Nr. 36/2008 vom 04.09.2008

Bei uns putzt jetzt Stanislawa

Drei von vier Frauen gehen in der Schweiz arbeiten. Die - schlecht bezahlte - Hausarbeit wird zunehmend von MigrantInnen verrichtet.

Von Mischa Suter

«Ohne uns geht nichts!» - der Leitspruch der Aktionswoche der MigrantInnen vom 8. bis zum 14. September gilt für alle Wirtschaftszweige. Doch für keinen Sektor stimmt die Parole besser als für die unbezahlte und bezahlte Hausarbeit von Frauen. Beide Bereiche sind absolut unverzichtbar und weitgehend unsichtbar. Jener gesellschaftlichen Unsichtbarkeit, gegen die sich die Aktionswoche der MigrantInnen richtet, entspricht die als selbstverständlich vorausgesetzte Arbeit von Frauen im Privathaushalt: putzen, waschen, kochen, Kinder und Alte betreuen.

Nun gilt bekanntlich in der bürgerlichen Gesellschaft nicht als Arbeit, was ohne Bezahlung bleibt. Die Ökonomin Mascha Madörin rechnete unlängst in der Zeitschrift «Soziale Medizin» die Dimensionen der Care-Ökonomie genannten Reproduktionsarbeit vor: In der Schweiz werden jährlich mehr Stunden fürs Kochen und Abwaschen aufgewendet als im Industrie-, im Energie- und im Bausektor zusammen. Würde diese Arbeit zum Spitex-Tarif abgegolten, wäre das Bruttoinlandprodukt um mehr als 60 Milliarden Franken höher. Diese Steigerung entspräche der Wertschöpfung des schweizerischen Finanzsektors.

Prekäre Arbeitsverhältnisse

Das Private ist politisch - zudem ist es global, wie die US-Soziologin Arlie Hochschild ergänzt. Denn in der Hausarbeit zeichnet sich eine Verschiebung ab. Auch wenn die unbezahlte Arbeit immens bleibt - ein Teil davon wandelt sich in schlecht bezahlte Arbeit um, die von Migrantinnen geleistet wird. Die Zahl der Haushaltshilfen in der Schweiz hat sich während der letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt. In einer vorsichtigen Schätzung rechnet die Gewerkschaft Unia mit einem Äquivalent von rund 125 000 Vollzeitstellen - das ist ein Fünftel mehr als in der Maschinenindustrie und etwas weniger als im Bankwesen. Dass aus unbezahlter Arbeit Lohnarbeit wird, hat mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit von Frauen zu tun. Drei Viertel der Frauen in der Schweiz verrichten heute bezahlte Arbeit, nach Schweden die zweithöchste Quote in Europa. In der Umschichtung der Hausarbeit wird die Arbeit zwischen Frauen neu verteilt, aber nicht zwischen Frauen und Männern. Und sie wird aus der Familie hinaus auf - im Weltmassstab gesehen - Angehörige der globalen Unterklassen verlagert.

Die Rückkehr des Dienstmädchens ist getrieben von der Dynamik kapitalistischer Entwicklung und gesteuert von einer rigiden Migrationspolitik. Was im 19. Jahrhundert die Dienstbotenordnung war, ist heute der Aufenthaltsstatus. «Die zunehmende Bezahlung führt nicht zu einer gesellschaftlichen Aufwertung der Hausarbeit. Im Gegenteil: Hier entsteht ein Markt für prekäre Arbeitsverhältnisse», sagt Sarah Schilliger, Soziologin an der Universität Basel. Sie erforscht die Situation osteuropäischer Frauen, die in schweizerischen Haushalten arbeiten. Teilweise erleben halb vergangen geglaubte Migrationsformen eine erstaunliche Renaissance. So kommen vermehrt Hausarbeiterinnen aus den neuen EU-Ländern als Au-pairs in die Schweiz. Was gemeinhin mit Kulturaustausch und einem gutbürgerlichen Welschlandjahr assoziiert wird, schafft faktisch billige Haushaltskräfte. Doch der Weg als Au-pair steht nur Frauen aus der EU und reichen Industriestaaten offen. Viele der Hausarbeiterinnen sind hingegen Sans-Papiers, eine Studie der Gewerkschaft IGA schätzt ihren Anteil an den Basler Haushaltshilfen auf rund vierzig Prozent. Bea Schwager von der Sans-Papiers-Anlaufstelle in Zürich nimmt an, dass es in weiteren Städten mindestens ebenso viele sind, in Genf nochmals deutlich mehr.

Schwarzarbeit im Haus

Auch Hausangestellte mit regulärem Aufenthalt arbeiten meist schwarz. Seit eine erste Bilanz des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) über die Personenfreizügigkeit gezeigt hat, dass neben dem Bau bei den Privathaushalten die prekärsten Verhältnisse herrschen, fordern die Gewerkschaften einen Normalarbeitsvertrag (NAV) mit Mindestlöhnen. Einen solchen gibt es bis jetzt nur gerade in Genf.

Etwas anderes bedeutet das Gesetz gegen Schwarzarbeit, das seit Anfang Jahr in Kraft ist. Es umfasst unter anderem ein erleichtertes Anmeldeverfahren für Hausangestellte bei den Sozialversicherungen. Im August meldeten die Ämter für Sozialversicherungen in Zürich und Basel-Stadt, die Zahl der angemeldeten Hausangestellten hätte sich verdreifacht. Für die Sans-Papiers allerdings - eine Minderheit der Menschen, die insgesamt Schwarzarbeit leisten - verschärft die neue Gangart gegen Schwarzarbeit eine ohnehin prekäre Lage. So meint Bea Schwager von der Zürcher Anlaufstelle, das Gesetz habe die Situation der Sans-Papiers «deutlich verschlechtert». Mit Lohnkürzungen und manchmal auch Entlassungen würden die Patrons oft den Druck weiterleiten. Auch die Anmeldung bei den Sozialversicherungen scheint für Sans-Papiers riskanter geworden zu sein. Schwager hat Kenntnis von Fällen, «bei denen offenbar Daten von den Ausgleichskassen zu den Migrationsämtern geflossen sind, nachdem Sans-Papiers von ihren Arbeitgebern angemeldet wurden».

Das Dilemma, dass der Schutz einer Sozialversicherung mit der Gefahr zunehmender Repression erkauft wird, kann nur eine kollektive Regularisierung der Sans-Papiers lösen. Diese Forderung wird auch an der Aktionswoche der MigrantInnen erhoben. Für die Sans-Papiers ist sie nach wie vor lebenswichtig.

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