Nr. 33/2008 vom 14.08.2008

«Seit wann sind Sie Jüdin?»

Das Buch «Meine Schwester Sara» der Schriftstellerin Ruth Weiss gehört zum Pflichtstoff der Realklassen Baden-Württembergs. Darum besucht die Autorin regelmässig deutsche Schulklassen und spricht mit ihnen über die Themen des Buches - Holocaust und Apartheid - und erlebt so allerhand.

Von Ruth Weiss

«Manchmal habe ich Albträume über die schlimmen Dinge, die hier in Deutschland passiert sind. Was kann ich da machen?» Das fragte ein neunjähriges Kind in einer Grundschulklasse in Hamm in Rheinland-Westfalen; die Kinder sassen in ihrem Klassenzimmer und warteten gespannt auf meine Antwort.

Was kann ich da antworten? Erstens, dass das mit ihnen, den Kindern, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat - es geschah zu Grossmutters, Urgrossvaters Zeiten. Zweitens, dass sie jetzt in einer Demokratie leben - sie können also mitmischen und sich bemerkbar machen, wenn ihnen etwas nicht passt. Und das wiederum bedeutet, dass sie jetzt schon, in ihrem Alter, lernen sollten, achtzugeben darauf, was in ihrem Umfeld geschieht. Dass sie nicht erlauben, dass jemand ausgegrenzt oder gemobbt wird, nur weil er oder sie «anders» ist. Dass sie das fürs ganze Leben lernen und danach handeln sollen. Ganz schön schwer, was?

Ja. Toleranz praktizieren ist schwer. Auch für diese Generation, die so locker sein will, so ganz anders als jene zur Nazizeit mit ihrer Uniformität, ihrer Gleichschaltung, dem strammen Gehorsam. Man weiss, wie schnell die Lockerheit kippen kann: Man denke nur an das Experiment des Lehrers an einer US-amerikanischen Highschool im Jahr 1967 mit der erfundenen «Welle»-Bewegung - es wurde durch den gleichnamigen Film berühmt. Zu seinem Horror musste der Lehrer feststellen, dass die Mehrheit der Jugendlichen sehr rasch bereit ist, totalitäres Gebaren gutzuheissen und zu übernehmen.

Jüdinnen kennenlernen

Mein Besuch in Hamm wie auch einer im gleichen Monat im nahen Olfen sind für mich schon fast Routine. Seit fünf Jahren wohne ich in Westfalen und werde häufig in Schulen eingeladen, meist zu älteren SchülerInnen in den zehnten Klassen. Gelegentlich sagen LehrerInnen: «Es ist das erste Mal, dass meine Schüler eine Jüdin kennengelernt haben.» Ist das verwunderlich? Die halbe Million, die es mal gab, wurde ermordet oder wie ich vertrieben. Die Vertriebenen wurden - wie ich in meinem neuen Buch schrieb - nie wieder eingeladen, zurückzukehren. Dafür leben in Deutschland jetzt JüdInnen aus der ehemaligen Sowjetunion - Menschen, die bislang kaum die Chance hatten, so «dazuzugehören» wie wir dies einmal taten. Oder genauer: Wir fühlten uns als Deutsche, doch die Deutschen fühlten das offensichtlich nicht so.

Ob Hitler den Krieg begonnen habe, um die Welt zu beherrschen, fragte ein Kind in Hamm. Diese Kinder fürchten den Krieg. Man kann vieles ansprechen: Rassenwahn, Selbstüberschätzung, Propagandalügen - wie beispielsweise jene, die Juden hätten den Krieg angezettelt - oder Grausamkeit. Den Kindern erklären, jede Art von Gewalttätigkeit sei unakzeptabel. Jene Lügen entlarven, die sich immer noch halten. Einmal war ich mit einer Klasse in Dortmund, um den «Zug der Erinnerung» zu sehen, eine Ausstellung über die eineinhalb Millionen von Nazis ermordeten Jugendlichen und Kinder. Ein Mädchen sagte mir: «Meine Mutter sagt, Hitler hasste die Juden, weil seine Oma Jüdin war.» Tja, und nun sage ich, dass das nicht stimmt. Die Aussage einer Autorität steht damit einer anderen gegenüber - welche wird das Mädchen akzeptieren?

