Nr. 30/2008 vom 24.07.2008

Maskeraden, Querköpfe und Visionen

Weit über hundert Lebensgeschichten von HasardeurInnen aus der Ostschweiz hat Richard Butz in seinem neuen Buch versammelt. Und nebenbei ein aufschlussreiches Geschlechtsmerkmal entdeckt.

Von Rea Brändle

«Wenig Glück hat der Bauer und naive Künstler Ernst Kummer, der an der Passstrasse über den Ricken aus Metall und Holz riesige Objekte baut: Zeppeline, Lokomotiven, eine Titanic, Windräder und anderes. Im Altersheim Wattwil erfährt Kummer, dass seine Söhne das Freilichtmuseum entsorgt haben. Zurück bleiben Fotos und einige Medienberichte sowie die schöne Devise: Wenn man Phantasie hat, muss man es machen, sonst bleibt das Leben leer.»

So knapp, ruhig und lakonisch rekonstruiert Richard Butz in seinem neuen Buch die merkwürdigsten Lebensläufe. Die Geschichte des Jakob Vetsch aus Nesslau etwa, dem Sekretär des schweizerischen Bierbrauervereins; er hatte Jus und Germanistik studiert und 1923 den utopischen Roman «Die Sonnenstadt» veröffentlicht. Höchstens fünf Stunden wird dort pro Tag gearbeitet, die BewohnerInnen erhalten ihr Essen gratis ins Haus geliefert; im Sommer fahren alle ans Meer, im Winter in die Berge. 25 000 solcher Sonnenstädte, prophezeit der Autor, werde es bis ins Jahr 2010 weltweit geben. Der Roman habe mehrere Auflagen erlebt, berichtet Butz, was aber das finanzielle Fiasko nicht habe verhindern können. «Jakob Vetsch geht konkurs. Er zieht ins Fürstentum Liechtenstein, dann nach Oberägeri, wo er in seinem letzten Lebensjahr noch freisinniger Gemeindepräsident wird. Sofort nach seinem Tod vernichten die Verwandten hinterlassene Schriften und Dokumente.»

Monte Verità über dem Walensee

Weit über hundert Personen hat Richard Butz in seinem Buch versammelt. «Utopisten, Visionäre, Gottsucher, Aussenseiter und Pioniere zwischen Walensee und Bodensee im 20. Jahrhundert», nennt das Buch sie im Untertitel. Als Journalist und Forscher sammelt Butz seit vielen Jahren bemerkenswerte Lebensgeschichten. Seit er, um genau zu sein, 1976 die Ausstellung «Monte Verità» von Harald Szeemann gesehen hatte und sich anregen liess, in eigener Umgebung, der Ostschweiz, nach Parallelen zu suchen: Die Künstlerkolonie um Joshua Klein und Fidus (alias Hugo Höppner) in Amden über dem Walensee wirkt wie eine Filiale des berühmten Originals oberhalb von Ascona. Dort übrigens sind im kleinen Museum heute noch Fotos von den Installationen des Armand Schulthess (1901-1972) zu sehen, einem frühpensionierten Bundesbeamten, der seine Liegenschaft im Onsernonetal in einen Kunstgarten verwandelte, ähnlich wie der Bauer Ernst Kummer auf dem Ricken es tat. Utopische Romane über die Schweiz gab es einige, und so zahlreich wie am Lago Maggiore waren im frühen 20. Jahrhundert die SonnenanbeterInnen in der Unteren Waid bei St. Gallen anzutreffen. Auch der Bodensee zog seltsame Menschen an, und sollte jemand einwenden, dass ähnliche Fälle auch im Jura, am Vierwaldstättersee oder im Engadin nachzuweisen wären, zeigt das nur, worauf Richard Butz es ankommt: Monte Verità ist überall.

Frauen flippen anders

Selbstredend tummelten sich unter den Visionären auch Frauen. Ein knappes Viertel seiner Personensammlung hat Butz ihnen gewidmet, er weiss über sie sehr Konkretes: Wie die Künstlerin Hedwig Scherrer in ihrem selbst erbauten Haus in Montlingen ab 1933 mit eigenen Plakaten und Postkarten gegen Massenvernichtungswaffen und Kriegsgeschäfte protestierte. Oder dass Martha Cunz mit ihrem «Blick auf den Säntis» von 1904 unübersehbar Wassily Kandinsky zum weit berühmteren Bild «Eisenbahn bei Murnau» (1909) inspiriert hat. Was schriftlich kaum irgendwo festgehalten ist, genauso wenig wie die langjährige Liaison der Textilkünstlerin Maria Geroe-Tobler mit dem deutschen Kollegen Hans Purrmann, die dieser in seinen Lebenserinnerungen nur am Rande knapp-neutral erwähnt.

Kaum erstaunlich, dass die meisten dieser weiblichen Biografien erst in jüngster Zeit wiederentdeckt worden sind. Das übrigens ist bei manch ausgeflippten Männern nicht anders. Verblüffend hingegen ist ein Geschlechtsmerkmal, das erst im Buch von Richard Butz so richtig schön ersichtlich wird: Während bei den Männern der Wunsch nach Abgrenzung vom Normalen dominierte, versuchten die Frauen «nur», sich in einem selbstgewählten Beruf durchzusetzen und diesen mit angeblich völlig konträren Rollen zu vereinbaren. Im frühen 20. Jahrhundert waren dies die Schriftstellerin (und unverheiratete Mutter) Regina Ullmann, eine beachtliche Reihe von Künstlerinnen und auffallend viele Tanzschaffende. 1923 bereits choreografierte Margrit Forrer-Birnbaum am Stadttheater St. Gallen ihr erstes Ballett, «Johannislegende», nach der Musik von Richard Strauss. Nach einer zwanzigjährigen Familienpause kehrte sie 1957 ans Theater zurück. In der Zwischenzeit wirkte eine ihrer Schülerinnen, Mara Jovanovits, als Ballettmeisterin und wurde mit ihren Orchesterballettabenden und Kammertanzprogrammen in der ganzen Schweiz zu Gastspielen eingeladen. «Als Erste in der Schweiz schuf Mara Jovanovits Ballette als eigenständige Bühnenkunstwerke», würdigt der Spezialist Rudolf Liechtenhahn ihre Leistungen.

Dass nach 1900 so viele interessante Menschen für einige Zeit in der Ostschweiz wirkten, ist für Richard Butz historisch zu erklären: «Der Stickereiboom machte St. Gallen zu einer weltoffenen Stadt. Es gibt aus jenen Jahren in Deutschland eine Karte, die alle Orte verzeichnet, in denen die Lebensreform praktiziert wird.» Auch dafür, dass heute solche Figuren überall in der Schweiz seltener werden, hat er eine plausible Begründung: «Seit es Mode geworden ist, Tabus zu brechen und sich wie ein Aussenseiter zu benehmen, wird es schwierig, jene zu erkennen, die nicht nur äusserlich ungewöhnlich sind.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch