Nr. 34/2008 vom 21.08.2008

Lüpf das Bein, heute gratis!

Der Mindestlohn in Argentinien beträgt nur 412 Franken, und die LandarbeiterInnen protestieren - dennoch blüht das kulturelle Leben: dank kostenloser Veranstaltungen.

Von Franziska Oliver, Buenos Aires

Tango und Fleisch: Zwei Spezialitäten in Buenos Aires. Das Fleisch brät man am besten selbst zu Hause, und auch der Tango will ausgesucht sein. Viele auf TouristInnen ausgerichtete Lokale bieten teure Tangoshows, die die Zutaten Melancholie, Erotik und Drama zu solch erschlagenden Klischees aufblasen, dass es dem Tango die Seele gleich wegpustet. «Heute geht es den Jungen mehr um andere Tänze als um den Tango, der ist gar nicht mehr so populär und nie so romantisch, wie man es den TouristInnen glauben machen will», meint ein junger argentinischer Musiker. Und auch der argentinische Autor Luis Longhi entmystifiziert in seinem neuen Buch «Cabareteras, registros de Santiago Solís» das romantische Bild des Tangos: Die Tangueros seien Kriminelle aus schwierigen Milieus gewesen, schreibt er.

Auf die unversehrte Seele des Tangos trifft man oft dort, wo die Porteños und Porteñas - die BewohnerInnen von Buenos Aires - sogar kostenlos in den Genuss ihrer Tradition kommen. Das Gratiskulturangebot ist in Buenos Aires ohnehin beachtlich, nicht nur beim Tango. Schon vor der Diktatur von 1976 bis 1983 hatte die Regierung allen den Zugang zu einem breit gefächerten Kulturangebot ermöglicht. Mit der Wiederherstellung der Demokratie gingen vorübergehend geschlossene Türen wieder auf.

DVD-Show im Dampfer

Derweil in der nördlichen Hemisphäre alles knallhart gerechnet wird und der Kunst- und Kulturgenuss so teuer ist, dass die Schweiz, Deutschland und Österreich mit sogenannten «Kulturpässen» für die Ärmeren Gegensteuer geben müssen, hält Buenos Aires täglich einiges an kostenloser Kultur bereit - eine grosszügige und intelligente Tradition, wenn man der Kultur bildenden und integrativen Charakter zugesteht. Nur: Ist sie denn auch wertvoll, diese subventionierte Kultur, oder ist sie mehr Mittel der Arbeitsbeschaffung und Protektion traditioneller kultureller Werte? Ein Stummfilm mit Pianobegleitung eröffnet die kleine Forschungsreise durchs Angebot.

Die Vorstellung beginnt lange bevor das Licht im Saal ausgeht, denn die Biblioteca Nacional ist als Gebäude derart auffällig und ein absoluter Sonderling in der stark von alter französischer Architektur geprägten Stadt. Wie ein gestrandeter Riesendampfer steht der erschlagend monumentale Betonbau von hohen Wohnhäusern umgeben an der Grenze zwischen den teuren Stadtvierteln Palermo und Recoleta. Solch manifesten Stilwillen sieht man hier selten, und einmal drinnen im Klotz, fällt auf, wie gut erhalten die stilvollen modernen Möbel dieses Gesamtkunstwerks sind. Das mutet an wie eine Verzerrung, erklärt sich jedoch aus der komplizierten Baugeschichte und aus der jüngeren argentinischen Geschichte mit der Diktatur von 1976 bis 1983. Das Gebäude wurde in den frühen sechziger Jahren geplant, der Grundstein aber erst 1971 gelegt. Und nochmals zwanzig Jahre später war der Bau vollendet.

An diesem Sonntag also warten rund dreissig Personen auf den Film «Blade af Satansbog» (1921) von Carl Theodor Dreyer, dem Vater des dänischen Filmschaffens. Für die Begleitung am Keyboard sorgt der in Argentinien bekannte Carlos «Mono» Fontana. Er ist es auch, der in Erinnerung bleibt, mit seiner sensiblen und erfinderischen elektronischen Begleitung. Am besten schnell vergessen wird die Präsentation des Films - eine simple DVD-Kopie und zwar eine italienische Version. Die ausführlichen Zwischentexte sind übersetzt und wurden auf Spanisch in die Leerräume zwischen die italienischen Zeilen platziert. Nun sind aber die spanischen Buchstaben zu gross, um in die Zwischenzeilenräume zu passen, und so ergibt sich aus der Überlappung der Buchstaben etwas eher Experimentelles oder allenfalls ein nettes Muster. Zu lesen ist das nicht. «Es lo que hay» sagen ArgentinierInnen in diesem Fall «es hat, was es hat», nämlich die Musik, und die stiehlt dem Film verdientermassen die Show.

