Nr. 37/2008 vom 11.09.2008

Geliebte Vögel

Von Michael Saager

Ludwig Kaltenburg - ein Name wie eine Wand aus Beton. Der Held in Marcel Beyers jüngstem Roman heisst so. Ein seltsamer Vogel, dieser gelehrte Mann. Vögel sind kein schlechtes Stichwort. Und obgleich man sie nicht wirklich zu den ProtagonistInnen dieses stillen, stark verschachtelten Buches zählen kann, wäre das Leben Kaltenburgs sowie das des Icherzählers Hermann Funk nichts ohne sie. Funk und Kaltenburg sind zuallererst Ornithologen und Verhaltensforscher. Insbesondere Dohlen haben es Kaltenburg, dem Mentor Funks, angetan. An einer Stelle heisst es: «Oder wir sehen der Dohle an, dass sie sich fragt, ob nicht wir es sind, die sie durchschauen wollen. Direkter Blickkontakt mit einem Vogel hat immer etwas Schwebendes, etwas noch nicht Entschiedenes ...»

Ähnlich geht es Funk: Kaltenburg hat sich Funks angenommen, nachdem der beim Dresdner Bombenangriff seine Eltern verloren hatte. Doch richtig nahe kommt Funk ihm nie. Und wirklich nahe scheint auch niemand Konrad Lorenz gekommen zu sein, dem berühmten Dresdner Verhaltensforscher, den sich Beyer in seinem dritten Roman nach «Flughunde» und «Spione» zum Vorbild genommen hat.

Es steckt so viel in «Kaltenburg», diesem Buch aus zahlreichen erinnerten, teilweise nur angedeuteten Geschichten, diesem komplexen Werk aus kritisch gelesener Zeitgeschichte vor und nach 1945 - man kann das alles kaum auf einen Nenner bringen. Sicher geht es um zwei Männer, die sich danach sehnen, in Ruhe zu forschen. Doch forschen sie in einer «Atmosphäre des Todes», denn der Krieg ist gerade erst vorbei.

In einer sorgenvollen Erinnerung Funks verschmilzt der Krieg in Gestalt des Bombenangriffs auf Dresden mit den geliebten Vögeln: Wie kleine Bomben fallen sie tot vom Himmel. Oder sie verenden auf dem See: «Wie hätte ich jetzt Krickente von Löffelente, Pfeifenente von Reiherente oder Schellente von Tafelente unterscheiden sollen, da sämtliche Tiere auf dem Wasser auf einmal brannten.» Das Ungeheuerliche anhand von Stimmungen und starken Bildern einfangen, auch darauf versteht sich Beyer ausgezeichnet.

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