Nr. 33/2005 vom 18.08.2005

Streik am Rickentunnel

Anfang des letzten Jahrhunderts verlangten die italienischen Arbeiter beim Rickentunnel faire Arbeitsbedingungen. Eine Geschichte aus dem neuen Wanderbuch von WOZ-Redaktorin Bettina Dyttrich.

Von Bettina Dyttrich

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kamen über 12 000 Italienerinnen und Italiener in den Kanton St. Gallen. Zum einen gab es in den boomenden Textilfabriken Arbeit. Meistens für Frauen, oft erst vierzehn- bis sechzehnjährig, die in Mädchenheimen einquartiert wurden, wo Nonnen fleissig überwachten, dass ihr Leben wirklich nur aus Beten und Arbeiten bestand. Daneben war es die Bauwirtschaft, die Italiener ins Land holte. Verschiedene Grossprojekte standen an: der Bau des Kraftwerks Kubel mit dem Gübsensee bei St. Gallen, die Teufenerbahn, die Bodensee-Toggenburg-Bahn von Romanshorn nach Ebnat-Kappel und die Rickenbahn zwischen Wattwil und Uznach. Ungeheuer strenge, gefährliche und schlecht bezahlte Arbeit.

Die Arbeiten am Rickentunnel begannen im November 1903. Die fast ausschliesslich italienischen Arbeiter lebten in Baracken in Wattwil und Kaltbrunn. Die Mineure arbeiteten elf Stunden im Berg und durften auch zum Essen nicht ans Tageslicht. Sie verdienten 4.30 bis 4.50 Franken am Tag. Bei diesen Bedingungen, schrieb das «Tagblatt der Stadt St. Gallen» später, sei ein Streik ja zu erwarten gewesen.

Die Beziehungen zwischen dem Schweizer Gewerkschaftsbund und den italienischen Arbeitern und Arbeiterinnen waren schwierig. Die Italiener konnten sich oft den Gewerkschaftsbeitrag gar nicht leisten, die Organisation war ihnen zu bürokratisch, zu wenig spontan - und vor allem waren viele Schweizer Gewerkschafter gar nicht interessiert an einer Zusammenarbeit, weil sie die Italiener als Konkurrenten betrachteten.

Viele Schweizer Hausbesitzer verlangten von den Italienerinnen und Italienern überrissene Wohnungsmieten. Diese waren gezwungen, in vergammelten Häusern eng aufeinander zu leben. Die Einheimischen erklärten sich die unhygienischen Verhältnisse nicht als Ausdruck der Armut, sondern der Grund sei die «andersartige Mentalität». Nur selten gab es Solidarität zwischen den Nationalitäten - etwa am «Rorschacher Krawall» von 1905, als Italiener und Schweizer gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen streikten und Steine auf einen Streikbrechertreffpunkt warfen.

Am Sonntag, 3. Juli 1904, treten 150 Tunnelarbeiter in Kaltbrunn in den Ausstand. Sie fordern den Achtstundentag bei gleich bleibendem Lohn, drei Tage Kündigungsfrist (!), Lohnauszahlung alle vierzehn Tage und mehr Sicherheit im Tunnel. Am Dienstag ziehen die Streikenden mit Musik und roter Fahne nach Uznach und wieder zurück. Am Mittwoch schliessen sich die Arbeiter ausserhalb des Tunnels und im Steinbruch dem Streik an. Sie wären schon mit einem zehnstündigen Arbeitstag zufrieden. Auf der Kaltbrunner Seite arbeitet gar niemand mehr.

Die Einheimischen zeigen offenbar Sympathie für die Streikenden. Und auch der Korrespondent des liberalen «Tagblatts» meint: «Die Leute sehen positiv erschöpft und überarbeitet aus» (7. Juli). Und zwei Tage später: «Die Forderungen der Arbeiter werden überall für nicht unbescheiden gehalten, und dass sie es nicht zu sehr sind, fühlt man lebhaft, wenn man mit dem Grubenlichte in der Hand im sumpfigen Schachte steht, wo einem von den triefenden Gesteinen das Wasser auf den Nacken spritzt. In solcher Lage bei heisser Arbeit elf Stunden verharren, in der dumpfigen Atmosphäre ein Stück seines Daseins zubringen und drin trinken und essen bei einem Lohne von nur 4.50 bis 5 Franken ist etwas Übermenschliches.»

Die Zeitungen erwähnen immer wieder lobend die «gute Ordnung» unter den Streikenden. Nur ein Auswärtiger, ein Tessiner namens Ferralli aus Schwanden, sei «wegen allzu weit gehenden, aufrührerischen Reden» verhaftet worden. Aber die Rickentunnelunternehmung bleibt hart. Sie ist nicht bereit, auf Forderungen einzugehen, und betrachtet die Streikenden als entlassen. Am 20. Juli beginnen auch die Arbeiter auf der Wattwiler Seite des Tunnels zu streiken. Den Kaltbrunner Streikenden geht es langsam ans Lebendige. Viele hatten schon vor dem Streik Schulden, und diese wachsen jetzt immer mehr an. Gut möglich, dass der eine oder andere aus Not auf einem Bauernhof ein Kaninchen oder ein paar Rüebli stiehlt. Die Bauern der Gegend beschweren sich.