Subventionierter Tango

Am nächsten Tag geht es zum Gratistango - in eines der Kulturzentren, das auch Menschen aus anderen Vierteln anzieht. Im Centro Cultural Torquato Tasso in Barracas gibt es Tanzunterricht, Tanzabende, die sogenannten Milongas, und Gratisvorstellungen mit weniger bekannten TangomusikerInnen bis zu teuren Konzerten der Famosen, wie Dino Saluzzi mit seinem modernen, offenen Tango oder dem wunderbar altmodischen Salontango eines Sexteto Mayor. Montags läuft zurzeit die von der Regierung subventionierte Reihe «Tango 08 - Neue Tendenzen» und heute singt Cecilia Aimé. Schon vierzig Minuten vor Einlass ist die Schlange auf dem Trottoir lang. Unter den anstehenden Gästen sind mehrheitlich Frauen, viele von ihnen falsche Blondinen - ganz wie die «heilige» Trendsetterin und ehemalige First Lady Evita Perón, die damit schon in den vierziger Jahren begonnen hatte. Die argentinischen Coiffeurs sind gut beschäftigt. Die Künstlerin des Abends, Cecilia Aimé, eine Frau um Mitte vierzig, brünett, sitzt mit Freunden plaudernd mitten im Publikum. Touristen sind keine hier, die wirklich armen Porteñas auch nicht. In ihrem Leben gibt es diese Tradition des Ausgehens kaum, schon gar nicht ausserhalb ihres Barrios oder beim Kunst- und Kulturgenuss mit der Mittelklasse. Unter den Anwesenden sind dennoch viele, die sich keine Konzertkarten leis-ten können. Der monatliche Minimallohn ist gerade in diesen Tagen von 980 auf 1200 Pesos erhöht worden, das sind rund 412 Franken. Und nicht etwa nur TellerwäscherInnen, auch Regierungs-angestellte arbeiten für diesen Lohn. Carlos Menem und seine Regierung haben in den neunziger Jahren das Land und seine Leute derart geplündert, dass es ein Wunder ist, dass hier überhaupt noch funktioniert, was funktioniert. Nun schlängelt sich Cecilia Aimé an den voll besetzten Tischchen vorbei nach vorne. Wortlos steigen sie und ihr Gitarrist Lucho González ins erste Lied ein, traumwandlerisch sicher und aufeinander eingespielt. Sie hat ihre Altstimme anscheinend mühelos im Griff und phrasiert wunderbar ökonomisch. Das passt zu ihrer herben und schlichten Erscheinung. Aus ihren Bemerkungen zwischen den Liedern errät man, wie sehr sie selbst die in den Texten besungene Tangosängerin ist, wie bestimmt sie vorgeht in ihrer Auswahl der Poesie. Vornehmlich Frauen sind die AutorInnen, eine ist anwesend und wird gebührend begrüsst. Eineinhalb Stunden und enorm viel Applaus später, spaziere ich zufrieden und wie ein Pomme frite riechend nach Hause. Der Küchenventilator im Torquato Tasso hinterlässt Spuren.

Angst vor Protesten

Am Dienstag unterwegs in den teuren Stadtteil San Martin: Dem eigenen Bus fährt wie meistens mindestens ein anderer voraus - dieses Mal sind es vier dieser Stinker, die hintereinander herfahren und ihre braunschwarzen Dieselabgase in die offenen Fenster der jeweils nachkommenden pusten. Die Busse werden von privaten Unternehmen betrieben und garantieren zwar die Erreichbarkeit jeden Winkels der Stadt, doch verschiedene Linien befahren über sehr weite Strecken die gleichen Strassen, bevor sie dann für ihre letzte individuelle Teilstrecke abbiegen. Das totale Chaos der unregulierten Privatwirtschaft im öffentlichen Verkehr, sozusagen.

Im British Arts Centre läuft Hitchcocks Film «Sabotage» aus dem Jahr 1939. Auf eine knisternde, alte Celluloidkopie soll man sich jedoch nicht zu früh freuen, denn hier wird vielenorts gelebt, was das digitale Zeitalter von Anfang an versprach: der demokratischere Zugang, also DVD-Kino. Doch dazu kommt es heute nicht, die Vorführung ist abgesagt. Er wolle es den Gästen nicht zumuten, auf dem Nachhauseweg allenfalls in Ausschreitungen zu geraten, lässt der Direktor des British Arts Centre ausrichten. Weil tags darauf im Senat über die Einführung einer neuen Agrarexportsteuer abgestimmt wird, haben heute sowohl die Regierung als auch die Regierungsgegner aus dem Agrarsektor ihre AnhängerInnen zusammengerufen. Hunderttausende sind unterwegs. Nach rund vier Monaten Krise wegen der Auseinandersetzung zwischen den BäuerInnen und der Regierung ist das Land geteilt wie nie seit der Wiederherstellung der Demokratie.

Stein des Anstosses sind die von der Regierung vorgeschlagenen variierenden Steuersätze für die Exportabgaben. Die reichen Landbesitzer und Pflanzerinnen erpressen die Regierung seit März mit Strassensperren, die Versorgungsengpässe verursachen. Wirtschaftliche Verluste und die Polarisierung der Gesellschaft sind die Folgen des Streits um die Einführung der erhöhten Exportsteuern. Dabei wäre damit eine dringend nötige, die Gesellschaft stabilisierende Umverteilung des Reichtums möglich, denn die (vor allem) SojaproduzentInnen verdienen sich mit dem Export von gentechnisch manipuliertem Soja als Schweine- und Geflügelfutter nach China, Südostasien und Europa schon lange goldene Nasen, während in etlichen Provinzen Argentiniens heute über die Hälfte der Bevölkerung - hauptsächlich LandarbeiterInnen - unter dem Existenzminimum lebt.

Der Konflikt ist kompliziert, die Kritik an der Taktik von Präsidentin Cristina Kirchner laut, und wie in einem offenen Brief von 700 Intellektuellen und KünstlerInnen moniert, ist ein wesentlicher Teil der Medien mit seiner Desinformation mitschuldig am Ausmass der Krise. Der überaus vorsichtige Direktor des British Arts Centre hat «Sabotage» sabotiert. Und die Nacht bleibt doch ruhig.

Kunst und Bandoneon

Mittwoch ist Malba-Termin. Das neue Museum für Lateinamerikanische Kunst der Gegenwart ist eine private Stiftung, ist aber immer mittwochs gratis. «La era de la discrepancia. Arte y cultura visual en México 1968-1997» ist die Hauptausstellung betitelt. Es ist der erste historische, akademische und kritische Rückblick auf die künstlerischen Prozesse an den Rändern der offiziellen und dominanten Kunst Mexikos nach 1968. Die Klammer öffnet sich mit der Zeit politischer Unruhe und endet in der Zeit der als «Efecto Tequila» bekannten, ökonomischen Krise der Neunziger. Ein weites Feld mit einem Sammelsurium von Werken von über hundert KünstlerInnen, unterteilt in zehn Kapitel. Am griffigsten ist die Ausstellung dort, wo die kulturellen Unterschiede zu Europa und den USA am grössten, und dort, wo sie am kleinsten sind. Viele Stunden später an der Bushaltestelle macht der tosende Verkehr der Avenida del Libertador die erholsame Beschaulichkeit der Museumsstunden umso deutlicher.

Am Tag darauf geht es früh los: Mittags um halb eins ist die Schlange vor dem Teatro de Presidente de Alvear an der Avenida Corrientes bereits recht lang. Es ist ein VeteranInnentreffen, das hier jeden Donnerstag stattfindet. Kaum auf den plüschigen Sesseln im alten Theater, wird quer über die Reihen gegrüsst, genickt, gewinkt. Man kennt sich. Viele kommen regelmässig und viele haben lange Jahre des Tangotanzens hinter sich. Die säuberlich überschminkte Dame auf dem Nebensitz erzählt stolz, sie sei nun schon weit über achtzig und tanze immer noch. Der Herr zur Linken ist entrüstet, dass man nicht tanzt.

