Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Ein unerhört konsequentes Leben

Christoph Hein beschreibt aus der Perspektive einer Frau einen unerbittlichen Kampf um Selbstbestimmung in der DDR.

Von Paul L. Walser

«Als ich nach acht Wochen noch keine Blutungen hatte, ging ich zum Arzt. Er machte einen Schwangerschaftstest und sagte, er sei positiv. Dann fragte er, ob ich verheiratet sei, und als ich dies bestätigte, gratulierte er mir. Ich sagte zu ihm, es sei ausgeschlossen, dass ich schwanger sei, ich hätte jeden Tag die Pille genommen. (...) Am Abend fragte ich Hans, wie er es angestellt habe.»

«Ich habe eine Packung deiner verdammten Pillen ausgetauscht», sagte er und grinste mich an, schliesslich sind wir verheiratet, und die Leute heiraten nun einmal, um Kinder in die Welt zu setzen. (...) Komm, setz dich, Liebe. Du darfst dich nicht aufregen. Du musst jetzt auf dich achten. Wir werden wunderbare Eltern, Paula.»

Hans Trousseau, ein erfolgreicher Architekt in der DDR, täuscht sich. Zwar kommt das Kind - eine Tochter - zur Welt, doch Paula setzt sich trotzdem durch: Sie beginnt ihr Kunststudium in Berlin, von dem sie Hans mit allen Mitteln abhalten will, und zieht es dann durch. Hans hat einen Verbündeten, Paulas Vater, ein autoritärer Schuldirektor, der die Familie tyrannisiert und seine zweite Tochter zu einer Krankenschwesternausbildung gezwungen hat, da Malerei in seinen Augen nicht infrage kommt. Doch Paula gibt nicht auf. Sie geht ihren eigenen Weg, folgerichtig, hartnäckig, «starrsinnig», Stück um Stück. Es ist der Weg einer hart erkämpften Selbstbestimmung in Ostdeutschland, dessen letzte Konsequenz der Freitod ist - ein Ende, das am Anfang dieses Romans mitgeteilt wird und von dem aus sich die Lebensgeschichte von der Protagonistin in einem nachgelassenen Schriftenbündel entfaltet.

Der ostdeutsche Schriftsteller und Pastorensohn Christoph Hein (Jahrgang 1944), einer der feinfühligsten DDR-Chronisten, hat in seinen Romanen schon viele eindrückliche Figuren geschaffen - Menschen, mit denen er uns die Stimmung und die Lebensverhältnisse in Ostdeutschland vor und nach dem Fall der Mauer nahegebracht hat. Bereits in seiner frühen Novelle «Drachenblut» lässt er eine weibliche Person als Icherzählerin auftreten. Mit Paula Trousseau ist ihm nun erneut eine ungeheuer eigenständige Frauengestalt gelungen - man hat das Gefühl, er sei in sie hineingeschlüpft und kenne sie ganz genau. Er widmet sein neues Werk denn auch dieser Frau, aus deren Mund er spricht. Nur Zwischenpassagen, zumeist Erinnerungen aus der Kindheit, zeigen Paula nicht aus der Ichperspektive.

Eine ganz klare, einfache, alltagsnahe, jedoch nie vulgäre Sprache, starke Dialoge, wie immer bei Hein, lebhafte, nicht gestellte Bilder, viel Sinnlichkeit und kompetente Auskunft über die Mühsal der Existenzbewältigung, über Kunst und KünstlerInnen. Die verschiedenen Personen erhalten mit wenigen Strichen ihr Profil; ab und zu verliert sich eine Figur, die Leserin braucht dann etwas Geduld, um den Faden wieder zu finden.

Lektion in Sachen DDR

Es ist ein unerhört konsequentes Leben, das wir hier - zunehmend hingerissen - begleiten. Wer dieses Buch gelesen hat, ist um eine unschulmeisterliche Lektion in Sachen DDR sowie in Sachen Frau/Mann reicher und versteht sein eigenes Geschlecht und auch das andere besser. «Mir gefallen Männer», stellt Paula fest, «ihre Rücksichtslosigkeit, ihr unverstellter Egoismus, ihr klares Verlangen. Sie sind wie ein offenes Buch, und es bringt sie zur Weissglut, dass Frauen anders sind, verlogen, wie sie meinen, oder eben zurückhaltend und barmherziger, wie man es auch nennen könnte. Barmherzigkeit ist verlogen, da haben sie recht. Und ich war gern mit Frauen zusammen, weil sie mit einem einzigen Blick begriffen, wie es um mich stand, und darauf Rücksicht nahmen.»