Meine jungen ZuhörerInnen verstehen etliches. Jene in Hamm hatten fast alle den Film «Der Untergang» über die letzten Tage in Hitlers Bunker gesehen, da er kurz vor meinem Besuch im Fernsehen gelaufen war. Eigentlich ein Unding, Kinder in diesem Alter so etwas sehen zu lassen, aber das ist heute nun mal so. Sie hatten dazu keine Erklärungen erhalten. Keines der Kinder konnte meine Frage beantworten, ob sie wüssten, wie der Krieg begonnen habe. Auch der Blitzkrieg mit den für Hitlers Feinde erschreckenden Siegen, mit Jubel und Fahnenschwenken, war ihnen kein Begriff.

Dass es Siege gegeben hatte, wusste dafür eine Achtzehnjährige. Ihr Lehrer erzählte mir, sie hätte im Deutschunterricht erklärt, dass die Deutschen am 8. Mai 1945 kapituliert hätten und Hitler am gleichen Tag einen Heldentod gestorben sei. Es war ihr neu, dass Hitler schon am 30. April im Bunker Selbstmord begangen hatte - und Selbstmord passte nicht in ihr Heldenbild des Führers: Der konnte nur an der Spitze seiner Männer sterben, nicht elend in einem Keller. Keine politisch interessierte Schülerin, meinte der Lehrer.

«Hassen Sie Deutsche?»

Und was fragen die älteren SchülerInnen? In einer Gruppe von über hundert Jugendlichen fragte eine: «Warum schreiben Sie über Juden?» Ich: «Weil ich Jüdin bin.» Sofort hakte sie nach: «Wann sind Sie zum Judentum übergetreten?» Die Fragestellerin war Muslimin. Sie weiss, dass es Deutsche gibt, die zum Islam übertreten. Aber sie kann sich kein Deutschland mit JüdInnen vorstellen; jenes Deutschland, in dem ich geboren wurde, in dem wir «normal» in einer jüdischen Gemeinde leben konnten, am Schabbat zur Synagoge gingen, an jüdischen Feiertagen problemlos der Schule fernblieben. Bis - wie es in einem Gedicht von Mascha Kaleko heisst - die anderen einem nicht mehr trauten.

Die erwähnten hundert Jugendlichen traf ich letztes Frühjahr in einer Baden-Württemberger Realschule. Das Land hatte 2007 mein Buch «Meine Schwester Sara» als Pflichtlektüre für die Deutsch-Schlussexamen aller Realschulen ausgesucht. Das Buch erzählt die Geschichte von Sara, beruhend auf der wahren Geschichte eines Freundes - ich habe aus ihm ein Mädchen gemacht. Er - oder im Buch es - wurde 1948 nach dem Wahlsieg der südafrikanischen Nationalen Partei (welche die Apartheid einführte) von einer Familie der burischen Elite adoptiert - wie insgesamt 83 deutsche Kriegswaisen. Als sich später herausstellte, dass Sara Jüdin ist, wurde sie von ihrem Vater abgelehnt, da dieser die Ideologie der Rassenreinheit verinnerlicht hatte. Das eben hatten Apartheid und Nazis gemein. Sara bekämpft als Jugendliche die Apartheid.

Ich wohnte Anfang Jahr in Baden-Württemberg und traf Jugendliche in etwa hundert Schulen. So las und redete ich in Klassenzimmern, in Aulen, in Bibliotheken. Gefragt wurde überall, nach allem Möglichen. Viel zu meiner Person: Ob ich Kinder habe, warum ich wieder in Deutschland lebe? Mein Sohn lebt in Dänemark, und ich wollte in seiner Nähe sein. Oft wurde ich gefragt, wie ich mich damals unter den Nazis fühlte? Wie es sei, wieder in Deutschland zu sein? Ob ich Deutsche hasste, ob ich Rachegefühle hätte? Ob ich Verwandte in der Schoah verloren hätte? Einmal wurde ich gefragt, ob ich mein Lieblingsspielzeug nach Afrika habe mitnehmen können? Nein, antwortete ich, nicht mal das Buch, das ich noch nicht fertig gelesen hatte. Worauf ein Junge anbot, er würde mir gerne das Buch besorgen, damit ich es zu Ende lesen könne ...

