Nr. 29/2008 vom 17.07.2008

Wie Kurzfilme

Von Paul L.Walser

«Dass sie feststeckten, war klar. Die Räder auf der Beifahrerseite waren im Graben, der Wagen neigte sich in einem unglückseligen Winkel, und unter dem sich rasch anhäufenden Schnee blitzte Eis auf, das einem keine Chance liess. Er fluchte leise - Scheisse, Scheisse, Scheisse - und schlug mit der Faust aufs Lenkrad, und sie sagte: ‹Stecken wir fest?› Einen langen Augenblick antwortete er nicht, die Scheibenwischer bewegten sich hin und her, der Schnee fiel wie starker weisser Regen. ‹Alles in Ordnung?›, sagte er schliesslich . ‹Weil ich - er ist einfach unter mir weggerutscht. Die Strasse - ist wie eine Eislaufbahn.› Ihr Gesicht war gespenstisch erleuchtet. Er konnte ihre Augen nicht sehen. ‹Ja›, sagte sie leise, ‹alles in Ordnung.›»

Der US-Amerikaner Tom Coraghessen Boyle, Jahrgang 1948, ist als Erzähler ein Tausendsassa. Er braucht erstaunlich wenig Worte und Sätze, um eine ganz bestimmte Stimmung unglaublich genau darzustellen. Manche seiner Erzählungen wirken wie aufgeschriebene kurze Dokumentarfilme.

Auch im neuen Geschichtenband geht es um kleine Alltagskatastrophen. Beim Lesen stellt sich nicht selten Gänsehaut ein, Bewunderung mischt sich mit Ekel, und am Ende weiss man mehr über die US-Wirklichkeit. Oder besser: Vage Bilder werden scharf; Hoffnungslosigkeit in allen Spielarten, wobei unheimlich viel Alkohol fliesst. Und dann doch der Wille, nicht aufzugeben. Es sind vor allem gestrandete Männer, deren Elend der Professor aus Los Angeles schonungslos schildert.

Er gibt sich gerne als Zyniker, überrascht aber plötzlich mit einer humorvollen Wendung. Weniger überzeugend ist er, wenn er sich der Vergangenheit annimmt, einer abenteuerlichen Reise zu Beginn des 18. Jahrhunderts etwa. Ein Wurf hingegen, auch in der Veräppelung von Klischees, ist die Geschichte «Jubilation», eine aberwitzige und zugleich hyperrealistische Schilderung einer künstlichen Stadt in Kalifornien.

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