Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

Die Käfigmenschen von Hongkong

In einer der reichsten Städte der Welt leben die Ärmsten in winzigen Verschlägen. Aus eigentlich unattraktiven Altbauten können skrupellose VermieterInnen so noch massiven Profit herausschlagen.

Von Sven Hansen, Hongkong

Der neunjährige Simon spielt lustlos auf seinem Bett mit einem Plastikflugzeug. Gelegentlich schaut er auf einen kleinen Fernseher, in dem ein Comicfilm läuft. Das fensterlose Zimmer hat die Grösse einer Besenkammer: Es ist 3,5 Quadratmeter klein, und es ist nicht nur Simons Kinderzimmer, sondern die gesamte Wohnung. Hier lebt er mit seiner Mutter in einem Bretterverschlag im achten Stock eines Hauses aus den sechziger Jahren. Es liegt im Hongkonger Stadtteil Sham Shui Po auf der Halbinsel Kowloon.

Es ist bereits acht Uhr abends, doch Simons Mutter ist noch nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. Sie pflegt alte Menschen. So hat Simon das untere Bett, das den beiden auch als Schreibtisch sowie als Wohn- und Esszimmer dient, immerhin für sich allein. Das obere Bett ist mit Plastiktüten und Taschen voller Kleidung vollgestellt. Wenn Simon bald zu Bett geht, werden sie auf den Boden gestellt. Jetzt steht dort noch ein Reiskocher.

Die Tür zum Verschlag von Simon und seiner Mutter steht offen, damit Luft aus dem dunklen Gang hereindringen kann. Der ist so schmal, dass sich nur jeweils eine Person darin bewegen kann. In einigen geöffneten Nachbarverschlägen liegen halbnackte ältere Männer auf Pritschen vor ihren Fernsehern oder dösen vor sich hin. Andere Verschläge sind verschlossen. Am Ende des Gangs zwischen den Bretterbuden steht die einzige Toilette.

Der Bretterverschlag von Simon und seiner Mutter ist mit neunzehn weiteren in einem etwa dreissig Quadratmeter grossen Raum untergebracht. Jeweils zwei Verschläge stehen übereinander. Die Miete für die oberen Bretterkäfige, die nur über eine Leiter zu erreichen sind, liegt etwas tiefer.

Das einzige Kind

In Hongkong waren Fahrstühle früher erst für Häuser ab neun Stockwerken vorgeschrieben. Deshalb wurden in den sechziger und siebziger Jahren viele Häuser mit nur acht Stockwerken gebaut – ohne Aufzüge. Heute sind diese Altbauten unattraktiv. Skrupellose VermieterInnen unterteilen sie und vermieten sie an die Ärmsten der Armen: Arbeitslose, Tagelöhnerinnen, ungebildete Migranten und Neuankömmlinge aus der Volksrepublik China sowie Kranke und verarmte RentnerInnen.

Auch Simons Mutter Loa Tak-sheung kommt aus China. Früher war sie mit einem Mann aus der heutigen autonomen Sonderverwaltungszone und früheren britischen Kronkolonie Hongkong verheiratet. Doch vor einem Jahr entdeckte Loa, dass er noch eine andere Frau hatte. Sie trennte sich von ihm. Seitdem wohnt sie mit Simon im Bretterverschlag, wie sie erzählt, als sie von ihrem langen Arbeitstag nach Hause kommt. Simon begrüsst sie freudig, auch wenn es im Verschlag nun noch enger ist. Beide machen es sich in dem schmalen Bett vor dem Fernseher so gemütlich wie möglich. «Ich habe hier schon viele Flohstiche abbekommen; im Sommer ist es heiss und stickig», sagt die Vierzigjährige. «Ich möchte hier nicht leben. Aber ich habe keine andere Wahl.»

Loa stammt aus einer Bauernfamilie. Da sie keine Berufsausbildung habe, sei das Leben als Alleinerziehende in Hongkong sehr schwer für sie, sagt sie. «Ich ging in die südchinesische Sonderwirtschaftszone Shenzhen, um in der Industrie zu arbeiten. Dort traf ich meinen Mann, der mich nach Hongkong mitnahm.» Heute arbeitet sie täglich zwölf Stunden an sechs Tagen die Woche. Dafür verdient sie umgerechnet etwa 820 Franken im Monat (6000 Hongkong Dollar). Sie ist im Raum mit den zwanzig Verschlägen auch für die Müllentsorgung und die Reinigung zuständig. Das erspart ihr ein Viertel der Grundmiete von umgerechnet 136 Franken. «Ich hoffe auf eine Sozialwohnung von der Stadt», sagt Loa. «Doch darauf müssen wir mindestens vier Jahre warten.» Ansonsten möchte sie möglichst auf staatliche Hilfe verzichten, die in Hongkong stigmatisiert ist, damit sich der Junge nicht daran gewöhne.

