Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

Ein Engel aus Polen

Pflege ist in der Schweiz Privatsache. Zuständig dafür sind meist Frauen über fünfzig. Was tun, wenn die Angehörigen mit ihren Pflegeaufgaben an Grenzen stossen?

Von Susy Greuter und Sarah Schilliger

Privatwirtschaftliche Pflegefirmen boomen. Sogenannte Home-Care-Unternehmen, kommerzielle Anbieter von Pflege- und Betreuungsdienstleistungen, bieten immer häufiger eine Ergänzung zur Betreuung durch Angehörige und medizinischer sowie körperlicher Pflege durch die Spitex. Doch bei Pflegebedürftigen wie schwer Demenzkranken, die eine 24-Stunden-Rundumbetreuung brauchen, reicht auch dieses Arrangement kaum mehr aus. Firmen wie Senioren zuhause oder Senior Home Care bieten für rund 7500 Franken monatlich einen Service rund um die Uhr an – zu teuer für viele betroffene Familien. Angehörige sind in solchen Fällen gezwungen, sich weiter nach bezahlbaren und flexiblen Lösungen umzuschauen. Auf legalem Weg findet sich nur schwer jemand, der bereit ist, 24 Stunden für eine demenzkranke pflegebedürftige Person präsent zu sein.

Von der Öffentlichkeit ignoriert

«Ein Engel aus Polen» – so wirbt eine Vermittlungsagentur für Care-Arbeiterinnen, die 24-Stunden-Pflege durch flexible Multitaskerinnen anbietet. Dieses neue informelle Pflegemodell boomt auch in der Schweiz: Laut Aussagen von KennerInnen der Branche werden zunehmend Betreuungskräfte aus Billiglohnländern – etwa aus Osteuropa – beschäftigt, die gegen Kost, Logis und einen bescheidenen Lohn als sogenannte Live-ins im Haushalt der Pflegebedürftigen leben. Inzwischen hat sich in der Schweiz die merkwürdige Bezeichnung Senio-Pair etabliert, um diese Art von Au-pair-Verhältnis in Haushalten mit pflegebedürftigen SeniorInnen zu benennen.

Die Firma Haus Pflege Service mit Sitz im Zürcher Oberland umschreibt Senio-Pair als «eine Person, die Zeit hat für Spaziergänge, fürs Einkaufen, für den Erhalt der sozialen Beziehungen und für alles, was der Haushalt und die Menschen darin so brauchen. Sie wohnt bei ihnen zu Hause und soll ein Familienmitglied sein, genauso wie es für Au-pairs in jungen Familien ist.» Im Gegensatz zum Schweizer Au-pair-Reglement, nach dem ein Au-pair in einer Familie täglich höchstens fünf Stunden Kinderbetreuung und leichte Hausarbeiten verrichten darf, sind die Voraussetzungen bei Senio-Pair ganz andere: Auf ihnen lastet die Hauptverantwortung für die Pflege und Betreuung einer Person rund um die Uhr.

Der Privathaushalt ist weltweit zu einem wichtigen, meist informellen und prekären Arbeitsplatz für Migrantinnen geworden. In Deutschland arbeiten schätzungsweise 100000 bis 200 000 Pflege- und Betreuungskräfte in Haushalten von alten Menschen – hauptsächlich Osteuropäerinnen, legal wie illegal. Dasselbe Care-Arrangement der prekären Anstellung von Migrantinnen in der häuslichen Altenpflege ist in Österreich und Italien verbreitet. Auch in der Schweiz nimmt die Beschäftigung im Privathaushalt zu. Laut Schätzungen der Gewerkschaft Unia dürfte sie sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt haben. Die geschätzten 125 000 Vollzeitstellen umfassen jedoch so unterschiedliche Beschäftigungen wie Putzen, Waschen, Bügeln, Einkaufen, Kinderhüten, Betagtenpflege, Kochen, Servieren oder Laubwischen». Für die Zahl der Beschäftigten im Bereich der häuslichen Pflege und Betreuung älterer und kranker Menschen liegt keine gesonderte Schätzung vor. Im Gegensatz zu Deutschland oder Österreich, wo es inzwischen einen öffentlichen Diskurs über informelle Lohnarbeit in Privathaushalten von Pflegebedürftigen gibt, wird das Thema in der Schweiz bisher ignoriert, vielleicht auch tabuisiert – es ist jedenfalls sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft bisher kaum behandelt worden. Offizielle Zahlen und Statistiken fehlen.

