Nr. 22/2008 vom 29.05.2008

Zurückschiffen!

Kurzsichtige Kommentare, polizeiliche Völkerverständigung, ein Partypräsident und eine charakterlose Truppe: Vor dem Blick auf das Spielfeld eine Festrede. Gegen die Europameisterschaft.

Von Daniel Ryser

1. No Hooligangesetz!

Nach den Krawallen von Basel 2006 logen sie alle: Die Medien. Der Staat. Es brauche jetzt sofort das Hooligangesetz, sonst könne in diesem Land gar nichts stattfinden. Denn die Horden sind wild und stehen schon an der Landesgrenze. Das Gesetz wurde im Schnellverfahren per 1. Januar 2007 eingeführt und schaffte die Unschuldsvermutung ab. Endlich also eine sichere EM? Als dann, genau zwei Jahre später, im Mai 2008, Zürcher Fans in Basel fackelwerfend Amok liefen, redete plötzlich niemand mehr vom Hooligangesetz. Zumindest nicht als Heilsbringer: Ein Hooligangesetz könne da gar nichts helfen, sagten Experten. Aber für die EM sei das Gesetz sowieso nicht gemacht: Da kämen grundsätzlich ganz andere Fans, Familien statt Fanatiker.

Leider hatte auch der «Blick» ein kurzes Gedächtnis: Vor zwei Jahren noch hatte das Blatt, als einziges neben der WOZ, gegen das sogenannte Hooligangesetz angeschrieben, im Mai 2008 forderte die Zeitung nun stattdessen Schnellrichter. Und zeigte damit gleich ein grosses Defizit des Schweizer Sportjournalismus auf: Sportjournalisten hierzulande sind Fans und mit den Funktionären per Du und haben, von wem auch immer, zwei teure Jahreskarten-Sitzplätze im Mailänder San-Siro-Stadion geschenkt bekommen. Eine kritische Berichterstattung betreffend die Nebenwirkungen gibt es kaum. Wenn die Realität in den Fussball kracht, die Mafia, der Krawall, das Doping, wird das so lange wie nur möglich ausgeblendet. Und wenn sich dann die Nebenwirkungen einfach nicht mehr wegreden lassen, wird in Kommentaren schnell und kurzsichtig nach der grösstmöglichen Härte verlangt. In Bezug auf das Hooligangesetz herrschte unter Sportjournalisten die fröhliche Einigkeit, dass jemand, der nichts verbrochen hat, auch nichts zu befürchten habe - man plädierte damit für den gläsernen Menschen. Zu welchem Selbstverständnis ein Gesetz führt, das die Kompetenzen der Polizei und Sicherheitsdienste auf Allmachtsstufe stellt, konnte man zuletzt erleben, als die Polizei in St. Gallen zuerst prophylaktisch Pfefferspray gegen Fans einsetzte, damit beinahe einen Spielabbruch provozierte und dann nach dem Spiel - die empörten Leserbriefe dazu im «St. Galler Tagblatt» sind aussagekräftig - alles verhaftete, was sich nicht bei drei in Luft aufgelöst hatte.

2. No Uefa!

Der Zürcher Event-Stadtpräsident Elmar Ledergerber hätte wohl mit dem Argument, man sei nicht im Faschismus oder in der Sowjetunion, den Antrag einer Gruppe, nehmen wir beispielsweise die Scientologen, abgeschmettert, hätte diese für ein Sektentreffen dieselben Forderungen gestellt wie die Uefa für die EM, nämlich ganze Strassenzüge zu sperren und in den Sperrzonen eine Kleiderordnung zu erlassen. Mit Steuergeldern bezahlt, werden an der EM unter anderem aus Deutschland geholte deutsche Sicherheitskräfte Menschen in den Fanzonen oder Stadien belästigen, die ein nicht sponsorengenehmes T-Shirt tragen. Die Bestimmungen, die die Schweiz unterzeichnete, erlauben das. Und wer kein Carlsberg ausschenkt, bekommt einen Zaun um seine Beiz. Kosten für die öffentliche Hand bei dieser Veranstaltung für Sponsoren: 300 Millionen Franken, davon 80 allein für die Sicherheit. Kalkulierter Gewinn der Uefa: eine Milliarde Franken. Die Uefa nennt das den Beweis, dass Sport die Menschen verbindet. Damit dieser Völkerverständigung nichts im Weg steht, wurden neben den Spielstätten auch andere Spielwiesen geschaffen: Der Dienst für Analyse und Prävention hat sein superschnelles und supereffektives und superteures Analysezentrum bekommen. Über unseren Köpfen werden Drohnen fliegen, um die Lage ständig sofort neu zu analysieren, deutsche Polizeisondereinheiten werden in Stellung sein, und Nachtflieger haben Sondergenehmigungen zur Rückschaffung betrunkener Horden. Dies alles, wie gesagt, zur Völkerverständigung. Und für den Gewinn von einer Milliarde Franken eines privaten Veranstalters.

3. No Hooligans!

Bei allem Sicherheitswahnsinn und dem irreführenden und falschen Versprechen, ein Staat könne bei totaler Überwachung den Bürgerinnen und Bürgern die totale Sicherheit bieten, ist eins garantiert: Die deutschen Schläger werden natürlich trotzdem kommen (ob in die Schweiz oder nach Österreich). So wie die Engländer vor zwei Jahren trotz Big Brother nach Deutschland kamen. Interessanterweise hatten die deutschen Medien vor der WM 2006 heftig Stimmung gemacht und so den riesigen Polizeieinsatz legitimiert. Als es dann aber während der WM tatsächlich und trotzdem knallte, schwiegen die Medien. Das Fest sollte keine Kratzer kriegen. Es bedurfte der BBC-Dokumentation «Ein anderes Sommermärchen», um die grossangelegten Krawalle in Deutschland aufzuzeigen (zu finden auch auf YouTube).

4. No Ledergerber!

Man kann guten Gewissens behaupten, der traditionsreiche Grasshoppers Club Zürich hätte heute ein wunderbares neues Fussballstadion, 20 000 Zuschauer fassend, hätten nicht die überrissenen Uefa- und Einkaufszentrum-Ansprüche (Platz für mindestens 30 000 Zuschauer) das Projekt torpediert. Und nicht etwa der VCS mit seinen berechtigten Einsprachen, wie das alle, ausser dem VCS, gerne glauben machten. Man kann auch sagen, dass der VCS einen der letzten Hinweise im EM-Taumel gab, dass, wenn es um viel Geld geht, die Errungenschaften einer Demokratie zumindest nicht völlig ausgehebelt werden können. Der Zürcher Partypräsident Elmar Ledergerber sprach damals, weil das wegen der Anschläge auf das World-Trade-Center gerade en vogue war, vom Terror des VCS. Vom Ökoterror. Ledergerber ist ein gutes Argument dafür, in der Stadt Zürich nie wieder SP zu wählen.

5. No Hensler!

Man kann auch sagen, dass der Sicherheitschef der EM, der Kommandant der Luzerner Kantonspolizei, Beat Hensler, eigentlich jetzt zurücktreten müsste. Noch vor einem Jahr machte er per Internet Jagd auf Hooligans. Dann liess er im Dezember 2007 präventiv zweihundert Menschen verhaften, die in Luzern an einer - wegen der am Tag darauf stattfindenden EM-Gruppenauslosung unbewilligten - Kundgebung für mehr kulturellen Freiraum demonstriert hatten. Er liess sie in einen Zivilschutzkeller sperren. Hensler nahm eine EM-Veranstaltung zum Anlass, eine EM-Übung abzuhalten. Hensler hat nun offenbar, die Sonntagszeitungen berichteten, ein Video manipulieren lassen, das Polizisten einer Sondereinheit zeigt, wie sie zwei unschuldige Männer, die sie für Mörder hielten, verprügeln. Während Fussballfans, die Fackeln zünden - nicht jene, die solche auf andere werfen -, per Hooligangesetz zu brutalen Schlägern erklärt werden, ist ein Polizeikommandant, der brisantes Material manipulieren lässt, offenbar tragbar.

Immerhin organisiert Peter Landolt, Präsident der Sicherheitskommission der Liga, keine Polterabende und Fussballspiele mehr für seine Bekannten aus der Basler und Zürcher Hooliganszene. Dafür darf er im «Blick» und anderswo den Experten spielen, wenns mal wieder gebrannt hat. Sein Kollege, inzwischen Exsicherheitschef des FC Zürich und Exgeschäftsführer einer Sicherheitsfirma, der ihm in öffentlichen Auftritten kaum von der Seite weicht, steht bald vor Gericht, weil er seinen Männern bei der Verhaftung eines FCZ-Fans Kompetenzen gab, die nur der Polizei zustehen.

6. No Köbi!

Und man kann sagen, und das kommt bei aller Schande noch hinzu, dass die Schweizer Nationalmannschaft eine derart uninteressante, charakterlose Truppe ist, dass es schon eines Gary Lineker oder César Luis Menotti bedürfte, um das alles aufzufangen, was diese EM zum Ablöscher macht. Als Letzigrund-Sperrzone-Hochsicherheitssektor-Anwohner stelle ich betrübt fest, dass ich vom EM-Karneval nichts halte. Erlaubt ist, was die Uefa nicht stört. Aber immerhin kann ich sagen, dass ich zurückschiffen werde, und zwar vom Balkon auf den Kopf herab, wenn mir irgendwelche Rumänen, Türken, Schweizer, Franzosen oder Deutsche in den Garten schiffen. In den Garten schiffen für eine gute Sache, da hab ich nicht mal was dagegen, aber in den Garten schiffen für die Uefa - sicher nicht! Die Zurückpisskübel füllen sich täglich mehr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch