Nr. 01/2008 vom 10.01.2008

Der Juni des Grauens

Die Fussball-Europameisterschaft versetzt Berge - und BürgerInnen. Selten fiel es schwerer, sich auf ein Fest zu freuen.

Von Pascal Claude

Eine Demonstration für kulturelle Freiräume erhält keine Bewilligung, weil am Folgetag in derselben Stadt die Gruppenauslosung der Euro 08 stattfindet. So geschehen in Luzern am 1. Dezember 2007. Die Unverhohlenheit, mit der die Sicherheitsbehörden diese Kausalität kommunizierten, und die Masslosigkeit, mit der die Polizei bei der Auflösung der harmlosen Kundgebung vorging, beweisen eines: Die Uefa Euro 2008™, die vom 7. bis 29. Juni in der Schweiz und in Österreich stattfinden wird, ist ein Produkt mit schweren Nebenwirkungen.

Der Staat zahlt, die Uefa profitiert

Nach dem Zuschlag zur Organisation des Turniers wurde das verschärfte Bundesgesetz zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS) durchgeboxt, das seit dem 1. Januar 2007 in Kraft ist und uns unter dem irreführenden Titel «Hooligangesetz» eine gewaltfreie EM garantieren soll. «Hooligans» - darunter fallen laut BWIS auch Zwölfjährige, die einmal im Stadion eine Leuchtfackel gezündet haben - können allein aufgrund polizeilicher Anzeigen mit Rayonverbot belegt und in der Hooligan-Datenbank registriert werden, egal wie das Verfahren endet. Die Unschuldsvermutung ist ausser Kraft gesetzt. «Der Widerspruch zwischen dem Ruf nach Sicherheit und der gleichzeitigen Gleichgültigkeit gegenüber stark wachsenden Beschränkungen der Bürgerfreiheit ist eine schädliche Entwicklung», sagte dazu Rainer J. Schweizer, Professor für öffentliches Recht, in der NZZ.

So sehr das Hooligangesetz durch die Euro legitimiert wird, so wenig taugt es für diesen Anlass. Bekämpft werden in erster Linie auffällige Fussballfans aus Schweizer Fankurven - haargenau jene Klientel, die ihr Desinteresse an Euro und Nationalmannschaft schon seit Jahr und Tag kundtut. Hinzu kommt, dass in den Stadien selber an EM-Spielen seit der EM 1980 keine nennenswerten Vorkommnisse mehr zu verzeichnen waren. EM-Fans sind keine Klubfans. Sie verstehen ein Fussballspiel als Event und nehmen Preise ab siebzig Franken gerne in Kauf. Die grösste Gefahr, die von ihnen ausgeht, sind Unmutsbekundungen über zu langes Anstehen.

Richtig prekär kann es dagegen in den Public-Viewing-Arenen werden. Während die Uefa für EM-Spiele seit Jahren reine Sitzplatzstadien mit Sektorentrennung vorschreibt, setzt man beim Public Viewing auf das Gegenteil: riesige Stehplatzbereiche für Tausende von Fans ohne Trennung der beiden Lager. Wie die Polizei mit ihrer Vorliebe für Tränengas und Gummischrot vorzugehen gedenkt, wenn es mitten im Public Viewing kracht, war bis heute nirgends zu lesen.

Der öffentlichen Hand entstehen durch die Euro geschätzte 300 Millionen Franken Kosten, davon 80 Millionen für die Sicherheit (veranschlagt waren dafür rund 4 Millionen, die das Parlament grosszügig verzwanzigfachte). Dem gegenüber steht ein von der Uefa kalkulierter Gewinn von rund einer Milliarde. «Diese Proportion missfällt», hält sogar die NZZ fest.

Die Uefa denkt indes schon weiter, wie ein Gespräch mit Martin Kallen, leitender Geschäftsführer der Euro 2008, in der Grasshopper-Club-Zeitschrift «GC Life» zeigt: «Wie weit können Zeitungsverleger gehen, ohne Rechte kaufen zu müssen? Nimmt man die Berichterstattung über Fussball in den Medien genauer unter die Lupe, stellt man fest, dass Fernsehanstalten, Internetplattformen und auch Handyanbieter allesamt Rechte an Übertragungen bezahlen. Die Zeitungen aber zahlen nichts. Das müsste in Zukunft anders geregelt werden.»

Schikanen und Fehlplanungen

Um die Austragung einer EM streiten sich alle vier Jahre zahlreiche Länder. Dies stärkt die Position der Uefa. Ihre Bedingungen werden immer dreister, ohne dass sie Gegenwehr zu befürchten hätte. In Basel wurden die WirtInnen in der offiziellen Fanzone am Rheinufer von der Uefa vor die Wahl gestellt: den Betrieb an die Uefa verpachten, den Betrieb mit Uefa-lizenzierten Produkten bestücken (bei einer täglichen Lizenzgebühr im vierstelligen Bereich) oder den Betrieb mit Zaun von der Fanzone abtrennen. Bei aller Sprachlosigkeit ob so viel Arroganz: Die Uefa stützt sich dabei auf gültige Verträge, unterschrieben von Schweizer Behörden.

In Zürich führte der bevorstehende Grossanlass zu einem städtebaulichen Hickhack, dessen Ende nicht absehbar ist. Weil die Uefa für Europameisterschaften Stadien mit einer Mindestkapazität von 30 000 Sitzplätzen vorschreibt, wurde an Stelle des alten Hardturms ein überdimensioniertes Fünfeck projektiert, dessen Bau durch Einsprachen aus dem Quartier bis heute blockiert ist. In der Eile wurde darauf das Leichtathletikstadion Letzigrund zum EM-Stadion erklärt und neu gebaut, ebenfalls mit 30 000 Plätzen. Ausverkauft war der Letzigrund seit der Neueröffnung im Spätsommer 2007 erst einmal: beim Leichtathletik-Meeting. Der Fussball zog weder bei Meisterschafts- noch bei Uefa-Cup- noch bei Länderspielen genug Leute an. Was Zürich nötig hat, ist ein einfaches Fussballstadion für 20 000 Leute. Es braucht wenig Wagemut, um zu behaupten: Ohne Euro 08 stünde es.

Es kommen ausländische Gäste zu uns, Zehntausende. Sie werden durstig sein und gut gelaunt. Das sind die Vorzüge einer EM: dass wir plötzlich mit haufenweise Rumänen oder Tschechinnen am Tisch sitzen, Zug fahren, Bier trinken, sie sogar fragen, woher genau sie kommen und wie es dort ist. Doch der Preis für diesen Spass ist hoch. Zu hoch, wenn es nach einer «gelungenen» EM heisst: So machen wir das ab jetzt immer.

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