Bei Recherchen über osteuropäische Care-Arbeiterinnen in Schweizer Privathaushalten kam heraus, dass es sich bei den Senio-Pairs – die im Haushalt der Pflegebedürftigen leben – in den bisher bekannten Fällen meistens um Frauen ab 45 Jahren handelt. Ihre Motive, ein solches Arbeitsverhältnis einzugehen, sind vielfältig, der ökonomische Aspekt scheint jedoch zu überwiegen. Nicht selten handelt es sich um gut qualifizierte Frauen, teilweise gar um Akademikerinnen, die wegen hoher Arbeitslosigkeit und tiefen Löhnen nun im Westen nach Arbeit suchen, um ihre Familien in den Heimatländern zu ernähren und um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Hier in der Schweiz ist jedoch nicht ihre Berufsqualifikation gefragt, sondern eine andere Kapazität, die den Frauen «von Natur aus», qua Geschlecht, zugeschrieben wird: die Fähigkeit, Care-Arbeit zu verrichten, also ältere bedürftige Menschen zu pflegen und zu betreuen und Haushaltstätigkeiten zu verrichten. Die Frauen aus Ländern der erweiterten EU betreiben meistens eine Form von Pendelmigration: Sie arbeiten ein paar Monate in der Schweiz und kehren danach für eine gewisse Zeit in ihr Herkunftsland zurück, bevor sie wieder in denselben Haushalt in der Schweiz zurückkommen. Oft teilen sie sich den Job mit einer anderen Person.

Prekäre Arbeit

Die 91-jährige Frau Baumann ist demenzkrank und kann inzwischen das Bett und ihre 3,5-Zimmer-Wohnung in einem Basler Stadtquartier nicht mehr verlassen. Seit einiger Zeit wird sie von der 53-jährigen Magdalena Rutkowska rund um die Uhr betreut und gepflegt. (Namen geändert) Magdalena Rutkowska wechselt sich mit einer anderen Frau aus Polen ab und pendelt im Dreimonatsrhythmus zwischen der Schweiz und dem kleinen Dorf in Südpolen, wo sie mit ihrer Familie lebt. Die studierte Ökonomin verdiente in ihrer Heimat nur sehr wenig. Als ihre drei Kinder ins Gymnasium kamen, suchte sie nach einer Verdienstmöglichkeit in Deutschland oder der Schweiz, um die Kosten für das Studium der Kinder aufbringen zu können. Magdalena Rutkowskas Arbeitstag ist endlos – oft muss sie auch in der Nacht mehrmals aufstehen, um sich um Frau Baumann zu kümmern. Morgens und abends kommt die Spitex kurz vorbei und hilft bei der Körperpflege. Das sei Schwerstarbeit, sagt Magdalena Rutkowska: Neben dem Einkaufen, Mahlzeitenzubereiten, Wäschewaschen, Bügeln, Aufräumen und Putzen der Wohnung verbringt sie viel Zeit am Bettrand von Frau Baumann, um ihr das Essen einzulöffeln, sie umzubetten, ihr die Windeln zu wechseln oder auch einfach, um sie bei Schmerzen und Angstzuständen zu beruhigen und ihr Gesellschaft zu leisten. Dass Magdalena Rutkowska bei Frau Baumann in der Wohnung lebt, erspart ihr zwar die Miete, die permanente Anwesenheit führt jedoch dazu, dass sie fast keine Freizeit und sehr wenig Privatsphäre hat. Ab und zu findet sie Zeit für einen Spaziergang im nahe gelegenen Park oder trifft sich mit einer Freundin aus der Slowakei, die auch als Senio-Pair in Basel arbeitet. Für den verantwortungsvollen Pflegejob, der eine permanente Anwesenheit verlangt und sowohl physisch wie psychisch enorm beanspruchend ist, verdient sie 1800 Franken im Monat – abzüglich der Telefon- und Internetkosten und der Hin- und Rückreise, die sie selber berappen muss. Auch die Kranken- und Sozialversicherung bezahlt sie selber – in Polen.

