Nr. 13/2009 vom 26.03.2009

Der weisse Tiger

Von Michael Saager

Von den frohen Botschaften über Indien, die aus den Businessblättern zu uns hinüberwehen, hält der 1974 in Madras geborene Autor Aravind Adiga nicht viel - weil es dort selten um mehr als die fetten Wachstumsraten des Subkontinents geht und natürlich um Europas Möglichkeiten, von ihnen zu profitieren. Adiga, ehemaliger «Times»- und «Financial Times»-Korrespondent, lebt - ohne Diener - in Bombay, Indien. Man kann das ruhig so sagen, denn sein Debütroman «Der weisse Tiger» erzählt die Geschichte eines Dieners.

Adiga legt in seinem Werk, das mit dem Man-Booker-Prize, der renommiertesten Auszeichnung des britischen Literaturbetriebs, ausgezeichnet wurde, eine literarische Negativfolie über den neoliberalen Boom Indiens. Dabei geht er so bösartig respektlos vor, dass einem bisweilen der Mund offen bleibt. Er folgt Balram, dem bettelarmen Sohn eines Rikschafahrers, in die Kellerlabyrinthe Indiens, dorthin, wo Kakerlaken auf apathischen Dienern krabbeln. Balram ist zwar ungebildet, doch überaus schlau. Ein Taktiker, der es vortrefflich versteht, das Vertrauen seines Herrn zu gewinnen. Am Ende ist dieser tot, und Balram gründet mit dessen Schmiergeldvorräten ein eigenes Unternehmen.

Oben oder unten, schwarz oder weiss. Vielleicht kennt der Autor tatsächlich nur den groben Strich der Vereinfachung gesellschaftlicher Verhältnisse. Zwischentöne jedenfalls sind seine Sache nicht. Doch das macht nichts, weil Indien ja auch und nicht zu knapp ein Land des Drecks, der Sklaven, Blut spuckender Mütter und elend krepierender Väter ist; ein Land, dessen privilegierte BewohnerInnen häufig nur Verachtung für die «halb Garen» am Boden übrig haben und von dem der Europäer lieber nichts wissen will.

Mit Balram, sagt Adiga, habe er eine Figur entworfen, deren Grollen und Unmut dem vieler armer indischer Männer entspreche. Weil sein Icherzähler kalt ist wie Eis und gleichzeitig glühend heiss vor Hass, gelingt ihm die Flucht aus dem «grossen Hühnerkäfig». Der indische Verlag verspricht sich viel von diesem Buch: «Der weisse Tiger» erscheint in sechzehn Ländern.

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