Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Ein höllisches Spektakel

Mit der Präsentation des britischen Künstlers Mark Wallinger setzt die neue Direktorin ein Zeichen: Das heimliche Nationalmuseum der Schweiz soll künftig internationaler werden.

Von Edith Krebs

Überraschend kann man das Ausstellungskonzept der neuen Direktorin des Aargauer Kunsthauses nicht nennen. Madeleine Schuppli will das attraktive, vom Architekturbüro Herzog und de Meuron vor fünf Jahren erweiterte Haus für internationale Positionen öffnen, gleichzeitig in der Reihe Caravan junge Kunstschaffende aus der Schweiz vorstellen und mit der Sammlung einen «dynamischen Umgang» pflegen. Im Grunde genommen ist dies genau das Programm, das Schuppli bereits als Leiterin des Kunstmuseums Thun in den letzten sieben Jahren umgesetzt hat - mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass die Sammlung des Aargauer Kunsthauses weit gewichtiger und profilierter ist.

Während 22 Jahren, von 1985 bis 2007, hat ihr Vorgänger Beat Wismer (und vor ihm bereits Heiny Widmer) den Fokus auf Schweizer Kunst gelegt und eine Sammlung zusammengetragen, die schweizweit einzigartig ist. Grosse Werkgruppen von bekannten zeitgenössischen KünstlerInnen wie Urs Lüthi, Jean-Frédéric Schnyder oder Hannah Villiger sind hier versammelt, und auch die historischen Bestände sind beachtlich. Das Aargauer Kunsthaus gilt als das bedeutendste Museum für Schweizer Kunst und wird aus diesem Grund immer wieder als heimliches Nationalmuseum bezeichnet.

Es mutet etwas unbedacht an, dieses sehr spezifische Profil erweitern zu wollen und eine Internationalisierung anzustreben - zumal die meisten vergleichbaren Museen der Schweiz, beispielsweise Biel, Luzern oder St. Gallen, diese Richtung bereits seit Jahren verfolgen. Dass die Fokussierung auf die nationale Kunstproduktion nicht ins Abseits führt, hat Beat Wismer zur Genüge bewiesen. Nicht wenige der hier konzipierten Ausstellungen fanden den Weg in europäische Kunstmuseen, teilweise sogar in die USA und nach Japan; die Berufung Wismers an die Stiftung Museum Kunst Palast in Düsseldorf beweist, dass seine Arbeit nicht nur hierzulande wahrgenommen und geschätzt wurde.

An Schärfe eingebüsst

Trotz solcher Einwände, die erste Umsetzung von Schupplis Programm ist sehenswert. Im Untergeschoss präsentiert sie unter dem Titel «Stilles Leben - Geschichten von stummen Dingen» einen eher beschaulichen als dynamischen Querschnitt durch die hauseigene Sammlung. Linda Herzog eröffnet die neue Caravan-Reihe mit Fotografien aus Istanbul. Das ganze Erdgeschoss ist indessen für den britischen Künstler Mark Wallinger reserviert.

Der 1959 geborene Wallinger gehört zu den stilleren und weniger provokativen ExponentInnen der nicht mehr ganz so jungen Young British Artists. Aufsehen erregt hat vor allem seine Grossinstallation «State Britain» in der Londoner Tate Gallery, für die er im letzten Jahr mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde. 2006 erliess die britische Labour-Regierung ein Gesetz, das Demonstrationen innerhalb einer Bannmeile um das Parlamentsgebäude verbot. Gerichtet war dieser Erlass in erster Linie gegen den Friedensaktivisten Brian Haw, der seit 2001 gegen das politische und militärische Vorgehen Grossbritanniens in Afghanistan und im Irak protestierte (siehe WOZ Nr. 22/07). Kurz vor einer Räumung fotografierte Wallinger die im Laufe der Jahre auf eine Länge von vierzig Metern angewachsenen Protesttafeln, liess sie massstabsgetreu reproduzieren und stellte sie in der Tate Gallery aus, die pikanterweise zum Teil innerhalb der Bannmeile liegt. Theoretisch hätten die Behörden hier ebenfalls eingreifen können, einen Konflikt mit der in der Verfassung garantierten Freiheit der Kunst und den zu erwartenden Protest der Öffentlichkeit wollten sie dann aber doch nicht riskieren.

Was in London zu einer heftigen politischen Diskussion führte, verliert ohne diesen räumlichen und zeitlichen Kontext im Aargauer Kunsthaus an Schärfe und Überzeugungskraft. Das scheint generell eine Besonderheit im Werk Wallingers zu sein, denn viele seiner Arbeiten leben vom englischen Bezug, der BetrachterInnen von ausserhalb verschlossen bleibt.

Das gilt teilweise auch für die eindrückliche Christusfigur «Ecce Homo», die von Juli 1999 bis Februar 2000 auf einer Säule am Trafalgar Square thronte - als Erinnerung daran, dass die Jahrtausendwende nicht ein Riesenspektakel sein sollte, sondern im Grunde für die Geburt Jesu steht. Zwar strahlt die lebensgrosse, äusserst naturalistisch gearbeitete Skulptur auch in ihrer Platzierung in der Mitte des Innenhofes des Aargauer Kunsthauses eine starke Präsenz aus, doch steht hier nicht das Millenniumsthema im Vordergrund, sondern die kleinen, aber wesentlichen Abweichungen von traditionellen Christusdarstellungen. Dass die Figur keine Dornenkrone, sondern einen Stacheldrahtkranz auf dem kahlen Haupt trägt, stellt neue und in diesem Fall brisante Bezüge zu Krieg, Gefangenschaft oder Konzentrationslager her.

Schwer lesbar

Andere Werke von Wallinger bleiben merkwürdig stumm und unzugänglich. «Time and Relative Dimensions in Space» von 2001 ist eine Nachbildung einer Polizeinotrufzelle, wie sie überall in Grossbritannien bis in die fünfziger Jahre anzutreffen waren und die durch die Science-Fiction-Fernsehserie «Doctor Who» Kultstatus erreicht haben sollen. In Aarau im Jahr 2008 sehen wir schlicht eine verspiegelte Skulptur, die kunstimmanente Bezüge zur Minimal Art oder den Spiegelinstallationen eines Dan Graham wachruft.

Nicht einfach lesbar, aber immerhin sehr charmant präsentiert sich das zweieinhalb Stunden lange Video «Sleeper» von 2004, das Wallinger in der Berliner Nationalgalerie gedreht hat. Zehn Nächte verbrachte der in ein Bärenkostüm gekleidete Künstler in den Räumen dieser 1967 von Mies van der Rohe errichteten Architekturikone der Moderne. Durch die Glaswände nimmt der Bär immer wieder Kontakt mit PassantInnen auf, legt sich zwischendurch mal hin, sitzt einsam an eine Wand gelehnt oder tappt orientierungslos durch die weiten Räume. Der Gegensatz zwischen Natur und Kultur drängt sich natürlich auf, oder auch der zwischen Kunst und Kitsch, vor allem wenn man weiss, dass Berlins Innenstadt in jenem Jahr, wie ein Jahr später in Zürich, von einem Heer von Kommerzbären heimgesucht wurde.

Wer sich Zeit nimmt und der Fantasie freien Lauf lässt oder aber eifrig das in der Ausstellung aufliegende Informationsbulletin liest, kann hier einen Künstler kennenlernen, der sich sehr ernsthaft mit gesellschaftlichen und religiösen Fragen beschäftigt. Sie oder er riskiert aber auch, vor der Fülle sich überlappender Querbezüge zu resignieren. Symptomatisch für diese Tendenz zur Überdosis ist die im Untergeschoss ausgestellte «Underworld» von 2004: Aus einer Vielzahl kreisförmig angeordneter Bildschirme ertönt eine in 21 Sequenzen zerlegte Aufführung von Giuseppe Verdis «Requiem», alle Teile werden gleichzeitig wiedergegeben. Ein visueller und vor allem akustischer Höllenspektakel, an der Grenze des Aushaltbaren. Das ist vielleicht auch ein Symbol für die mediale Überflutung, der wir tagtäglich ausgesetzt sind.

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