Aus einer anscheinend recht hoffnungslosen Ausgangslage heraus schafft es Paula tatsächlich, Malerin zu werden, nicht ohne die Hilfe eines einflussreichen Professors, zu dem sie für eine Weile zieht, der sie jedoch nicht voll unterstützt. Denn sie hat sich in den Kopf gesetzt, ein monochromes, abstraktes Werk zu malen, und das ist in der noch existierenden DDR nicht gestattet - zumindest nicht ausstellungswürdig. Auch ohne den nach oben feigen Professor kann sich Paula über Wasser halten. Halt gibt ihr Katharina, ihre beste Freundin, die in einem Berliner Kaufhaus arbeitet. Halt geben ihr auch ein paar andere Menschen, Männer und Frauen, denen sie näher kommt, sie ist vital und findet rasch Kontakt. Bisexualität ist kein Problem, wird denn auch nicht debattiert, sondern als spontane Lösung praktiziert.

Keinen Kontakt hat Paula zu ihrer Tochter Cordula, die der Vater eifersüchtig für sich gepachtet hat. Frau Trousseau - sie behält nach der Scheidung den Namen ihres Manns - bekommt später nochmals ein Kind, von einem Filmschauspieler, der mitunter auch im Westen drehen darf. Diesmal ist es ein Sohn, Michael. Als sie sich ihrer neuen Schwangerschaft sicher ist, trennt sie sich von dem Mann, der nie erfahren wird, dass er Vater geworden ist. Michael macht im «wiedervereinigten» Deutschland rasch Karriere, beruflich und privat. Paula muss feststellen, dass sie ihn nicht bei sich halten kann. Sie bleibt allein und wird immer einsamer. Schliesslich sieht sie den einzigen Ausweg im Suizid. Sie vollzieht ihn nicht in Deutschland, sondern macht dafür eine Reise nach Frankreich.

Das Ende ist, wie schon angedeutet, die letzte Konsequenz einer Haltung, die Nicht-Nachgeben heisst. Hätte Paula mal in ihrem Leben wirklich nachgegeben, hätte sie nur einmal kapituliert, wäre sie vielleicht am Leben geblieben. Aber wäre dies dann noch ihr Leben gewesen? Meisterhaft, wie es Hein gelingt, eine selbstbestimmte weibliche Existenz im Rahmen der späten DDR und hernach, in der Zeit nach dem Anschluss des Ostens an den Westen, darzustellen - da erfahren wir nicht nur sehr viel über diese Person, sondern ungeheuer viel über alles Drumherum. Deshalb ist «Frau Paula Trousseau» auch ein zeitgeschichtlich sehr wichtiges Buch. Über das Lebensgefühl in der einstigen DDR sagt es mehr aus als etwa der mit einem Oscar ausgezeichnete Film «Das Leben der Anderen».

Heins Paula Trousseau ist eine imponierende Frau, mindestens so imponierend und überzeugend wie Tolstois Anna Karenina oder Flauberts Emma Bovary. Sie lässt sich aller Hindernisse zum Trotz nicht unterkriegen und praktiziert konsequenten Widerstand. Das erheischt Respekt, zumal in einer obrigkeitshörigen Welt wie Deutschland-Ost und -West. Doch letztlich ist solcher Widerstand selbstzerstörerisch, weil er sich mit Unerbittlichkeit paaren muss. Auf diese Weise ist keine richtige Nähe mehr möglich, keine Wärme und schliesslich keine innere Freiheit. Darin liegt denn auch die Tragik so vieler moderner Menschen, die bewusst als selbstbestimmte Einzelwesen durchs Leben gehen und vor einer echten Verbindung, für die sie ihren Schutzpanzer ablegen müssten, Angst haben. Zur harten Folgerichtigkeit von Paulas Schicksal gehört auch die Tatsache, dass Sebastian Gliese, ein früherer Freund, den sie in ihrem Abschiedsbrief an den Sohn zum treuhänderischen Nachlassverwalter bestimmt hat, Nein sagt - mit der Begründung, er habe keine Verbindungen zum Kunstmarkt: «Ich wusste nicht, dass ich Ihrer Mutter so viel bedeutete. Wir waren befreundet, ich liebte Paula, aber ihr Schutzengel war ich nicht. Leider.»

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