Nr. 28/2008 vom 10.07.2008

Willkommenim Taka-Tuka-Land

Eine autonome Zone als coolster Ausgehtipp, ein Anschiss gegen links und der Fussballplatz als grosse Spielwiese - am Wochenende wurde angepfiffen.

Von Noëmi Landolt

Die besten Abenteuer fangen an mit einem Loch im Zaun. Ein Loch im Zaun ums Zürcher Hardturmstadion zum Beispiel. Da hindurch kriechen die einen am vergangenen Freitagabend, Bretter und anderes Baumaterial geschultert. Die anderen spazieren durch den in kürzester Zeit geknackten Haupteingang. Unglaublich, so schnell geht das, sagen die Leute und sind leise überrascht, dass auch ein Fussballrasen wachsen kann. Kniehoch steht das Gras, die Abendsonne scheint ins Stadion. Und schnell gehts auch, bis die ersten Sirenen zu hören sind und drei oder vier Polizisten aus ihren Autos springen. Mimik und Gestik in perfekter Actionheldenmanier. Das gespannte Hemd über geblähter Brust, breitschultrig und -beinig, das Gewehr schwingend, brüllend, ballernd. Gummischrot. Aus nächster Nähe, ein Wunder, dass niemand ernsthaft verletzt wird. Die Vermittlerin aus der BesetzerInnengruppe wird kurzerhand verhaftet. Der Pressefotograf auch.

Derweil wird drinnen Material herumgetragen. Hin und her, zum Barrikadenbau und dann doch wieder nicht. Mittlerweile ist Verstärkung angerückt, und es wird auch beim Zaunloch geschossen. Es tue gut, anzupacken, um «die Actiongorillas zu vergessen, das Adrenalin im Körper zu verteilen», wie eine Besetzerin sagt. Dann ruft jemand: «Sie sind weg! D Bulle sind weg!», einer steckt den Stecker in die Steckdose, der DJ legt euphorisierende Technomusik auf, alle schleppen irgendetwas herum, das Gras ist hoch, die Sonne scheint, und einen Moment lang spürt man diese «Alles ist möglich»-Gänsehaut. Dieses «Wir bauen uns unsere eigene kleine Stadt, unsere kleine selbstbestimmte Welt, ohne Ausbeutung und Kommerz, willkommen im Taka-Tuka-Land»-Gefühl. Einer stolpert durchs Gras, bietet hier und dort seine Hilfe an. Die freundliche, aber bestimmte Antwort: «Nein, danke! Wir haben alles im Griff.» Er setzt sich ins Gras und kaut an einem Strohhalm. Das Hardturmstadion ist besetzt!

Hütten im Palast

Jemand sagt: «Das ist einfach der Wahnsinn! Ich meine, das ist ein verfluchtes Fussballstadion. Der Wahnsinn!» Und das stimmt, schliesslich ist ein Stadion so etwas wie die heilige Kuh des Standortmarketings. Fussballstadien und Shoppingtempel. Fussball und Shoppen. Oder eben Brot und Spiele. Worauf sich ja auch «Brotäktschen», der Name der Hardturmbesetzung, bezieht. «Der Name ist von der Redewendung ‹Brot und Spiele› abgeleitet, welche im alten Rom den Versuch einer Regierung bezeichnete, das Volk mit Grossanlässen von gesellschaftlichen und politischen Problemen abzulenken. Ähnlich wie heute die Euro 08. In Zürich scheint dies gelungen - «Brotäktschen» will das Gegenteil!» steht auf dem im Stadion verteilten Infoflyer.

«Brotäktschen» ist mehr als eine blosse Gegenveranstaltung zur Euro 08 der Drohnen, der Hundertschaften von PolizistInnen und Militärs und der für Fanzonen gesperrten Strassen. «Brotäktschen» steht in der Tradition der Sauvagen der neunziger Jahre und von Reclaim the Streets, gefolgt von den Besetzungsaktionen «Shantytown» im Jahr 2005, einer für ein Wochenende am Sihlufer bei der Börse errichteten Barackensiedlung, sowie «Danslieue», dem dreizehnten Kreis, ein Jahr später beim Bürkliplatz. «Shantytown» war eine Reaktion auf die Räumung mehrerer alternativer Treffpunkte und besetzter Häuser, «Danslieue» thematisierte den Wegweisungsartikel und die Revision des Asyl- und Ausländergesetzes. «Wir haben uns gedacht, wir könnten wieder einmal etwas in dieser Art machen. Der aktuelle Bezug zur Euro kam erst nachher dazu», sagt einer aus dem Organisationskollektiv.

Bei all diesen Aktionen geht es im Kern um dasselbe. Um Ausgrenzung, die völlige Regulierung und Überwachung des öffentlichen Lebens. Angstmacherei, Sauberkeits- und Sicherheitswahn. Gegen die Aufwertung von Quartieren durch Luxuswohnungen und den Austausch der Bevölkerung. Für die Rückeroberung von Freiräumen. Doch manche wollen nicht einmal versuchen zu begreifen, um was es geht. Zum Beispiel die Reporterin der Tagesschau, die den BesetzerInnen vorwirft, sie verhielten sich wie die Uefa, mit ihren Vorgaben, wann und was fotografiert beziehungsweise gefilmt werden dürfe. Ob sie sich schon einmal überlegt hat, was es bedeutet, nach einer illegalen Aktion im Fernsehen erkannt zu werden? Es geht auch nicht darum, dass, wie die NZZ spitzfindig schreibt, Leute Bierdosen der zu Carlsberg gehörenden Feldschlösschengruppe ins Stadion mitnehmen. Sondern dass man trinken, tragen und tun kann, was man möchte.