Internationales Judentum

Öfter sagten Jugendliche, sie hätten innerhalb der Familie nie etwas von der damaligen Zeit gehört, auch nicht von Gross- oder Urgrosseltern, die damals gelebt haben. Manchmal meldeten sich Kinder mit Geschichten: Opa sei im Widerstand gewesen oder Oma habe JüdInnen geholfen, sie versteckt, ihnen Essen zugesteckt. In einer Berufsschule in Norden, wo ich sechzig in der Altenfürsorge tätige Jugendliche traf, erzählten mehrere, ihre KlientInnen würden davon reden, dass sie sich schuldig gemacht hätten, und andere gäben zu, dass sie wohl wussten, was mit den deportierten JüdInnen geschah - etwas, das ja immer wieder abgestritten wurde.

Manchmal erwähnten LehrerInnen ihre eigene Familiengeschichte, von Vätern, die in der SS oder NSDAP waren, oder von Müttern, die heute noch die Naziideen gut finden. Ein Lehrer hingegen beschwerte sich über meine Beschreibung der frühen Nachkriegszeit: Ich sagte, damals hätte niemand zugegeben, ein Nazi gewesen zu sein. Er - Jahrgang 1950 - wisse alles über diese Zeit, hielt er dagegen: Kein Land sei so rasch so gut mit der Vergangenheit umgegangen. Ein anderer fragte, ob ich nicht die Vorurteile der Nazis über die Existenz eines «internationalen Judentums» bestätige, wenn ich schildere, wie ein jüdischer Arzt Sara zu Hilfe gekommen ist. Er stellte die gesamte Geschichte infrage und konnte nicht glauben, dass ein Vater eine Adoptivtochter ablehne, nur weil sie Jüdin war. Doch genauso war es bei meinem Freund, dem Vorbild für die Figur Sara.

Ab etwa 1950 besuchte ich Deutschland oft. Die Eltern meines Ehemanns Hans Weiss hatten überlebt, und er selbst schrieb ab diesem Zeitpunkt - wie später auch ich - für deutsche Medien. Damals fand ich in Deutschland keine Spur von «gewusst haben» davon, was kurz zuvor geschehen war. Einmal fragte mich ein Taxifahrer, ob ich Jüdin sei? Später kam er ins Hotel und erzählte von seiner KZ-Inhaftierung als «Sozi». Keiner wolle etwas davon wissen, sagte er. In der Tat: Es waren die Jahrzehnte des Schweigens - auch unter JüdInnen, die teils ungläubig, teils mit Scham auf Leidensgeschichten reagierten. Sie waren wie gelähmt. Sie suchten auf den von den Alliierten erstellten Vermisstenlisten nach ihren Angehörigen und konnten kaum fassen, was ihnen geschehen war und welchem Schicksal sie, wir entgangen waren. Und «die anderen»? Ein Nachbar meiner Schwiegereltern erklärte, er sei immer «dagegen» gewesen. Ein anderer behauptete, er habe ein jüdisches Kind gerettet. Einzelheiten fehlten. Genaues über das Schicksal der Deportierten war allen unbekannt: «Die waren dann eines Tages weg.» Bekannte, die nach dem Krieg in Deutschland zur Schule gingen, erzählen, die aus dem Krieg zurückgekehrten Lehrer hätten nie genug Zeit gehabt, um über die zwölf braunen Jahre zu reden - der Geschichtsunterricht hätte jeweils mit dem Jahr 1914 geendet.