Geringe Entlöhnung, informelle Arbeitsverträge ohne Sozialversicherung, keine bezahlten Ferien, kein Anspruch auf Lohnfortzahlung bei Krankheit, wenig oder keine Schutzbestimmungen (etwa bei Unfall), geringe Arbeitsplatzsicherheit, entgrenzte, höchst flexible Arbeitszeiten: Magdalena Rutkowskas Arbeitsverhältnis umfasst die ganze Palette von Kennzeichen, die prekäre Arbeit ausmachen.

Mit der erweiterten Personenfreizügigkeit im Rahmen der EU-Osterweiterung haben die Osteuropäerinnen zwar Niederlassungs- und Reisefreiheit, das heisst, sie halten sich legal in der Schweiz auf. Aufgrund der Restriktionen im Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt haben jedoch viele osteuropäische Care-Arbeiterinnen, die im Privathaushalt arbeiten, keine offizielle Arbeitsbewilligung. Einige bewegen sich in einer Grauzone zwischen legaler und illegaler Beschäftigung. Ein klarer, rechtlich geschützter und sozial abgesicherter Rahmen besteht nicht.

Der Markt wird boomen

Ein Mangel an wohlfahrtsstaatlicher Unterstützung fördert die Entwicklung eines privaten – häufig informellen – prekären Arbeitsmarkts in der Pflege. Diesen Trend prognostiziert Elsbeth Wandeler, Geschäftsleiterin des schweizerischen Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und -männer, auch für die Schweiz: «Je grösser der Anteil der Pflegekosten wird, welcher auf die Patienten überwälzt wird, desto mehr wird der Markt florieren. Die Signale, die mit der neuen Pflegefinanzierung gesetzt wurden, zeigen genau in diese Richtung.» Der Markt der privaten Home-Care wird mit den laufenden Reformen im Pflegesektor boomen.

Das Beispiel der osteuropäischen Care-Arbeiterinnen, die in der Schweiz 24-Stunden-Rundumpflege leisten, wirft Fragen auf globaler Ebene auf: Inwiefern etablieren sich durch diese Care-Arrangements neue globale Abhängigkeiten und Ungleichheiten? Welche Konsequenzen hat diese Abwanderung von Care-Arbeiterinnen für die Care-Ökonomie in den Herkunftsländern? Wer betreut zum Beispiel die Familienangehörigen, die die Migrantinnen in ihren Herkunftsländern zurücklassen?

Die Care-Arbeit ist ein komplexes politisches Feld, das mit den Geschlechterarrangements, mit der wohlfahrtsstaatlichen Politik wie auch mit dem aktuellen Migrationsregime eng verwoben ist. Es braucht unterschiedliche, miteinander in Verbindung stehende politische Strategien – gewerkschaftspolitische, sozialpolitische, geschlechterpolitische wie auch migrationspolitische. Einfache Forderungen und Lösungen gibt es nicht.

Dieser Artikel ist die überarbeitete Version eines Beitrags aus dem Denknetz-Jahrbuch 2009. Jahrbuch Denknetz 2009: «Krise. Global, lokal, fundamental». Edition 8. Zürich 2009. 224 Seiten. 25 Franken.
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