Es ist schön, mit anzusehen, wie sich das Stadion verändert. Wie eine «Hütte» nach der anderen aufgebaut wird, dort, wo bald ein Palast stehen soll, wie die Spielwiese wächst und die Werbebanner nach und nach unter anderen Schriftzügen verschwinden: «Wir klauen für Zürich», «Autonome Zonen schaffen», «Nehmen wir uns Mehrwert», «Es liegt an uns zu spielen». Am Eingang liegt ein aus geklauten Eurofahnen genähter Fussabtreter. Immer wieder fliegt ein Tarzan über die Köpfe der Leute, am Seil, das vom einen Stadiondach zum anderen gespannt wurde. Eine elektrisierende Stimmung liegt in der Luft. Sie wird die ganzen drei Tage anhalten. In der Dämmerung werden Feuer und Lichterketten angezündet. Die Sonne geht unter, der Abend ertrinkt in Euphorie und Alkohol.

Selbstbestimmte Spiele

«Wir wollen zeigen, dass man spielen und trotzdem auf problematische Themen aufmerksam machen kann», sagt einer aus dem organisierenden Kollektiv. Bei «Brotäktschen» werden jedoch nicht explizit politische Themen angesprochen, wie das zum Beispiel bei «Brotäktschen» vor zwei Jahren der Fall war. Damals gab es ein Zelt mit vielen Informationen zum neuen Zürcher Polizeigesetz und zum Wegweisungsartikel. Abends, quasi zur Hauptsendezeit, wurden die Konzerte für den Film «Voices in Transit» über afrikanische Flüchtlinge in Zürich unterbrochen. Am «Danslieue» sei die Freude fast erdrückt worden von all den traurigen Themen, sagen die einen. Das sei der Grund, warum man bei «Brotäktschen» wieder, wie schon bei «Shantytown», das Fest in den Vordergrund stellen wolle. Andere bedauern diese Entwicklung. Im Hardturm haben an diesem Wochenende nur die Bleiberechtskampagne und die Revolutionäre Jugend Zürich ihre Infostände aufgestellt. «Für viele wird der Anlass einfach nur der coolste Ausgehtipp dieses Wochenendes sein. Dabei wäre das eine gute Plattform, um konkrete politische Inhalte zu vermitteln», sagt eine Standbetreiberin. «An einem solchen Anlass erreicht man mittlerweile mehr Leute als an einer konventionellen Demo.» Demonstrationen haben an Kraft verloren. Die gewaltigen Polizeiaufgebote lassen sie als Bedrohungen erscheinen. Wichtig ist die Anzahl Verletzter, vor allem der Sachschaden, die Einnahmeausfälle von GewerblerInnen. Die Kosten, die Kosten, die Kosten. «Kein Wunder, gehen viele Leute nicht mehr an Demos, und kein Wunder, gehen die Inhalte verloren», sagt die Standbetreiberin. Doch allein die Besetzung an sich ist schon ein politischer Akt. Die Tatsache, dass sich hier eine Handvoll Leute ihre eigene grosse Spielwiese erobert haben, ein grosses Fest feiern, in Traktorrädern die Tribüne runterrollen, ein Rennen mit feuerspeienden Titanengefährten veranstalten und anderen Schabernack treiben. Selbstbestimmte Spiele und selbstgebackenes Brot als politische Aktion.

«Schiiss Politik»

Nach wenigen Stunden traumlosen Schlafs auf der Nordtribüne fällt der Blick beim Erwachen sofort auf den Schriftzug «Brotäktschen», der über der Tribüne des Gästesektors hängt. Und aus «Brot» und «Action» wird auf einmal «Protection», Schutz. Schutz vor der völligen Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch das Kapital, Schutz vor Konsumzwang, Schutz vor der Erstickung allen Lebens. Sich nicht vorschreiben lassen, was Lebensqualität heisst. Lebensqualität bedeutet eben auch, selbst bestimmen zu können, wo man sich aufhält, wie und zu welcher Zeit man gewisse Räume nutzen will.

Protection. Eine weitere, vielleicht ursprünglich nicht beabsichtigte Parodie auf den Sicherheitswahn in und um die Stadien? Eine Parodie auf die SP mit ihrem neuen Sicherheitspapier? Die Partei erhält am Samstagabend jedenfalls eine Grussbotschaft. Von Reverend Beat-Man. Aus Bern mit seiner Klampfe angereist, freut er sich, hier zu sein, grüsst die ZivilpolizistInnen, die bestimmt auch irgendwo rumstiefeln, und poltert gegen die SVP, aber nicht nur: «Auch die linke Politik ist scheisse im Moment. Die ganze Schweizer Politik ist scheisse. Schiiss Politik!», ruft er heiser ins Mikrofon. Die Leute freuen sich, weiter hinten wummert das Technozelt. Sie sind in Massen an das grosse Fest gekommen. 5000 sollen es gewesen sein. Ein Fest für alle, egal wie dick das Portemonnaie ist. Ein Fest für alle, ausser für «Nazis, Cops und Yuppies», wie am Eingang unmissverständlich geschrieben steht. Vor allem Letztere sind trotzdem gekommen. Doch auch das schönste Fest geht irgendwann zu Ende. Zurück bleibt ein Stadion ohne Werbeschriftzüge, ein bisschen Sperrmüll, und die in den Rasen gebrannten Worte: «Bis bald». «Brotäktschen» war erst der Anpfiff.

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