Nr. 33/2009 vom 13.08.2009

Die Wahrheit ist von dieser Welt

Über wenige Philosophen des 20. Jahrhunderts wurde so viel geschrieben wie über Michel Foucault. Nun hat der Althistoriker Paul Veyne dem grossen Denker ein weiteres biografisches Denkmal gesetzt.

Von Michael Saager

Geistige Weggefährtinnen und Verehrer hatte der französische Geschichtsphilosoph Michel Foucault (1926–1984) schon zu Lebzeiten viele. Einer von ihnen, der mit ihm befreundete Didier Eribon, veröffentlichte 1989 eine Foucault-Biografie, die bis heute zu Recht als Standardwerk gilt. Ein Studienkollege, Freund und Ratgeber Foucaults, der berühmte Althistoriker Paul Veyne, hat vor einem Jahr nachgelegt und dem grossen Gesellschaftskritiker ein Denkmal in Gestalt eines kleinen und trotz seines eleganten Stils leidenschaftlichen Buches gesetzt.

Wie aus einem Heldenmythos

Im Original trägt es den schlichten Titel «Foucault. Sa pensée, sa personne». Der Reclam-Verlag hat es, gar nicht mal unpassend, «Foucault. Der Philosoph als Samurai» genannt.

Veyne erzählt Foucaults Geschichte als Geschichte seines Denkens und bisweilen mit der Rhetorik eines Verteidigers, der einen sträflich Verkannten um jeden Preis in Schutz zu nehmen gedenkt. Andernorts beschreibt er den Philosophen, als sei er einem antiken Heldenmythos entsprungen, nämlich als «unbeirrbaren Mann, der vor nichts und niemandem zurückschreckte und der in seinen intellektuellen Gefechten die Feder wie einen Säbel führte».

In Anbetracht der immensen Akzeptanz, die Foucaults Werk nicht erst seit heute insbesondere in den Kultur- und Sozialwissenschaften erfährt, kommt man nicht umhin zu vermuten, dass Veyne die breite und mehr als wohlwollende Rezeption der Gedanken seines Helden möglicherweise verschlafen hat. Einerseits.

Andererseits hat hier ein Freund und Kollege seine Erinnerungen aufgeschrieben. Und tatsächlich gab es ja Zeiten, in denen Foucault insbesondere Philosophen Angst einzujagen vermochte (das Gros der französischen HistorikerInnen ignorierte ihn eher). Eben weil er in Studien wie «Wahnsinn und Gesellschaft» und «Überwachen und Strafen» anhand der genealogischen Untersuchung konkreter institutioneller Praktiken nachweisen konnte, wie sehr Wissen und Macht miteinander verschränkt sind.

Der skeptische Denker

Und schlimmer noch: Die Idee einer alles überdauernden Wahrheit stellte er nicht nur infrage, sondern er nahm ihr, nach hilfreicher Vorarbeit Friedrich Nietzsches, auch noch das letzte bisschen Unschuld. In einem Interview sagte Foucault 1976: «Die Wahrheit ist von dieser Welt. Sie wird in ihr dank vielfältiger Zwänge hervorgebracht. Und sie hat in ihr geregelte Machtwirkungen inne. Jede Gesellschaft hat ihre Wahrheitsordnung, ihre allgemeine Politik der Wahrheit.»

Mag sein, dass «Der Philosoph als Samurai» als eine weitere von zig bereits existierenden Foucault-Einführungen kaum Neues bringt. Man weiss, zumal als fleissigeR Foucault-LeserIn, dass er kein Strukturalist, kein Hermeneutiker, kein Nihilist, kein Revolutionär oder Weltverbesserer war – eher ein durch und durch skeptischer Denker, der sich mit spontanem Engagement für die eine oder andere Sache politisch handelnd einsetzte und dessen teils in sich widersprüchliches Werk eine nicht unbeträchtliche Nähe zur verstehenden und historisch fundierten Soziologie Max Webers aufweist. Wenn sich Veyne, auch um den Preis der Wiederholung, emsig bemüht, seinen Protagonisten von falschen Etikettierungen zu befreien, kann man sicher sein, dass er nicht der Erste ist. Das ist vielleicht ein bisschen tragisch.

Dennoch ist es ein empfehlenswertes Buch. Gerade weil es mit viel Leidenschaft und persönlicher Zuneigung des Autors geschrieben wurde, ist es anders, beschreibt es möglicherweise umso prägnanter den grossen Schriftsteller und Denker, dessen widerständigen Geist wie auch das enorme Gewicht seiner philosophischen Einsichten. Foucault, der homosexuell war, starb am 25. Juni 1984 in Paris an Aids. Gern würde man die Vielzahl spannender Bücher gelesen haben, die er mit Sicherheit noch geschrieben hätte.

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