Mit der Zeit wurde etliches anders. Heute, 75 Jahre danach, ist Erinnern «in». So akzeptiert man seit fünf Jahren in vielen deutschen Städten «Stolpersteine»: kleine persönliche Gedenksteine im Strassenpflaster für Verschleppte und Ermordete. Wo ich wohne, wurden im Juni die ersten von 27 Steinen gesetzt - im Beisein von Überlebenden und Nachfahren aus verschiedenen Ländern. Das gab Wirbel: Die Lokalzeitung veröffentlichte Artikel über die Lebensgeschichten; die Kirchen beider Konfessionen luden die Gäste ein, auf dem Marktplatz zu sprechen; die Stadt war Gastgeberin eines Frühstücks. Derartiges wäre früher kaum durchsetzbar gewesen. Wie wohl auch Einladungen an Menschen wie mich, Schulen zu besuchen - Zeitzeugen jener Zeit werden rar. Aber Stimmen wie «Es ist Zeit, einen Strich darunterzusetzen!» ertönen weiterhin.

Woher hatte Sara den Mut?

Die Fragen der SchülerInnen über die Figur der Sara betrafen nicht nur die Beziehungen der verschiedenen Personen zueinander, sondern auch: Wie konnte eine Fünfzehnjährige sich politisch engagieren? Woher hatte Sara den Mut? Warum war ihr das persönliche Glück nicht wichtiger als der Widerstand gegen die Apartheid? LehrerInnen griffen das Thema auf. Ein Lehrer sagte, es gäbe heute kein klares «Gutes» und «Böses» mehr und auch keine «Sache», für oder gegen die sich Jugendliche entflammen könnten - wie zum Beispiel Apartheid. Ein anderer meinte, es gäbe zu viele Probleme, Jugendliche würden davon abgeschreckt. Die meisten wandten ein, heute interessierten sich Jugendliche nur für ihre Klamotten und Liebesgeschichten; was in der Politik geschehe, sei ihnen gleichgültig. Und doch: In einer Schule arbeitete eine Klasse während einer Projektwoche über Südafrika. In einer anderen Klasse, von der ein Lehrer behauptete, Politik interessiere sie nicht, wurde mehr als eine Stunde lang über Kolonialgeschichte diskutiert. Die enormen Probleme der Drittweltländer standen dabei im Mittelpunkt.

Die Bibliothekarin greift ein

Ich lernte Hunderte von LehrerInnen und auch BibliothekarInnen kennen. Viele trauen ihren SchülerInnen zu wenig zu. Ein Lehrer erklärte, er würde mein Buch mit der Klasse erst kurz vor den Examen lesen, sonst würden sie alles vergessen. Einigen von ihnen war das Wichtigste, die Klasse durchs Examen zu bringen; sie beschwerten sich darüber, dass sie zusätzliches Material über Apartheid beschaffen mussten. Andere schienen kaum mit ihren SchülerInnen zu kommunizieren: In einer Reutlinger Bibliothek waren die SchülerInnen von Beginn an unruhig. Die Bibliothekarin wunderte sich, dass die Lehrerin nicht eingriff, also tat sie es - mit Erfolg. Dieser Typ LehrerIn stellte selten Fragen - oder dann nur, ob ich die Examensfrage erraten könnte? Dagegen gab es andere, die recht gut mit ihren SchülerInnen standen und ihre Stärken und Schwächen kannten, sie zu Fragen ermutigten und mit Hintergrundmaterial versorgten. Jedenfalls lernte ich etwas: Die Jugend ist meist besser als ihr Ruf.

Die Atmosphäre war meist schon bei der Ankunft in einer Schule spürbar. Nach einigen Lesungen hatten mein Begleiter und ich rasch eine Ahnung davon, wie die Lesung verlaufen würde. Wurden wir am Schuleingang empfangen, war dies ein Zeichen für das Interesse der LehrerInnen und SchülerInnen. Andernorts mussten wir uns durch grosse, komplizierte Schulgebäude durchfragen. Meist wurden wir von SchuldirektorInnen empfangen, und auch da gab es Unterschiede. Einmal bemerkte ein Direktor nach der Begrüssung vor den Kindern, er würde nun wohl «Meine Schwester Sara» lesen, obwohl er eigentlich nie Bücher lese. Als Rollenmodell etwas schwach. Später sagte er, seine Frau halte ihn an, wenigstens im Urlaub mal einen Krimi zu lesen. Doch selbst das falle ihm schwer.

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