noch lieber, über jenes der Konkurrenten gescherzt. Ein Mann mit schlohweissem Haar tritt an. Er wirft schwungvoll und geführt. Doch es gelingt ihm nicht, das Gewicht bis zum Ries zu befördern, die Kraft reicht nicht mehr. Es wird stiller auf dem Spielfeld, und einige lassen die Köpfe hängen. Nach lauter Nullern scheidet der alte Herr aus.

ZuschauerInnen hat das stille Drama keine. Nur wenige PassantInnen zeigen sich interessiert. Stefan Fritz ist sich bewusst, dass sich kaum Leute des Platzgens wegen auf den Ballenberg begeben. «Wahrscheinlich erreichen wir nur die, die sowieso schon im Museum sind.» Er spricht das Dilemma aus. Jenseits des Brünig, in Luzern, findet zur selben Zeit das eidgenössische Jodlerfest mit 100 000 BesucherInnen statt. Platzgen ist so unspektakulär, dass es nicht einmal zur Folklore taugt. Und doch halten die WerferInnen vom Ballenberg daran fest.

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