Simon möchte so schnell wie möglich raus aus dem Verschlag. «Ich mag es hier nicht. Es ist dreckig, und ich habe keinen Platz zum Spielen. Ich will Käfigwohnungen abschaffen und in einem Monat woanders wohnen», sagt der Junge. Er ist in den zwanzig Haushalten das einzige Kind. Doch gebe es in seiner Klasse noch einen Jungen, der so lebe wie er, sagt Simon.

Alte und sieche Männer

Der Neunjährige weiss wohl kaum, dass es im reichen Hongkong Wohnungen gibt, die noch kleiner sind als der Verschlag, den er sich mit seiner Mutter teilt. Diese allerkleinsten Wohnungen werden Käfige genannt – und so sehen sie auch aus. Es sind stapelbare Gitterboxen mit einer Grundfläche von eineinhalb Quadratmetern und einer Höhe von einem Meter. Das ist genau der Platz, den eine Person zum Liegen und Aufrechtsitzen braucht.

Der achtzigjährige Tai Lun Po lebt seit dreissig Jahren in so einem Gitterkäfig, ein paar Strassen von Simon und seiner Mutter entfernt. Tais Käfig steht in einem Raum mit elf anderen, meist zwei übereinander. Ab zwölf Käfigen müssen diese Käfigheime von den Behörden registriert werden und bestimmte Sicherheits- und Hygienevorschriften erfüllen; Tais Vermieter wollte das offenbar vermeiden. Auch weil die Käfige durchsichtig sind, wirkt der Raum luftiger als die dunklen Verschläge bei Simon und seiner Mutter. Statt einem engen Gang ist hier viel Platz vor den Käfigen vorhanden. Der alte Tai muss auch nur Treppen in den dritten und nicht in den achten Stock des Hauses steigen. An der Decke des Raumes ist ein Fernseher angebracht, den niemand wahrzunehmen scheint. In den Käfigen liegen ausschliesslich alte und sieche Männer, die dünn bekleidet ins Leere starren. Bei einigen Käfigen sind die Gittertore mit Vorhängeschlössern verriegelt, die BewohnerInnen sind gerade nicht da. An anderen hängen Bügel mit Kleidung zum Trocknen.

Der alte Tai ist schwerhörig. Nur mühsam kann er mit der Sozialarbeiterin kommunizieren, die sein Kantonesisch übersetzt. Er sei während der Kulturrevolution vor vierzig Jahren aus der Volksrepublik geflohen, erzählt er. Seine Angehörigen dort seien inzwischen alle gestorben. Bis vor zehn Jahren habe er in Hongkong als Kuli gearbeitet, als Tagelöhner und Lastenträger. Inzwischen sei er jedoch zu alt. Der mittellose Rentner überlebt dank Sozialhilfe. Die Stadt zahlt ihm den Höchstsatz von umgerechnet 170 Franken Wohngeld, was nicht einmal ganz für die Miete reicht. Zudem erhält er noch eine Sozialhilfe von umgerechnet 270 Franken.

Wütender Vermieter

Die Sozialarbeiterin Lai Shan Sze, die für die nichtstaatliche Organisation Society for Community Organizing (Soco) arbeitet und Tai im Umgang mit den Behörden hilft, sagt, sie möchte ihn gern in einer städtischen Gemeinschaftswohnung unterbringen. Doch dafür betrage die Wartezeit mehr als ein Jahr. «Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Bedarf an preiswertem Wohnraum in Hongkong erhöht», sagt sie. «Der Druck auf die Ärmsten ist gestiegen. Die Mieten für die Käfige sind heute um fünf bis zehn Prozent höher als vor einem Jahr.» Die Preise auf dem normalen Wohnungsmarkt sind in der Krise hingegen gefallen. Heute entspricht die Miete in den Wohnkäfigen pro Quadratmeter denen von Appartements in guten Wohnlagen.

Die Organisation Soco schätzt die Zahl der Käfigmenschen in Hongkong auf mehr als 10 000. Insgesamt leben rund 100 000 in menschenunwürdigen Unterkünften. Da Soco ihnen nicht nur hilft, sondern sie auch zu politischen Protesten animiert und für sie Lobbying betreibt, begegnen die in Hongkong dominierenden konservativen Kreise der Organisation mit starken Vorbehalten. Von den grossen Wohltätigkeitsorganisationen, deren Galas Hongkongs Reiche mit Blick auf das eigene Image gern besuchen, erhält Soco nur wenige Mittel.

Beim Besuch einer dritten Unterkunft für Käfigmenschen in Sham Shui Po kommt es zum Eklat. Kurz nach Betreten des Raums, in dem 32 Verschläge untergebracht sind, taucht unerwartet der Vermieter auf und stürmt schimpfend auf Sozialarbeiterin Lai los. «Verschwinden Sie hier! Sie verderben mein Geschäft», brüllt er und wirft sie hinaus. Lai ist irritiert. «Ich wusste nicht, dass er so spät abends noch hier ist», sagt sie. «Aber ich komme wieder, wenn er nicht da ist.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Käfigmenschen von Hongkong aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr