Nr. 23/2008 vom 05.06.2008

Schätze finden, Unfälle bauen

Rolf Lapperts Entwicklungsroman orientiert sich an den grossen RealistInnen des 19. Jahrhunderts - und scheut sich nicht vor den Stilmitteln des Abenteuerromans und des Actionfilms.

Von Eva Pfister

«Es tut mir leid, dass du wegen mir gestorben bist», sagt Wilbur in Gedanken zu seiner Mutter, die seine Geburt nicht überlebt hat. Zwar gab es immer wieder Frauen, die Wilbur mit Liebe umgaben, aber stets wird ihm diese wieder entzogen: Die Sekretärin des Waisenhauses, wo der Säugling landete, wollte ihn adoptieren, aber dann holte ihn sein irischer Grossvater in die Heimat und übergab ihn der Obhut seiner Grossmutter Orla. Mit ihr erlebte der Junge seine glücklichste Zeit, die aber abrupt mit einer Katastrophe endete.

Überhaupt: Kaum richtet sich Wilbur irgendwo ein und kann dem Leben ein paar positive Seiten abgewinnen, wird er aus dem Nest gestossen. Das Motto des Romans hat Rolf Lappert in Dantes «Hölle» gefunden: «Kein grösserer Schmerz ist denkbar, als sich im Unglück zu erinnern an die Zeit des Glücks.»

Man möchte nicht zu viel von der Handlung dieses Romans verraten, denn der bezieht seine Spannung nicht nur aus der inneren Entwicklung des wasserscheuen Jungen, der sogar beim Trinken aus Vorsicht einen Strohhalm verwendet, sondern auch aus äusseren Aktionen, Zufällen, wagemutigen Erfindungen: Schatzkisten werden gefunden, Schüsse auf Angehörige abgegeben, Zimmer in Brand gesetzt und Autounfälle gebaut. Mit einem Wort: Rolf Lappert scheut sich nicht vor dramatischen, ja trivialen Elementen des Abenteuer- und Kolportageromans. Dass der Actionfilm Pate steht, könnte man den Kapitelüberschriften entnehmen, sie zitieren durchgehend Filme mit Bruce Willis, von «The First Deadly Sin» (1980) über «Die Hard» (1988) bis «Unbreakable» (2000), und liefern damit zugleich den Zeitraum Handlung.

Suche nach dem Vater

Vielleicht steht Bruce Willis aber einfach für die Sehnsucht des kleinen Wilbur nach dem fehlenden Mann in seinem Leben. Denn sein Grossvater ist ein Eigenbrötler, den eine Schuld, erlangt in jungen Jahren, zu Boden drückt, und sein Vater ist nach dem Tod seiner Frau einfach davongelaufen, ohne sich um sein Kind zu kümmern. Der lange, dramatische Entwicklungsroman erzählt also nicht nur davon, wie der klein gewachsene, schüchterne Bub erwachsen wird, sondern vor allem von seiner Suche nach dem Vater, den er lieben möchte, aber hassen muss.

Von Rolf Lappert, Jahrgang 1958, sind zuletzt zwei Romane erschienen: «Der Himmel der perfekten Poeten» (1994) und «Die Gesänge der Verlierer» (1995). Danach arbeitete er als Drehbuchautor, unter anderem für die Sitcom «Mannezimmer». Seit acht Jahren lebt er in Irland, und dort spielt auch der erste Teil seines neuen Romans «Nach Hause schwimmen». In diesem irischen Teil kommt die Erzählkunst des Autors am besten zur Geltung. Grandios fängt er die Landschaft ein, findet immer neue Bilder für das Licht, den Himmel und die Wolken, und seine irischen Figuren sind prall voll Leben, sogar wenn sie nur kurz mitspielen und mit wenigen Sätzen charakterisiert werden.

Auch die Entwicklung des verstörten Jungen fesselt: Wie das Kleinkind auf die Stimme der Grossmutter lauscht und mit ihr vertraut wird, ist ebenso spannend erzählt wie die Abenteuer des Halbwüchsigen, der in einer Jugendstrafanstalt landet, wo er wieder neu lernen muss, sich zurechtzufinden. Nebenbei liefert Lappert ein wunderbares Kabinettstückchen mit der Schilderung des bourgeoisen (Friedens-)Tauben züchtenden Gefängnisdirektors, dessen liberalpädagogische Erfindungen von den Sträflingen ausnahmslos für ihre eigenen Zwecke «missbraucht» werden.

«Nach Hause schwimmen» besticht auch durch seinen Humor, trotz der traurigen Grundstimmung des Romans, der in einem zweiten, parallel geführten Handlungsstrang den zwanzigjährigen Wilbur in einer Klinik für Suizidgefährdete zu sich kommen und in der Ichform sein 21. Lebensjahr erzählen lässt. Erst im vorletzten Kapitel laufen die beiden Erzählschienen zusammen und münden in ein überraschendes Ende.

Ohne Scheu vor grossen Gesten und Abschweifungen reist der Autor mit Wilbur nach Schweden und nach New York und findet immer noch etwas Skurriles zum Erzählen. Gegen Ende häuft sich allerdings der Lokalkolorit aus Harlem und der Bronx. Und wie die Macht des Schicksals immer wieder mutwillig die Handlung in eine neue Richtung lenkt, ermüdet ein wenig. Aber dann bezaubert Lappert wieder mit der liebevollen Schilderung eines schäbigen «Hotels der alten Männer». Fast wäre Wilbur dort gestrandet, denn er gibt sich tatsächlich damit zufrieden, sein Leben als Nachtportier zu fristen. «Es klingt schwer, sich auszuklinken aus dem tosenden Hauptstrom des Lebens, aber es ist leicht. … Glück ist dein Lieblingssong aus dem Radio eines Autos, das an dir vorbeirast und in einen Abgrund stürzt», philosophiert Wilbur mit dem typisch Lappert'schen Hang zur ironisch-dramatischen Wendung.

Kultiviertes Fernweh

Mit seinem neuen Roman erweist sich Rolf Lappert als hervorragender Handwerker in der Tradition der realistischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Seine wahre Stärke liegt aber weniger in der Charakterzeichnung der ProtagonistInnen als in der kleinen Form. Es sind die vielen kleinen Geschichten, die unser Interesse am Helden immer wieder neu entfachen - sei es die Geschichte von der Freundschaft zweier Halbwüchsiger, die mit Blick aufs Meer ihr Fernweh kultivieren, sei es jene vom finnischen Videothekenbesitzer in Irland, vom Instrumentenbauer in New York oder von den Therapiesitzungen der SuizidpatientInnen. So bangen wir bis zum Ende um Wilburs labilen Lebenswillen. Und gönnen ihm schliesslich sein Glück.

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