«Bandoneón AA Bandoneón» heisst es heute, auf AA, die berühmteste Marke des Instruments bezogen, dessen Erbauer und Fabrikant aus dem deutschen Erzgebirge Alfred Arnold hiess. Mit der doppelten Erwähnung des Instruments wird auf die Dirigenten hingewiesen, die beide virtuose Bandoneonisten sind - Maestro Raúl Garello und Maestro Nestor Marconi. Eine nicht wegzudenkende Figur ist auch der Ansager des Orchesters, ein weisshaariger Herr, der sich Zeit nimmt für seine Moderationen, und dann derart langsam vom Mikrofon zurück hinter den Vorhang schlurft, dass man förmlich spürt, wie auch ihm diese Bretter die Welt bedeuten.

Der Tag des Ruhms

Das rund 35-köpfige Orchester spielt «unplugged», denn dank der guten Akustik hört man auch die feinsten Klänge des Perkussionisten. Süss geigen die Streicher und seifen das Publikum ein, die Bandoneonisten lassen ihr Instrument virtuos klagen, und die Tempowechsel des Orchesters sorgen dafür, dass bei aller Gefühligkeit das Drama seinen Platz behält. Als nach knapp zwei Stunden und zwei Runden Zugaben einer der Dirigenten ins Publikum ruft, ob wir denn noch nicht müde seinen, antwortet eine Stimme aus den hintersten Reihen: «Nein, Maestro, es ist der Tag des Ruhms!»

Das Hochgefühl danach hält eine Weile an, bis sich wieder Irdisches aufdrängt: Wie nach Hause kommen? Münzen im Portemonnaie sind wie immer eine Rarität, aber man braucht Kleingeld für den Bus. Das ist andernorts auch so, doch im Unterschied dazu lässt sich in Buenos Aires Kleingeld nicht einfach auftreiben. Niemand hat welches, und am Kiosk etwas kaufen garantiert noch lange nicht, dass man das Herausgeld in Münzen erhält. Kommt man dem Verkäufer nicht mit Münzen entgegen, wird er lieber den Preis des Artikels so senken, dass er mit Noten herausgeben kann. Denn das Kleingeld von Buenos Aires endet in den Billettautomaten der Busse. Die privaten Busunternehmen horten die Münzen so lange, bis viele Geschäfte und Supermärkte knapp genug an Kleingeld sind, um dieses den Busunternehmen sackweise zu Preisen über dem Geldwert abzukaufen. Aber die Regierung hat andere Probleme, und die neu in Umlauf gebrachten Münzen verschwinden fortwährend wieder.

Cineastische Frauensache

Das Centro Cultural Recoleta, neben dem gleichnamigen berühmten Friedhof gelegen, wo sich die Reichen mit prunkvollen Gräbern auch für die letzte Ruhestätte ihren irdischen Status bewahren, bietet schon seit Montag jeden Abend Kino und Diskussionen im Rahmen eines Austausches zwischen arabischen und iberoamerikanischen Filmemacherinnen. Die Idee stammt von einer jungen ägyptischen Regisseurin, und ihr öffentliches Regisseurinnentreffen wurde bereits in Zaragossa und in Kairo realisiert. Im sogenannten Microcine mit rund hundert Plätzen bleibt bereits am ersten Abend kaum einer frei. Vorwiegend Frauen kommen zur cineastischen Frauensache. Einigen sieht man an, dass sie sich das Taxi nach Hause leisten werden, anderen, dass sie froh sind, gratis hier sein zu können, und begierig auf Film und Gespräch. Auch ein Spielfilm figuriert unter den Dokumentarfilmen der Frauen, «El Cielito» der Argentinierin María Victoria Menis aus dem Jahr 2004. Die Geschichte um einen verwaisten indigenen jungen Mann vom Land, der sich eines Kleinkindes annimmt, dessen indigene Mutter unter der Gewalt ihres weissen Mannes leidet und eines Tages einfach verschwindet, ist eine beklemmende Metapher für die argentinische Gesellschaft. In der Diskussion fällt auf, dass viele Wortmeldungen sich auf das todtraurige Ende des Films beziehen, das die Regisseurin als Alternative zu einem etwas versöhnlicheren US-amerikanischen Filmende und überhaupt nicht politisch in Bezug auf Argentinien gesehen haben will. Dies zumindest bekräftigt sie vor dem Publikum. Das hätte ich gerne noch genauer gewusst, wie vieles andere, das im Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und des Antagonismus zwischen Europa, USA und Lateinamerika liegt.

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