Am Dienstag, 26. Juli, bietet der Regierungsrat Militär auf: Eine Kompanie vom Bataillon 77 wird in Kaltbrunn, eine vom Bataillon 80 in Wattwil stationiert. Die Tunnelleitung erklärt, das Truppenaufgebot diene lediglich dem Schutz allfälliger Arbeitswilliger vor den Übergriffen der Streikenden. Sie sei bereit, ab dem 15. August den Achtstundentag einzuführen. An den Tunneleingängen stehen Militärposten. Am folgenden Tag wird in Kaltbrunn eine amtliche Publikation aufgehängt: «Unter Hinweis auf den heutigen Avis der Rickentunnelunternehmung an die Arbeiter wird hiemit bekannt gegeben, dass das Polizeidepartement in St. Gallen den Arbeitern den Rat erteilt, die Arbeit wieder aufzunehmen unter den bekannt gegebenen Bedingungen, und diesen Rat erteilt auch das Bezirksamt.»

Am Donnerstag, dem 4. August, schreibt das «Tagblatt»: «Der Streik am Rickentunnel ist nun glücklich beendigt; glücklich wenigstens in dem Sinne, dass es keine Tote oder Verwundete gegeben hat. (...) Begrüssen darf man die Säuberung der Arbeiterschaft von gewissen nicht nur zweifelhaften, sondern unzweifelhaft mindern Elementen, die in den letzten Wochen eine schlimme Rolle gespielt und ihren Kameraden die anfänglichen Sympathien der Bevölkerung auf das gründlichste entzogen haben. - Die vierte gemeinsame Bergtour für Ragazer Kurgäste findet morgen und übermorgen auf die Scesaplana statt.»

Das Leben geht also weiter, für die oben und für die unten, die gefährliche Arbeit auch. Im Herbst fordern die Arbeiterunion und die SP St. Gallen ein Verbot von Militäraufgeboten bei Streiks, «weil sie auf einem Missbrauch der Militärgewalt beruhen und in allen Fällen dazu dienen, dem Unternehmertum Vorschub zu leisten und die Arbeiterschaft in ihrem Existenzkampf zu schwächen». Aber Militäreinsätze bleiben gängige Praxis, etwa beim Streik nach dem Einsturz des St. Galler Bruggwaldtunnels 1909 und später beim Generalstreik 1918, als in Grenchen drei Uhrmacher vom Militär erschossen werden.

1910 werden die Bodensee-Toggenburg-Bahn und die Rickenbahn feierlich eröffnet. Gedenkschriften und Heimatbücher schwärmen von den Ingenieurleistungen beim Bau der brückenreichs-ten Strecke der Schweiz. An die Italiener, die hier gekämpft, gekrampft und ihr Leben riskiert haben, erinnert sich fast niemand mehr.

Anders wandern im Toggenburg

Wer wandert, bewegt sich ununterbrochen durch Gegenden, in denen Menschen Spuren hinterlassen haben, durch Landschaften, die unterschiedlich genutzt worden sind, in denen Dramatisches geschehen ist - sei es die Entstehung eines Gebirges vor fünfzehn Millionen Jahren oder das Leben einer allein erziehenden Künstlerin im 19. Jahrhundert. Wer wandert, kann im Kopf die spannendsten Reisen unternehmen. Langweilige Landschaften gibt es nicht. Es hängt von den Wandernden ab, ob sie die Landschaft als Postkarte wahrnehmen oder versuchen, sie zu verstehen.

Die meisten Wanderbücher ziehen die Postkartensicht vor. Sie liefern Infos über die Route, eventuell über Pflanzen, Tiere und auffällige Architektur. Wahrscheinlich das erste wirklich andere Wanderbuch war «Wandert in der Schweiz, solang es sie noch gibt» von Jürg Frischknecht (Limmat Verlag, 1987): ein Führer zu dutzenden von Landschaften in der Schweiz, die von Waffenplätzen, Stauseen oder Strassen bedroht waren. In den neunziger Jahren begann dann der Zürcher Rotpunktverlag, Wanderbücher herauszugeben, die Routen und Regionen umfassend vorstellen, mit Hintergrundtexten über Geschichte, Kultur und Natur der Wandergebiete.

Diesen Monat erscheint im Rotpunktverlag «Kreuz und quer durchs Toggenburg» von der WOZ-Inlandredaktorin Bettina Dyttrich. Das Toggenburg liegt im Kanton St.Gallen und besteht aus dem oberen Thurtal und seinen Seitentälern. Landschaftlich ist es sehr vielfältig: von bewaldeten Hügeln im unteren Teil über ausgedehnte Moore und Alpweiden bis zu den Gipfeln des Alpsteins und der Churfirsten. Auch die Geschichte des Toggenburgs ist spannend. Die Region gehört zu den ersten Zentren der Textilheimindustrie und war im 18. Jahrhundert von der Aufklärung geprägt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen, das Leben des «Armen Mannes im Tockenburg» Ulrich Bräker oder die erste Bauernmalerin der Schweiz, Babeli Giezendanner, sind Themen von «Kreuz und quer durchs Toggenburg». Aber auch die Gegenwart nimmt einen wichtigen Platz ein: Es geht um Biokäse, Fabrikschliessungen und die Wiederansiedlung des Luchses. Der Schriftsteller Peter Weber, die Schriftstellerin Rea Brändle und der Musiker und Komponist Peter Roth diskutieren über Kultur(-politik). Die Behinderten- Theaterband Die Regierung macht Musik dazu.

Vernissage am Samstag, 27. August. Wanderung an der Thur. 15 Uhr Treffpunkt Bahnhof Nesslau. Apero, Lesung und Musik (Die Regierung). 18.45 Uhr Treffpunkt Bahnhof Ebnat-Kappel. www.rotpunktverlag.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch