Nr. 32/2008 vom 07.08.2008

Allein gegen fünf Millionen

Ein ehemaliger Experte des Bundes wehrt sich dagegen, dass der Bundesrat die Partikelfilterpflicht auf Grossbaustellen wieder abschaffen will. Nebenbei erwischt er säumige Bauunternehmen in flagranti.

von Sina Bühler

Er dachte, er würde sich nie mehr darum kümmern, als er vor fünf Jahren aufhörte. Aber dass so viel Blödsinn erzählt wurde über das Thema, mit dem er sich über zwanzig Jahre beschäftigt hatte, das hat er dann doch nicht ertragen. Und deshalb hat sich Max Wyser wieder dafür interessiert, sich eingelesen, seine Kenntnisse auf den neusten Stand gebracht. Und er versucht nun, all das, was er weiss, auch einfach zu erklären, für LaiInnen. Das Thema ist nämlich so kompliziert wie aktuell: Partikelfilter. Und immer noch umstrittener als man meinen könnte. Dabei hatte es so gut angefangen: Im Jahr 2000, noch bevor der Neat-Bau begann, wurde auf Verlangen der Suva beschlossen, dass künftig alle unter Tag verwendeten Baumaschinen Partikelfilter haben müssen - die BauarbeiterInnen wären im Tunnelbau sonst höchsten Konzentrationen von krebserregendem Dieselruss ausgesetzt. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat die Filterpflicht zwei Jahre später auch auf allen Grossbaustellen über Tag eingeführt: Dort eingesetzte Dieselfahrzeuge mit mehr als achtzehn Kilowatt Leistung müssen einen Filter einbauen, der verhindert, dass Russpartikel in die Luft gelangen. Der 52-jährige Max Wyser hatte viel mit dieser Einführung zu tun. «Krebserregende Luft» ist seit Jahren sein Thema.

Sauberer Autobauer

Als der Gymnasiast Max Wyser kurz vor der Matura 1975 den Bericht des Club of Rome las, die «Grenzen des Wachstums», sei ihm klar geworden, dass er in diesem Bereich arbeiten wollte, um zu verhindern, dass die Luftverschmutzung unkontrolliert zunehme und die Menschen bald einmal nicht mehr atmen könnten. Er sah sich alle möglichen Ausbildungswege an, sortierte eine gleich aus: «An die ETH konnte ich nicht - als Lateiner und Grieche hatte ich es nicht so mit der Mathematik», sagt er. Also entschied er sich für das Autotechnikum, die Automobilabteilung der Ingenieurschule Biel. Fast schon ironisch sei das: er, der Autos nicht unbedingt geschätzt habe, als Autospezialist. Zuerst allerdings machte er eine Automechanikerlehre, reparierte danach auch Lastwagen - und begann später, in Biel Verbrennungsmotoren zu studieren.

Noch während der Ingenieurschule erkrankte Max Wyser schwer. Ihm wurde Lymphdrüsenkrebs im Endstadium diagnostiziert. Metastasen hatten sich gebildet, die ÄrztInnen hatten ihn schon aufgegeben. Ob die Krebserkrankung etwas mit seiner Arbeit zu tun hatte, weiss er nicht. «Möglich ist es, wir waren ja oft krebserregenden Benzoldämpfen, Dieselruss und Asbeststaub ausgesetzt», sagt er. Max Wyser erholte sich dennoch und kämpfte nun auch beruflich gegen krebserregende Stoffe in der Luft. Beim Lufthygienevollzug des Kantons Zürich setzte er sich für die Verminderung von Benzol- und Schwermetallemissionen ein, später beim Bafu arbeitete er an der Sanierung von Tankstellen und Tanklagern und an der Einführung von benzolfreiem Benzin. Dann kam er beim Bafu wieder zu den Partikelfiltern. Schon am Technikum hatte er seine Diplomarbeit dazu verfasst. Gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlerinnen und Experten rund um den «Partikelfilterpapst», den Ingenieur Andreas Mayer, entwickelte er die Technik immer weiter. Die Schweizer Erkenntnisse gelten heute als Standard auf der ganzen Welt. Unter anderem wurde das sogenannte Vert-Prüfverfahren, das die verschiedenen Partikelfilter auf ihre Effizienz testet, von diesen Schweizer ForscherInnen entwickelt.

Doch dann holte Max Wyser die Krankheit doch wieder ein. Seit einem Aortariss, wahrscheinlich eine Folge der Chemotherapie, ist Max Wyser behindert. Zuerst konnte er sein Arbeitspensum einfach verringern, aber 2005 musste er beim Bafu ganz aufhören. Ungefähr zur selben Zeit verliessen auch seine Chefs, mit denen er die Massnahmen zum Schutz vor krebserzeugenden Stoffen eingeführt hatte, das Amt. Ein Zufall zwar, aber: «All diese Erfahrung und das Wissen zu diesem Spezialthema waren auf einen Schlag weg», sagt Wyser. Die neue junge Crew im Bafu fand es aber auch nicht nötig, das Schweizer ExpertInnenteam weiterhin zuzuziehen.

Der Filterschock

Max Wyser bedauerte das zwar. Aber bisher dachte er, es sei nicht korrekt, sich wieder einzumischen. Und er tut das auch jetzt ungern. Noch bevor er beim Bafu aufhörte, bildete er sich psychologisch und meditativ weiter. Heute begleitet er KrebspatientInnen. «Das zu tun, war schon länger mein Wunsch», sagt er. Und eigentlich war Wyser auch ganz glücklich darüber, sich nicht mehr permanent informieren zu müssen über den Stand der Technik, die sich derart schnell weiterentwickelt.

Doch Ende letzten Jahres erschrak Wyser: Das Bafu hatte einen Vorschlag für eine Änderung der Luftreinhalteverordnung in die öffentliche Vernehmlassung gegeben, die das Partikelfilterobligatorium bei Baumaschinen wieder rückgängig machen sollte - angeregt durch die Baulobby (Motion This Jenny 2005): Dies würde bedeuten, dass die 15 000 seit 2002 in Baumaschinen eingebauten Partikelfilter überflüssig würden. In den nächsten Jahren sollen erst einmal nur für neue Baumaschinen Filter verlangt werden - und nach mehreren Jahren dann auch wieder für ältere Maschinen. «Die Baumeister mögen den Bauarbeitern und den Passanten von Grossbaustellen nicht einmal den bereits eingebauten Schutz vor krebserregendem Dieselruss gönnen», sagt Wyser. Doch genau damit müsse gerechnet werden - wenn der Bundesrat nach den Sommerferien den Bafu-Vorschlag annimmt: «Wenn die Filter nicht vorgeschrieben sind, wollen sich die Bauunternehmen einen freiwilligen Einsatz nicht leisten.»

Die kleinen sind gefährlicher

Dann stand in der Sommersession eine Motion der Urek, der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie zum Partikelfilter zur Diskussion. Und da behauptete SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter: «Die Motorenhersteller lösen das Problem mit einer Direktverbrennung im Motor, sodass die Partikel gar nicht mehr austreten können.» Das Schreien nach Partikelfiltern sei also total überflüssig. Und sie verunglimpfte den Partikelfilterexperten Andreas Mayer.

Mit einem hat Hutter recht: Motoren werden heute darauf getrimmt, weniger Russmasse auszustossen. Nur ist die Gefahr, die von den immer noch ausgestossenen Partikeln ausgeht, keineswegs gesunken. Wie ist das möglich? «Die Messmethode hat sich geändert», erklärt Max Wyser und nennt das «einen enorm wichtigen Paradigmenwechsel». Früher wurde der ausgestossene Russ gewogen - heute werden die Russpartikel gezählt. Die gefährlichsten Partikel im Feinstaubsmog aber sind nicht die grossen und schweren - für die hat die Lunge einen eigenen Reinigungsmechanismus. Sie bleiben an den Lungenhärchen hängen und werden ausgeschieden. Die hundertmal kleineren Nanopartikel im Dieselabgas jedoch kommen an den Härchen vorbei und gelangen in die Lungenbläschen, von wo aus sie mit dem Blut über den ganzen Körper verteilt werden können. «Die Partikelanzahl aber ist bei alten und neusten Dieselmotoren immer etwa gleich.» Wyser nennt den Grund: «Wegen des Verbrennungsprinzips sind im Abgas ungefähr fünf Millionen Russpartikel zu finden: Bei Sauerstoffmangel werden Tröpfchen verbrannt - und so bilden sich Russkerne. Bei neuen Motoren sind die noch kleiner und damit noch gefährlicher.» Nur ein Filter erlaube es, die riesige Partikelzahl um den Faktor tausend, also um 99,9 Prozent zu reduzieren - die Wissenschaft kenne keine vergleichbar wirksame Methode. Dies heisse aber auch, dass die Argumentation von Jasmin Hutter grundsätzlich falsch sei, sagt Wyser. Und natürlich verteidige sie dabei die eigenen Interessen. Denn, wird die Luftreinhalteverordnung verändert, würden gerade die Minibagger, die Jasmin Hutter in der Firma ihres Vaters verkauft, ganz von der Filterpflicht befreit. Sie sind laut Suva die grössten Dreckschleudern. Hutter ist in diesem Kampf nicht allein, hinter der SVP-Nationalrätin steht ein Teil der BaumeisterInnenlobby, die das Obligatorium wieder loswerden will.

Gesundheit auf dem Spiel

Wenn der Bundesrat an seiner Sitzung Mitte August nun entscheidet, die Luftreinhalteverordnung zu ändern, werden die 15 000 bereits eingebauten Partikelfilter auf Grossbaustellen wieder - zumindest für ein paar Jahre - ausgebaut werden können.

Und auf einzelnen Baustellen sehen die UnternehmerInnen bereits heute Sparpotenzial. Vor Max Wysers Wohnung in Köniz beispielsweise. Für das Altersheim, das dort gebaut wird, setzte die Bauunternehmung einen filterlosen Bagger ein, verstiess also gegen das Gesetz. Ausgerechnet vor dem Fenster eines Experten. Max Wyser reklamierte, der Bagger wurde ersetzt. Wyser zuckt mit den Schultern: «Die Bauunternehmen greifen der bundesrätlichen Entscheidung halt schon vor», glaubt er. Und was ihn erschüttert, ist nicht unbedingt der politische Widerstand gegen die technische Verbesserung der Luftqualität. Viel bedenklicher findet er, dass nur wegen einer höheren Rendite die Gesundheit der Menschen aufs Spiel gesetzt wird. Diejenige der Passanten und der Anwohnerinnen, aber vor allem jene der Leute, die auf dem Bau arbeiten und dem Russ ständig ausgesetzt sind. Weil der Feinstaub nicht verwirbelt werden kann wie an einer Strasse beispielsweise. Dass man dadurch schätzungsweise 700 zusätzliche Tote allein bis 2020 in Kauf nehme, das kann Wyser einfach nicht verstehen.

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